Der gebürtige Wiener Otto Skorzeny war, wie HARALD STUTTE darstellt, nicht nur Hitlers Mann für Spezialoperationen. In Amerika und Großbritannien gilt er als Erfinder von Enthauptungsschlägen und Kommandounternehmen. Selbst der Mossad sollte auf den unverbesserlichen Nazi zurückgreifen.
I. Einleitung
‚Enthauptungsschläge‘, Kommandounternehmen, ausgeführt von ‚Special Forces‘ sind Bestandteil moderner Kriegsführung, wie Israel im vergangenen Jahr mit dem handstreichartigen Ausschalten der iranischen Militärführung demonstrierte.[1] Ein Mann, der vor rund fünfzig Jahren starb, wird weltweit als ‚Erfinder‘ dieser Kriegsführung ausgemacht – bis ans Ende seiner Tage war er ein überzeugter Nazi: Otto Skorzeny.
Der gebürtige Wiener, ein Fast-Zwei-Meter-Hüne mit auffälligen Duellnarben im Gesicht, arbeitete nach dem Krieg für CIA und Mossad, inspirierte zudem mit seiner Geschichte die James-Bond-Autoren. Für den Wiener Historiker Thomas Riegler, Autor des Buches Der Wiener Spionagezirkel, hatte Skorzeny vor allem ein Talent: als Selbstdarsteller und unermüdlicher Schöpfer des eigenen Mythos.

Abb. 1: Otto Skorzeny, 08.02.1963 © Dutch National Archives/Wikimedia Commons
II. Der Mythos vom ‚Duce-Befreier‘
Nach dem 12. September 1943 tauchte der bis dato namenlose Hauptsturmführer der Waffen-SS plötzlich weltweit auf Fotos und in Wochenschauen an der Seite des italienischen Hitler-Vasallen Benito Mussolini auf. Wie kam es dazu?
Ende 1943 befand sich das Nazi-Reich in einer schwierigen Lage. Der rasche Vormarsch der Alliierten in Süditalien hatte zu Mussolinis Sturz geführt. Hitlers wichtigster Verbündeter Italien wechselte die Seite. Deutschland drohte eine neue Front.
In einem spektakulären Coup (‚Unternehmen Eiche‘) ‚befreite‘ ein deutsches Kommando aus Fallschirmjägern und Waffen-SS an jenem 12. September 1943 den im Hotel ‚Campo Imperatore‘ auf dem Gran Sasso nordöstlich von Rom inhaftierten ‚Duce‘. Das Kommando landete mit Lastenseglern auf dem Hochplateau. Skorzeny trat Mussolini mit den Worten gegenüber: ‚Duce, der Führer hat mir den Befehl gegeben, Sie zu befreien.‘
Zurück ging es im kleinen Leichtbauflugzeug – an Bord neben Mussolini nur Skorzeny, dessen Körperfülle den ‚Fieseler Storch‘ beinahe abstürzen ließ. Der Mythos des ‚Mussolini-Befreiers‘ war geboren. Skorzeny wurde im Führerhauptquartier empfangen, erhielt das Ritterkreuz.

Abb. 2: Otto Skorzeny (Mitte) mit Benito Mussolini nach dem ‚Unternehmen Eiche‘ am 12.09.1943 © Deutsches Bundesarchiv/Wikimedia Commons
Bis heute gilt das ‚Unternehmen Eiche‘ in der US-Armee als Meilenstein, wie Geheimdienstexperte Riegler betont:
„Admiral William H. McRaven, als Oberbefehlshaber des US Special Operations Command befehligte er die ‚Operation Neptun Spear‘, die 2011 zum Tod Bin Ladens führte, lobte diese Aktion ausdrücklich in seiner Abschlussarbeit.“
III. Die historische Wahrheit
Glaubt man der NS-Propaganda, war die Aktion ein tolldreistes Husarenstück, das vor allem Skorzenys Handschrift trug, unterfüttert von zahllosen Fotos, auf denen der Österreicher neben Mussolini posierte.
Riegler hält diese bis heute verbreitete Wahrnehmung für „eine Übertreibung, die das Produkt eines modernen, geradezu offensiven Verständnisses von Eigen-PR durch den damals 35-jährigen Skorzeny“ sei. In Wahrheit „war der nämlich gar nicht Kommandeur der Aktion, die wiederum gar keine echte ‚Befreiung‘ war“, wie Riegler noch erläutern wird.
Federführend war das Fallschirmjäger-Lehrbataillon der Luftstreitkräfte. „Skorzeny und seine 16 SS-Kameraden waren nur als Beobachter und zur Sicherung der Landezone dabei“, so Riegler. Skorzeny „drängte sich in den Vordergrund und bewies ein großes Gespür für Publicity“, sagt der Historiker. Und erfüllte nebenbei „einen Auftrag Himmlers, die Sondereinsatzkräfte der Waffen-SS stärker in den Vordergrund treten zu lassen“.
