ALESSANDRO BARBERI stellt die neomarxistische Medien- und Gesellschaftstheorie von Christian Fuchs vor und präsentiert so den Leser*innen der ZUKUNFT eine Möglichkeit, ökonomische Grundbegriffe angesichts des Digitalen Kapitalismus neu zu definieren.
Alessandro Barberi[1]
„Die Philosophen haben d. Welt nur /verschieden interpretiert, es kōmmt / drauf an sie zu verändern.“
Karl Marx, Elfte These ad Feuerbach (1845)
„Das will sagen: erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird zu einer citation à l’ordre du jour – welcher Tag eben der jüngste ist.“
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (1940)
„Da wir heute in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, in der Kommunikationstechnologien wichtig sind, erlaubt uns die Auseinandersetzung mit Marx’ Ideen ein kritisches Verständnis des digitalen und kommunikativen Kapitalismus, der das Leben der Menschen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts prägt.“
Christian Fuchs, Marx heute (2020)
I. Einleitung
Seit dem Fall der Mauer standen Marx und der Marxismus u. a. im akademischen Feld des deutschsprachigen Raums buchstäblich nicht hoch im Kurs. Von der Postmoderne über den Poststrukturalismus bis hin zum Postkolonialismus schienen die Grundkonzepte und die „Flaschenpost“ des Historischen Materialismus und der Ideologiekritik ausgedient zu haben und nicht mehr anzukommen. Bemerkenswert ist nur, dass angesichts der mehr als deutlichen und konjunkturell regelmäßigen Krisenanfälligkeit der „kapitalistischen Produktionsweise“ – von der Dotcom-Blase 2000 über die Weltfinanzkrise 2007–2008 bis hin zur Corona-Krise 2020 – Marx immer dann zu gespenstern begann (vgl. Derrida 1995; 2003), wenn die harte Krisenanfälligkeit des Systems nicht nur sichtbar, sondern in den Lebenswelten der Menschen auf dem gesamten Globus materiell fühlbar wurde. Der Karl Dietz Verlag berichtet, dass der Verkauf der Werke von Marx und Engels immer dann steigt, wenn der Kapitalismus in die Krise stürzt und Konkurs anmeldet.
In diesem Zusammenhang bleibt hervorzuheben, dass in den letzten Jahren auch eine jüngere Generation von (u. a. deutschsprachigen) Wissenschaftler*innen sich der Analyse von systemischen Aspekten des Verhältnisses von Wirtschaft, Gesellschaft und Digitalisierung gewidmet hat, ohne indes die historisch nachweisbaren Leistungen der gesamten Arbeiter*innenbewegung seit der Französischen Revolution und dem 19. Jahrhundert durchgängig zu berücksichtigen. Entscheidend ist aber, dass nunmehr Kernbegriffe der marxistischen Tradition wieder an (medienkritischem) Wert gewinnen und in die epistemische Zirkulation eintreten.
So analysierte in den letzten Jahren u. v. a. Shoshana Zuboff die Steuerungsmechanismen des „Überwachungskapitalismus“ (Zuboff 2018) und Astrid Mager beschrieb die Funktionsweise des „Informationskapitalismus“ aus ideologiekritischer Perspektive (Mager 2018). Sachlich ganz auf dieser Linie nahmen auch Philipp Staab (2019) und Christian Fuchs (2023) die gravierenden ökonomischen Auswirkungen der Digitalisierung unter die Lupe und bündelten ihre Forschungen im bereits davor geprägten Begriff des „Digitalen Kapitalismus“ (vgl. u. v. a Schiller 1999). Es handelt sich dabei um ein System, dessen ökonomische, soziale und ökologische Zerstörungen und Verwüstungen gerade angesichts der heutigen gesellschaftlichen Polarisierungen und politischen Gefahren, die auch mit der Neuen Rechten einen Zusammenhang bilden (vgl. Vukadinović 2022), im Weltmaßstab vor Augen stehen.
