die ZUKUNFT 03/2021

Editorial: Polarisierung(en)

Der Sturm auf das Kapitol am 06. Januar 2021 brachte symbolisch auf den Punkt, dass die amerikanische Politik der Gegenwart und mit ihr die westlichen Gesellschaften insgesamt von extremen Polarisierungen gekennzeichnet sind, welche die Demokratie deutlich in Gefahr bringen. Gerade angesichts der Corona-Pandemie steht damit auch klar vor Augen, dass die politischen Systeme ihrerseits von den derzeit zu einem großen Teil stillgestellten Polaritäten der Märkte existenziell abhängig sind. Denn nach einer alten Erkenntnis der Arbeiter*innenbewegung sind es die Pole von Kapital und Arbeit, die den ideologischen Überbau (mit)bestimmen. Diese Bipolarität wirft eine Reihe von Fragen auf, weshalb sich die Redaktion der ZUKUNFT entschlossen hat, angesichts ökonomischer, politischer und auch psychologischer Polarisierung(en) ein eigenes Themenheft zu gestalten.

Den Reigen eröffnet dabei Emil Goldberg, der angesichts des Sturms auf das Kapitol die Strategien des Deplatforming von Donald Trump eingehend analysiert. Dabei hebt der Autor hervor, wie schnell sich die Spirale von Fake News bis hin zur totalen Eskalation drehen kann, um eine nicht überbrückbare Polarisierung des politischen Feldes zu bewirken. Dabei geht es auch um die Rolle von Online-Giganten wie Twitter, Facebook und Alphabet, die an der Grenze der Meinungsfreiheit und durchaus im ökonomischen Eigeninteresse Herrschaftstechnologien einsetzen können, um den Zugang zur Öffentlichkeit zu besetzen. Damit liefert der Autor angesichts unseres Themas einen Denkanstoß über die Rolle der Sozialen Medien und der Filterblasen im polarisierten politischen Diskurs und erhebt damit auch im Rekurs auf Ingrid Brodnig Einspruch! gegen Verschwörungsmythen und Fake News.

Angesichts der damit verbundenen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) arbeitet Petra Missomelius heraus, wie in einer digitalisierten Welt die Praktiken des Cultural Hackings eine Möglichkeit bieten, die Datenhoheit eben nicht der California Ideology zu überlassen. Sie führt dabei in die Grundlagen des (legalen) Hackings ein und grenzt es deutlich vom (illegalen) Cracking ab. Damit zeigt Missomelius, wie in einer polarisierten Gegenwart verschiedene Formen des Medienaktivismus dabei helfen können, dort Widerstand zu leisten, wo die Grundlagen der Demokratie analog und digital in Frage gestellt oder gar zerstört werden. So steht insgesamt vor Augen, dass eine soziale und demokratische Gesellschaft Kritik und Dissenz durch bildungsinstitutionelle und -politische Unterstützung ermöglichen muss.

Mit Blick auf Sphären des Internationalen untersucht in der Folge Constantin Weinstabl, inwieweit es noch möglich ist, innen- und außenpolitische Polaritäten voneinander zu trennen. Mit seiner Analyse wird schnell klar, dass die Grenzen zwischen innen- und außenpolitischer Wirkung zunehmend verschwimmen und sich Handlungsradien nationaler Machthaber*innen gleichzeitig verengen und weiten, da sie vermehrt Einfluss auf externe Entitäten nehmen können, aber dies auch vice versa ihre eigene innenpolitische Geltung einschränkt. Diese Polarisierung(en) und Dynamiken stellen einerseits Gefahren für das eigene politische Programm dar, bieten aber andererseits auch das Potenzial, internationale Entwicklungen im eigenen Sinne beeinflussen zu können. Deshalb plädiert Weinstabl dafür, den Bereich der Außenpolitik buchstäblich zu verinnerlichen, um sie deutlich mit Innenpolitik zu verbinden.

Im Blick auf die gegenwärtigen Krisen hebt dann Dawid-Ryszard Wysocki hervor, wie durch die jahrzehntelang unhinterfragte Politik des Neoliberalismus gerade angesichts der Corona-Pandemie und der mit ihr verbundenen Wirtschaftskrise erneut soziale Devastierungen in gravierendem Ausmaß zu verzeichnen sind. Dabei wird auch angesichts der Digitalisierung zwischen Home Office und Demontage auf Probleme des Arbeitsrechts verwiesen. Angesichts der polarisierenden Tendenz der Märkte zur Monopolisierung erinnert der Autor deshalb an die Regulationsforderungen von Kreisky und Keynes, verteidigt die Standards des Sozial- und Wohlfahrtsstaates und fordert ein soziales und demokratische Umdenken, mit dem wir gemeinsam die(se) Krise(n) überwinden könnten.

Darüber hinaus freut es die Redaktion der ZUKUNFT außerordentlich, dass Simon Weingartner sich bereit erklärt hat, seine Gedenkrede zum 12. Februar 1934 hier im Volltext abzudrucken. Denn auch Weingartner betont in Erinnerung an Karl Münichreiter, dass der gegenwärtige Kapitalismus uns, angetrieben von Jahrzehnten des neoliberalen Exzesses, seine hässlichste und totalitärste Fratze zeigt. Er betont in diesem Zusammenhang nachdrücklich, dass Antifaschist*innen seit langer Zeit klar ist, dass Menschenrechte und Demokratie für Kapitalist*innen immer nur dann wünschens- und verteidigenswert sind, wenn sie den Kapitalinteressen entsprechen. Es ist mithin die kapitalistische Produktionsweise selbst, die für die dramatischen Polarisierungen unserer Gegenwart verantwortlich gemacht werden kann. Niemals vergessen!

