Arbeitslos und glücklich? Nicht erlaubt! Zum Verhältnis von Arbeitslosigkeit, Filmen und uns VON ERKAN OSMANOVIC

In dieser und der nächsten Ausgabe der ZUKUNFT blickt ERKAN OSMANOVIC auf ein alltägliches und doch für viele schwieriges Thema: Arbeitslosigkeit. Wie verändern sich Menschen in ihrem Handeln, Denken und Fühlen, wenn sie nicht mehr arbeiten können oder dürfen? Warum ist es wichtig nicht nur über Statistiken und Studien zu arbeitslosen Menschen zu sprechen, sondern auch Spielfilme zu diesem Thema zu drehen? Was können Filme in dieser Hinsicht leisten? Und müssen sie das überhaupt? Arbeitslosigkeit belastet die Menschheit – doch vielleicht gibt es da eine Lösung und genau die könnten wir alle mithilfe von Filmen besser verstehen.

I. Statistik und Herzen

Arbeitslosigkeit ist unbeliebt, schlecht für die Wirtschaft und die Laune. Man muss nicht lange überlegen, um zu dieser Feststellung zu kommen. Wenn wir in der glücklichen Situation sind, einen Job zu haben, den wir im weitesten Sinne gerne machen, dann halten wir uns fern von diesem Thema. Doch warum ist das eigentlich so? Es kann doch schließlich jede Person unfreiwillig treffen. Einsparungen, Firmenpleite oder Pandemie – und schon sind Angehörige oder man selbst arbeitslos. Und was würde dann folgen? Isolation und Stigmatisierung? Freude und Freiheit?

Viele arbeitslose Personen schämen sich und ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Ein Blick in die Nachrichten lässt vermuten, warum das so ist: Arbeitslose tauchen entweder auf als Drückeberger*innen, Gefahr für unsere Wirtschaft oder Zahlen in Studienergebnissen und Grafiken. Arbeitslosigkeit bleibt so eine Nummer, eine Fußnote oder ein Bild – abstrakt und nicht-menschlich. Doch hinter den Zahlen stecken Menschen und Schicksale. Denn arbeitslose Personen in Österreich leben in beklemmenden ökonomischen Verhältnissen, wie eine Studie vom Herbst 2021 von SORA im Auftrag des sozialliberalen Momentum Instituts zur wirtschaftlichen Situation von Arbeitslosen in Österreich zeigt. Für die Untersuchung wurden 1214 arbeitslose Menschen repräsentativ ausgewählt und zu ihrer Lebenssituation befragt: 97 % der Befragten müssen mit einem monatlichen Einkommen unter 1400 Euro netto auskommen und 10 % der Befragten gar mit unter 1200 Euro netto im Monat. Zur Erinnerung: In Österreich liegt die Armutsgrenze für einen Ein-Personen-Haushalt im Jahr 2021 bei 1328 Euro. Ein Großteil der Arbeitslosen lebt also an oder unter dieser Schwelle. Die Ergebnisse sind erschütternd, allerdings auch schnell vergessen: Zahlen und Statistiken finden keinen Eingang in unsere Herzen.

II. Die Arbeitslosen von Marienthal

Was hat Arbeitslosigkeit für Folgen auf den Menschen? Verändert sie die Art, wie wir handeln? Was bedeutet es für unsere Psyche, das Etikett arbeitslos zu bekommen? Um das rauszufinden, begab sich im November 1931 ein siebzehnköpfiges Forschungsteam unter der Leitung des Soziologen Paul Felix Lazarsfeld zur im niederösterreichischen Gramatneusiedl und Reisenberg gelegenen Arbeiter*innenkolonie Marienthal. Angeregt durch den Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Otto Bauer, waren die Sozialforscher*innen auf das Schicksal der Fabriksarbeiter*innen aufmerksam gemacht worden, die in Folge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 ihre Stellen verloren hatten.

Die Ergebnisse dieser ersten modernen empirischen Studie der psychosozialen Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit lauteten: Das Zeitgefühl war strukturiert durch die vierzehntätige Auszahlung des Arbeitslosengeldes, ansonsten beherrschte lähmende Leere und Langeweile den Alltag der Personen. Viele Betroffene lebten in Armut. Auch die festgestellte Entpolitisierung eines Großteils der Arbeitslosen wurde mit Schrecken festgestellt. Außerdem fühlten sich die Arbeitslosen hilflos und hoffnungslos und gingen deswegen auch alltäglichen Herausforderungen aus dem Weg – das Forschungsteam sprach von einer müden Gemeinschaft.

