Editorial ZUKUNFT 01/2026 – Digitaler Kapitalismus VON ALESSANDRO BARBERI

Angesichts der globalen, kontinentalen, nationalen und lokalen Krisenanfälligkeit unserer Gesellschaften und (westlichen) Demokratien stellt sich die dringende Frage nach den Ursachen dieser gefährlichen sozioökonomischen und politischen Instabilitäten. Schleudert es uns in den sozialen und demokratischen Abgrund, wenn und weil unser Wirtschaftssystem grundlegende Ungleichgewichte produziert? Entstehen Krisen nicht regelmäßig ob der Anarchie einer ökonomischen Irrationalität? Haben wir es angesichts der gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse streng genommen noch mit „freien Märkten“ zu tun? Und welche Rolle spielen dabei Computertechnologie, Automatisierung oder Künstliche Intelligenz (KI) im Rahmen der breit wahrnehmbaren Digitalisierung unserer Gesellschaften und Lebenswelten? Fragen, die sicherlich nicht nur die Leser*innen der ZUKUNFT interessieren.

Denn eines kann als gesichert betrachtet werden: Seitdem Karl Marx im 19. Jahrhundert angesichts der Ersten Industriellen Revolution von der „kapitalistischen Produktionsweise“ sprach, haben sich zahllose Autor*innen an der (positiven wie negativen) Dynamik des „Kapitalismus“ abgearbeitet und stehen heute angesichts der Dritten Industriellen Revolution durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) erneut vor materiellen und ideellen Veränderungen, deren Mechanismen, Funktionen und Effekte im Sinne eines sozialen und demokratischen Gemeinwohlsanalysiert werden müssen. Denn gerade das Zeitalter des Digitalen ist mit einem grundlegenden Wandel der Produktionsbedingungen verbunden, weshalb die Ursachen und Wirkungen digitaler Veränderungen klar und deutlich begriffen werden müssen. Digitalisierung und Wirtschaft überlappen sich mithin im Bereich der „digitalen Ökonomie“, weshalb die Redaktion der ZUKUNFT sich entschlossen hat, den derzeit viel diskutierten „Digitalen Kapitalismus“ zum Gegenstand einer ganzen Ausgabe zu machen.

Dies beginnt mit dem erhellenden Beitrag von Pia-Zoe Hahne, die betont, dass die derzeitige Debatte zur digitalen Ökonomie in die falsche Richtung geht, weil die Perspektive der Arbeitnehmer*innen unterbelichtet bleibt. Denn die Technologiebranche hat nicht nur klassisch-kapitalistische Strukturen übernommen, sondern die Ausbeutung von Arbeiter*innen weiter verschärft. In diesem Kontext betont Hahne, dass der Mensch – und eben nicht die Technik – nach wie vor – (nicht nur) in Technologiedebatten – als Zentrum gesehen werden muss. So demonstriert der Vorschlag, einer Künstlichen Intelligenz Rechte zuzusprechen, die vielen Arbeitnehmer*innen noch immer verwehrt werden, eine generell fehlgeleitete Diskussion. Dass KI also Rechte haben soll, stellt vor allem ein normatives Problem dar, da es hier zu fragwürdigen metaphorischen Übertragungen von menschlichen Eigenschaften auf Maschinen – und umgekehrt – kommt. Anstatt die Diskussion zukunftsgerichtet zu führen, sollten Debatten zu KI und Arbeiter*innen, so Hahne, die jetzigen Probleme der Arbeiterklasse aufgreifen und sich so im Sinne eines Digitalen Humanismus orientieren.

Seit der Publikation von Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit (2019) von Philipp Staab ergab sich eine breit aufgestellte Diskussion zur ökonomischen und ideologischen Kollision von Liberalismus und Neofeudalismus. Deshalb freut es die Redaktion der ZUKUNFT in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine dichte Rezension dieses Buches präsentieren zu können, die Carsten Schwäbe dankenswerterweise verfasst hat, um den Band aus Sicht der Sozialen Demokratie zu beleuchten. Dabei geht es u. a. um Digitale Plattformen als privatisierte proprietäre Märkte, um Finanzmärkte als Treiber und Profiteure der Digitalwirtschaft und um Kontrollmechanismen der digitalen Ökonomie. So hält Schwäbe mit Philipp Staab fest, dass es im Digitalen Kapitalismus keine freien, neutralen Märkte mehr gibt. Vielmehr gehören die Märkte selbst den privaten digitalen Plattformen und weil sie Monopole halten, können sie den Zugang zu den Märkten auch kontrollieren. Denn digitale Güter, die eigentlich nicht knapp sind, werden verknappt, wodurch exorbitant hohe Gewinne erzielt werden können.

Dies wirft die klassische „linke Frage“ nach ökonomischen Alternativen auf, die angesichts des Digitalen Informations- und Überwachungskapitalismus dringender erscheinen als je zuvor. Deshalb widmet sich Chefredakteur Alessandro Barberi im Rahmen einer Sammelrezension der neomarxistischen Medien- und Gesellschaftstheorie von Christian Fuchs, der im Aktualisieren Marxscher Grundbegriffe die Mechanismen des digitalen Zeitalters auf einen „Informations-Sozialismus“ bezieht. Damit liegt eine bemerkenswerte Möglichkeit vor, marxistische Grundbegriffe(u. a. „Dialektik“, „Arbeit“, „Mehrwert“, „Entfremdung“, „Ideologie“ oder „Klassenkampf“) in aktuelle Diskussionen einzuspielen, um so eine Kritische Theorie 2.0 des Digitalen Kapitalismus ins Feld zu setzen. Damit könnte auch eine materielle und ideelle Veränderung des aktuellen Wirtschaftssystems ins Auge gefasst werden, die von einer progressiven sozialdemokratischen bzw. vielmehr sozialistischenCommunity getragen werden könnte und müsste. Denn es ist bemerkenswert, dass nach Jahrzehnten diskursstrategischer Erledigung und Negation des (Austro-)Marxismus die Klassiker angesichts des Digitalen Kapitalismus tagtäglich und auf allen Ebenen wieder lesbar werden. Es geht also nach wie vor um eine Kritik der politischen Ökonomie.

