Honeypot auf Ibiza. Zur Figur des weiblichen Lockvogels in der Ibiza-Affäre VON KATRIN GRIMM

Anhand von drei Dokumentationen rund um die Ibiza-Affäre zeigt KATRIN GRIMM auf, wie sehr das Bild des ‚Honeypots‘, des weiblichen Lockvogels, von sexistischen Stereotypen bestimmt ist. Noch heute lenkt es von den skandalösen, demokratiefeindlichen Inhalten des Videos ab.

I. Der lange Schatten von Ibiza

In Der lange Schatten eines Skandalvideos über die Auswirkungen jener Aufnahme, die im Mai 2019 die innenpolitische Landschaft Österreichs nachhaltig verändern sollte, bemerkt der Aufdecker Julian Hessenthaler:

„Aber worüber meiner Meinung nach zu wenig erzählt wurde, ist, welch lange Schatten der Ibiza-Skandal immer noch wirft, was er eigentlich aufzeigte und immer noch anzeigt: ein nationales Sicherheitsrisiko. Kein einmaliges, sondern ein strukturelles, das tief mit Österreichs historischer Beziehung zu Russland verbunden ist. Wenn es mir, einem Sicherheitsberater ohne geheimdienstlichen Hintergrund, mit einem relativ flachen Budget und einer Bekannten, die sich, um mir einen Gefallen zu tun, als Oligarchennichte ausgibt, so einfach gelingt, einen wichtigen österreichischen Oppositionspolitiker zu kompromittieren, wie anfällig für Honeytraps oder feindliche Infiltrationen sind dann andere österreichische Politiker?“ (Hessenthaler 2024).

Während Hessenthaler des Weiteren die beschwichtigende ‚Schaukelstuhlpolitik‘ der Nation zwischen Ost und West und das Unvermögen des heimischen Nachrichtendiensts anprangert, soll im Folgenden dieser weitere Umstand näher in den Fokus gerückt werden: die Funktion der ‚Honeytraps‘, und wie das Bild der ‚Oligarchennichte‘ so manche Inhalte des Ibiza-Videos überlagerte.

DER LANGE SCHATTEN EINES SKANDALVIDEOS. WARUM UNSERE DEMOKRATIE IN GEFAHR IST. VON JULIAN HESSENTHALER
Wien: Goldegg 220 Seiten | € 24 ISBN: 978-3-99060-468-7 Erscheinungstermin: August 2024

‚Honigfallen‘ oder ‚Honeypots‘ sollen durch den Einsatz ihrer weiblichen Reize in erster Linie Männer zu Handlungen bewegen, denen sie ohne ihr Einwirken nicht zugestimmt hätten. So lautet zumindest die einfachste Erklärung für den Einsatz von Frauen, die als Lockvögel agieren, dabei jedoch vielfach unterschätzt und selten – dann meist einhergehend mit sexistischen Abwertungen – wahrgenommen werden.

Nicht ohne Grund wird Spionage neben der Prostitution im Volksmund als das älteste Gewerbe der Welt bezeichnet. Vor allem in Hinblick auf die Wahrnehmung von Frauen und damit zusammenhängenden Zuschreibungen können durchaus Parallelen festgestellt werden: In beiden Fällen kommt es zu einer sexuellen Instrumentalisierung des weiblichen Körpers und einer De-Personalisierung der Betreffenden im Kontext eines eindeutig männlich konnotierten Machtgefälles. Das bestimmte lange Zeit auch den Blick auf historische Agentinnen wie Mata Hari oder Elsbeth Schragmüller, die vornehmlich in Hinblick auf ihre erotische Ausstrahlung für Bestseller sorgten.

Obwohl mittlerweile das auch historische Wirken von Frauen als Spioninnen immer mehr ins Bewusstsein rückt (vgl. Baumgärtner/Müller 2022), bestimmt die simplifizierte Darstellung weiterhin das Bild. Inwiefern dies auch in zwei Sachbüchern, die von verschiedenen Parteien über das Ibiza-Video verfasst wurden (Obermaier 2021; Strache 2021), sowie in einer dokumentarischen Aufarbeitung des Ereignisses (Milborn/Kaltenbrunner 2022) der Fall ist, soll näher betrachtet werden. 

