EDITORIAL 04/2022

Engagierte Literatur

ALESSANDRO BARBERI, THOMAS BALLHAUSEN und BIANCA BURGER

Im Rahmen der erneuerten redaktionellen Arbeit der ZUKUNFT haben wir verstärkt auch auf Fragen und Herausforderungen der Bereiche Bildung, Kultur und Kunst reagiert, eben weil sich auch hier wesentliche politische und gesamtgesellschaftliche Phänomene sehr deutlich zeigen und sich neue Ideen formulieren lassen. Immer wieder weisen wir mit unserer Arbeit darauf hin, dass die Literatur und das literarische Feld als solches nicht zuletzt Seismografen sozialer als auch politischer Verhältnisse sein können: Das bedeutet für uns einerseits den Künsten und eben insbesondere der Literatur im wortwörtlichen Sinne Platz im Rahmen unserer Zeitschrift zu geben und den Verpflichtungen zu authentischer (Nachwuchs-)Förderung als auch des Zugangs zur Literatur nachzukommen; andererseits macht uns das zu alerten Beobachter*innen aktueller Entwicklungen und Tendenzen in allen Fragen der Bildung und der Kultur, um aus sozialdemokratischer Perspektive reflektiert und klar nicht nur reagieren zu können – sondern vielmehr die laufenden Diskurse maßgeblich und vor allem auch konstruktiv mitzuprägen. Literatur ist somit auch aus politischer Sicht alles andere als ein Randthema – die Auseinandersetzung mit der Literatur führt uns, wenn mitunter auch auf vollständig zu gehenden Umwegen, vielmehr ins Zentrum von Bildung, Kultur und Kunst.

Dass ein Schwerpunkt rund um die engagierte Literatur nicht nur richtig, sondern dringend angesagt ist, mögen zwei exemplarische Aspekte verdeutlichen: einerseits die autoritären und fortschreitend auf Exklusion ausgerichteten Entwicklungen innerhalb identitätspolitischer Diskurse, andererseits – und damit durchaus verbunden – ein Blick auf (literatur-)geschichtliche und aktuellste Entwicklungen in der Reflexion des Politischen, die im Zeichen der Aufklärung stehen. Die Möglichkeiten der Literatur erlauben Reflexion, sie bieten aber auch die Instrumente um zu adressieren, was sonst vielleicht ungesagt bleibt oder in den offiziellen Diskursen keinen Platz findet. Darüber hinaus ist die Literatur aber auch in der Lage aus ihren Projektionen und Entwürfen eine Wendung ins Zukünftige zu nehmen, also Wirklichkeit zu stiften und echte Perspektiven anzubieten. Dass angesichts der Zivilisationsbrüche des letzten Jahrhunderts in den Künsten und eben auch in der Literatur vor allem die Warnungen und Dystopien Konjunktur hatten (und haben), mag dabei nicht verwundern – und hat zugleich doch Wurzeln, die tiefer in der (Gesellschafts-)Geschichte liegen.

Die Auseinandersetzung literarischer Werke mit gesellschaftlichen Problemen und insbesondere mit sozialen Klassen reichen dabei beispielsweise von John Gowers Vox Clamantis (1381) bis George Orwells Animal Farm (1945) – und eben auch weit darüber hinaus. Es war dabei stets ein Vorzug der Literatur, nicht nur ästhetische Vielfalt, sondern auch (niveauvolle) Konfliktkultur zu erhalten und einer konstruktiv-kritischen Durchdringung der Wirklichkeit zuzuarbeiten. Die Konstante dieser aufklärerischen Haltung, die mit Immanuel Kant eben auch eine wirkmächtige sozialphilosophische Dimension gewonnen hat, lässt sich von Friedrich Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) bis zu Mark Fishers k-punk (2004–2016) gewinnbringend lesend nachverfolgen. Angesichts der radikaleren unter den identitätspolitischen Tendenzen scheint aber nicht nur diese zu erhaltende, niveauvolle Austragung von Konflikten und Dialogen in Frage gestellt zu sein, sondern auch die Freiheit künstlerischen Ausdrucks an sich. Auch eingedenk dieser abzulehnenden, weil klar auf Exklusion und Diskursunterdrückung ausgelegten Haltungen, wird es für die ZUKUNFT auch weiterhin eine wichtige Aufgabe sein, ein vitaler publizistischer Ort des Dialogs, der Aushandlung und eben auch der Bildung, der Kultur und der Künste zu sein. Die Literatur ist somit wieder verstärkt als politische Aufgabe zu entdecken und wahrzunehmen – und mit dem Schwerpunkt zur engagierten Literatur machen wir einen weiteren Schritt auf diesem wichtigen Weg.