In Wahrheit war es „ein perfekt eingefädelter Propaganda-Coup der SS“. 73 bewaffnete Italiener hätten das Häuflein Angreifer leicht ausschalten können, doch sie hatten laut Riegler Befehl erhalten, nicht zu schießen. Weil Italiens „Putsch-Regierung“ von Pietro Badoglio auf „maximale Zurückhaltung“ gegenüber dem ehemaligen Verbündeten setzte.
IV. Hitlers Mann für Höllenkommandos
Auch den Mythos, Skorzeny sei der ‚Erfinder‘ von Kommandounternehmen gewesen, möchte Riegler ausräumen: Zuvor hatten bereits die ‚Brandenburger‘ des Wehrmachtgeheimdienstes Abwehr solche Missionen ausgeführt. „1941 entstand im Nordafrikafeldzug das britische ‚Special Air Service‘ (SAS). Gründer David Stirling bezog sich später auf Skorzeny, was vor allem daran lag, dass der Österreicher seine Aktionen sehr prominent verkaufte“, ordnet der Historiker ein. Nach Skorzenys Coup entstand innerhalb der Waffen-SS ein eigenes Fallschirmjäger-Bataillon, welches dann allerdings bei einer missglückten Aktion zur Ausschaltung des jugoslawischen Partisanen-Generals Tito schwere Verluste hinnehmen musste.
Zwei weitere Aktionen trugen bis Kriegsende Skorzenys Handschrift: Beim ‚Unternehmen Panzerfaust‘ im Oktober 1944 verhinderte die Entführung des Sohns des ungarischen Hitler-Verbündeten Miklos Horthy dessen Übertritt auf die Seite der Alliierten. Während der Ardennenoffensive im Dezember 1944 setzten sich beim ‚Unternehmen Greif‘ Hunderte Kämpfer Skorzenys, einige davon fließend Englisch sprechend, in amerikanischen Uniformen im Hinterland der Alliierten ab, sorgten vorübergehend für Chaos.
V. Der gefährlichste Mann Europas
Mitte Mai 1945 ergab sich Skorzeny, von den Amerikanern als ‚Scarface‘, Narbengesicht, zur Fahndung ausgeschrieben. Vor einem Militärtribunal bezeichnete ihn Chefankläger Albert Rosenfeld als „the most dangerous man in Europe“, den gefährlichsten Mann Europas.
Dennoch wurde er im September 1947 freigesprochen. Ein britischer Offizier der Special Operations Executive entlastete ihn, bestätigte, auch Alliierte hätten sich als deutsche Soldaten verkleidet. Für den Historiker Thomas Riegler war Skorzeny jedoch „ein brutaler Kriegsrichter, der in den letzten Kriegsmonaten Deserteure und Zivilisten hinrichten ließ – aber er wurde nie wegen Kriegsverbrechen verfolgt. Auch, weil man ihn seitens der Alliierten als Verbündeten im Kalten Krieg ansah“.
Deutsche Ermittlungen drohten, doch Skorzeny floh im Juli 1948 aus dem Internierungslager Darmstadt. Mutmaßlich halfen alte oder bereits neue Freunde.
VI. Der Märchenerzähler
1950 erschien sein erstes Buch Geheimkommando Skorzeny im Hansa Verlag, die Illustrierte Quickzahlte für den Vorabdruck sagenhafte 30.000 DM, ähnlich viel Geld floss vom französischen Figaro. Weitere Bücher machten Skorzeny reich. Allein in Großbritannien erschienen drei Biografien, in denen Skorzenys Darstellungen überwiegend kritiklos übernommen wurden.
Selbst Dwight D. Eisenhower, alliierter Oberbefehlshaber und später US-Präsident, besaß ein Skorzeny-Bild, wie Riegler bemerkt. Aus Respekt vor einem „fähigen Gegenspieler – aber auch aufgrund maßloser Überschätzung“, so Riegler:
„Während der erwähnten Ardennenoffensive gab es unter den Amerikanern Befürchtungen, mit ihrer ‚False Flag‘-Operation könnten Skorzenys SS-Leute bis Paris durchdringen und Eisenhower ermorden.“
Die Angst der Alliierten „nährte den Mythos Skorzeny, der wiederum nichts tat, um gegenzusteuern“. 1959 widmete die BBC eine Folge der Serie Männer der Tat Skorzeny. Ein britischer General bezeichnet ihn da als „modernen Freibeuter erster Güte“.
Skorzeny sonnte sich in diesem Ruhm, gab bereitwillig Interviews in akzentfreiem Englisch oder auf Spanisch. Der auflagenstarke Autor verkaufte sich als unpolitischer Experte in Sachen ‚Special Forces‘, dessen Expertise bei Revolutionären wie Fidel Castro ebenso gefragt sei wie bei der CIA.
Für die Medien wurde er zum Lieblingsschurken, was ihn selbst belustigte:
„Von 1957 bis 1960 habe ich gleichzeitig eine Armee in Indien organisiert und eine andere im Kongo, habe gleichzeitig die algerische FLN (Front de Libération Nationale) und die französische OAS (Organisation de l’armée secrète) beliefert und beraten, und dank meiner irischen Schafe konnte ich mich auch noch für die Aktivitäten der IRA interessieren“,
scherzte er in einem Interview.
