Der Beitrag von EMIL PENZENSTADLER führt in die historischen Ideen und Kontexte der Aufklärung zwischen Philosophie und Naturwissenschaft ein und belegt so die Zeitlosigkeit der größten Emanzipationsbewegung der Menschheitsgeschichte. Und nach wie vor gilt, dass die Welt nicht länger im Dunkel eines göttlichen Plans verborgen liegt, sondern durch menschliche Vernunft erkennbar ist.
I. Einleitung
Es gibt Wendepunkte in der Geschichte des Denkens, an denen sich nicht nur die Antworten ändern, sondern die Fragen selbst. Die Aufklärung war ein solcher Wendepunkt. Sie stellte die Menschheit vor eine neue Haltung: nicht mehr blindes Vertrauen in überlieferte Autoritäten, sondern der Mut, selbst zu fragen und die Welt mit der eigenen Vernunft zu erforschen. Im Zentrum dieser Bewegung steht ein Mann, dessen Name bis heute wie ein Synonym für wissenschaftliche Klarheit wirkt: Isaac Newton. Um zu begreifen, warum Newton zum Symbol der Aufklärung wurde, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, welche Fragen vor der Aufklärung gestellt – oder gar nicht gestellt – wurden.
II. Vor der Aufklärung – die Welt der göttlichen Ordnung
Über viele Jahrhunderte war die Welterklärung eingebettet in eine religiöse und teleologische Ordnung. Die Natur erschien nicht als ein Geflecht von Gesetzen, sondern als Ausdruck eines göttlichen Plans. Bereits bei Aristoteles heißt es sinngemäß: „Alles Streben der Körper ist auf den Ort gerichtet, der ihnen eigen ist.“ Ein Stein fällt, weil es seiner Natur entspricht, „nach unten“ zu gehen; das Feuer steigt, weil es zum Himmel gehört. Die Scholastik des Mittelalters übernahm dieses Weltbild und verschmolz es mit der christlichen Theologie: Gott galt als höchste Ursache und letzter Sinn. Ein Naturphänomen musste deshalb nicht mechanisch hinterfragt werden – es genügte, es in die Ordnung der Schöpfung einzuordnen. Die Frage nach dem Warum war im Grunde vorab beantwortet: „Warum fällt der Stein? – Weil Gott es so eingerichtet hat.“ Dieses Warum war ein Warum nach Sinn, nicht nach Mechanismus; es richtete den Blick nach oben, nicht in die Dinge selbst.

Abb. 1: Giuseppe Bertini (1858): Galileo Galilei zeigt dem Dogen von Venedig, wie man das Teleskop benutzt © Wikimedia Commons
III. Erste Risse – Kopernikus, Galilei, Kepler
In der frühen Neuzeit begannen diese Gewissheiten zu bröckeln. Kopernikus rückte die Erde aus dem Zentrum, Galilei prüfte Bewegungen experimentell. Am deutlichsten wird der Übergang jedoch bei Johannes Kepler: Auf Grundlage von Tychos Beobachtungen formulierte er in der Astronomia Nova (1609) sein erstes und zweites Gesetz und bekannte: „Die Bahn des Planeten ist kein Kreis, sondern eine Ellipse, mit der Sonne in einem Brennpunkt.“ Später entfaltete er in Harmonices Mundi (1619) eine große kosmische Harmonie und schrieb, die Geometrie sei „vor aller Schöpfung im Geist Gottes gewesen“.
Diese Einsichten waren epochal – aber sie blieben Tatsachen. Kepler beschrieb, wie die Planeten sich bewegen; er erklärte noch nicht, warum sie sich so bewegen und nicht anders, außer im Sinne einer metaphysischen Harmonie.
IV. Newtons Wende – vom „Warum“ zum „Wie“
Mit Newton änderte sich die Perspektive endgültig. In den Principia (1687) formulierte er Bewegungsgesetze und das Gravitationsgesetz und machte die Natur nicht länger zum Gegenstand einer Sinnsuche, sondern der Gesetzmäßigkeit. Newton fragte nicht mehr: „Warum fällt der Stein?“ (im Sinne einer letzten Ursache), sondern: „Wie fällt er?“ Mit welcher Geschwindigkeit, auf welcher Bahn, in welcher Abhängigkeit von Masse und Kraft?
Sein berühmtes Diktum Hypotheses non fingo („Ich erfinde keine Hypothesen“) markiert diese Verschiebung: keine spekulativen Letztbegründungen, sondern strenge Ableitungen aus Beobachtung und Rechnung. Das metaphysische Warum wich dem naturwissenschaftlichen Wie.
