Wiener Schmäh und großes Herz. Ein ZEITGESPRÄCH VON ROMAN GREGORY UND GERHARD SCHMID

Ein Urgestein der Szene, ein Wiener Original und einer, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, Fremdenfeindlichkeit, Doppelmoral und Pseudo-Expert*innenwissen aufzuzeigen: Niemand geringerer als ROMAN GREGORY, der Gründer von Alkbottle, war zu Gast im ZEITGESPRÄCH mit GERHARD SCHMID. Die ZUKUNFT freut sich mit diesem Beitrag, eine Serie der ZEITGESPRÄCHE eröffnen zu können, die diesmal auch zutiefst mit dem Fußball verbunden sind …

I. Sport als Chance

Roman Groegory hat viel zu erzählen, kann er doch auf einen reichen Erfahrungs- und Erlebnisschatz aus seinem bisherigen Schaffen zurückgreifen. Vom Boxer zum Musiker, zum Radiosprecher und Comedy-Autor, zum Fußballklub-Präsidenten, zum Schauspieler und nebenbei immer auf der richtigen Seite, wenn es um das Miteinander von Menschen geht. Wie er seinen Werdegang beschreibt, ist wahrlich hörens- und sehenswert! Der Wiener Schmäh rennt, sozusagen. Als aufgeweckter Bursch, war es für seine Eltern klar, dass er seine Energien unbedingt im Sport ausleben muss. Zuerst mal probierte er sich als Fußballer, kam aber bald darauf, dass „Mannschaftssport nicht meins ist“. Also wechselte er zum Boxsport, wo er für Erfolg oder Misserfolg selbst verantwortlich war, und erfolgreich war er, er wurde sogar zweimal Amateur-Boxmeister. Dem Boxen fühlt er sich noch immer verbunden, findet aber, dass sich einiges im Sport geändert hat, vor allem deshalb, weil viele Kinder heute lieber Playstation spielen als Sport zu machen. Vom fehlenden Schulsport ganz zu schweigen. Kinder mit Migrationshintergrund hingegen findet man vermehrt in Sportvereinen, auch beim Boxen, auch in den Fußballkäfigen, in den Parks. Da spielt die Sprachbarriere keine Rolle, anders als in der Schule. Sport also als Chance für Integration.

Roman Gregory © Wikimedia Commons – Autor: Manfred Werner/Tsui

II. Ziel: Rockstar

Zu Romans Engagement für Menschen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, später mehr. Jetzt mal chronologisch weiter und zurück zu seiner Box-Karriere: Die endete recht abrupt, denn da kam ihm die Musik dazwischen: Rockstar zu werden, war das Ziel! Eine Gitarre wurde angeschafft und die Akkorde von Smoke on the water waren schnell gefunden, der Titel aber auf Alk in the bottlegeändert und daraus entstand der Bandname Alkbottle. Wobei: Die Band musste erst zusammengesucht werden, alle Mitglieder waren Anfänger an ihren Instrumenten, Learning by Doing – und das mit Erfolg. Die erste LP wurde noch eigenhändig in die Stores getragen, auf Kommission verkauft und schlug gleich ein. Bald kam der erste Vertrag mit einer Plattenfirma, die ersten Tourneen folgten, zuerst nur in Österreich, dann auch im Ausland. Auf No sleep till Meidling 1993, folgten 1994 Blader, fetter, lauter & a bißl mehr und danach zahlreiche LPs/CDs im typischen Alkbottle-Stil. Nach einigen Bandauflösungen und Wiedervereinigungen wurde 2021 die endgültige Bandauflösung bekannt gegeben. 

Aber für Roman Gregory kein Grund, die Musikkarriere zu beenden. Im Gegenteil: Er macht immer schon seine eigenen Projekte. Zum Beispiel Dean Martin auf Wienerisch, da wurde aus That’s amore das Wienerische Es gibt Zores. Oder die Falco-Cybershow, ein Musical, das nie als Musical gemeint war, wie er sagt, sondern „eine Mischung aus Marilyn Manson und Drahdiwaberl“. Regie führte übrigens Paulus Manker. Auch beim Radio war er tätig, zuerst bei Antenne Wien, dann bei Ö3. Als Sprecher, aber vor allem als Comedy-Autor. Schmäh war ja immer schon da.