II. Marx heute
Christian Fuchs ist es mit zahlreichen Publikationen ein Anliegen, die Terminologie des Marxismus erneut ins Spiel zu bringen, um den Nachweis zu führen, dass u. v. a. Begriffe wie Dialektik, Arbeit, Mehrwert, Entfremdung, Ideologie, Klassenkampf oder Sozialismus vollkommen zu Unrecht am „Ende der Geschichte“ (Fukuyama 1992) auf den diesbezüglichen Müllhaufen geworfen wurden. Gerade ob dieser theoretischen Zerstörungsstrategie, die alle klassischen Bestände und Archive der Linken und Progressiven entwerten soll (vgl. dementgegen Meisner 2023), ist der Marxsche Fokus auf Fragen der materiellen Produktion (Produktionsbedingungen, Produktionsverhältnisse, Produktionsmittel, Produktivkräfte etc.) angesichts der digitalen Globalisierung so aktuell wie kaum zuvor.
Denn bei aller begriffs- und ideengeschichtlichen Sensibilisierung für die Bereiche der Diskursautonomie, der Zeichenpraktiken und des Symbolischen gilt wohl nach wie vor, dass Menschen sich – und das kann auch anthropologisch abgestützt werden – vor allem praktisch und sehr materiell „reproduzieren“ müssen, um soziologisch und biologisch ganz einfach zu überleben. Sprich, sie müssen sich in ihrer großen Masse entfremden, ausbeuten lassen und unter Zwang arbeiten, solange sie nicht aufrecht gehen können, weil sie vom Joch des Kapitalismus unterdrückt werden. So der auch als Einführung für den Unterricht sehr nützliche und vom Titel weg paradigmatische Band Marx heute. Eine Einführung in die kritische Theorie der Kommunikation, der Kultur, der digitalen Medien und des Internets, den Fuchs 2020 vorgelegt hat und der durchgängig einer notwendigen Renaissance von Marx und dem Marxismus das Wort redet. So steht eine einfache und an der Rhetorik der Klassiker Marx und Engels orientierte kluge Beschreibung des „Elends der Welt“ (Bourdieu 1997) nun wieder deutlich im Raum:
„Der Kapitalismus basiert auf dem Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Das Kapital beutet die Arbeiterklasse aus, um Profite zu erzielen und Kapital zu akkumulieren. Die Arbeiterklasse besitzt keine Produktionsmittel und kein Kapital und wird daher strukturell in Klassenbeziehungen hineingezwungen. Die Existenz der Arbeiterklasse stellt eine kapitalistische Dialektik von Armut und Reichtum dar. Die Arbeiterklasse ist arm, weil sie Reichtum produziert, den die kapitalistische Klasse besitzt und ohne den die kapitalistische Klasse nicht existieren kann, was auch die Macht der Arbeiterklasse ausmacht“ (Fuchs 2020: 272–273).
An dieser fundamentalen Dialektik von Armut und Reichtum hat sich seit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals am Beginn der Neuzeit und mithin seit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise nichts geändert. Und genau deshalb lassen sich de facto und de jure u. a. die Diskussionen der New Left in England, der Annales-Schule in Frankreich oder der Kritischen Theorie in Deutschland im Rahmen des 20. Jahrhunderts schlicht nicht begreifen, wenn den Klassikern keinerlei Respekt gezollt wird. Im Gegenteil, sie sollten – nach einem testamentarischen Wort von Walter Benjamin – zuallererst wieder „zitierbar“ werden, um z. B. ihre Leistungen im Bereich der Erkenntnissoziologie, der ökonomischen Modellbildung, der Ideologiekritik oder der Sozialgeschichte anzuerkennen. Aus wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive kann – for good or for bad – keine ernstzunehmende Diskussion über die Geschichte der realsozialistischen Staaten oder der sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien im Weltmaßstab an einem eingehenden und á la lettre historisch-kritischen Studium der diesbezüglichen Quellenbestände vorbeigehen. Dies gilt übrigens – ganz im Sinne wissenschaftlicher Redlichkeit und Objektivität – unabhängig von der eingenommenen politischen Haltung der Disputant*innen.
