Niemand ist vor ihnen sicher – Spione sind überall, ihre Identität ist ein gut gehütetes Geheimnis. Angeregt durch einen diplomatischen Zwischenfall nimmt sich Fritz Lang 1927 in seinem nervenaufreibenden Sensationsfilm SPIONE der Agent:innen an und zeichnet eine Welt, in der Überwachung und die Jagd nach Staatsgeheimnissen den Alltag durchdringen. Mit dem DR. MABUSE-Darsteller Rudolf Klein-Rogge als Chef einer internationalen Spionagezentrale – und als Bankdirektor – schafft Lang den Urtyp eines skrupellosen Schurken, der mit seiner Allmachtsfantasie und Unmenschlichkeit erschreckende Aktualitätsbezüge aufweist, wie HEMMA M. PRAINSACK im Rahmen unserer Ausgabe zu Spionage zeigen kann.
I. Die Welt von Morgen
Vor hundert Jahren, im Jahr 1926, ist der Wiener Filmemacher Fritz Lang (1890–1976) mit den Dreharbeiten zu seinem wegweisenden Film METROPOLIS (D 1927) zugange. Die UFA-Produktion basiert auf dem Roman von Thea von Harbou, die seit 1919 Drehbücher für Lang schreibt und seit 1922 dessen Ehefrau ist. Als METROPOLIS nach über 300 Drehtagen am 10. Januar 1927 seine Uraufführung im Berliner UFA-Palast am Zoo erlebt, gilt er als der teuerste Film, der je in Deutschland hergestellt wurde. Doch Langs METROPOLIS – der als eines der Meisterwerke des expressionistischen Films in die (Film-)Geschichte eingehen sollte – kann die großen Erwartungen der zeitgenössischen Kritiker:innen kaum erfüllen. Nach der Berliner Premiere schreibt beispielsweise Herbert Ihering, dass zwar „Einzelheiten faszinierten; das Ganze“ aber enttäuschte (Berliner Börsen-Courier, 11.1.1927).
Für die New York Times rezensiert kein geringerer als H. G. Wells den Film. Der britische Autor und Inbegriff der Science-Fiction-Literatur ist alles andere als angetan von Langs filmischer Zukunftsvision, despektierlich beginnt er seine Kritik mit den Worten, er habe rezent den wohl dümmsten Film bisher gesehen und weiter: „I do not believe it would be possible to make one sillier (…)“ (New York Times, 27.04.1927). Für Wells würde METROPOLIS den (mechanischen) Fortschritt gar in zu vielen Dummheiten, Klischees und Plattitüden zeichnen und noch dazu eine schlechte Anleihe bei seinem Werk The Sleeper Awakes (Wells 1899) genommen haben. Auf die schlechten Kritiken folgen schlechte Besucher:innenzahlen.
METROPOLIS wird ein finanzielles Fiasko für die UFA. Seinen nächsten Film, für den Lang ein vergleichsweise geringes Budget zur Verfügung hat, muss der Regisseur in Eigenproduktion mit seiner neu gegründeten Fritz Lang Film GmbH herstellen: SPIONE (D 1928). Erneut basiert der Film auf einem gleichnamigen Roman von Thea von Harbou. Und er ist von realen Ereignissen inspiriert.
II. Zwischenfälle
Über seine Arbeit sagt Fritz Lang, er habe dabei gerne Themen aus den Tageszeitungen entnommen. Ebenso im Falle von SPIONE: „I got my first ideas from newspaper clippings“ (Eisner 1986: 96). Konkret nennt er jenen Zwischenfall, der im Mai 1927 für großes Aufsehen sorgt: Das Gebäude der All Russian Cooperative Society – kurz die Arcos, einem Ableger der russischen Handelsvertretung in 49 Moorgate in London – wird am 12. Mai zum Schauplatz einer groß angelegten Durchsuchung:
„Um 4 ½ Uhr nachmittags wurden die zahlreichen Angestellten der Arcos durch die plötzliche Besetzung des Gebäudes durch eine 150 Mann starke Polizeiabteilung überrascht, die sofort in die Telephonzentrale drang und die Angestellten aufforderte, ihre Arbeit einzustellen“ (Berliner Tagblatt und Handels-Zeitung, 13. Mai 1927).
Während der Razzia verweigern Angestellte der Arcos den Beamten den Zugang zu den Tresoren, weshalb sich die Polizei einen
„für die Zerstörung armierter Betons geeigneten Apparat sowie ein Knallgasgebläse, Hebestangen und Spitzhacken herbeischaffen lassen, um die fünf Safes gewaltsam zu öffnen“ (Deutsche Allgemeine Zeitung vom 14. Mai 1927).
