Ein neues Buch von THOMAS RIEGLER gibt Aufschluss über die Bedeutung Wiens im Koordinatensystem der Geheimdienste und führt zu den wichtigsten Schauplätzen.
I. Ein Spionage-Reiseführer
Wien geht der Ruf voraus, die ‚Hauptstadt der Spione‘ zu sein. Das ist mittlerweile ein Tourismusfaktor. Zahlreiche ‚Spionagetouren‘ durch die Stadt werden angeboten. Das Interesse konzentriert sich vor allem auf den in Wien gedrehten Filmklassiker Der dritte Mann (1949), der zum Synonym für Wien als Spionageschauplatz geworden ist. BesucherInnen können die Drehorte erkunden, darunter auch jene im Kanalnetz. Seit 2005 gibt es ein privates Third Man Museum und der Film selbst wird wöchentlich im Burgkino gezeigt.
Auch als Kulisse für Spionagethemen ist Wien zuletzt wieder verstärkt ins Bild gerückt: Die Filme Mission Impossible: Rogue Nation (2015), Red Sparrow (2018), All the Old Knives (2022) und Extraction 2 (2023) wären etwa zu nennen. Ebenso die Serienfomate Berlin Station (2018/19), Jack Ryan (2021) und The Recruit (2022). In letzterer Produktion wird Wien sogar als die „Olympischen Spiele der Spionage“ bezeichnet, wo jeder Geheimdienst sein ‚A-Team‘ hinschicke.
In der internationalen Presse wird Wien immer wieder mit Spionage-Superlativen bedacht. Besonders stark fiel das Echo aus, nachdem der Wiener Flughafen 2010 zum Ort des größten Austauschs von Spionen zwischen den USA und Russland wurde. Niemand geringerer als der damalige CIA-Direktor Leon Panetta meinte: „Alles, was fehlte, war der Klang einer Zither, die das Thema des Films Der dritte Mann spielte.“ Die New York Times befand, dass der Austausch selbst nichts Unheimliches an sich hatte: „Doch er erinnerte uns daran, dass Wien seit über einem Jahrhundert eine herausragende Rolle im düsteren europäischen Spionagespiel spielt“.
Mit der Zeit wurde der Unterton kritischer: So warnte die Financial Times 2023, Wiens „Spionageproblem“ gerate außer Kontrolle: „Es ist wirklich der Wilde Westen“. Diese Diskrepanz zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Wien und Spionage längst nicht nur über harmlose Reminiszenzen an den Kalten Krieg hergestellt wird, sondern als Teil der sich verschärfenden geopolitischen Konfliktlage.
Das Image von Wien als Spionagestadt durchläuft einen Wandel und hat an Aktualität noch zugenommen. Umso wichtiger ist ein differenzierender Blick darauf, denn bei aller Geläufigkeit des Themas gibt es bislang wenig quellengestütztes Wissen darüber, warum Wien dieses Image verpasst bekam. Genau diese Frage hat mich selbst über viele Jahre beschäftigt. Als Ergebnis dieses Rechercheprozesses lege ich nun im Promedia Verlag ein neues Buch vor.

SPIONAGESTADT WIEN EIN HISTORISCHER REISEFÜHRER VON THOMAS RIEGLER Wien: Promedia 256 Seiten | € 24,00 (Gebundenes Buch) ISBN: 978-3-85371-557-4 br. Erscheinungstermin: 09. März 2026 Auch als E-Book erhältlich
Einerseits soll dieser Band eine Lücke schließen, andererseits geht es mir darum, Spionagegeschichte in Wien konkret zu ‚verorten‘. In dieser Stadt existieren viele unbekannte Plätze, an denen sich Spionagegeschehen ereignete oder die noch heute im Fokus von geheimdienstlicher Aufklärung stehen. Im Rahmen dieser Publikation werden mehr als 100 Wiener Adressen mit Spionagebezug erstmals aufbereitet. Es handelt sich aber um keinen klassischen Reiseführer. Vielmehr bette ich die verschiedenen Orte in eine nicht chronologisch verlaufende historische Erzählung ein. Die Gegenwart spielt dabei genauso eine Rolle wie die Vergangenheit.