II. Der Lockvogel in Die Ibiza Affäre DIE IBIZA AFFÄRE  VON FREDERIK OBERMAIER UND BASTIAN OBERMAYER Köln: Kiepenheuer & Witsch  220 Seiten | € 11,40 ISBN: 978-3-462-00229-4 Erscheinungstermin: September 2021

Das Buch Die Ibiza Affäre – Innenansichten eines Polit-Skandals, der Österreich erschütterte wurde von den Investigativ-Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer im Jahr 2021 geschrieben. Die beiden zählen zu den ersten Journalisten, die das Ibiza-Video sehen konnten, und trafen im Laufe der Ermittlungen auch die vermeintliche ‚Oligarchennichte‘ persönlich.

Im ersten Kapitel, das von dem Treffen auf Ibiza handelt, werden neben den Umständen in der Villa auch die handelnden Personen näher beschrieben, wobei vor allem auf das Aussehen eingegangen wird. Zuletzt wird das Äußerliche der vermeintlichen Oligarchennichte Aljona Makarowa ausgeführt:

„Dann tritt die angebliche Oligarchennichte aus dem Haus – in High Heels und schwarzem Kleid, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden“ (20).

Anschließend soll sie Tajana Gudenus und ihrem Gatten Johann ein Küsschen zur Begrüßung gegeben haben, was auf ein gewisses freundschaftliches Verhältnis schließen lässt.

Bereits im letzten Absatz dieses Kapitels wird die Rolle von Makarowa geklärt: Die angebliche Oligarchennichte sei nur ein Lockvogel; Igor Makarow, der tatsächlich existierende russische Oligarch, ist laut eigenen Aussagen Einzelkind und hat keine Nichte. Johann Gudenus hatte die vermeintliche Oligarchennichte schon vor dem Treffen auf Ibiza mindestens zwei Mal getroffen, da sie sich mit einem Problem an ihn gewandt hatte: Nach einem Disput mit ihrem reichen Onkel sei sie im Besitz mehrerer Hundert Millionen Euro, die sie außerhalb Russlands, am liebsten in Österreich, in Immobilien investieren wolle. Die Russin habe mit „Fantasiepreisen“ gelockt, woraufhin Gudenus „anbeißt“ (S. 40).

Es entsteht das Narrativ der gerissenen Frau, die es mithilfe ihrer gespielten Verzweiflung und einem realitätsfremden Angebot schafft, zwei politisch erfolgreiche Männer durch ihre Habsucht zu Fall zu bringen. Im Zusammenhang mit der vorhergehenden Beschreibung des Äußeren, des vermeintlichen Vertrauensverhältnisses zum Ehepaar Gudenus und der abschließenden Klarstellung, dass es sich nur um einen Lockvogel handelt, wird das klassische simplifizierende Bild des weiblichen Honeypots erzeugt. Es entsteht der Eindruck, dass das Erscheinungsbild ihrerseits bewusst eingesetzt und ein Vertrauensverhältnis ausgenutzt wird, um an ihr Ziel zu kommen. Dass die Beschreibung ihres Aussehens am Ende der Aufzählung erfolgt, kann als bewusstes Mittel zur Spannungserzeugung gedeutet werden.

Es wird deutlich, dass Heinz-Christian Strache durchaus bemüht ist, der Gastgeberin Makarowa zu schmeicheln. Dies zeigt sich beispielsweise dadurch, dass er sie als „die Chefin“ bezeichnet, obwohl er selbst am traditionellen ‚Chefplatz‘ am Kopfende des Tisches sitzt. Auch im weiteren Verlauf des Buches wird die der Russin entgegengebrachte Wertschätzung deutlich: Auf die von ihr bejahte Frage über die russische Herkunft kommt von Strache die Entgegnung: „We like Russia“. Johann Gudenus übersetzt indes für sie und es wird sich um das Wohlbefinden der vermeintlichen Oligarchennichte bemüht (S. 42f.). Es kann generell festgestellt werden, dass um die Gunst der Dame gebuhlt wird.

