Die Aufklärung (engl. Enlightenment, fr. Les Lumières) ist under attack. Sei es, dass eine fehlgeleitete Interpretation von Max Horkheimers und Theodor Wiesengrund Adornos Dialektik der Aufklärung(1944) von ihr nichts mehr als angebliche Schamteile übriglässt, sei es, dass Postmoderne, Poststrukturalismus und Postkolonialismus sie zur Gänze für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen wollen, oder sei es auch, dass die Bestände von Vernunft, Rationalität und Wissenschaft einzig und allein auf ihre vermeintlich dunklen „instrumentellen“ Auswirkungen bezogen werden.
Dementgegen bleibt nachdrücklich festzuhalten, dass die Aufklärung – durchaus im feministischen Sinne – die größte und mächtigste Emanzipationsbewegung der Menschengattung darstellt und keineswegs nur auf eine (klassische) Epoche in der europäischen Geschichte reduziert werden kann. Vielmehr liegt Aufklärung in Raum und Zeit – und gesellschafts- wie kulturübergreifend – immer dann vor, wenn einem Menschen ein Licht der Erkenntnis aufgeht oder sich ein zuvor verdunkelter Problem- oder Gegenstandsbereich erhellt und eben aufklärt. In Verteidigung der Aufklärung, die – z. B. als radikale und revolutionäre Religionskritik – seit jeher zum intellektuellen Grundbestand der Arbeiter*innenbewegung und der Linken gehört, hat sich die Redaktion der ZUKUNFT deshalb entschlossen, ihr in aller Form eine eigene Ausgabe zu widmen, in der herausragende Autoren sich, von der Sonne unseres Covers weg, der rationalen Lichtmetaphorik der Aufklärung und des logischen Arguments widmen.
Den Reigen unserer luziden Beiträge eröffnet demgemäß Emil Penzenstadler, der für uns einleitend deutlich macht, dass es sozial und demokratisch ist, ein wissenschaftliches Weltbild zu haben. Denn im Rahmen der Aufklärung ist es Wissenschaft, die in diesem Sinne seit jeher befreiende Politik gemacht hat. Doch diese Wissenschaft musste sich erst auf sich selbst besinnen. Penzenstadlers Fokus ist die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der Aufklärung und damit der steinige Weg von der beschreibenden Beobachtung zur wissenschaftlichen Erklärung. Denn unter religiösen Vorzeichen nahm man die Welt über Jahrhunderte als gottgegeben wahr und es dauerte lange Zeit, bis auch das kirchliche und aristokratische Gottesgnadentum und mit ihm auch die Erbschuld theoretisch und praktisch zerstört waren. Aristoteles hat das vielleicht noch gar nicht so gesehen, aber auch seine frühwissenschaftlichen Werke fügten sich glänzend in ein scholastisches Weltbild. Doch es geht eben nicht nur darum, warumwir Sachverhalte so sehen wie sie sind, sondern auch wie sie sich zueinander verhalten. Hat Kopernikus die Sterne also noch beobachtet, so hat die Auseinandersetzung mit Isaac Newton klargemacht, dass ihr Verhältnis zueinander nicht nur den bestirnten Himmel über uns betrifft, sondern auch das moralische Gesetz in uns. Genau darin liegt bei jedem Blick in das erhellte Firmament das Radikale, das eine „Sache an der Wurzel fassen“ (Marx) der Aufklärung.
Die „Radikalität und Militanz“ der Aufklärung, um eine Formulierung Pierre Bourdieus zu paraphrasieren, bestätigt sich auch in aktuellen Diskussionen zu den verschiedenen Strängen der Radikalaufklärung, denen sich der Beitrag von Cornelius Zehetner eingehend widmet. Denn von der Kopernikanischen Revolution über klassische (aber äußerst aktuelle) Diskussionen zur Grenze von Mensch(en) und Maschine(n) – etwa in La Mettries Der Mensch als Maschine / fr. L’Homme machine(1747) – hat die Epoche der Aufklärung sukzessive die intellektuelle Vorherrschaft der Bibel radikal unterwandert und damit auch der modernen säkularen Demokratie den Weg geebnet, vom Buch der Bücher zum Buch der Natur. Deshalb erinnert Zehetner u. a. an die Immanenzphilosophie Baruch de Spinozas und diskutiert im Rekurs auf Immanuel Kant die zentralen Aspekte der Universalität, der Öffentlichkeit und der Ideengeschichte der Aufklärung, um damit auch auf die transzendentalkritischen Grundlagen einer sozialdemokratischen Interpretation der Gegenwart zu verweisen. Damit steht den Leser*innen der ZUKUNFT ein buchstäblich illuminiertes Bild der Aufklärung zwischen Sinnlichkeit (Empirismus) und Verstand (Rationalismus) samt Zukunftsperspektive vor Augen.