Schon der Nationalsozialismus hatte ein ausgeprägtes totalitäres und diktatorisches Interesse an Technik, von der Atomspaltung über den Radar bis hin zu den „Vergeltungswaffen“. Deshalb ist es gerade angesichts der digitalen Veränderungen von sozialdemokratischem Interesse, sich die breit geführten Diskussionen zum Begriff „Technofaschismus“ näher anzusehen. Dies bewerkstelligt Markus Deimann, der damit die autoritäre Dynamik meint, in der digitale Infrastrukturen an die Stelle demokratischer Prozesse treten und diese durch Effizienz, Automatisierung und affektive Mobilisierung ersetzt und ausgehöhlt werden. Das Silicon Valley und die Californian Ideology liefern dafür die materielle („Technik“) und ideelle („Ideologie“) Voraussetzung, wodurch die Technikaffinität der Alten wie der Neuen Rechten erklärbar wird. Auch Elon Musks medial äußerst wirksam verbreiteten digitalen Hitler-Grüße sowie seine Unterstützung der AfD lassen sich so analytisch „verstehen“. Am Beispiel der Hochschulen zeigt Deimann des Weiteren, wie sich gefährliche Ideologien – in Kooperation mit Technokratien – im Gewand digitaler Transformation einschleichen und mithin als Technofaschismusgelten können.

In William Gibsons Roman Neuromancer (1984) ist es kein Virus, sondern ein Mykotoxin, das dem Protagonisten Case von einem verärgerten Auftraggeber in das Nervensystem gespeist wird. Ihm wird so die Fähigkeit genommen, Zugriff auf den ‚Cyberspace‘ zu haben, was ihm seinen ‚Arbeitsplatz‘ als Hacker kostet. In ihrem Beitrag Corona und der Raum des Internets fragen auch Philipp Ferstl und Simon Maier im Rekurs auf Gibson nach der Rolle der Digitalisierung von Arbeitswelten in Zeiten der Corona-Pandemie und skizzieren im Sinne des literarischen Cyberpunks eine Alternative, eine Dystopie, die die Rolle des Internets in Krisen mit den Diskursen über human enhancement verknüpft. Damit liefern auch sie einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um den Digitalen Kapitalismus, indem sie dieKapitalisierung und Optimierung des menschlichen Körpers herausarbeiten und betonen, dass Staaten eine Art der biopolitischen Governance mit Fragen der kommenden Technologien verknüpfen sollten. Und dies am besten schon heute, denn wenn die Geschichte etwas gezeigt hat, dann wohl den Umstand, dass Unternehmen und entwickelte Technologien deutlich schneller fortschreiten, als es den Staaten möglich ist, politisch darauf zu reagieren.

So schließt sich auch der Reigen. Denn welche medienwissenschaftlichen (bzw. medienpädagogischen) Implikationen die weiter oben diskutierten rechtspopulistischen Erosionsstrategien im Digitalen Kapitalismus haben, behandelt am Ende unserer Ausgabe Christian Filk. Er analysiert und bespricht Peter R. Neumanns und Richard C. Schneiders Das Sterben der Demokratie (2025) mit Fokus auf medientheoretische und politische Implikationen. Dabei geht es vor allem um die schleichende Destruktion liberaler Demokratien durch den Rechtspopulismus, die „von innen heraus“ geschieht. In diesem Zusammenhang gilt (keineswegs nur) für die Sozialdemokratie: Es bedarf systematischer, evidenzbasierter und demokratietheoretisch fundierter Konzepte, die der Komplexität rechtspopulistischer Herausforderungen gerecht werden. Die Entwicklung solcher Konzepte erfordert interdisziplinäre Kooperationen zwischen Medienbildung, politischer Bildung und Demokratieforschung. Denn die Qualität zukünftiger medienpädagogischer Arbeit undsozialdemokratischer Politik wird maßgeblich darüber entscheiden, ob liberale und soziale Demokratien ihre Resilienz gegenüber systematischen Angriffen rechtspopulistischer Bewegungen bewahren können.

Insofern bleibt am Ende nur der nachdrückliche Hinweis darauf, dass die Sozialdemokratie es sich – in allen ökonomischen Wortbedeutungen – nicht mehr leisten kann, im Bereich der Digitalisierung durch mangelnde Medien- und d. h. Excel-Kompetenz aufzufallen. Im Gegenteil: eine intensive Auseinandersetzung mit den Logiken des Informationskapitalismus und seiner (positiven wie negativen) Effekte ist eine unabdingbare Voraussetzung zur Kritik und Überwindung einer fehlgeleiteten digitalen Ökonomie als politische Ökonomie …Wie funktioniert der Digitale Kapitalismus also genau? Und wie lassen sich aus ihm heraus in kritischer Absicht soziale und demokratische Alternativen entwickeln?

Es sendet herzliche und freundschaftliche Grüße

Alessandro Barberi

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at), des Fachjournals MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at) und der Diskussionszeitschrift ZUKUNFT (www.diezukunft.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion 32 (Wildganshof/Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.