Doch Newtons Genie erschöpfte sich nicht im Gravitationsgesetz. Seine Beiträge zur Optik, etwa die Entdeckung, dass weißes Licht aus einem Spektrum von Farben besteht, revolutionierten das Verständnis des Lichts. Mit dem Bau des Spiegelteleskops eröffnete er neue Möglichkeiten der Himmelsbeobachtung. Zudem entwickelte er die Infinitesimalrechnung (parallel zu Leibniz), die bis heute das Fundament der modernen Mathematik und Physik bildet. Seine Mechanik legte das Fundament für die klassische Physik, in der Begriffe wie Trägheit, Kraft und Impuls präzise definiert wurden. Diese Vielseitigkeit machte ihn nicht nur zum Begründer einer neuen Physik, sondern zu einem Universalgelehrten der Aufklärung.
V. Kepler und Newton – Beobachtung und Theorie
Die Sprengkraft dieser Haltung zeigt sich im Verhältnis zu Kepler. Kepler hatte die Bahnen beschrieben; Newton erklärte sie. Aus den Bewegungsgesetzen und der universellen Gravitation ergab sich, dass die Keplerschen Gesetze notwendige Folgen allgemeiner Prinzipien sind. Keplers Ellipsen, sein Flächensatz, das Gesetz der Umlaufzeiten – sie sind keine isolierten Tatsachen, sondern Konsequenzen einer tieferen Ordnung.
Damit wurde die Naturwissenschaft zur theoretischen Physik: Sie beschränkte sich nicht auf Beschreibung, sondern deduzierte Phänomene aus universalen Gesetzen. Was bei Kepler Beobachtung war, wurde bei Newton Theorie. Der Übergang von der Frage „Warum ist es so?“ (als Sinnfrage) zur Antwort „Es muss so sein“ (unter Geltung des Gesetzes) markiert die Geburt eines neuen Wissenschaftsverständnisses.
Darüber hinaus verdeutlicht der Vergleich von Kepler und Newton, wie sich die Rolle der Mathematik wandelte: Bei Kepler war sie vor allem ein Werkzeug zur Beschreibung der Harmonie des Kosmos, während Newton sie zu einem universellen Instrument der Erklärung erhob. Keplers Arbeit war empirisch beeindruckend, aber er blieb in der Tradition metaphysischer Deutungen verhaftet. Newton hingegen verband präzise Messungen mit einer allgemeinen Theorie, die nicht nur Planetenbahnen, sondern auch das Fallen von Äpfeln oder die Gezeiten des Meeres umfasste. Dadurch entstand erstmals ein einheitliches Bild der Natur, das Himmel und Erde denselben Gesetzen unterwarf. Dieses Zusammenführen der „irdischen“ und „himmlischen“ Physik war ein intellektueller Durchbruch, der den modernen Wissenschaftsbegriff prägte.

Abb. 2: Portrait von Isaac Newton (1712) © Wikimedia Commons
VI. Newton als Leitfigur der Aufklärung
Für die Denker der Aufklärung war Newton mehr als ein Physiker. Er wurde zum Muster der Vernunft und zum Symbol einer neuen Epoche. Voltaire feiert Newton als den, der das Universum durch Beweise statt Hypothesen erschloss, und machte ihn damit in ganz Europa bekannt. Montesquieu übertrug das Modell universaler Gesetze auf Gesellschaft und Politik: so wie Naturgesetze universell wirken, könne auch das Rechtssystem durch allgemeine Prinzipien verstanden werden. Locke und Hume sahen in Newton ein Vorbild für empirisches Denken, das sich auf Erfahrung und Beobachtung stützt. Kant schließlich fasste das Programm in den Wahlspruch: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Newton verkörperte genau dies: die Fähigkeit der Vernunft, Ordnung ohne Rückgriff auf Autorität und Tradition zu erkennen.
Darüber hinaus war Newtons Einfluss nicht auf die Physik beschränkt. Sein methodisches Vorgehen – Beobachten, Mathematisieren, Prüfen – wurde zum Maßstab für alle Wissenschaften. In Frankreich entstand die „philosophie naturelle“ als Inbegriff einer vernünftigen Weltdeutung, in Deutschland sprach man von der „Newtonischen Weltmaschine“. Auch in Kunst und Literatur wurde Newton als Verkörperung des Lichts und der Klarheit verehrt. Der Kult um seine Person erreichte im 18. Jahrhundert eine fast mythische Dimension: Newton galt als derjenige, der das verborgene Buch der Natur aufgeschlagen hatte. Sein Werk diente als Beleg, dass die menschliche Vernunft in der Lage ist, die tiefsten Strukturen der Welt zu erfassen.
