Editorial ZUKUNFT 07/2023 Feminismus / Reproduktion VON ELISABETH KAISER UND ALESSANDRO BARBERI

Durch alle Formen und Wellen der feministischen Diskussionen zieht sich ein entscheidender Begriff wie ein roter Faden durch: Reproduktion. Ob die Gender Studies auf Judith Butlers Bodies that Matter/Körper von Gewicht (1993) – also auf die konkrete Körperlichkeit von Frauen und die Materialität ihrer Bedürfnisse – stoßen oder der klassische linke und am Marxismus orientierte Feminismus auch aus ökonomischer Perspektive die weiblichen Geschlechtsorgane, die der Reproduktion dienen können, in den Blick nimmt, bleibt sich da gleich. Denn ob z. B. Phänomene wie Schwangerschaft, Kindererziehung, Pflege und (insgesamt) unsichtbare (Haus-)Arbeit als konstruiert oder wirklich begriffen werden, ist hinsichtlich der konkreten und mehr als prekären sozioökonomischen Lage vieler Frauen gänzlich gleichgültig. Im Begriff und im Faktum der Reproduktion bündeln sich mithin gerade im Blick auf Frauenpolitik gesamtgesellschaftliche Problemlagen, von denen eine progressive Frauenpolitik auch ausgehen sollte, wenn sie die Bedürfnisse von allen Frauen zum entscheidenden Ausgangspunkt von Freiheit und Emanzipation nehmen will. Deshalb hat sich die Redaktion der ZUKUNFT entschlossen, dem feministischen Teilaspekt des Themas Reproduktion eine eigene Ausgabe zu widmen, um die Debatte zur Frauenpolitik aktiv zu unterstützen.

Dies beginnt mit dem Beitrag von Elisabeth Kaiser und Magdalena Martha Maria Schneider, die ausgehend von 12 Interviews mit Working Mums das Verhältnis von Reproduktion und Erwerbsarbeit eingehend thematisieren, um auf die Schwierigkeiten von Frauen in einer hochgradig ungleichen Welt zu verweisen. Deshalb wird gerade in der Analyse dieser Interviews die bedenkliche Situation von berufstätigen Müttern am Arbeitsmarkt sowie in der Familie mehr als deutlich, da die Reproduktion und die mit ihr einhergehende Betreuungsarbeit hauptsächlich von ihnen geleistet wird. Dies steht gerade in Österreich direkt mit traditionellen Geschlechterrollen in Zusammenhang, die nachdrücklich aufgebrochen werden müssen. Die Autorinnen machen in diesem Kontext deutlich, wie wichtig eine gesellschaftliche Infrastruktur ist, die es ermöglicht, Mutterschaft und Arbeit zu verbinden. Dabei sollte unbestritten sein, dass sowohl die Arbeits- als auch die Familienwelt von der weiblichen Erwerbstätigkeit profitieren könnten. Insgesamt braucht es mithin einen politischen Weg, der Maßnahmen setzt, um Geschlechterungleichheiten im Arbeitsleben zu beseitigen: u. a. gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit, gleiche Karrieremöglichkeiten und eine angemessene Work-Life-Balance für alle.

Die Frage der Hausarbeitsdebatte beschäftigt auch Rihab Toumi, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Wien (SJ Wien), wenn Sie auslotet, inwiefern marxistische und damit am Klassenkampf orientierte Positionen mit feministischen Kritikpunkten im Sinne des Geschlechterkampfs kollidieren, es aber dennoch darum geht, die Frauenpolitik deutlich mit der Klassenfrage zu verbinden. Dabei steht unserer Autorin vor allem die feministische Kritik der Marxschen Werttheorie vor Augen, wenn sie gerade deshalb deutlich macht, dass feministische Politik und Kapitalismuskritik zusammenfallen sollten. Denn an die industrielle Produktion schließt die gesellschaftliche Reproduktion an, also die Arbeit, die nötig ist, um die Arbeitskraft für die industrielle Produktion zu reproduzieren. Und hier umfasst die (Re-)Produktionssphäre vor allem die von vielen Frauen (unsichtbar) geleistete Haus-, Familien- und Care-Arbeit, die sie oft auch auf Teilzeitarbeit reduziert. So betont Toumi, dass ökonomische Absicherung und das Aufbrechen von geschlechtlicher Arbeitsteilung keine Gegensätze sein müssen, wenn sie durch eine klassenkämpferische Perspektive und die Vergesellschaftung von Reproduktionsarbeit verbunden werden.

Auch freut es die Redaktion der ZUKUNFT einen viel diskutierten Beitrag von Vojin Saša Vukadinović erneut publizieren zu dürfen, der 2017 in der Emma erschienen ist und im Rahmen der Queer-Szene und der Gender Studies misogyne Tendenzen kritisierte. Das feministische Hauptargument von Vukadinovic besteht nach wie vor darin, der beliebigen Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ bzw. „Frau“ auch im Blick auf die Reproduktionssphäre entgegenzuhalten, dass sie zur Auflösung progressiver Frauenpolitik führen kann. Insofern stellen genau bestimmbare Teile der akademischen Diskussion den Sargnagel für eine progressive und linke Frauenpolitik dar, die in den konkreten Problemen und Bedürfnissen von allen Frauen verankert werden sollte. Frauen, deren Körper eben nicht nur konstruiert sind. Denn, wer vom politischen, religiösen und ökonomischen Machtanspruch auf Frauen nichts wissen will, sondern sie nur für „konstruiert“ hält, wird sich nur schwerlich in einer globalisierten Welt zurechtfinden, in der Frauen ganz konkret, körperlich und nach wie vor ungeheuerlichen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, sei dies z. B. hinsichtlich der Genitalverstümmelung oder der Zwangsverschleierung. Wer sich dem nicht deutlich entgegensetzt, so unser Autor, muss sich mithin den Vorwurf gefallen lassen, zur Aufrechterhaltung dieser Ungeheuerlichkeiten beizutragen.