Bei der Besprechung des Geschäftlichen wird die vermeintliche Oligarchennichte plötzlich zum Symbol der Macht: Durch den Kauf der Kronen Zeitung könnte sie der FPÖ zum Sieg bei der bevorstehenden Wahl verhelfen. Nach der Feststellung von Gudenus, dass sie dies alles jedoch nicht aus „Nächstenliebe“ tun würde, entsteht das Bild der knallharten Geschäftsfrau, die genau weiß, was sie möchte. Daraufhin werden von der Russin mehrere Möglichkeiten der Gegenleistungen aufgezählt, darunter fällt die Idee einer Privatisierung des österreichischen Trinkwassers (vgl. ebd.: 62f.). Das erste Mal wird von den beiden Politikern nun auf die Illegalität und Unmöglichkeit des Vorhabens verwiesen, was die Härte von Makarowa jedoch abermals unterstreicht. Auch in nachfolgenden Stellen im Buch wird dieses Bild der knallharten Geschäftsfrau aufrechterhalten: „Sie will Risiko. Und dafür ist sie bereit – daran lassen sie und ihr Begleiter an diesem Abend keinen Zweifel –, Gesetze zu brechen.“ (S. 130).

Die bereits zuvor angeführte Reduktion auf das Äußere der Frau erreicht ihren Höhepunkt, als Strache nicht wegen ihrer vorgeschlagenen illegalen Deals stutzig wird, sondern wegen der Zehennägel. Sie würden nicht ins Bild passen, was er fortan immer wieder beteuert und auch mit Ausdrücken wie „grindig“ beschreibt (vgl. ebd: 128). Erste Anzeichen des Zweifels kommen auf, Ausgangspunkt dessen ist das Aussehen. Das Bild der gepflegten Frau wird durch diesen äußerlichen Makel getrübt und plötzlich scheint auch das Gesagte fragwürdig zu sein. Durch diese Schilderung wird abermals deutlich, welche Rolle Oberflächlichkeiten auf die Wahrnehmung von und die Meinungsbildung über weibliche Spioninnen haben. 

Im Verlauf des Buches wird schließlich das Treffen zwischen den beiden Autoren und Makarowa thematisiert. Dass sie Strache wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes gefallen habe, stellen auch Obermaier und Obermayer fest. Sie wird von ihnen als das „Gesicht der Falle“ (ebd.: 161) beschrieben. Obwohl sie einen Begleiter hat, der ihr nicht von der Seite weicht, bleibt die vermeintliche Oligarchennichte das plakative Bild des Lockvogels. Die Autoren erwähnen auch, dass sie die Russin unter anderem fragen möchten, ob sie wusste, worauf sie sich einlässt (vgl. ebd.: 162). Dadurch wird der Eindruck erweckt, als würde ihr eine gewisse Naivität und ein Unvermögen der Einschätzung dieses Vorhabens unterstellt werden. Es wird jedoch auch vermittelt, als wäre dieses Treffen Dreh- und Angelpunkt für die Veröffentlichung des Buches, was die Relevanz ihrer Rolle für die Aufdeckung der Korruptionsbereitschaft zweier Spitzenpolitiker und der weitreichenden Publizierung politischer Missstände in Österreich unterstreicht (vgl. ebd.: 163).

Die Beschreibungen der Frau, die die Autoren nach dem Treffen über sie machen, entsprechen einem ganz anderen als dem zuvor erzeugten Bild: Entspannt und glaubhaft hätte sie beteuert, zu wissen, worauf sie sich eingelassen habe und dieses Vorhaben freiwillig und unbezahlt durchgeführt. Außerdem habe sie es sich deutlich schwerer vorgestellt, zwei hochrangige Politiker in die Falle zu locken, und zeigt sich überrascht darüber, wie leichtfertig diese sensible Informationen von sich gaben. Zu Beginn des Treffens habe es ihrerseits ein freundliches Lächeln und einen festen Händedruck gegeben (vgl. ebd.: 164). Es entsteht so letztlich die Vorstellung einer coolen und toughen Frau, die durch ihre eigenen Fähigkeiten und eine geschickte Herangehensweise, ohne jegliche sexuelle Angebote, sondern einfach bedingt durch ihr Geschlecht und ein hübsches Äußeres, Männer in die Falle locken konnte. Es ist durchaus ein seltenes Bild einer weiblichen Spionin und entspricht eher dem, was man in Film und Literatur unter dem charmanten männlichen Spion kennt.