Beauftragt durch den britischen Innenminister Sir William Joynson-Hicks erfolgt die Aktion auf Grundlage eines richterlichen Beschlusses und mit Zustimmung der Regierung von Premierminister Stanley Baldwin. Polizei und der Secret Intelligence Service (SIS) legen den Verdacht sowjetischer Spionagetätigkeit vor, doch historisch betrachtet liefern die Durchsuchungen keinen direkten Beweis für Spionage. Wenige Tage später führt die Untersuchung der Räumlichkeiten der Handelsvertretung zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Sowjetunion.
In SPIONE inszeniert Fritz Lang die groß angelegte Durchsuchung. Bei ihm wird aber ausgerechnet eine Bank Ort der verbrecherischen Machenschaften, die zum Finale nach dem Chef des Spionagenetzwerkes durchforstet wird. Am Anfang seines Films hingegen, den er mit dem Zwischentitel „Seltsame Dinge geschahen in aller Welt…“ (SPIONE, I. Akt Titel 1) und einem hohen Tempo beginnen lässt, nimmt Lang Anleihe bei einem weiteren erschütternden Ereignis: Das Attentat auf den Handelsminister. Er sitzt am Rücksitz eines Wagens mit offenem Coupe und fährt gerade eine Allee entlang, als plötzlich ein Auto vorbeirast und Maskierte den Minister mit mehreren Schüssen niederstrecken. Diese Bilder erinnern unweigerlich an das antisemitische Attentat auf Außenminister Walter Rathenau, der am Vormittag des 24. Juni 1922 von Rechtsextremisten auf dem Weg ins Amt in der Königsallee in Berlin-Grunewald ermordet wurde.
III. Sensationelle Spione
Nach dem Attentat auf den Handelsminister und dem Diebstahl geheimer Dokumente tappt die Exekutive im Dunkeln, der Chef des Geheimdienstes, Polizeichef Jason (Craighall Sherry), wird in der Presse karikiert und vorgeführt:
„Schlafen unsere Beamten, die für die Sicherheit des Staates verantwortlich sind, daß unsere wichtigsten Dokumente und Geheimakten spurlos verschwinden können –?“ (SPIONE, I. Akt Titel 5).
Mit No. 326 (Willy Fritsch) bestellt Jason einen seiner besten Agenten zu sich. Lang lässt den sonst so schön strahlenden Publikumsliebling Willy Fritsch zu Beginn als verwahrlosten Lumpen auftreten. Als Vagabund getarnt, haust No. 326 in der Welt der Obdachlosen.
Damit lädt Lang die von der Gesellschaft Übersehenen mit Relevanz auf – Spione sind überall und wie Chamäleons, die sich mühelos an ihre Umgebung anpassen und unentdeckt bleiben können. Doch auch er ist noch im Unklaren, welche Macht ihre Hand im Spiel hat. Den allgegenwärtigen Gegner führt der Regisseur lakonisch mit einem Close Up von dessen Gesicht ein, gefolgt vom Zwischentitel „ICH“. So viel Spion steckt womöglich in jedem und jeder von uns. Unverkennbar dargestellt wird die Figur von Rudolf Klein-Rogge, der nach seiner Verkörperung als Mann mit den 1000 Gesichtern alias DR. MABUSE (D 1921/22 Fritz Lang) abermals für Fritz Lang den verruchten Verbrecher gibt. In SPIONE nur noch entmenschlichter, wie der Regisseur während einer Einführung zum Film in der University of California im Juni 1967 analysiert:
„Haghi, the master spy, is nothing less than what we would call today a human computer … Haghi has no human feelings whatsoever. He has an utter disregard for human beings. They are for him nothing then chess men, which he moves according to his mathematical mind“ (Eisner 1986: 95).