Wie uns gegenwärtig das mutige Auftreten von Gisèle Pelicot zeigt, hat Aufklärung auch wesentlich mit der Aufdeckung dunkelster persönlicher Geheimnisse und Leiderfahrungen zu tun. Hieran lässt sich die Bedeutung der Aufklärungsbewegung für die Herausbildung eines liberalen demokratischen Diskurses und ihr immer noch hochaktuelles Potenzial erkennen – dass die Formel „das Private ist politisch“ auf einen Prozess verweist, den es gegenüber herrschenden Gewalten nach wie vor öffentlich zu behaupten gilt. In dieser Form soll er international vorbildhaft wirken. In dieser Richtung ist auch der Beitrag von Christian Zolles zu verstehen, der Hauptaspekte der Aufklärung in Bezug zu jenen der religionswissenschaftlichen Kategorie der Gnosis stellt. Mit dem Philosophen Ernst Cassirer, dessen Philosophie unser gesamtes Heft durchzieht, und dem Judaisten Jacob Taubes positiv gedeutet, kann sowohl im Zusammenhang mit der Aufklärung als auch der Gnosis davon gesprochen werden, dass den unterdrückenden Faktoren von Normen und Institutionen stets eine anarchistisch scheinende, dabei schöpferische und kritische Kraft zur Seite gestellt werden muss, um einen humanistischen Blick auf unsere Gesellschaft – gerade im Sinne der Aufklärung – wahren zu können.
Und damit rush into things! Klärende Rationalität ist die Forderung und demgemäß widmet sich Georg Koller der aktuellen Debattenkultur und spart nicht bei Kritik am eigenen Lager. Aufklärung fordert die Abschaffung von Dogmen. Aber es gibt auch neue Dogmen, die im Sinne der Aufklärung hinterfragt werden müssen und ihrer Herkunft nach älter sind als wir glauben mögen. Und zuvorderst: Ist alles links was kritisch ist oder scheint? Manchmal ist es klüger, einfach die wissenschaftlich-historischen Quellen zu benutzen als alte traditionelle Muster zu besetzen, die einer sozialdemokratischen Ideologie und Haltung eigentlich fremd sein müssten. Wir sollten, so Koller, das „Sapere aude!“ Immanuel Kants als einen linken und progressiven Slogan begreifen, sonst sind wir verloren. Denn heute ist paradoxerweise die konservative Tradition teils vernünftiger und aufgeklärter als die sozialistische. Als Sozialdemokrat*innen haben wir aber gerade deshalb den Auftrag, soziale und demokratische Debattenkultur besser (weil vernünftiger und rationaler) zu gestalten. Wir kommen also von Marx her und damit – auch in Erinnerung an den an Königsberg orientierten Austromarxismus des Roten Wien – von Kant. Und deshalb müssen wir kommunizieren und d. h. reden! Das geht aber nicht über (woke) Sprechverbote, sondern nur über kategorischen und imperativen Respekt für unsere Mitmenschen.