Mit Die Geister, die wir riefen legt die Autorin Zarah Weiss eine gleichermaßen sensible wie realistisch-direkte Reflexion über die neu zu denkenden Verhältnisse zwischen Mensch, Tier und Maschine vor. In ihrer neuesten Erzählung wird aber nicht nur auf die offensichtliche Polarität von Geist und technischem Kalkül eingegangen, vielmehr befragt ihre „Familiengeschichte“ vermeintlich natürliche Traditionen, Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse. Die notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit wird also angesichts gegenwärtiger Polarisierung(en) zur Unvermeidlichkeit und gerät im besten literaturgeschichtlichen Sinne zur Auseinandersetzung mit Identität, Gesellschaft und Kommunikation.

Der Medienpädagoge Christian Swertz analysiert im Anschluss daran mit seinem Beitrag, wie sich angesichts der Polarisierung(en) unserer Gesellschaften der Zusammenhang von Medien(konzentration) und Öffentlichkeit verhält. Dabei geht es vor allem darum, die Möglichkeiten der Konfliktverhandlungskompetenz auszuloten, um auch im Blick auf die Pole unseres Planeten (politische und ökonomische) Rotationen und Bewegungen zu thematisieren, die das Verhältnis von Profit, Wissen und Freiheit (mit)bestimmen. Dabei plädiert Swertz nachdrücklich für eine soziale und demokratische Mediologie, in der nicht Macht, Krieg und Streit im Mittelpunkt stehen, sondern Überzeugung, Friede sowie soziale und demokratische Kommunikation. Damit ist summa summarum klar: Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!

In diesem Sinne stellt auch die Erzählung Scherben, Zeichen, Gespenster des Wiener Schriftstellers Thomas Ballhausen zum Ende dieser Ausgabe hin Spannungsverhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft in den Mittelpunkt: Sein namenloser Erzähler ist ein Getriebener, ein streckenweise zwielichtig und unglaubwürdig scheinender Protagonist, der Posen einnimmt, sich vorsätzlich unzugänglich macht oder in Opposition zu polaren Erwartungshaltungen setzt. Ballhausens Text nimmt dabei aber nicht nur Elemente der Pop-Literatur auf, sondern setzt auch auf weit düsterere Töne aus dem Genrebereich des Phantastischen. Die zweiteilige Struktur seiner Erzählung kreist nicht zuletzt deshalb um einen wie beiläufig gesetzten Katastrophenmoment, der es erlaubt, Heimsuchung, Erinnerung und Gespenstergeschichte kunstvoll zu überblenden.

Einen herzlichen Dank wollen wir im Rahmen dieser Ausgabe Reinhard Sieder aussprechen, der von Tricolor bis Outburst nicht nur das Cover der ZUKUNFT bereichert, sondern sie mit einer Bildstrecke versehen hat, die er in seinem abschließenden Beitrag Die Abstraktion vom Konkreten auch eingehend erläutert. Es freut uns sehr, schon jetzt darauf verweisen zu können, dass diese Serie in unserer Ausgabe 04/2021 (Thema: Bildung – Eliten – Selektion) verlängert werden wird, um auch visuell mehrere Korrespondenzen zu ermöglichen.

Auch möchten wir auf unser aktualisiertes Impressum verweisen, weil von nun an Julia Brandstätter, Bianca Burger, Hemma Prainsack, Katharina Ranz und Constantin Weinstabl die Redaktion erweitern. Darüber hinaus will die Redaktion unsere Leser*innen auf den Relaunch unserer Homepage unter www.diezukunft.at hinweisen, wo auch nähere Informationen zu den Redaktionsmitgliedern abrufbar sind. Darüber hinaus wird es ab April 2021 am letzten Dienstag des Monats eine Online-Diskussion zum jeweiligen Schwerpunktthema geben, die wir last but not least am Ende dieser Ausgabe auf Seite 42 ankündigen …

Die Redaktion hofft, Ihnen mit dieser Ausgabe wieder schöne Stunden der Lektüre und des Kunstgenusses zu ermöglichen und sendet Ihnen

herzliche und freundschaftliche Grüße!

ALESSANDRO BARBERI ist Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Wien und Magdeburg. Politisch ist er in der SPÖ Landstraße aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://lpm.medienbildung.ovgu.de/team/barberi/

THOMAS BALLHAUSEN lebt als Autor, Kulturwissenschaftler und Archivar in Wien und Salzburg. Er ist international als Herausgeber, Vortragender und Kurator tätig.

Inhalt

6 Radikalisierung im Netz
VON EMIL GOLDBERG

10 Widerständige Praktiken – Cultural Hacking und politischer Protest
VON PETRA MISSOMELIUS

14 Polaritäten im Äußeren
VON CONSTANTIN WEINSTABL
18 Zeit zum Umdenken
VON DAWID-RYSZARD WYSOCKI
22 Niemals vergessen!
VON SIMON WEINGARTNER
26 Die Geister, die wir riefen
VON ZARAH WEISS
30 Polarisierung, Medien und Konflikte
VON CHRISTIAN SWERTZ
34 Scherben, Zeichen, Gespenster
VON THOMAS BALLHAUSEN
40 Die Abstraktion vom Konkreten
VON REINHARD SIEDER