ZUKUNFT 01/2026: Spionage Editorial VON CHRISTIAN ZOLLES, ALESSANDRO BARBERI UND HEMMA M. PRAINSACK

Es ist wieder an der Zeit, auf die Rolle Österreichs als Wildwest- und Wildost-Land der internationalen Geheim- und Nachrichtendiensttätigkeiten zurückzukommen. Wie der finnische Experte für Desinformationskampagnen Pekka Kallionemi jüngst im Interview mit dem Standard bestätigte, kann es nach wie vor als „Brutstätte der Spionage“ betrachtet werden.

Dabei sind es in erster Linie ausländische Agent:innen, die aufgrund einer äußerst kulanten Rechtslage unterhalb einer gesamtösterreichischen Tendenz zu politischer Teilnahmslosigkeit, die sich als Neutralität gibt, weitgehend unbehelligt handeln können: Solange sich die Spionage nicht gegen die Republik selbst richtet, drohen kaum Sanktionen, kommt es zu ‚Havanna‘-Syndromen unter US-Botschafter:innen, wächst die russische ‚Diplomatensiedlung‘ in Stadlau usf. Die Naivität dieses Ansatzes zeigt sich nicht zuletzt in den jüngst publik gewordenen Beschattungen österreichischer Medienschaffender. „Es gab Verleumdungskampagnen. Einbrüche in Wohnungen. Observationen. Mordpläne“, fasste die betroffene Chefredakteurin Anna Thalhammer jüngst im Profil-Jahresrückblick zusammen.[2]

Während die ausländischen Dienste also intensiv in Österreich agieren, hat sich die Handlungsfähigkeit des heimischen Nachrichtenwesens seit der 2018 vom Innenministerium unter Minister Herbert Kickl veranlassten Hausdurchsuchung im ehemaligen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT, heute Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst) bekanntlich erheblich eingeschränkt. „[Ich] bin zu der Überzeugung gelangt: Die Operation im Herzen des österreichischen Sicherheitsapparates wird von einer fremden Macht gesteuert“, so Thalhammer. Der Ruf bei Partnern ist jedenfalls nachhaltig ruiniert. Beim Einsatz gegen die rechtsextremen ‚Sächsischen Seperatisten‘ (SS!) im November 2024, der Hausdurchsuchungen auch in Österreich zur Folge hatte und Kontakte in die Innenpolitik offenlegte, weihten deutsche Behörden Österreich „so lange wie möglich“ nicht ein.[3] Gegenwärtig sind es vor allem die Netzwerke um Jan Marsalek, die die Gerichte schwer beschäftigen.

Insofern ist es auch der Redaktion der ZUKUNFT ein selbstverständliches Anliegen, die gemeinsamen Bemühungen um Aufklärung und Transparenz hinsichtlich geheim- und nachrichtendienstlicher Tätigkeiten zu fördern.

Besonders freut es uns, mit Thomas Riegler einen ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet als Beiträger gewonnen zu haben. Demnächst erscheint ein von ihm verfasster historischer ‚Reiseführer‘ durch die Spionagestadt Wien, den er vorstellt. Mehr als 100 Wiener Adressen mit Spionagebezug finden sich darin erstmals aufbereitet. Diese Erkundungsreise führt unter anderem in Wiener Hotels und Caféhäuser, wo Spionagegeschichte geschrieben wurde, an mondäne Innenstadtlagen und an die Peripherie. Es zeigt sich das besondere Geheimdienst-Milieu der Stadt, die den häufig mit Diplomatenpass versehene Agent:innen günstige politische Rahmenbedingungen, zahlreiche internationale Spionageziele und nicht zuletzt eine sehr hohe Lebensqualität bietet.

Im Gespräch mit Stefan Sonntagbauer geht Sylvia Sasse auf die retroaktive Politik der Geheimdienste ein. Dabei werden politische Handlungen durch eine Umkehrung von Ursache und Wirkung legitimiert. Spionagetätigkeiten werden zur Desinformation und der gezielten Zersetzung von einzelnen Oppositionsgruppen aufgewendet und Gründe für ein staatliches autoritäres Eingreifen so kaschiert, dass es nachträglich als gerechtfertigt und notwendig erscheint. Diese Aktionen weisen eine eigene Theatralik unterhalb der offiziellen politischen Inszenierungen auf. Die Archive der DDR-Stasi bieten tiefe Einblicke in diese Arbeitsweisen, derer sich der russische Geheimdienst nach wie vor ausgiebig bedient. Aber auch die amerikanische Trump-Regierung lässt nichts unversucht, die eigenen Interessen mit gefakten Tatsachen und Narrativen zu begründen und rücksichtslos durchzusetzen.

Der anschließende Beitrag von Katrin Grimm widmet sich der Ibiza-Affäre, die die österreichische innenpolitische Landschaft nachhaltig erschüttert hat, aus einer ungewohnten Perspektive: in Hinblick auf die Figur des weiblichen Lockvogels, dem Honeypot. Dies vor allem auch deshalb, weil die Fixierung auf die vermeintliche ‚Oligarchennichte‘ nach wie vor von den skandalösen, demokratiefeindlichen Inhalten des Videos ablenkt. Dies wird über zwei Sachbücher, die von verschiedenen Parteien über das Ibiza-Video verfasst wurden, sowie über eine dokumentarische Aufarbeitung des Ereignisses eingehender erläutert. Daraus wird geschlossen, dass Diskurse über das Wirken weiblicher Spioninnen und Geheimdienstlerinnen emotional aufgeladen und von Dichotomien, simplifizierenden Darstellungsformen und mitunter auch noch misogynen Narrativen geprägt bleiben.