III. Soziale Medien und Kritische Theorie
Die genannten systematischen Angriffe auf die Leistungen von Marx und Engels sind ihrerseits nichts anderes als pure (neoliberale bzw. marktradikale) „Ideologie“ in Wolkenkuckucksheim, die etwa seit dem Fall der Mauer und schon davor mit dem Reaganismus und/als Thatcherismus beinhart machtpolitisch durchgesetzt wurde. Ein Umstand, den Terry Eagleton bereits direkt nach 1989 mit Ideologie. Eine Einführung (1991, deutsch 1993) festhalten konnte. Dabei kann mit allem Nachdruck betont werden, dass die gegenwärtige Aktualisierung von Marx und dem Marxismus durch zahlreiche theoretische Diskussionen hindurchgegangen ist, die diesen „Neomarxismus“ alles andere als orthodox erscheinen lassen. Denn auch Christian Fuchs weiß mit seinem Band Soziale Medien und Kritische Theorie. Eine Einführung (Fuchs 2021) um die klassischen Bestände der Sozialwissenschaft, wenn er u. v. a. Émile Durkheim, Ferdinand Tönnies und Max Weber die Reverenz erweist. Diese wichtigen Vorläufer der Kritischen Theorie können so für die unterschiedlichen Auffassungen von Sozialität im World Wide Web und angesichts der Sozialen Medien in Anschlag gebracht werden:
„Wenn das Web (WWW) als ein techno-soziales System definiert wird, das die sozialen Prozesse der Kognition, Kommunikation und Kooperation umfasst, dann ist das gesamte Web im Durkheimschen Sinne sozial, weil es ein sozialer Tatbestand ist. Teile davon sind im Weberschen Sinne kommunikativ, während der gemeinschaftsbildende und kooperative Teil des Netzes nur im konkretesten Sinne von Tönnies und Marx sozial ist.“ (Fuchs 2021: 70)
Auch andere Klassiker der Sozialwissenschaft – denken wir etwa an Norbert Elias, Pierre Bourdieu oder Jürgen Habermas – sind weit davon entfernt, kapitalismuskritische und auf Marx verweisende Grundkonzepte zurückzuweisen. Sei dies im Blick auf den sozial- und kulturgeschichtlichen Zivilisationsprozess der Menschheit (Elias 1976), angesichts der Theorie des symbolischen Kapitals (Bourdieu 1983) oder im Blick auf die Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas 1995). Vielmehr finden wir in den Theoriedebatten des 20. Jahrhunderts gerade deshalb medientheoretisch und für unsere Gegenwart Entscheidendes, weil bereits Marx und Engels den intellektuellen Blick auf die ihnen zeitgenössischen materiellen Technologien und Kommunikationsformen gerichtet haben: so analysierten und diskutierten sie etwa die maschinelle Serienproduktion in der Fabrik, die Transportsysteme der Eisenbahn, die Vermittlungsstrukturen der Telegrafie oder die Rolle und Funktion verschiedener Kriegstechnologien. Im Rahmen der Arbeiter*innenbewegung wurden diese medialen Infrastrukturen dann sukzessive durch mehrere theoretische Updates – etwa durch Bertolt Brechts Radiotheorie (1967), Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz (1991) oder Hans Magnus Enzensbergers Begriff der „Bewußtseins-Industrie“ (1964) – in ihrer weiteren Entwicklung beschrieben (vgl. dazu auch Schröter et al. 2006).