Die vorliegende Ausgabe hat ihren Ausgangspunkt im Literatur-Wettbewerb Der goldene Pod der literarischen Vereinigung Jung Wien ’14 genommen. Die Vielzahl der spannenden, politisch reflektierten und qualitätsvollen Einreichungen war Anstoß, dieser jungen engagierten Literatur eine Ausgabe der ZUKUNFT zu widmen. Für das Zustandekommen dieser Zusammenarbeit wollen wir deshalb insbesondere dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Max Haberich danken, dessen Ausführungen Für ein neues Jung Wien auch am Anfang der Ausgabe stehen. Auf durchaus humorvolle Weise erzählt Haberich dabei nicht nur über den Brückenschlag zwischen Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur, vielmehr führt er auch zu den prämierten und für die Publikation ausgewählten Beiträgen hin. Lorena Pircher, die den Leser*innen der ZUKUNFT ja auch keine Unbekannte mehr sein dürfte, war Teil der Jury dieses Wettbewerbs und berichtet in ihrem programmatischen Essay dazu über die schönen Schwierigkeiten dieser Tätigkeit. Besonders freut uns natürlich, dass mit Zarah Weiss eine Autorin mit dem 1. Platz ausgezeichnet wurde, die zu den spannendsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt und auch schon mehrfach in der ZUKUNFT veröffentlicht hat.

Unsere Gratulation gilt aber natürlich auch Sophia Felsinger (2. Platz) und Philipp Reichert (3. Platz); allein die Zusammenschau dieser Texte macht bereits die Bandbreite der Möglichkeiten literarischen Ausdrucks deutlich. Doch damit, im besten Sinne, nicht genug: Aus den weiteren Einreichungen dürfen wir exklusiv Texte von Roland Grohs, Alexander Estis, Astrid Holzmann-Koppeter und Ganna Gnedkova präsentieren, die einmal mehr das sensible Instrumentarium der Literatur und ihrer vielfältigen Formen erfahrbar machen – die Themenpalette reicht hier über den Generationenkonflikt, Medienkritik und Vergangenheitsbewältigung bis hin zu den militärischen Konflikten unserer Tage. Die geradezu ideale Bildstrecke zu dieser Ausgabe kommt von der Künstlerin Heike Willmaser, die ja selbst auch schon als Märchenautorin hervorgetreten ist; in ihren im Heft abgedruckten Arbeiten wird ihre ästhetische Strategie der Zusammenführung unterschiedlichster, auf den ersten Blick mitunter widersprüchlicher, Themenfelder deutlich. Willmasers Arbeiten leben nicht zuletzt von einem unverwechselbaren bildnerischen Ausdruck, den wir unseren Leser*innen nicht vorenthalten wollen.

Auch freut es uns, zum Abschluss dieser Ausgabe eine Rede von Greta Loibner im Wortlaut veröffentlichen zu dürfen, die sie im Namen der Sozialistischen Jugend beim Gedenken der SPÖ-Bezirksorganisation Hietzing und der Freiheitskämpfer Hietzing am 19. Februar 2022 beim Denkmal für die Februarkämpfer am Goldmarkplatz gehalten hat. Wehret den Anfängen! Genosse Münichreiter, wir werden Dich niemals vergessen!

Wir wünschen unseren Leser*innen spannende und anregende Begegnungen mit neuen Positionen der Gegenwartsliteratur – und uns allen eine ZUKUNFT, in der die Literatur in all ihrer Vielstimmigkeit auch weiterhin eine gewichtige und ernstzunehmende Rolle spielen wird!

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der Fachzeitschriften ZUKUNFT (www.diezukunft.at) und MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). Er ist Historiker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Koblenz und Wien. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion Wilganshof (Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter:  https://lpm.medienbildung.ovgu.de/team/barberi/

THOMAS BALLHAUSEN

lebt als Autor, Literatur- und Kulturwissenschaftler in Wien und Salzburg. Er ist international als Herausgeber, Vortragender und Kurator tätig. Zuletzt erschien sein Buch Transient. Lyric Essay (Edition Melos, Wien).

BIANCA BURGER

ist Redaktionsassistentin der ZUKUNFT und hat sich nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium der Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie der historisch-kulturwissenschaftlichen Europaforschung in den Bereichen der Sexualaufklärung und der Museologie engagiert.

Inhalt

6 Für ein neues Jung Wien
VON MAX HABERICH
10 Über Juryarbeit
VON LORENA PIRCHER

12 Als ich den Eiffelturm verkaufte
VON ZARAH WEISS
16 Simmering
VON SOPHIE FELSINGER

20 Frau M. trifft ihren Sohn
VON PHILIPP REICHERT
24 Pornos in der Küche
VON ROLAND GROHS

30 Der Bart
VON ALEXANDER ESTIS
34 Löwenzahn
VON ASTRID HOLZMANN-KOPPETER
36 Die unerträgliche Leichtigkeit der Schnecke
VON GANNA GNEDKOVA
40 „Ich habe die Sensibilität in mir, Bilder zu
speichern.“ Zu Heike Willmaser
VON WERNER KRAUSE

44 Wehret den Anfängen!
VON GRETA LOIBNER (SJ)