Eine glasklare Waffe der Aufklärung war schon bei Voltaire der gesellschaftskritische Humor, wie auch Montesquieu durch seine Persischen Briefe bezeugte, die als frühaufklärerisch gelten können. In dieser Tradition steht Ben Franzer (Pseudonym) bei seiner literarischen Satire Graffiti, wenn er, wie Montesquieu, zuallererst religiöse Mythen ins Visier nimmt, um dann in den Bereich der modernen Kunstsinnigkeit zu wechseln. Aber wie bei den beiden persischen Protagonisten Montesquieus, die durch das damalige Frankreich stolpern, richtet sich der naiv-rationalistische Blick von Franzers Hauptprotagonisten auf Ansichten, die sich ideologiekritisch nicht ganz halten lassen. Wie steht es also um die Diskussionen zu cultural appropriation, also zur „kulturellen Aneignung“? In seiner zweiten Satire Wort ohne Inhalt lässt Franzer politische Traumgestalten auftauchen, die uns bekannt vorkommen werden und in ihrem nationalistischen Chauvinismus allen Werten der Aufklärung, von höchsten Stellen aus, wiedersprechen. Eine aktuelle Realität, von der wir wünschen würden, dass sie nur ein (Alp)Traum ist. Doch leider lässt sich die Aufklärung nicht im Schlaf verteidigen.
Die beiden Herausgeber dieser Ausgabe wollen auch der herausragenden Künstlerin Elena Strubakis – alias Ella Wood – herzlich dafür danken, dass sie vom Cover weg und ganz im Sinne der Aufklärung (sonniges) Licht ins (festliche) Dunkel bringt. 1963 in Wien geboren, studierte die österreichische Künstlerin mit griechischen Wurzeln Medizin an der Universität Wien, Architektur an der Technischen Universität Wien und war als Entwerfende und funktionale Planerin von Hotel- und Spitalsbauten tätig. Sie ist Malende und Zeichnende, Bodypainterin, Übersetzerin des Theaterschriftstellers Iakovos Kambanellis, Ausstellungsmacherin, Vortragende, Lehrende für Deutsch in der fachspezifischen Erwachsenenbildung und Autorin. Demgemäß sind auch die 16 Kunstwerke unserer Ausgabe Belege für eine breite thematische Ästhetik des Widerstands und der Aufklärung, von der Sonne über Krieg und Frieden, vom Mauthausenzyklus bis hin zu einer blau und hell erstrahlenden Donau.
Dass auch die Freiheit der Wissenschaft – an der Grenze von subversivem Wissen und Macht, von kritischer Vernunft und Herrschaft – zutiefst mit Aufklärung verbunden ist, haben wir jüngst mit unserer Ausgabe 09/2025 eingehend diskutiert. Deshalb ist es auch im Zusammenhang dieses Hefts – nicht nur als Nachtrag – mehr als passend, am Schluss einen Beitrag von Günter Koch zu präsentieren, der sehr konkret zeigt, wie politische Einflussnahme unabhängige Erkenntnis – und damit den kritischen Stachel der Aufklärung – dezidiert vernichten kann, wie nicht zuletzt durch die wissenschaftsfeindliche und gegenaufklärerische Politik Donald Trumps deutlich wird. Aber auch in Österreich kann eine mehr als bedenkliche Bedrohung der relativen Autonomie der Wissenschaft im Verhältnis zu politischen Vorgaben konstatiert werden, wie Koch auch aus persönlicher Erfahrung berichtet. Ob also in den USA oder in Österreich, die Freiheit der Wissenschaft und mit ihr sämtliche Grundlagen der Aufklärung – u. a. Vernunft, Laizismus, Humanismus und Universalismus – sind in Gefahr. Gerade die Politik der Sozialdemokratie muss sich dem auf allen Ebenen entgegenstellen.
Wir hoffen mithin, unseren Leser*innen ein wenig Licht und Helligkeit in ihre winterlichen Kammern bringen zu können, um in Verteidigung einer sozialen und demokratischen Gesellschaft, die Aufklärungin allen Wortbedeutungen zu befördern. Denn nichts verdient so sehr unsere Widerstandskraft, wie die Verteidigung der Vernunft und das Insistieren auf der Notwendigkeit von Logik, Verstand undSinnlichkeit. Dies gerade im Eigennamen der Sozialdemokratie.
Wir senden
herzliche, freundschaftliche und durchwegs aufgeklärte Grüße
Alessandro Barberi und Georg Koller
ALESSANDRO BARBERI
ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at), des Fachjournals MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). sowie der Diskussionszeitschrift ZUKUNFT (www.diezukunft.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion 32 (Wildganshof/Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.
GEORG KOLLER
ist Schriftsteller und Angestellter im öffentlichen Bildungsbereich. Er lebt und arbeitet in Wien.