Am Ende schaffte er es sogar auf die Leinwand der Kinos: Als Superschurke Hugo Drax (Moonraker, 1955) verewigte ihn der britische James-Bond-Erfinder Ian Fleming, auch Auric Goldfinger (1964) ähnelte ihm sehr.
VII. Tod und Comeback in der Popwelt
In Spanien fand Otto Skorzeny eine neue Heimat. tatsächlich lebte es sich gut als Nazi im Sonnenstaat unter der Franco-Diktatur. Als Rolf Steinbauer war er als Waffenhändler tätig, vertrat zudem deutsche und österreichische Unternehmen. „In Spanien fühle ich mich frei. Hier kann ich meine Maske abnehmen“, sagte er einer englischen Zeitung.[2] Ab 1960 trat er nur noch unter seinem echten Namen auf.
Er umgab sich mit Freunden: dem ehemaligen belgischen SS-Führer León Degrelle und Otto Remer, einst Kommandeur des Wachbataillons ‚Großdeutschland‘. Am 20. Juli 1944 hatten er und Remer nach dem misslungen Hitler-Attentat der Gruppe um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Putschisten aufgehalten. Remer und Skorzeny lebten in Marbella.
In Deutschland, zumindest im Osten, wurde Skorzeny 1962 nach Erscheinen eines ‚Enthüllungsbuchs‘ vorübergehend sehr bekannt: Die Jagd nach dem Narbengesicht titelte Autor Julius Mader ein Enthüllungsbuch über Skorzeny, das im Auftragswerk des Ministeriums für Staatssicherheit erschienen war. Im Buch wurde Skorzeny reißerisch und bar jeglicher Beweise zu einem ‚abgetauchten‘ Kalten Krieger des Adenauer-Regimes umfunktioniert.
In Wahrheit versteckte sich Skorzeny nicht. Er schulte ‚Spezialkräfte‘, verkaufte sich jedem Regime, das zahlte: So rekrutierte er auch ehemalige NS-Fachleute für Ägypten, die dort am Raketenprogramm des Moskau-Verbündeten Nasser arbeiteten.
Im Jahr 2016 enthüllte die israelische Zeitung Haaretz,[3] dass Skorzeny seit Anfang 1962 vom israelischen Geheimdienst Mossad verpflichtet worden sei – als Auftragskiller. Der Deal: Falls er Ägyptens Raketenprogramm stoppte, bliebe er als NS-Täter unbehelligt. Bei Skorzenys erstem Opfer soll es sich tatsächlich um den Raketen-Spezialisten Heinz Krug gehandelt haben. Der ehemalige Mitarbeiter des deutschen Raketenpioniers Wernher von Braun, der für die ägyptische Regierung arbeitete, verschwand 1962 spurlos nahe München.
Was ist wahr? Skorzeny nahm das Geheimnis mit ins Grab. Der Kettenraucher starb 67-jährig am 5. Juli 1975 in Madrid an Krebs – vier Monate vor seinem Beschützer Francisco Franco.

Abb. 3: Besucher des Begräbnisses von Otto Skorzeny am 05.05.1975 in Madrid geben dem Verstorbenem mit dem Nazi-Gruß ein letztes Geleit. Filmstill von www.youtube.com/watch?v=Oz6tBrK58u4
Und selbst heute, Jahrzehnte nach seinem Tod, erfährt Skorzeny, der mysteriöse Super-Schurke, ein seltsames Comeback in der Popwelt: In der Graphic Novel Atomic Robo and the Dogs of War hatte Skorzeny einen Auftritt. Ebenso im japanischen Manga The Legend of Koizumi. Darin kehrt er im Ufo auf die Erde zurück um im Kampf zwischen einer ‚Earth Alliance‘ und dem ‚Fourth Reich‘ (Vierten Reich) mitzumischen.
HARALD STUTTE
studierte Politologie und Geschichte in Hamburg und ist ein deutscher Journalist und Buchautor. ER hat im Rowohlt-Verlag bislang sieben Bücher veröffentlicht, zuletzt die autobiografische Erzählung: Wir wünschten uns Flügel. Eine turbulente Jugend in der DDR – und ein Fluchtversuch (2023).
[1] Dieser Beitrag erschien erstmals am 05.07.2025 im Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), online unter: www.rnd.de/politik/der-mythos-skorzeny-vom-nazi-offizier-zum-cia-und-mossad-agenten-RCMWNH7VZ5BOPCKFQXQPYIM6GA.html (letzter Zugriff: 15.01.2026).
[2] Vgl. online unter: www.mallorcazeitung.es/panorama/2008/01/17/spanien-ein-paradies-fuer-hitlers-54214926.html (letzter Zugriff: 15.01.2026).
[3] Vgl. online: www.haaretz.com/jewish/holocaust-remembrance-day/2016-03-27/ty-article/the-strange-case-of-a-nazi-who-became-a-mossad-hitman/0000017f-df03-df9c-a17f-ff1b3c520000 (letzter Zugriff: 15.01.2026).