VII. Wirkung und Grenzen
Die Newtonsche Physik ließ die Welt als eine wohlgeordnete Maschine erscheinen, deren Abläufe vorhersehbar und berechenbar schienen. Diese Sichtweise nährte einen machtvollen Fortschrittsoptimismus: Wenn der Mensch die Naturgesetze versteht, kann er sie nutzen und die Welt gestalten. Doch mit diesem mechanistischen Weltbild gingen auch grundlegende Spannungen einher.
Zum einen warf die Vorstellung eines deterministischen Universums die Frage auf, wie sich menschliche Freiheit, moralische Verantwortung und kreative Schöpfung in einem rein kausalen System erklären ließen. Wenn alles – auch der Mensch – den Gesetzen der Mechanik unterworfen ist, wo bleibt dann Raum für Willensfreiheit? Diese Debatte sollte die Philosophie der Aufklärung und darüber hinaus prägen.
Zum anderen blieb Newton selbst zeitlebens ein gläubiger Christ, für den die mathematische Ordnung der Natur Ausdruck göttlicher Vernunft war. Seine berühmte Aussage Hypotheses non fingo bezog sich gerade nicht auf die Ablehnung Gottes, sondern auf die Weigerung, über die Ursache der Gravitation zu spekulieren – sie war für ihn ein unerklärliches Wirken Gottes in der Welt.
Viele Aufklärer jedoch, darunter Voltaire und d’Alembert, sahen in Newtons Werk vor allem die Befreiung der Naturerklärung von theologischen Vorannahmen. Für sie lag der eigentliche Gewinn darin, dass Wissen fortan unabhängig von Offenbarung, allein durch Vernunft und Erfahrung, begründet werden konnte. Damit wurde Newton zum Symbol einer säkularen Vernunft, auch wenn er selbst diese Deutung nicht vollständig geteilt hätte.
Erst im 19. und 20. Jahrhundert sollten die Grenzen des Newtonischen Paradigmas sichtbar werden – etwa durch die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, die Newtons Mechanik als Spezialfall innerhalb eines komplexeren physikalischen Kosmos entlarvten. Doch für das 18. Jahrhundert blieb Newtons Weltmaschine das leuchtende Vorbild einer vernunftgeleiteten Wissenschaft.
VIII. Schluss – ein Wandel der Fragen
Die Revolution Newtons liegt nicht allein in Formeln, sondern im Wechsel der Fragestellung. Vor der Aufklärung lautete die Antwort: „Warum fällt der Stein? – Weil Gott es so eingerichtet hat.“ Mit Newton begann die Wissenschaft zu fragen: „Wie fällt der Stein? – Nach welchem Gesetz, in welchem Verhältnis von Kraft und Masse?“
Im Übergang von Kepler zu Newton wird dieser Unterschied sichtbar: Kepler beschrieb; Newton erklärte. Das Warum der Theologie wurde vom Wie der Wissenschaft abgelöst. So wurde Newton zum Symbol der Aufklärung: Er zeigte, dass die Welt nicht länger im Dunkel eines göttlichen Plans verborgen liegt, sondern durch menschliche Vernunft erkennbar ist.
Quellen und Zitate
- Aristoteles: Physik, Buch IV, Kap. 1–8. Übers. Hans Günter Zekl. Hamburg: Meiner, 1995. Zitat: „Alles Streben der Körper ist auf den Ort gerichtet, der ihnen eigen ist.“
- Johannes Kepler: Astronomia Nova. Heidelberg: E. L. Vögelin, 1609. Zitat: „Die Bahn des Planeten ist kein Kreis, sondern eine Ellipse, mit der Sonne in einem Brennpunkt.“
- Johannes Kepler: Harmonices Mundi. Linz, 1619. Zitat: „Die Geometrie ist vor aller Schöpfung im Geist Gottes gewesen; sie ist das Bild Gottes selbst.“
- Isaac Newton: Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. London: Royal Society, 1687. Zitat: Hypotheses non fingo.
- Voltaire: Éléments de la philosophie de Newton. Amsterdam: Gabriel Cramer, 1738. Zitat: „Ein einziger Mann hat das Universum enthüllt, und er war bescheiden genug, die Natur nicht durch Hypothesen zu verhüllen, sondern sie durch Beweise zu zeigen.“
- Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784. Zitat: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
EMIL PENZENSTADLER
ist Diplom-Physiker und seit über 40 Jahren Mitglied der SPD. Er lebt seit fast 30 Jahren in Wien und studiert Künstliche Intelligenz und Quanteninformation.