Aus dieser Perspektive ist es geboten, demokratiepolitisch wichtige Phänomenbereiche wie die Sozialen Medien mit dem marxistischen und ideologiekritischen Instrumentarium der Frankfurter Schule bzw. der Kritischen Theorie in den Blick zu nehmen. Es geht mithin um eine Schule, die sich vor allem in den Jahren der Weimarer Republik – nicht zuletzt durch persönliche Kontakte mit dem Roten Wien und dem Roten Moskau – eindeutig dem Marxismus zurechnete. Auf der Flucht des Instituts für Sozialforschungvor dem Nationalsozialismus in die USA unterlag der Rekurs auf Marx indes einer sukzessiven Selbstzensur (vgl. dazu die nach wie vor brillante Geschichte der Frankfurter Schule: Wiggershaus 1988): eine – nach Roosevelts Red Decade der 1940er-Jahre mit Joseph McCarthy und der Red Scare verbundene – Zensur des M-Worts, die nach wie vor durchbrochen werden muss, wie es angesichts des Big-Data-Kapitalismus durchaus möglich und mehr als notwendig ist. Denn u. a. hinsichtlich der Monopolisierungstendenzen der GAFAM-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft; vgl. Staab 2019: passim) lassen sich z. B. WhatsApp oder Instagram als neuartige technologiebasierte Kommunikationsformen begreifen, die einer politischen Ökonomie des Influencer-Kapitalismus (vgl. dazu auch Nymoen/Schmitt 2021) entsprechen, der auch im Sinne von Georg Lukács zu einem „verdinglichten Bewusstsein“ im Rahmen der Praktiken der digitalen Kulturindustrie 2.0 führt und sich insgesamt als „Plattform-Kapitalismus“ bezeichnen lässt (vgl. Fuchs 2021: 459-482).
Angesichts der Produktionsform von Wikipedia sieht Christian Fuchs in diesem Kontext zu Recht einen kommunitären Informations-Sozialismus am Werk, der im Blick auf Open Source, Gemeinwohl und Creative Commons auch einem kooperativen Kreativitäts-Kommunismus entspricht und über das positiv(istisch) Gegebene des Kapitalismus kritisch hinausgeht. So formuliert Fuchs im Blick auf Karl Marx, Friedrich Engels und vor allem David Harvey (2014):
„Es gibt sozialistische Elemente in der heutigen Gesellschaft, von denen Wikipedia eine solche Form ist. Solche sozialistischen Keimformen müssen entwickelt, erweitert und intensiviert werden, um ein Commons-Projekt Internet und eine Commons-basierte Gesellschaft zu schaffen. […] Die Produktionsweise, die bei Wikipedia am Werk ist, geht über die Produktion der kollaborativen Enzyklopädie hinaus und ist beispielsweise auch bei der Produktion von freier Software präsent. Diese Produktionsweise, die so viele Ähnlichkeiten mit dem Modell des Sozialismus aufweist, arbeitet auf der Grundlage der Produktion von Information. Aus diesem Grund kann sie als Informations-Sozialismusbezeichnet werden.“ (Fuchs 2021: 497)
Eine wirklich sozial orientierte Gesellschaft muss mithin nach gemeinsamen Lebens- und Produktionsformen Ausschau halten, weil nur „das Kommune“ (Hardt/Negri 2018: u. a. 121–146) sich für eine neue demokratische und d.i. „kommunitäre“ sowie kooperative Ordnung der Community – ganz im Sinne von Open Source – öffnen kann. Genau dieses Vorhaben ist darauf angewiesen, die inneren Mechanismen des Digitalen Kapitalismus so präzise wie möglich zu beschreiben und zu reflektieren. Christian Fuchs schlägt vor, sie im Rahmen eines analytischen Dreiecks von „Arbeit“, „Entfremdung“ und „Ideologie“ auf das „Informationszeitalter“ zu beziehen und sie so analytisch anzuordnen und zu verstehen (Fuchs 2023).
IV. Der Digitale Kapitalismus
Gerade angesichts der manifesten Verschränkung von Digitalisierung und Wirtschaft aktualisiert Christian Fuchs (vgl. auch Fuchs 2014) – im Rekurs auf Werner Sombart, Joseph Schumpeter und erneut Max Weber – das Verhältnis von Ideologie und verdinglichtem Bewusstsein im Blick auf Georg Lukács, der bereits in den 1920er-Jahren eine luzide Medienanalyse der Eigendynamik des journalistischen Feldes erstellt hat. Dies bietet nach wie vor die Möglichkeit, Lukács’ (1970) als marxistisch inspirierten Medien- und Kulturwissenschaftler zu begreifen und ihn – gemeinsam mit den Klassikern des Historischen und Dialektischen Materialismus – auf die Funktionsweise von gegenwärtigen Kommunikationstechnologien im Sinne der Materialität der Kommunikation (Gumbrecht/Pfeiffer 1995) anzuwenden. Dies immer unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die profitmaximierende und kapitalakkumulierende Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise den allgemeinen Rahmen bildet, in dem mit und durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) Waren – also durch Arbeit hergestellte und geformte (digitale) Gebrauchs- und Tauschwerte – als Gegenstände ganz im Sinne des Marxschen Dreischritts produziert, distribuiert und konsumiert werden.