III. Der Lockvogel in Das Ibiza-Attentat

DAS IBIZA ATTENTAT. WAS WIRKLICH GESCHAH UND WARUM ICH WEITER FÜR EUCH KÄMPFE. VON HANS CHRISTIAN STRACHE Norderstedt: Books on Demand 300 Seiten | € 25,50 ISBN: 978-3-7557-1226-8 Erscheinungstermin: November 2021

Das Buch wurde 2021 von Heinz-Christian Strache veröffentlicht. Vom ersten Buch unterscheidet sich dieses vor allem dadurch, dass Strache ja selbst in das Video involviert war. Das Wort „Attentat“ im Titel intendiert einen bewussten Anschlag auf seine Person, wird es doch als „Mordanschlag“ oder „Gewalttat“ näher definiert. Es dient mehr oder weniger als Vorbote für die Rolle, die sich Strache in der Beschreibung der Geschehnisse auf Ibiza selbst zuweist: jene des Opfers.

Strache schreibt in seinem Buch nicht nur über jenen folgenschweren Abend auf Ibiza, vielmehr finden sich darin auch weitere autobiografische Inhalte – in den Kapiteln Der Weg nach oben und Der Fall – und seine Einschätzungen zur ,Regierungsverantwortung‘, zu ,Todfeind‘ und ,Parteifreund‘ sowie einem ,Neustart für Österreich‘. ‚Die Makarowa‘, wie der Lockvogel von Ibiza von ihm unter anderem genannt wird, findet nur wenige Male Erwähnung, immerhin habe er mit einer Oligarchin „bisher nichts zu tun gehabt und verspürte auch nicht den Wunsch, dies zu ändern“ (S. 18).

Strache schreibt aus einer sehr distanzierten Perspektive über die vermeintliche Oligarchennichte. Seine Beschreibungen vermitteln Desinteresse, Verwunderung und, wenig überraschend, eine grundlegende Abneigung gegenüber der Dame. So habe er beispielsweise gar nicht gewusst, was eine Frau wie sie von einem Mann wie ihm wollte, denn trotz guter Beziehungen zu Russland sei ihm der Kontakt mit einer Oligarchin zuwider. Generell sei das Interesse vom Ehepaar Gudenus ausgegangen und er sei eher zufällig und nicht aus eigenen Stücken zur „geheimnisvollen“ Dame gekommen. Bereits bei der Ankunft sei ihm klar gewesen, dass in solch einer „bescheidenen Absteige“ (S. 18) keine Oligarchin wohnen könne und er sich bereits da dachte, dass diese Finca nur angemietet sei, während ihnen ein Besuch in einer echten Villa vorenthalten blieb. Schließlich wirft er dem Pärchen sogar vor, das bereits vor seiner Ankunft aufgetragene Sushi mit „Drogenliquid“ (S. 19) präpariert zu haben. Auch wenn ihn die Gespräche teilweise provoziert haben sollen, seien sie aber im Grunde sehr belanglos geblieben.

Der Vorwurf, dass vonseiten der Russin und ihres Begleiters eventuell auch Sedativa eingesetzt wurden, erzeugt das Bild, dass Strache an diesem Abend in den kriminellen Fängen einer Frau und ihres Gehilfen festsaß, die ihn ohne Skrupel fügig machen wollten. Diese Darstellung erinnert an einen spektakulären Spionage-Film, jedoch eher nicht an die Szenen, die das fast siebenstündige Ibiza-Video tatsächlich bot. Es kommt zur Positionierung seiner Person als hilfloses Opfer, zwar nicht im sexualisierten Kontext, jedoch schließt es an das Narrativ des der Frau ausgelieferten Mannes an, das in der Spionage-Literatur häufig vorzufinden ist.

Zugleich kommt es zu einer Geringschätzung der Person der Russin, die von ihm beispielsweise als „Pseudo-Oligarchin“ (19) bezeichnet wird. Die geschilderten Vorahnungen und Intuitionen sollen seine Überlegenheit und seine Souveränität nachträglich beteuern. Auch auf das Aussehen der Frau wird Bezug genommen: Ihr ungepflegtes Äußeres – mit Bezugnahme auf die Finger- und Zehennägel – sowie das generelle billige Erscheinungsbild hätten gar nicht zu einer Oligarchennichte gepasst. Ebenso seien ihre Schauspielkünste nicht gut und das Auftreten im Allgemeinen unpassend gewesen.