Diese Erkundungsreise führt unter anderem in Wiener Hotels und Caféhäuser, wo Spionagegeschichte geschrieben wurde, an mondäne Innenstadtlagen und an die Peripherie. Neben einigen ‚Klassikern‘ handelt es sich hauptsächlich um Adressen, die man auf den ersten Blick nicht mit dem ‚zweitältesten Gewerbe der Welt‘ in Zusammenhang bringen würde. Im Vordergrund stehen die vielen ‚großen‘ und ‚kleinen‘ Spionagegeschichten, die den Ruf Wiens als Stadt der Spione begründen: Vom Verrat des angeblichen ‚Jahrhundertspions‘ Alfred Redl über den Schattenkrieg der Geheimdienste aus Ost und West Ende der 1940er-Jahre bis hin zur aktuell viel diskutierten Rolle Wiens als Operationsfeld für russische Spionageaktivitäten.

Abb. 1: Screenshot einer Google-Maps-Karte, die Schauplätze in Wien zeigt, die mit Spionage zu tun gehabt und zu tun haben.
II. Spionagedrehscheibe
Eine der zentralen Fragen lautet: Was genau ist eine Spionagedrehscheibe? Es handelt sich um einen Ort, an dem Geheimdienste ihrer Hauptaufgabe besonders gut nachkommen können, nämlich geheime Informationen zu sammeln. Was Wien und andere Orte in diesem Zusammenhang auszeichnet, ist die geografische Lage, oft ein neutraler Status, die Präsenz internationaler Organisationen und eine breite Palette diskreter Dienstleistungen, die nicht nur Spione schätzen.
Der wichtigste europäische Spionageplatz ist zweifellos die EU-Hauptstadt und NATO-Hauptquartier Brüssel. Andere Orte werden allein schon durch ihre geopolitische Bedeutung als solcher definiert. In diese Kategorie fallen etwa Istanbul, London oder Washington. Was Wien im Vergleich so speziell macht, ist die Tatsache, dass bei der österreichischen Hauptstadt eine Kombination aus mehreren spionagefördernden Faktoren zusammenkommt: Geografie, Neutralität, diplomatischer ‚Begegnungsort‘ und schwache Spionageabwehr.
Zunächst einmal liegt Wien zentral in Mitteleuropa und das mit kurzen Wegen in insgesamt acht Nachbarstaaten. Daraus ergibt sich eine wesentliche Funktion als Transitraum und Bindeglied. Verschiedene Ströme queren das Land via Straße und Schiene, über die Donau oder über Gas- und Erdöl-Rohrleitungen. Wien ist ein Drehkreuz in alle Richtungen – so etwa über die ‚Balkanroute‘ in Richtung Griechenland, Bulgarien und Türkei. Seit den Kreuzzügen handelt es sich dabei um eine der wichtigsten Handels- und Heeresstraßen in Europa.
Deutlich jünger ist der Flughafen Wien-Schwechat, der aber zahlreiche Verbindungen, insbesondere in den arabischen Raum, bietet. Eben weil Wien ein solcher Knotenpunkt ist, finden sich hier zahlreiche Zentral- und Osteuropa-Hauptquartiere von internationalen und heimischen Konzernen aus den Bereichen Energie, Energiewirtschaft und High Tech, was wiederum für Wirtschaftsspionage interessant ist.
Einen weiteren gewichtigen Faktor stellt die Neutralität dar. Bündnisfreie Länder sind vor allem in Kriegszeiten quasi automatisch Spielwiese der Geheimdienste der verschiedenen Parteien. Die Schweiz erfüllte diese Rolle in beiden Weltkriegen. Spanien und Schweden dienten als Drehscheiben im 2. Weltkrieg. Österreich dagegen wurde nach 1955 zu einer neutralen ‚Insel‘ in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs. Das Ende des Kalten Krieges und der EU-Beitritt haben die Neutralität freilich zunehmend aufgeweicht. Aber immer noch spielt ‚neutraler Boden‘ eine wichtige Funktion in der Welt der Spionage, etwa wenn es darum geht, dass Geheimdienstoffiziere mit ihren Quellen zusammenkommen können. Das lebenswerte und touristische Wien hat damit stets gepunktet.