In diesem Kontext erhalten denn auch die Aktualisierung und Verteidigung des klassischen Ideologiebegriffs eine mehrfache Abstützung und dienen angesichts des „autoritären Charakters“ (Adorno 1973) der digitalen Kulturindustrie zur theoretischen Fundierung der Kritischen Theorie im Sinne einer kapitalismuskritischen Epistemologie und daher auch als grundlegende Kritik an den soziotechnologischen Funktionsweisen des Digitalen Kapitalismus. Es geht mithin um eine Kritik der politischen Ökonomie. Die marxistische Pointe der Gesellschafts- und Medientheorie von Christian Fuchs liegt darin, den gesellschaftstheoretischen Hauptakzent gerade nicht auf die Technologien des Digitalen, sondern vielmehr auf die konkreten Produktionsbedingungen und -verhältnisse des Kapitalismus zu legen und damit den verschiedenen Strömungen des Marxismus (vgl. dazu auch Kołakowski 1988) durchaus kritischen Tribut zu zollen:
„Die Rede vom digitalen Kapitalismus ist keine marxistische Theorie, die den Analysen der postindustriellen Gesellschaft (Daniel Bell) oder der Netzwerkgesellschaft (Manuel Castells) entspricht. Die Art und Weise, wie ich den digitalen Kapitalismus konzeptualisiere, impliziert nicht, dass die Digitalisierung das Hauptmerkmal der heutigen Gesellschaften ist. Das Hauptmerkmal der heutigen Gesellschaften ist, dass sie kapitalistische Gesellschaften sind.“ (Fuchs 2023: 34)
Es muss festgehalten werden, dass diese kapitalistischen Gesellschaften angesichts von Digitalisierungs- als Arbeitsprozessen ökonomische, politische und ideologische Aspekte im Überbau binden (vgl. Fuchs 2023: 293–300), die in einem dialektischen (Wechsel-)Wirkungsverhältnis aufeinander verwiesen sind. Durch die Aktivität der Menschen über die Generationen hinweg wirken sie auch auf die Produktionsbedingungen ein. Das sind Bedingungen, die in der Folge wieder epistem(olog)isch reflektiert werden, wodurch neues Wissen geschaffen und – ausgehend von den ideellen Möglichkeitsbedingungen – Materie geformt wird. Dadurch verschieben sich auch Handlungen, die erneut von den veränderten materiellen Bedingungen mitbestimmt werden. Angesichts der Primordialität materieller Produktivkräfte lässt sich aus dieser Perspektive also selbst das klassische marxistische Modell von Basis und Überbau theoretisch und praktisch im Rahmen der Technologieforschung aufrechterhalten. Dies gerade dann, wenn der Nachweis gelingt, dass es bei aller „funktionalen Differenzierung“ (Luhmann 1986) von Wirtschaft und Gesellschaft der Tendenz nach und „in letzter Instanz“ (vgl. u. a. Engels 1967: 463), also meistens und summa summarum, um wirtschaftliche Fragen wie die gravierend ungleiche Ressourcenverteilung in den – ihrerseits dialektischsehr komplexen – Klassenkämpfen geht.