Ungeheuerlichkeiten, die auch Korinna Schumann, Bundesfrauenvorsitzende des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), zum Anlass nimmt, Care-Arbeit zum Thema ihrer Ausführungen zu machen. Auch sie betont mit allem Nachdruck, dass die ungleiche Verteilung von unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern ganz konkrete und reale Auswirkungen auf die Lebenswelten von Frauen hat: Denn sie führt zu einer indiskutabel großen Lohnlücke, geringerer Produktivität und mangelnder Repräsentation von Frauen in Führungspositionen. Um diese Probleme anzugehen, gibt es verschiedene feministische und ökonomische Ansätze. Besonders wichtig ist, dass Arbeitgeber*innen und Regierungen Maßnahmen ergreifen, um die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz zu bekämpfen. Schumann zeigt deshalb, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit zu fördern, indem u. a. der Ausbau von Infrastruktur im Bereich der Pflege und der Kinderbildung forciert wird. Eines ist dabei sicher: Wenn Frauen und Männer gleichermaßen am Erwerbsleben teilnehmen, verringert sich auch das Einkommensgefälle.

Die geschlechtsspezifisch ungleiche Verteilung von Arbeit diskutieren auch Marina Hanke, Vorsitzende der Wiener SPÖ Frauen, und Marianne Hofbauer, politische Referentin der Wiener SPÖ Frauen, indem sie nachdrücklich die Frage stellen, ob Arbeitsteilung tatsächlich ungleich, unbezahlt und unveränderbar sein muss. So visieren auch Hanke und Hofbauer die Rolle von Reproduktions- bzw. Care-Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem an und sehen in der Frage der (Re-)Produktion den entscheidenden Hebel für eine progressive Frauenpolitik. Ein Fokus liegt dabei auf den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die der Einzug des Neoliberalismus sowohl in der unbezahlten als auch der bezahlten Sphäre der Arbeitswelt mit sich brachte, wodurch diese Sphäre gerade für Frauen mehr und mehr Druck erzeugt. Wenn die Autorinnen dabei Alternativen aufzeigen und die faire Verteilung der Reproduktions-Arbeit zwischen den Geschlechtern fordern, ist dies zutiefst mit einer progressiven politischen und ökonomischen Abkehr von Profitmaximierung hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Organisation des guten (Über-)Lebens für alle Menschen verbunden.

Darüber hinaus präsentieren wir in Kooperation mit der Wiener Bildungsakademie (wba) einen Band der kommunalpolitischen Reihe der Wiener Perspektiven mit dem Titel BESCHÄFTIGUNG FÜR ALLE. Die Zukunft der Arbeit, den Elisabeth Kaiser und Marcus Schober, stellvertretende Direktorin und Direktor der wba, herausgegeben haben. Der Band befasst sich unter anderem mit der Frage, wie ein Arbeitsmarkt der Zukunft im Sinne der Arbeitnehmer*innen aussehen kann und diskutiert dabei mit zahlreichen Beiträgen eingehend ein traditionsreiches Ideal der Arbeiter*innenbewegung, die Vollbeschäftigung.

Die ZUKUNFT lebt von der Tradition, mit jeder Ausgabe eine auch visuell anregende Bildstrecke zu veröffentlichen, weshalb wir der herausragenden Künstlerin Julia Maurer auf das Herzlichste dafür danken wollen, dass Sie uns freimütig ihre liebenswerten und wunderschönen Werke für diese Ausgabe zur Verfügung gestellt hat. Vom Cover weg geht es dabei um eine brennende Hütte, eine Winterstrunkblüte, ein Liebeslied oder auch um die rote Idee eines Sonnenaufgangs. Dem gerecht werdend schließen wir unsere Ausgabe mit einer Präsentation der Künstlerin, die bereit war, der Bildstrecke einen Begleittext zur Seite zu stellen. Wir hoffen sehr, dass unsere Leser*innen die Zeit finden, bei diesen eindrucksvollen Bildern und Worten zu verweilen.

Insgesamt denken wir im Namen der gesamten Redaktion, dass unsere Ausgabe zu Reproduktion erneut unserem Anspruch gerecht wird, eine Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur zu sein. Denn eines ist sicher: All diese Bereiche können ohne den Blick auf die Sphäre der Reproduktion und damit auch nicht ohne eine progressive Frauenpolitik im Sinne aller Formen des Feminismus angemessen erfasst werden.

Es senden herzliche und freundschaftliche Grüße

ELISABETH KAISER UND ALESSANDRO BARBERI

ELISABETH KAISER

hat das Diplomstudium Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien sowie den Masterlehrgang „Führung, Politik und Management“ am FH Campus Wien abgeschlossen. Aktuell absolviert sie das Psychotherapeutische Propädeutikum an der Universität Wien. Von 2008 bis 2016 hat sie in der Funktion der Geschäftsführerin den Verein ega:frauen im zentrum geleitet. Seit Mitte 2016 ist sie als stellvertretende Direktorin der Wiener Bildungsakademie (wba) tätig.

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der Fachzeitschriften ZUKUNFT (www.diezukunft.at) und MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). Er ist Historiker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg, Wien und St. Pölten. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion 32 (Wildganshof/Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.