III. Fußball mit sozialem Engagement

Und irgendwann kam das Angebot, Präsident des SC Wiener Viktoria zu werden. Jenes Klubs, bei dem er als Jugendlicher seine ersten Schritte als Fußballer gemacht hatte, bevor er sich dem Boxen zuwandte. Gregory hat zugesagt, unter der Bedingung, den Verein mit sozialem Engagement zu verknüpfen. Von denjenigen, die gegen jegliche Neuerung waren, weil „so machen wir’s schon seit 100 Jahren, und so machen wir’s noch 100 Jahre“, und denen, die „bekennende Rassisten“ waren, hat man sich getrennt. Und zum Einstand wurden in der Kantine gleich mal türkisches Bier und Kebap verkauft. Einerseits, um ein Statement zu setzen und andererseits, um zu zeigen, dass jedes Vereinsmitglied, egal welcher Religion, egal welcher Herkunft, egal welcher Hautfarbe, hier willkommen ist.

Und: „Wir haben Obdachlose in unseren Garderoben übernachten lassen“, in kalten Nächten, wenn die Asylheime schon voll waren, wurden Menschen aufgenommen. In seiner Zeit als Präsident wurden verschiedenste soziale Betätigungsfelder gesucht und auch gefunden, um zu zeigen: es kann jeder etwas machen. Jeder Wiener Verein macht das, macht Nachwuchsarbeit, nimmt sich der jungen Menschen an, sagt Gregory. Der Migrationsanteil in den Klubs ist hoch, Nachwuchsarbeit ist daher auch wichtige Migrationsarbeit. Man merkt im Gespräch, dass es ihm um mehr geht, als einen Fußballklub zu führen oder Musik zu machen. Ihm geht es immer ums Miteinander, ums Zusammenhalten. Und er geht mit gutem Beispiel voran. Sein Motto: Nicht nur reden, sondern auch machen!

Das gilt auch beim Umweltthema: Da gibt’s die, die auf nichts verzichten wollen, die, denen’s wurscht ist, weil sie die Folgen der Klimakrise eh nicht mehr erleben werden. Und dann gibt’s diejenigen, die etwas ändern wollen, weil es um ihre Zukunft geht, und um die Zukunft der nächsten Generationen. Die Gräben zwischen diesen Blöcken sind tief, sie zu glätten ist nicht einfach. Wissenschafter warnen seit Jahrzehnten vor den Auswirkungen des Klimawandels, aber das Thema wird nicht wirklich ernst genommen, und den Wissenschaftern wird unterstellt, dass sie bezahlt werden. Womit wir beim nächsten Thema des Gesprächs angelangt sind …

Roman Gregory bei Gerhard Schmid in den ZEITGESPRÄCHEN in der Wiener Urania © Richard Tanzer

IV. Populisten und Verschwörungstheorien

Seit der Corona-Pandemie sehen wir: Die Themen wechseln, aber die Leute, die Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreiten, bleiben die gleichen. Corona, Klimawandel, Ukraine-Krieg, Nahost-Konflikt. Roman Gregory: „Es gibt so viele Experten mittlerweile, die ja alle das Youtube-Studium und den Google-Doktor gemacht haben.“ Der Populist haut auf den Tisch, stellt Behauptungen auf, verkündet scheinbar einfache Antworten auf die Probleme unserer Zeit und die Menschen glauben das, weil es einfach klingt. Gregory: „Man darf es den Populisten aber nicht so leicht machen, da muss man dagegen argumentieren und Argumente anführen, die auch einfach sind und für die Leute einfach zu verstehen sind.“