Sicher, hinsichtlich der (Produktions-)Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise spielen auch epistemologische, soziale und kulturelle Phänomene und Formen eine eminente Rolle. Unter diesen Bedingungen werden sie jedoch – nicht zuletzt durch die Brutalität und Rücksichtslosigkeit der allgemeinen Ökonomisierung und Kolonisierung aller Lebenswelten – durchgängig von der materiellen Wucht der Produktion (mit-)bestimmt. Das (ideelle) Bewusstsein der Menschen wird mithin erst vom (materiellen) Sein befreit und glücklich sein, wenn der Kapitalismus durch den „Informations-Sozialismus“ und eine Community ohne Entfremdungszustände vollständig ersetzt ist. Dafür ist es notwendig, sich gegen Margaret Thatchers TINA-Prinzip (There is No Alternative … and No Such Thing as Society) deutlich auf gesellschaftliche Alternativen zu beziehen, wie auch Fuchs betont:
„Es gibt zwei große Alternativen zum digitalen Kapital: zum einen die Erneuerung der Bewegung der Genossenschaften und selbstverwalteten Unternehmen in Form von Plattformgenossenschaften, d. h. Internetplattformen, die von Nutzer:innen und digitalen Arbeiter:innen selbst verwaltet werden, und zum anderen die Schaffung öffentlich-rechtlicher Internetplattformen durch ein Netz öffentlich-rechtlicher Medien“ (Fuchs 2023: 300).
Mit solchen Alternativen wird auch Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas 2022) möglich, in dem Kooperation, Zusammenarbeit (Sennett 2012) und gemeinsamer Reichtum im Sinne des Common Wealth (Hardt/Negri 2010) wichtiger sind als die auch habituell spürbare Orientierung an einer finanzmarktgetriebenen Konkurrenznervosität. Denn diese entspricht punktgenau einer individualisierenden, partikularisierenden und polarisierenden Gesellschaft der Singularitäten (Reckwitz 2017), die nach dem sog. Neoliberalismus aktuell und systematisch in einen Neofeudalismus transformiert wurde. Im Rahmen der Marxschen Theoriebildung bedeutet dies einen gravierenden welthistorischen und demokratiepolitischen Rückschritt. Insofern kann auch nur ein stabiler (liberaler) Rechts- und (sozialer) Wohlfahrtsstaat über die in allen Wortbedeutungen begriffene Öffentlichkeit einen Informations-Sozialismus ermöglichen, wie auch die jüngeren Publikationen von Axel Honneth nahelegen: Es wäre also an der Zeit Die Idee des Sozialismus (Honneth 2015) durch ihre Aktualisierung in der Realität zu verankern und sie im politischen wie ökonomischen Sinne ganz materiell wirklich werden zu lassen.
V. Conclusio
Insgesamt hat Christian Fuchs mit den hier besprochenen Bänden eine bemerkenswerte (medien-)pädagogische Basis dafür geschaffen, marxistische Grundbegriffe in aktuelle Diskussionen einzuspielen, um so eine transzendierende Kritische Theorie 2.0 des Digitalen Kapitalismus ins Feld zu setzen, die über immanente Systemzwänge der kapitalistischen Produktionsweise hinausverweist. Damit sind topologisch auch Ansatzpunkte im (sozialen, ökonomischen und politischen) Raum gegeben und verortet, die es möglich werden lassen, über die konkrete Formulierung von Alternativen – vielleicht auch im Geist der Utopie (Bloch 1980) – eine revolutionäre materielle Veränderung der kapitalistischen Welt ins Auge zu fassen, die von einer progressiven Community getragen werden sollte. Es ist bemerkenswert, dass nach Jahrzehnten (diskurs-)strategischer Erledigung und Negation marxistischer Theorie nunmehr auch die Klassiker wieder lesbar werden. Auf die Neue Internationale 2.0 mit allen Updates und im Rahmen des Informations-Sozialismus! Digitalisierte Proletarier*innen und/als Prekarier*innen aller Länder vereinigt Euch!
ALESSANDRO BARBERI
ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at), des Fachjournals MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). sowie der Diskussionszeitschrift ZUKUNFT (www.diezukunft.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion 32 (Wildganshof/Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.
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Dieser Beitrag wurde ursprünglich publiziert in: Kieler sozialwissenschaftliche Revue, 1/2024, 104–112, online unter:
https://doi.org/10.3224/ksr.v2i1.13.
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