Der gebürtige Wiener Otto Skorzeny war, wie Harald Stutte darstellt, nicht nur ein Vorzeige-Spion der Nazis, der im September 1943 den inhaftierten Duce Benito Mussolini für Hitler aus der Haft befreite. Auch in Amerika und Großbritannien gilt er als Erfinder von Enthauptungsschlägen und Kommandounternehmen. Selbst der Mossad soll auf den unverbesserlichen Nazi als Auftragskiller zurückgegriffen haben. In der Franco-Diktatur hatte er dabei eine neue Heimat gefunden und konnte dort bis zu seinem Ende, beigesetzt unter offenen Nazi-Bekundungen ehemaliger Wegbegleiter, unbehelligt leben und seinen zwielichtigen Geschäften nachgehen.

In die Hochzeit des Kalten Kriegs führt der Beitrag von Laura Nespor, die anhand zweier Romane von Milo Dor und Reinhard Federmann den literarisch überzeichneten und satirischen Umgang mit der beängstigenden Blockpolitik thematisiert. Die Autoren wissen nur zu gut, dass Witz eine subtile Form des Protests darstellt und damit ein Mittel, um sich gegen mächtigere Kräfte zu wehren und Kritik zu üben, ohne dabei direkt anzugreifen und in Gefahr zu geraten. In ihrer „anti-heroic spy fiction“ erscheinen die Spione nicht als Helden, es kommt zu wiederkehrenden Übertreibungen und parodistische Handlungsumkehrungen. In Zeiten erneuter geopolitischer Spannungen und Polarisierungen erweisen sich die Romane wieder als hochaktuell.

Schließlich geht Philipp Sperner auf ein scheinbares Exotikum in der Geheimdienstlandschaft ein: auf den indischen Geheimdienst und seine Legitimation über das Arthaśāstra, eine 2000 Jahre alte Schrift über das Richtige (geheimdienstliche) Regieren. Sie dient zugleich dazu, nationale Identität zu stiften und die autoritäre Regierung unter Narendra Modi zu stützen, der sich selbst auf Kautilya beruft, den Autor dieser Schrift. Modi wird in den Medien sogar mit ihm verglichen und als legitimer Erbe angesehen: Der Regierungschef also als genialer Stratege, der Indien zur alten Größe zurückführt oder eine legitime Position innerhalb des globalen politischen Gefüges verschafft. Gestützt wird er dabei von der vermeintlich ‚originalen‘ indischen Geheimdienstkunst.

Auch über unseren Schwerpunkt hinaus haben die Herausgeber:innen für die Leser:innen der ZUKUNFT drei bemerkenswerte und informative Beiträge zusammengestellt: So macht Wolfgang Markytan mehr als deutlich, dass die Sozialdemokratie endlich aus den lähmenden und zähen Debatten zur Symbolpolitik aussteigen sollte, um sich vielmehr den konkreten Lebenswelten der Menschen und mithin der sozialen Wirklichkeit zu widmen. Die ZUKUNFT hat – nicht zuletzt seit dem 07. Oktober 2023 – auch eine mehr als deutliche Position in Sachen Antisemitismus artikuliert. Deshalb freut es uns besonders, dass Stephan Grigat und Karin Stögner ihren aktuellen Band Projektiver Antizionismus eingehend vorstellen.

Darüber hinaus rundet Ilse M. Seifried unsere Ausgabe mit einem frauenpolitischen Essay zur feministischen und demokratischen Würde der Göttin Pallas Athene ab. Last but not least schaut Hemma M. Prainsack auf Fritz Langs 1927 gedrehten Sensationsfilm Spione. Darin bringt der Wiener Filmemacher Rudolf Klein-Rogge erneut als Bösewicht auf die Leinwand. In seiner berühmten Verkörperung des Dr. Mabuse (D 1921/22) und als Kopf einer skrupellosen Spionagezentrale lieferte er die Vorlage für viele Superschurken. Knapp hundert Jahre nach seiner Entstehung verblüfft Langs Film immer noch durch die vorausschauende und präzise Inszenierung, wie unsere Bildstrecke durch den Spion mehr als deutlich macht.

Ein anregende und spannende Lektüre wünschen
Christian Zolles, Alessandro Barberi und Hemma Marlene Prainsack


[1] www.derstandard.at/story/3000000192968/214sterreich-ist-eine-brutst228tte-der-spionage, Zugriff am 15.01.2026.

[2] Anna Thalhammer, Out of the Dark, in: Profil vom 20. Dezember 2025, S. 17–25.

[3] www.derstandard.at/story/3000000258747/deutsche-behoerden-weihten-oesterreich-so-lange-wie-moeglich-nicht-in-neonazi-causa-ein, Zugriff am 15.01.2026.