Die Zukunft 01-02/2021

Die neueste Ausgabe der Zukunft ist erschienen und beschäftigt sich mit Fragen der Demokratie.

Demokratie in Gefahr

Der international sich ausdehnende Rechtspopulismus, die drängende Frage der Massenmanipulation, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise, die Zerstörung des öffentlichen Eigentums und des Gemeinwohls oder die durch den Neoliberalismus erzwungene fehlende Solidarität sind nur einige Beispiele dafür, dass die Demokratie nachdrücklich in Gefahr ist. Nicht zuletzt deshalb hat die Redaktion der ZUKUNFT sich entschlossen, die das Jahr 2021 eröffnende Doppelausgabe dem Thema Demokratie in Gefahr zu widmen.

Ganz in diesem Sinne untersuchen Alexander Ackerl und Phil Kamper mit ihrem Eröffnungsbeitrag die global und lokal um sich greifende rechtspopulistische Ausschaltung der Demokratie von Trump über Bolsonaro und Duterte bis zu Orban, um dabei den theoretischen Aufbau des österreichischen Neonazismus bei dem promovierten Verfassungsjuristen aus dem Bärental auszumachen. Die rechtspopulistischen Polarisierungen werden so in der weithin bekannten NLPRhetorik verortet, nach der es bei autoritären Herrschern seit jeher darum geht, dass SIE gegen IHN sind, weil ER für EUCH ist. In diesem Kontext werden die Identitätspolitiken des „echten Österreichers“ genauso untersucht, wie die Rolle und Funktion von progressiven NGO’s, um angesichts des Sturms auf das Kapitol herauszuarbeiten, dass die zentrale Botschaft Willy Brandts nach wie vor nicht verstanden wird: Mehr Demokratie wagen!

Dass diese Ausschaltung der Demokratie in der Gegenwart nicht ohne Analyse der damit verbundenen Medientechnologien vonstattengehen kann, analysiert dann der Beitrag von Rene Windegger, der sich anhand von drei relevanten historischen Konstellationen der Rolle und Funktion von Medienmanipulation im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit widmet. Wenn z. B. Fake News das Problem von wahrer oder falscher Information aufwerfen, dann ist ein Blick auf Orson Welles’ Krieg der Welten in der Gegenwart genauso nützlich, wie eine Analyse der embedded journalists, mit denen seit dem 3. Golfkrieg die Unabhängigkeit des Journalismus in erheblicher Gefahr ist. Dies zeigt der Autor auch anhand einer Bildmanipulation, welche die verdiente Seenotretterin Carola Rackete gezielt ins politisch rechte Eck stellen sollte, um abschließend derartige Strategien auch beim ehemaligen US-Präsidenten Trump auszumachen.

Dass Identitätskonstruktionen in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen bedeutsam sind, argumentiert Julian J. Ernesto Kroyer dann mit einem erneuten Beitrag (vgl. ZUKUNFT 10/2020) zur sog. Harlem Renaissance. Denn in der allgemeinen Geschichte von Imperialismus und Sklaverei war auch der Kampf der Schwarzen – wir denken aktuell freilich an die Black Lives Matters-Bewegung – zutiefst damit verbunden, dass in Verknüpfung mit der Frauenfrage allererst ein Selbstbewusstsein entwickelt werden musste, um demokratische Rechte – manchmal durchaus blutig – zu erkämpfen. Kroyer stellt dabei die diesbezüglich relevanten Autoren Alain Locke und Marcus Garvey vor, um deutlich zu machen, wie auch heute noch (angesichts der Kategorien race, class and gender) die Hautfarbe darüber entscheiden kann, ob demokratische Rechte eingehalten werden oder (meistens) eben nicht.

Der Literaturwissenschaftler Uwe Schütte rezensiert in der Folge Axel Ruoffs bemerkenswerten zweiten Roman Irrblock (2020) und arbeitet dabei in historisch äußerst relevanter Art und Weise die darin angelegten Bezüge zu Leben und Wirken der herausragenden Marxistin Rosa Luxemburg heraus, deren Stimme in diesem erratischen Umfeld mehrfach eine Rolle spielt. Ruoffs Expertise liegt deshalb darin, faszinierende Erzählwelten zu erschaffen, die erkennbar im Hier und Jetzt verankert sind, dabei aber Geschichten zu erzählen wissen, die allegorisch ausgreifen und sich auf die Erkundung der Zwischenräume zwischen Fakt und Fiktion verstehen. So erinnert dieser Text auch an den grauenhaften Mord an Rosa Luxemburg, um dieser Revolutionärin gerade in undemokratischen Zeiten der Gefahr das Andenken nicht zu verwehren.