Obwohl die Marienthal-Studie bereits 1933 publiziert worden war, machte sie erst ihre Neuausgabe 1960 populär. Mit der 1971 erschienen englischen Übersetzung gelang ihr dann schließlich der internationale Durchbruch und die Untersuchung avancierte zum Klassiker der weltweiten empirischen Sozialforschung: einerseits wurden Statistiken und Beobachtungen ausgewertet, andererseits wurden Betroffene befragt und Aktionsforschung betrieben.

Doch was die Rezeption der Untersuchung am meisten unterstützte, war die Sprache. Denn die damals fünfundzwanzigjährige Sozialpsychologien Marie Jahoda griff in ihren Beschreibungen auf einen narrativen Ton zurück und orientierte sich stark am Stil von Sozialreportagen. Jahoda wusste, dass das Schicksal arbeitsloser Personen nicht allein mit Zahlen zu vermitteln war, es braucht Geschichten – oder gar Filme.

III. Arbeitslosigkeit und Film

Mit Einstweilen wird es Mittag unternahm Karin Brandauer 1988 den Versuch Die Arbeitslosen von Marienthal zu verfilmen. Das bewegte Bild zeigt Wirkung: in die Leere blickende Väter und Mütter, in Armut spielende Kinder und verwahrloste Häuser. Der Film zeigt, dass auch wissenschaftliche Untersuchungen eine Basis für Spielfilme sein können. Es wird aber auch deutlich vor welcher Zwickmühle ein solches Vorhaben steht. Denn im Kino gelten für gewöhnlich andere Regeln als in wissenschaftlichen Abhandlungen.

Doch wie kann etwas politisch Brisantes wie Arbeitslosigkeit einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht werden? Wie können Filme sensibilisieren ohne zu belehren? Auf welche Art kann das Politische in Filmen betrachtet werden? Es gebe, so die Kulturwissenschaftlerin Sandra Nuy in ihrem Buch Die Politik von Athenes Schild, „drei Betrachtungsperspektiven“ auf dieses Spannungsverhältnis:

  • „der politische Film im Sinne einer Funktionalisierung des Films – sei diese nun kritisch, pädagogisch oder persuasiv – innerhalb politischer Kommunikationszusammenhänge
  • das Politische des Films, das sich, verkürzt formuliert, aus dispositiven Wahrnehmungsstrukturen und daraus resultierenden sozialen Effekten zusammensetzt
  • das Politische im Film als narrative Ausgestaltung politischer Themen, Ereignisse und Konfliktkonstellationen ggf. unter Einbezug politischer Akteure im Figurenensemble.“

Eine solche „narrative Ausgestaltung politischer Themen“ interessierte im Jahr 2018 auch das Filmarchiv Austria, das die Filmschau Suche Arbeit, mache alles auf die Beine stellte. Dort wurden Filme wie etwa die österreichische Sozialutopie Sonnenstrahl (1933) oder der Dokumentarfilm Über die Jahre (2015) ausgestrahlt. Beide Filme erzählen auf ihre jeweils eigene Art über das Leben von Arbeitslosen. Beide Filme haben ihre Berechtigung, doch leider gelang es ihnen nicht das Thema an prominenter Stelle anzubringen. Einem anderen Film der Schau gelang dies allerdings schon bei seiner Erstaufführung und das mit Erfolg: Früchte des Zorns.

IV. Auf Reisen wider Willen

Tom Joad will zurück zu seiner Familie nach Oklahoma. Nachdem er die letzten vier Jahre wegen Totschlags im Gefängnis verbracht hat, sehnt er sich nach der familieneigenen Farm. Doch auf dem Weg dorthin erlebt er eine Überraschung: Der frühere Prediger Casy und der Nachbar Muley berichten Joad vom Verfall der Farm. Nachdem Staubstürme und Dürren das Land heimgesucht haben, wurde die Familie ebenso wie andere Farmer*innen von Großgrundbesitzer*innen um ihre Grundstücke erleichtert. Nun trifft die Familie bei Toms Onkel John Vorbereitungen, um Oklahoma Richtung Kalifornien zu verlassen. Arbeit, Geld und Hoffnung locken nicht nur Toms Großfamilie, sondern Scharen von Menschen.