Legt der Wiener Filmemacher in METROPOLIS die „Stadt der Arbeiter“ noch tief unter die Erde, so setzt er nunmehr in SPIONE (D 1928) die Schaltzentrale der Macht, einem versteckten Tresor gleich, inmitten einer Bank – Haghis Bank. Der Bankdirektor ist gleichzeitig der Anführer eines internationalen Spionagenetzwerkes. Nach außen agiert er als Leiter einer großen Bank, der mitunter seine Kund:innen erpresst, in seinem monströsen Geheimversteck im Innersten regiert er Spione auf der ganzen Welt. An seiner Bank haftet alles Böse. Mehr noch als Geld, wird Information zur Währung, die hier gehandelt wird. In seinem Büro türmen sich Telefone, Schaltknöpfe, Rohrpost und Überwachungsmonitore. Sowohl als Direktor Haghi als auch als skrupelloser Schurke scheint er auf einen Rollstuhl und eine taubstumme Krankenschwester angewiesen. Dass seine ständige Begleiterin, die ihm hilft, sich zu maskieren und seine Identität zu wechseln, inmitten der Überwachung weder sprechen noch hören kann, zeugt von der Paranoia des Protagonisten.
IV. Spiel mit Masken
Gerade in seiner Darstellung als vermeintlich Versehrter scheint der Antagonist nicht nur auf die neuen Technologien angewiesen, sondern selbst eine Art „Prothesengott“ zu sein (Freud 1930), der ihr seine Existenz verdankt. Durch seine Überwachungsmethoden ist er, der nie im Freien zu sehen ist und Gefangener seiner selbst scheint, über alles im Bilde, von hier aus kontrolliert er seine Schergen, die er in erpresserischer Nähe hält. Darunter auch die Meisterspionin Sonja Barranikowa – die österreichische Schauspielerin Gerda Maurus gibt in dieser Rolle ihr Leinwanddebüt – die er auf No. 326 ansetzt. Aber als Sonja sich in No. 326 verliebt und ihren Auftraggeber verrät, will er sie vernichten. Mit ihrer Hilfe kommen die Beamten hinter Haghis Machenschaften, als sie in seine Bank eindringen und nach ihm suchen, gelingt ihm jedoch die Flucht. Sonja, die er in seine Gewalt bringen konnte, droht er:
„Bald wirst Du um alle Geheimnisse des Todes wissen, Sonja … nimm zum Abschied eins aus meinem Leben mit!“ (SPIONE, 9. Akt, Titel 9).
Haghi entblößt sein Geheimnis, er verlässt seinen Rollstuhl, selbst seine Lähmung war nur Täuschung. Dem Geheimdienst gelingt es, die Spionagezentrale auszuheben und Sonja zu retten, schließlich kommen sie auch Haghi auf die Schliche. Als No. 719 hat er sich auch als Geheimdienstagent ausgegeben und seine wahre Identität deshalb geheimhalten können, weil er sich hinter der Maske als populärer Clown Nemo versteckt hat. Und als dieser narrenhafter Niemand, auf der Bühne als Clown, spielt er seinen letzten Streich und demonstriert noch einmal seine Bösartigkeit.
In seiner Nummer schießt er mit einer Schreckschusspistole auf die falsche Note, den schrägen Ton, ebenso auf eine überdimensionale Fliege, die über seinem Kopfe schwirrt, Nemo beklatscht sich lachend dazu. Als sich aber auf der Seitenbühne und im Orchestergraben die Agent:innen tummeln und ihre Pistolen auf den Clown richten, kontrolliert er einmal noch das Geschehen: „Herr Kapellmeister, bitte, eine kleine Musik – “ (SPIONE, 9. Akt, Titel 20).
Nemo kratzt sich, er holt einen übergroßen (Gummi-)Floh aus seiner Hose hervor, zückt abermals eine Waffe, mit der er aber auf die Kontrahenten schießt. Ehe er die Ausweglosigkeit seiner Position anerkennt, wendet er sich lachend ans Publikum – er kann es noch immer täuschen. Dann richtet Nemo die Pistole gegen sich und jagt sich die Kugel in den Kopf.
Mit seinem Befehl „Vorhang herunter – – !!“ (SPIONE, 9. Akt, Titel 21) bringt Haghi sich selbst zu Fall. Und Fritz Lang beschert dem Publikum Kinospannung, die ein Bedürfnis nach Sensationellem stillt. Nach der Premiere lobt Hans Wollenberg den „Spannungsfilm“ Langs: „Gebt dem Kino, was des Kinos, und der Kunst, was der Kunst ist! (Lichtbild-Bühne, Nr. 72, 23.03.1928). Fast hundert Jahre nach diesem Urteil wirkt die Kunst dieses Kinos immer noch.

© Österreichisches Filmmuseum –
Filmbezogene Sammlung
HEMMA MARLENE PRAINSACK
ist Filmhistorikerin.
Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet sie
dem Wiener Filmemacher Rudolf Meinert und der Entwicklungsgeschichte der Filmproduktion
am Übergang zum Tonfilm.