Angesichts des Themas freut es die Redaktion auch, dass Christian Kaserer mit seinem Beitrag zu einem (gut funktionierenden) selbstverwalteten baskischen Industriebetrieb in Erinnerung rufen will, dass Menschen sehr wohl kommunitär und solidarisch wirtschaften können, ohne sich den neoliberalen Konkurrenzkämpfen zu unterwerfen. Sein Lokalaugenschein in Mondragón zeigt deutlich auf, dass ein soziales und demokratisches Miteinander (ob nun im Sinne der christlichen Caritas oder nicht) durchaus möglich ist, und Menschen sich frei entscheiden können, gemeinsam, selbstverwaltet und also genossenschaftlich zu arbeiten und zu leben. Dies wirft angesichts der Gefährdung(en) der Demokratie auch brennende Fragen und Antworten auf, die Kaserer durch ein kleines Interview mit Ander Etxeberria, dem Leiter von Mondragón, in seinen Bericht einlassen konnte.

Neben Rosa Luxemburg zählt auch Antonio Gramsci – nicht zuletzt ob seiner Hegemonietheorie – zu den maßgeblichen marxistischen Theoretiker*innen des 20. Jahrhunderts, die einen tiefgehenden Blick auf die (ideologischen) Funktionsweisen der Demokratie hinterlassen haben. Deshalb hat sich Gernot Trausmuth die Mühe gemacht, Gramscis Werk aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, um eine mehr als fruchtbare Diskussion der Linken fortzusetzen. Dabei rekapituliert der Autor den Aufstieg des Faschismus, der Gramsci und seine Begriffe zutiefst geprägt hat, weil seine Arbeit nicht zuletzt in der Überwindung der Spaltung der Arbeiter*innenbewegung bestand. So bieten seine Gefängnishefte seismografische Beschreibungen einer nach wie vor äußerst aktuellen Gefahr, die gerade die Sozialdemokratie an ihre antifaschistische Tradition bindet.

Wie unseren Leser*innen sicherlich in den letzten Ausgaben aufgefallen ist, legt die Redaktion der ZUKUNFT großen Wert darauf, auch literarische Texte zu präsentieren, um deren Verhältnis zu politischen Fragen diskutabel zu machen. Deshalb präsentieren wir in dieser Ausgabe einen Auszug aus Thomas Ballhausens dystopischer Erzählung Lob der Brandstifterin, die – ganz im Sinne unseres Themas – den fortschreitenden Demokratieverlust ebenso vor Augen führt, wie die individuellen und allgemeinen Ausnahmezustände angesichts von Neoliberalismus und Corona-Pandemie. Dabei wird auch in dieser Narration die drohende Entsolidarisierung angesichts der Krise deutlich gemacht, deren Folgen gerade unter den schwierigen aktuellen Bedingungen erneut auf die Gefahr(en) der Entdemokratisierung verweist.

Einen herzlichen Dank können wir auch diesmal im Namen aller Künstler*innen, die Ihre Werke freimütig der ZUKUNFT zur Verfügung stellen, Patrick Ausserdorfer aussprechen. Seine Fotografien bündeln vom Cover weg und angesichts von beeindruckenden Aufnahmen Wiens sein stupendes Interesse an den Verhältnissen von city, technology and light, die er am Ende dieses Hefts auch erläutert, um Einblick in die Voraussetzungen und Produktionsbedingungen seiner Arbeit zu bieten.

Im Blick auf unsere Zukunft möchten wir unsere Leser*innen darauf hinweisen, dass mit diesen ersten beiden Ausgaben der ZUKUNFT in ihrem Jubiläumsjahr ein neues Team die Redaktionsarbeit von Caspar Einem übernehmen darf. Wir danken dem verdienstvollen Innenminister a. D. und äußerst umsichtigen Chefredakteur der ZUKUNFT für sein immenses Engagement und hoffen, auch in Zukunft auf seine Expertise zurückgreifen zu können. Auch dankt die neu zusammengesetzte Redaktion – stellvertretend für alle Mitarbeiter*innen –

Ludwig Dvořak für seine (nicht nur) redaktionelle Sorgsamkeit und die Tatsache, dass es ohne ihn und sein Team heute wohl keine ZUKUNFT (der Sozialdemokratie) mehr gäbe. Es freut uns außerordentlich, in Fußstapfen treten zu dürfen, die – seit insgesamt 75 Jahren – den Gang und Weg der Sozialdemokratie begleitet haben. Daher hoffen wir unsere Leser*innen in der großen Linie unserer Bewegung weiterhin für uns gewinnen zu können. Dies vor allem, weil wir uns sicher sind, dass das zahlreiche Kollektiv der ZUKUNFT bereit ist, sich jeder Gefährdung der Demokratie gemeinsam entgegenzusetzen …

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