Der Film kam 1940 in die Kinos und beruht auf dem gleichnamigen Roman des Nobelpreisträgers John Steinbeck. Der Roman wiederum nahm seinen Anfang in Recherchen Steinbecks für eine Artikelserie aus dem Jahr 1936. Während der Großen Depression in den 1930er–Jahren war in einigen US-Staaten über mehrere Sommer hinweg der Regen ausgeblieben – betroffen waren hauptsächlich Staaten der Great Plains: Oklahoma, Texas, Kansas, Colorado, New Mexiko, Nebraska und South Dakota. Die Siedlungsgebiete hatten das Präriegras gerodet und somit den Böden jegliche Feuchtigkeit entzogen. In Folge von Stürmen verwandelte sich das Land in den Jahren 1935 bis 1938 in eine Wüste – man sprach auch von der Dust Bowl (Staubschüssel).

Für die San Francisco News hatte Steinbeck über die Wanderarbeiter*innen aus Oklahoma berichtet. Sie hatten in Kalifornien nach Arbeit und ihrem Glück gesucht. Er besuchte Obstplantagen und Auffanglager. Auch mit dem Lagerpersonal kam er so in Kontakt. All das war in den Film eingeflossen und begeisterte Kinobesucher*innen aller Welt. Dazu trug einerseits die hochkarätige Besetzung mit Henry Fonda bei, aber auch die gelungene Struktur des Films. Ford hatte Steinbecks dokumentarische Geschichte in eine klassische Filmdramaturgie gegossen: Anfang – steigende Handlung und Spannung – Klimax – fallende Handlungsspannung – Ende und Auflösung.

In Kalifornien erwartet die Familie weder Arbeit noch Geld, stattdessen erlebt sie Ausbeutung, Gewalt und Hunger. Im Laufe der Geschichte trifft Tom in einer Arbeiter*innenkolonie auf Casy, der inzwischen in einer Gruppe von Streikenden agitiert. Als ebendieser bei einem Tumult mit Hilfstruppen der Grundbesitzer*innen erschlagen wird, tötet Tom einen der Wachmänner und muss flüchten. Angesteckt durch die Ideen des verstorbenen Casy will er sich fortan dem Kampf für die Rechte der Arbeitsmigrant*innen widmen.

Das Buch und der Film ließen die Vereinigten Staaten in Aufruhr kommen. Während sich große Teile der Bevölkerung fragten, wie derartige Zustände im Land der Freiheit herrschen konnten, gingen einige konservative Politiker*innen auf die Barrikaden und brandmarkten Steinbeck als Kommunisten. Auch Teile der Industrie zeigten sich irritiert. So erwirkte etwa der Landwirtschaftsverband ein kurzfristiges Verkaufsverbot des Buches.

Dem Film war ein Meisterstück gelungen: er hatte die Menschen in die Kinos gebracht – bei einem Budget von rund 800 000 US-Dollar konnte der Film 2,5 Millionen US-Dollar einspielen – und gleichzeitig das existierende Leid der Arbeitslosen artikulieren. In Österreich sind uns solche Zustände fremd, doch das bedeutet keinesfalls, dass arbeitslose Personen bei uns nicht auch Schikanen und enormem Druck ausgesetzt wären. Es braucht nicht gleich Plantagenbesitzer*innen, um den Leuten das Leben als arbeitssuchender Mensch schwer zu machen. Dafür reicht oft schon unsere Bürokratie.

V. Zwischen Realität und Fiktion – Ich, Daniel Blake

272 – so viele Fragen sollten arbeitslose Menschen in einem Programm einer Partnerfirma des AMS beantworten. Es ging um Stärken und Schwächen, aber auch Geschlechtskrankheiten und psychische Störungen der Befragten, wie österreichische Medien berichteten. Das Tool, so das AMS, diene der Erhebung des Arbeitsfähigkeitsindex (Work Ability Index): Der WAI wurde in Finnland in den 1980er-Jahren entwickelt und gibt Auskunft über die eigene Einschätzung der Befragten, für wie leistungs- und arbeitsfähig sie sich halten. Das Programm sollte nur unter Freiwilligkeit der Klient*innen eingesetzt werden, was allerdings, so die Annahme, nicht immer eingehalten wurde.