Rechts ist für Roman Gregory sowieso schlicht der falsche Weg, denn: „Wir leben alle auf demselben Planeten. Da wäre es doch sinnvoll, wenn man zusammenhalten, sich gemeinsam weiterentwickeln würde. Aber, so Gregory: „Die Trotteln sind überall gleichmäßig verteilt. Wenn zehn Leute zusammenstehen, hast du drei Volltrotteln dabei.“ Das ist übrigens der Text eines Songs vom brandneuen Album Wödscheibm, das Lied heißt: Leit san deppat. Womit wir abschließend zu seiner aktuellen CD/LP kommen. Im April 2023 erschienen, nimmt er sich in bekannt humorvoller Manier brandaktuellen Themen, wie dem Klimawandel (Owe vom Gas), der Querdenkerszene (I kenn mi aus), dem Wertstoffkreislauf (Mei klana Bastlerhit), Gewalt in der Familie (Brachoidasrauch) oder der Kritik an Elitengesellschaften (Leit san deppat) an, kommt dabei aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger aus. Denn auch mit Selbstironie (Schau ma amoiInzwischen FischenTrafikSunntog Nochmittog) wird bei Roman Gregory schon aus Tradition nicht gegeizt, wobei doch stets eine positive Grundhaltung (Mei Raket’nA leiwande ZeitWeida geht’s) hochgehalten wird.

V. Die nächsten Projekte

Im April 2024 geht er wieder auf Tour, mit seinem aktuellen Album. Und nächstes Jahr steht auch wieder der Band-Fußball-Cup an. Bands spielen gegeneinander Fußball für den guten Zweck: für die Wiener Frauenhäuser. Eine Initiative von Roman Gregory, organisiert wie jedes Jahr gemeinsam mit seiner Gattin.

Roman Gregory

  • Geboren am 02.03.1971 in Wien
  • gelernter Reprotechniker 
  • Sänger, Moderator, Sprecher, Autor, Schauspieler
  • Wiener Amateur Boxmeister 1987, 1988
  • Präsident des SC Wiener Viktoria 2006–2022
  • Alkbottle 1993–2021 (mit Unterbrechungen)
  • Initiator des Band Fußball Cups zugunsten der Wiener Frauenhäuser
  • Zahlreiche Projekte, Alben, Engagements
  • Aktuelles Album: Wödscheibm (2023)
  • Weitere Infos online unter: www.romangregory.com (letzter Zugriff: 01.12.2023)

ZEITGESPRÄCHE   mit Gerhard Schmid

Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten – als Audio, Video und als Buch 

Im Juni 2020 hat die SPÖ-Bundesbildungsorganisation in Zusammenarbeit mit der SPÖ-Bundesgeschäftsstelle, dem Karl-Renner-Institut, dem Roten Rathausklub und der Wiener Bildungsakademie das neue Kommunikationsformat „ZEITGESPRÄCHE mit Gerhard Schmid“ gestartet. Gastgeber all dieser Gespräche ist SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Gerhard Schmid. Zu Wort kommen Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Sport, Religion, Politik und Medien. Seither wurden bereits 80 ZEITGESPRÄCHE absolviert und u. a. auf Facebook und YouTube veröffentlicht. Gesprächspartner*innen waren bisher unter anderem Alma Deutscher, Hugo Portisch, Toni Faber, Käthe Sasso, Barbara Blaha, Paulus Manker, Hannah Lessing, Otto Retzer, Jean Asselborn, Kid Pex und viele weitere spannende Persönlichkeiten. Auch zwei Bücher mit den Highlights der ZEITGESPRÄCHE sind bereits erschienen.

Weitere Informationen online unter:: https://zeitgespraeche-gerhard-schmid.at/

Zu sehen auf Facebook, YouTube, TikTok

Zu hören auf Spotify, Amazon, Apple Podcasts

Zum Nachlesen: 

  • ZEIT.GESPRÄCHE, echomedia buchverlag, 2021
  • ZEIT.GESPRÄCHE, Band 2, ÖGB-Verlag, 2022

GERHARD SCHMID

ist ehemaliger SPÖ-Bundesgeschäftsführer und aktuell u. a. Bezirksparteivorsitzender in Hietzing, Bundesbildungsvorsitzender der SPÖ sowie Mitglied des Wiener Gemeinderates und Landtags. Schmid ist Autor zahlreicher Publikationen und unterrichtet regelmäßig an der Universität Wien. Er ist Mitglied des Kuratoriums des SK Rapid Wien