III. Besonderes Spionage-Milieu
Ob darüber hinaus die Wiener Mentalität einen Faktor ausmacht, der Spionage begünstigt, ergründete der Journalist Emil Bobi ist in seinem Buch Die Schattenstadt (2014). Auch wenn es sich kaum objektiv belegen lässt, so punktet Wien laut Bobi damit, dass „der Wiener ist, wie er ist“. In der Gegenwart des Wieners würden sich „Geheimdienstler“ „verstanden, geborgen, bedient“ fühlen:
„Sie treffen auf ein mentales Milieu, das ihnen bekannt erscheint und entgegenkommt. Denn mit Geheimnissen zu handeln, ist im tieferen Sinn eine der Urkompetenzen der Wiener Gesellschaft, die als Produkt ihrer besonderen politischen und psychosozialen Geschichte geradezu eine Volkskultur der Spionage hervorgebracht hat. Der Wiener ist ein Natur-Agent. Und seine Stadt ein wahres Schlaraffenland für Geheimdienstler.“
Wien sei überhaupt zu einem „Magnet und Zufluchtsort für undurchsichtige Gestalten“ geworden, „die sich selbst, ihre Familien und ihr Geld in Sicherheit bringen und dabei gut leben wollen“. Für diese Zielgruppe halte die Stadt „historisch gewachsene Strukturen parat, die nicht nur diesen Gästen, sondern auch dem Land Vorteile bringen. Das war zwar nicht immer sympathisch, aber fast immer nützlich“, so Bobi.
Zu diesen Vergünstigungen zählen eine Vielzahl diskreter Steuerberater und Rechtsanwälte, das (allerdings bis 2016 bestehende abgeschaffte) Bankgeheimnis, das Rechtsinstitut der Privatstiftung, das weiterhin genügend Schlupflöcher bietet, sowie eine lange Tradition des Passhandels. Es ist aber auch bequem, einen Privatjet ins österreichische Luftfahrtregister einzutragen, wobei viele dieser Flugzeuge ihren tatsächlichen Standort im Ausland haben.
Nicht umsonst haben viele ehemalige Geheimdienstler Wien Rosen gestreut: Wladimir Krjutschkow, bis 1991 letzter Vorsitzender des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit (KGB), meinte über die Stadt:
„Es war ein guter Ort für die Arbeit und die Österreicher sind sehr tolerant. Ich denke, die Vertreter verschiedenster Geheimdienste haben in Wien eine gewisse Freiheit genossen.“
Nicht viel anders lautete der Befund von KGB-Offizier Oleg Kalugin:
„Wie immer bin ich nach Wien mit einem Diplomatenpass als Gesandter des sowjetischen Außenministeriums gereist. Ich habe diesen grünen Diplomatenpass an der Einwanderungskontrolle vorgezeigt und ein Offizieller hat mich durchgewinkt. Niemand hat mein Gepäck überprüft. Österreich war ein komfortabler Ort, um ein Spion zu sein.“
Der CIA-Veteran Jack Devine kam regelrecht ins Schwärmen, weil Wien nicht nur ein „gutes Jagdrevier für Agenten“, sondern auch „wunderschön“ sei: „Es gibt kein Denguefieber oder Menschen, die andere köpfen. All das machte es zu einer Stadt, in der jeder sehr aktiv war.“
Der Historiker Siegfried Beer, Doyen der Intelligence Studies in Österreich, schätzte 2013, dass die Hälfte der rund 17.000 in Wien stationierten Diplomaten „zumindest eine Verbindung zu einer Geheimdienstorganisation haben“. Die Zahl wird seitdem oft repliziert, Widerspruch wurde keiner angemeldet. Tatsächlich dürfte die Zahl niedriger anzusiedeln sein. Ich habe diesbezüglich bei Omar Haijawi-Pirchner nachgefragt, der bis Ende 2025 an der Spitze der Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) stand. Seine Antwort:
„Ich kann keine sichere Zahl nennen. Plausibel ist es, von einer Anzahl im niedrigen Vierstellen-Bereich auszugehen. Wir kennen viele ausländische Geheimdienstmitarbeiter, ob unter diplomatischer Tarnung oder nicht. Aber alle kennen wir sicher nicht.“