So wird Makarowa nicht nur in Hinblick auf ihre Fähigkeiten, sondern auch auf ihr Äußeres abgewertet. Auch die Beschreibung mit dem Wort „billig“ (20) ist durchaus sexistisch behaftet. Laut einer Pilotstudie des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Alltagssexismus definiert sich dieser als „Sammelbegriff für verschiedene Formen der Übergriffigkeit und der Herabwürdigung des anderen Geschlechts“, u. a. durch „eine derb-lästerliche Wortwahl einer Person gegenüber“ (Wippermann 2022: 8). Dies ist hier zutreffend.

IV. Darstellung des Lockvogels in Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende

Abb. 1: Milborn, Corinna/Kaltenbrunner, Stefan (2022): Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende, Prosieben / Sat.1 / PULS4, Erstausstrahlung: Mai 2022

Im Jahr 2022, drei Jahre nach der Veröffentlichung und fünf Jahre nach der Aufzeichnung des folgenschweren Ibiza-Videos, folgt Strache der Einladung der Journalistin Corinna Milborn, um gemeinsam mit ihr an den Ort des Geschehens zurückzukehren – in die Villa ,Can Mass‘, San Rafael, Ibiza. Euphemistisch bezeichnet er das Ibiza-Video als „Umbruch und Neuordnung seines Lebens“ (vgl. Milborn/Kaltenbrunner 2022: 00:04:39–00:04.53) und präsentiert sich als Stehaufmanderl. Strache hält sich mit den Erinnerungen jedoch sehr bedeckt, betont immer wieder, bis heute nicht zu wissen, weshalb er nicht Herr seiner selbst gewesen sei (vgl. ebd.: 00:15:06–00:15:13), erkennt nach eigenen Aussagen nicht einmal mehr das Wohnzimmer wieder, in dem er über sieben Stunden über die österreichische Politik und ihre Hintertürchen erzählte (vgl. ebd.: 00:17:49–00:17:59).

In einem Punkt sind seine Erinnerungen jedoch klar: in Hinblick auf das Aussehen der vermeintlichen Oligarchin – und vor allem ihre Zehennägel. Corinna Milborn legt ihm immer wieder Sequenzen vor, die im Zuge eines Gefängnisbesuches bei Julian Hessenthaler aufgenommen wurden. Als einer der Drahtzieher des Ibiza-Videos und somit Gegenspieler Straches wurde dieser ebenso zu seinen Einschätzungen befragt. Auch Hessenthaler verweist darauf, bei Strache in Hinblick auf die Oligarchin nur einen „Moment des Misstrauens“ festgestellt zu haben – nämlich als er ihre Zehennägel sah (vgl. Milborn/Kaltenbrunner 2022: 00:26:30–00:26:59). Konfrontiert mit diesen Aussagen beruft sich Strache auf Folgendes: 

„Ich habe noch nie in meinem Leben eine Oligarchin kennengelernt, sondern nur die vermeintliche, aber eines habe ich mir damals schon gedacht: Eine Person, die vorgibt, eine Oligarchin zu sein und so vermögend zu sein, die schaut äußerlich auf sich und die pflegt sich anders. Das waren sehr ungepflegte Zehennägel, also nicht nur, dass der Lack jetzt abgesprungen war, das ist nur das Geringste, sondern das war wirklich ungepflegt. Da war auch Dreck zu sehen, also es war einfach nicht sauber. Und ich glaube, da muss man kein Oligarch sein, aber es war sichtbar, das war kein sauberer Mensch. Und wahrscheinlich, einfache Menschen, die auf sich schauen, sind gepflegter, als die Dame damals.“ (Milborn/Kaltenbrunner 2022: 00:28:10-00:28:44).

Deutlicher als in seinem Buch diffamiert er den weiblichen Lockvogel – und trotz dieser für ihn offensichtlich ungepflegten Äußerlichkeiten entlockte sie ihm Aussagen, die den Anfang vom Ende seiner politischen Laufbahn bedeuteten. Ihre Fähigkeiten kann er ihr nicht absprechen, weshalb Strache nur bleibt, sie auf ihr Äußeres zu reduzieren und dieses zu diskreditieren und über den Rest in Amnesie zu verfallen – so wie es schon viele vor ihm getan haben.