Für Spione bietet Wien viele potenzielle Ausspähungsziele. In der Stadt sind aktuell rund 50 internationale und quasi-internationale Organisationen, 124 Botschaften und 199 multilaterale Vertretungen ansässig. Diese beschäftigen insgesamt rund 12.700 Personen, einschließlich des diplomatischen Personals. Besonders bedeutend für die Nachrichtendienste ist Wien als einer der vier Amtssitze der UNO, neben New York, Genf und Nairobi: Schon 1957 siedelte sich hier die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) an, die sich um nukleare Sicherheit, Nuklearwissenschaften sowie Kernmaterialüberwachung kümmert. Es gilt vor allem, die Proliferation von Kernwaffen durch Überwachungsmaßnahmen im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags (NVV) von 1968 zu verhindern. Das macht die IAEO zum wahrscheinlich wichtigsten Wiener Spionageziel. 1965 folgte die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und 1966 die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO). 1995 siedelte sich mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ein weiteres Schwergewicht in Wien an.
Internationale Organisationen in die Stadt zu bringen, das war unter den Gründern der 2. Republik parteieiübergreifender Konsens. Niemals wieder sollte Österreich in eine so isolierte Lage kommen wie 1938, als gerade einmal Mexiko gegen den deutschen Einmarsch mit einer Protestnote reagierte. Nach 1945 versprach man sich Sicherheit und Frieden durch internationale Einbindung.
Von großer Symbolik war die Übergabe des Vienna International Centre (VIC) an die UNO 1979. Die offizielle Position dazu lautete: Es gehe nicht nur darum, „das internationale Gewicht Österreichs zu vermehren, sondern auch die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes zu festigen“. In der Wiener Zeitung wurde ergänzt:
„In der Tat dürfte es sich der Warschauer Pakt zweimal überlegen, ob er bei einer Konfrontation mit dem Westen oder einem Vorstoß nach Jugoslawien nach dem Tod von Staatschef Tito wirklich zwangsläufig eine Festung der Vereinten Nationen erobern will.“
IV. Keine Sanktionen
Eine Konsequenz, die in den Überlegungen der Politik nie eine Rolle spielte, liegt ebenfalls auf der Hand: Seit den Anfängen internationaler Diplomatie in der Renaissance geht diese immer auch mit Spionage einher. Eine Bedrohung für die eigene Sicherheit wurde darin aber noch nicht gesehen.
Wer heute nach § 256 Strafgesetzbuch (StGB) einen „Geheimen Nachrichtendienst zum Nachteil der Republik Österreich“ betreibt, ist mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen. Wer einen „militärischen Nachrichtendienst“ für einen fremden Staat betreibt (§ 319), kommt mit maximal zwei Jahren davon. Denn der im Gesetz angesprochene „Nachteil“ wurde bisher nur insoweit als realisiert angesehen, wenn die Spionage direkt zum Nachteil Österreichs passierte – also wenn etwa Einrichtungen des Bundesheers oder heimische Behörden ausspioniert wurden. Rechnet man die Hürden bei der Beweisführung hinzu, dann ist es nicht so überraschend, dass in der ‚Spionagestadt‘ Wien praktisch kaum ein Spionageprozess stattfindet. „In den seltensten Fällen werden Ermittlungsverfahren eingeleitet, bisher hat es im Sprengel Wien absurderweise noch nie eine Verurteilung wegen Spionage gegeben“, kritisierte das Magazin profil 2023.
Rückblickend meinte der frühere Innenminister Karl Blecha (SPÖ) noch im Jahr 2000:
„Ist doch völlig wurscht, wenn da einer auf einer Parkbank einem anderen ein Kuvert zusteckt! Was geht uns das an? Wir Österreicher nehmen das zur Kenntnis – und überwachen nur, dass diese Leute keine österreichischen Gesetze verletzen. Umgekehrt haben die gewusst, dass sie hier nichts unerkannt tun können. Wenn es Verletzungen dieser ungeschriebenen Agreements gab, dann sind wir eingeschritten.“
Was Blecha mit „Agreements“ bezeichnete, war tatsächlich ein eminenter Teil der Strategie, Österreich Sicherheit zu verschaffen. Solange das Land selbst nicht betroffen war, drückte man ein Auge zu: Gegenüber den Aktivitäten ausländischer Geheimdienstoffiziere genauso wie im Falle der organisierten Kriminalität und des internationalen Terrorismus.
Ebenso wie die Gäste kein Interesse daran haben, ihr Gastrecht nicht überzustrapazieren, war dem Gastgeber nicht daran gelegen, jemanden zu verprellen. Oder wie es der ehemalige Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, Max Edelbacher, formuliert hat: „Es wurde nicht groß an die Wand geschrieben, aber der geheime Slogan war, dass wer Ruhe gibt, auch Ruhe hat“. Das informelle ‚Gentleman-Agreement‘ lautete im Falle der internationalen Geheimdienstoffiziere: Solange Ihr Euch untereinander ausspioniert, ist das kein Problem für die österreichischen Behörden. Nur wenn Österreich selbst zum Ziel wird, ist der Tatbestand der Spionage erfüllt.
V. Wachsende Bedrohung
Dieses Agreement hat in der Zwischenzeit an Verbindlichkeit eingebüßt. Denn seit dem Ende des Kalten Krieges hatte sich Österreichs Position verändert: Das Land ist keine neutrale ‚Insel‘ zwischen den Blöcken mehr, sondern seit 1995 sowohl EU-Mitglied als auch Teil der NATO-Partnerschaft für den Frieden (PfP). Das bedingte, dass man in Österreich an Informationen Dritter kommen kann, und das leichter als anderswo.
Außerdem häufen sich mittlerweile direkte Attacken gegen österreichische Interessen: Zuletzt wurden rund um die Europawahlen und die Nationalratswahl Webseiten von Organisationen, Medien und Parteien zum Ziel von Cyberangriffen, die russischen Hackern zugerechnet werden. Selbst der Webauftritt der Wiener Linien wurde kurzfristig lahmgelegt. 2025 wurde gemeldet, dass die DSN eine „antiukrainische Einflussoperation“ aufgedeckt habe, die darauf abzielte, den Rückhalt für die Ukraine zu untergraben. Und man enttarnte einen russischen Spion, der einen Informanten bei der OMV rekrutiert hatte.
Im Verfassungsschutzbericht 2024 wurden die Spionage-Player in Wien klar benannt:
„Nachrichtendienste der Russischen Föderation, Chinas, des Iran, Nordkoreas und der Türkei agieren in Österreich besonders aktiv. Spionage und Einflusskampagnen können das Generieren von Informationen durch menschliche Quellen, das Vorantreiben von Desinformationskampagnen sowie gezielte Cyberangriffe umfassen.“
Diese wachsende Bedrohung trifft nach wie vor auf eine schwache Abwehr: Die relative Duldung von Spionage ging nämlich mit einer jahrzehntelangen Unterdotierung bei der inneren Sicherheit einher – als ob der ‚Begegnungsort‘ Wien so etwas wie eine ‚Sicherheitsdividende‘ implizierte. Auch wenn hier kein zwingender Zusammenhang besteht, so ist es auffällig, dass Staatsschutz in Österreich seit den Habsburgern Polizeiangelegenheit geblieben ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Rezepte der Vergangenheit haben endgültig ausgedient. Die Republik muss neue Wege finden, um mit der radikal anderen geopolitischen Lage und damit verbundenen höherem Spionageaufkommen umzugehen. Eine diplomatische Drehscheibe zu sein, ist in einer konfliktreichen Weltlage keine Versicherung mehr.
THOMAS RIEGLER
studierte Geschichte und Politikwissenschaften in Wien und Edinburgh. Er ist einer der führenden Experten Österreichs zum Thema Spionage. Nähere Infos online unter: thomas-riegler.net