V. Conclusio

Während männliche Spione als attraktive Helden gefeiert werden, die beispielsweise aus Patriotismus oder zur Bekämpfung des Bösen für Geheimdienste arbeiten, kommt es bei weiblichen Spioninnen nach wie vor zur Reduktion auf Durchtriebenheit und andere negative Eigenschaften sowie zur – teilweise auch subtilen – Unterstellung sexueller Motive. Die bei Frauen eher vorhandene Emotionalität wird als gegeben hingenommen und sowohl als Stärke in Gewinnung der Attraktion, vor allem aber als Schwäche angesehen. Dies hat zur Folge, dass es eine erotisch aufgeladene Erinnerungskultur rund um Spioninnen gibt, die stark um die Aspekte der Verwegenheit und der biografischen Unbestimmtheit kreisen.

Ungewissheiten und Mythen über die Identität sind es auch, die die vermeintliche Oligarchennichte von Ibiza bis heute präsent machen. Ihr Aussehen spielt eine zentrale Rolle und wird wiederholt erwähnt und beschrieben. Es kommt außerdem zur Erzeugung des klassischen Bildes eines Lockvogels: Sie gibt sich nahbar, im gleichen Zug kommt es jedoch zum Missbrauch des gewonnenen Vertrauens durch die beharrliche Verfolgung ihrer Mission. Auch die Rollen der ‚knallharten Geschäftsfrau‘ und der ‚taffen Geheimagentin‘ werden vermittelt.

Im Allgemeinen gehen die Darstellungsweisen in den verschiedenen Dokumentationen angesichts der unterschiedlichen Interessen der Autor:innen aber deutlich auseinander. Gemeinsam ist den beiden Werken jedoch, dass sich die Beschreibung der vermeintlichen Oligarchennichte zum Großteil auf das äußerliche Erscheinungsbild beschränkt – abhängig von der Perspektive in möglichst neutraler oder in abwertender Sprache.

So kann resümiert werden, dass die Rolle von Frauen in Spionagetätigkeiten bis heute von auf das Äußere beschränkten Verknappungstendenzen und Zuschreibungen geprägt ist. Diskurse über das Wirken weiblicher Spioninnen und Geheimdienstlerinnen bleiben emotional aufgeladen und von Dichotomien, simplifizierenden Darstellungsformen und mitunter auch noch misogynen Narrativen geprägt.

Literatur

Baumgärtner, Maik/Müller, Ann-Katrin (2022): Die Unsichtbaren. Wie Geheimagentinnen die deutsche Geschichte geprägt haben, München: Deutsche Verlags-Anstalt. 

Hessenthaler, Julian (2024): Der lange Schatten eines Skandalvideos. Warum unsere Demokratie in Gefahr ist, Wien: Goldegg.

Milborn, Corinna/Kaltenbrunner Stefan (2022): Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende. Prosieben/Sat.1/PULS4, online unter: www.puls24.at/video/herr-strache-faehrt-nach-ibiza-zurueck-zum-ende/herr-strache-faehrt-nach-ibiza-zurueck-zum-ende/v-cjzhkm7if7qx (letzter Zugriff: 15.01.2026).

Obermaier, Frederik/Obermayer, Bastian (2021): Die Ibiza Affäre. Innenansichten eines Polit-Skandals, der Österreich erschütterte, Köln: Kiepenheuer & Witsch. 

Strache, Heinz-Christian (2021): Das Ibiza Attentat. Was wirklich geschah und warum ich weiter für euch kämpfe, Norderstedt: Books on Demand. 

Wippermann, Carsten (2022): Sexismus im Alltag. Wahrnehmungen und Haltungen der deutschen Bevölkerung, hg. v. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin: Publikationsversand der Bundesregierung, online unter: www.bmfsfj.de/resource/blob/141246/b24dff04fcbf73ebf5e794a062e271ef/sexismus-im-alltag-pilotstudie-data.pdf (letzter Zugriff: 15.01.2026).

KATRIN GRIMM

ist studentische Mitarbeiterin an der Universität Wien, wo sie Bildungswissenschaten und Germanistik studiert.


[1] Dieser Beitrag stellt die gekürzte und überarbeitete Fassung dar von: Grimm, Katrin (2025): Die Figur des weiblichen Lockvogels im Kontext der Ibiza-Affäre, in: Wiener Digitale Revue 7 (2025), online unter: https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9974