Trotz dessen stellt sich die Frage: Warum sollten Arbeitslose überhaupt in die Verlegenheit kommen, intimste Informationen von sich preiszugeben? Hat man vor der Arbeitslosigkeit seine Abgaben korrekt gezahlt, sollte es keinerlei Belege benötigen, um finanzielle und beraterische Unterstützung des AMS zu erhalten.

Abb. 1: I, Daniel Blake (2016) Ken Loach
© One Films/Why Not Productions/Wild Bunch/BBC Films)

Ob er auf Telefontasten drücken könne, möchte man wissen. 50 Meter ohne Unterstützung zu gehen schaffe? Liege Inkontinenz vor? Weshalb all diese Fragen? Erklärungen gibt es keine – Gegenfragen nicht erlaubt. Daniel ist Witwer, hat keine Kinder und arbeitete bis zu einem schweren Herzinfarkt als Tischler, woraufhin ihm seine Ärztin verbietet zu arbeiten. Daher auch die Befragung eines Call-Centers. Denn seine Gesundheit soll überprüft werden. Das Ergebnis? Für die Behörden ist er gesund genug, um nach Arbeit zu suchen. So beginnt sein Martyrium.

In seiner 2006 erschienen Komiktragödie I, Daniel Blake nimmt uns der britische Regisseur Ken Loach mit in das nordenglische Newcastle. Ganz in der Tradition des italienischen Neorealismus verzichtet er auf Sozialromantik und zeichnet ein kühl-dokumentarisches Bild. Ähnlich, wie auch bei Früchte des Zorns ist die bewusst gewählte Distanz, das mächtigste Mittel, um die schreiende Stille im Leben arbeitsloser Personen zu artikulieren.

Ebenso kalt wie der Blick auf Daniel ist auch der Computerbildschirm, vor dem er nun zum ersten Mal in seinem Leben sitzt, um Formulare auszufüllen und nach Stellenanzeigen zu suchen. Er bemüht sich, bleibt jedoch für die Angestellten des Jobcenters bloß ein Tunichtgut. In unserer Gesellschaft bedeutet Arbeitslosigkeit, dass man belehrt wird, ständig bitten muss, und immer auf jemand Anderen angewiesen ist – man wird vom Menschen zum Objekt seiner Umwelt und ist einem Machtgefälle unterworfen: während man selbst freundlich sein muss und sich von der besten Seite zeigen soll, machen die Betreuer*innen das Gegenteil.

Dies wird vor allem deutlich als Daniel eines Tages im Warteraum des Jobcenters auf die alleinerziehende Mutter Katie trifft. Sie ist neu in der Stadt und ist wegen eines verpassten Busses eine halbe Stunde zu spät zu ihrem Termin dran. Damit die Frau nicht auf ihr Geld verzichten muss, wollen Blake und die anderen Wartenden die Frau vorlassen, doch das verhindert das System in Gestalt des Jobcenter-Leiters. Menschlichkeit verliert im Angesicht der Bürokratie und so muss Katie auf ihre Arbeitslosenhilfe verzichten, während Blake von der Security rausgeworfen wird.

VI. Neue Wege wagen

Arbeitslosigkeit ist ein dunkles, ein stilles Thema – egal ob in der Realität oder im Film. Doch warum ist das eigentlich so? Das ist doch klar, meinen nun einige: weil arbeitslose Menschen unglücklich sind. Wie oben schon erläutert, haben sie öfter mit Krankheiten und in vielen Fällen auch mit Armut zu kämpfen. Doch liegt das an der fehlenden Beschäftigung? Oder nicht vielmehr an dem Umstand, dass ein Großteil der Menschen gezwungen ist, Arbeiten zu erledigen, die sie unglücklich und krank machen? Denn Menschen, die arbeiten sind ja nicht automatisch gesünder oder führen ein zufriedeneres Leben. Ein Blick in das eigene Umfeld reicht, um diese These zu bejahen.

Es ist das Etikett arbeitslos, das man umgehängt bekommt als Person und die an bestimmte Bedingungen geknüpften Transferleistungen des Arbeits- und Sozialamts, die längere und unfreiwillige Arbeitslosigkeit zu einer Zerreißprobe für viele macht. Eine Lösung dieses Dilemmas? Vielleicht ein bedingungsloses Grundeinkommen? Immerhin würde damit die soziale Abgrenzung abgedämpft, die man als Arbeitslose/r ansonsten zu spüren bekommt.

Wie ein solches Grundeinkommen aussehen könnte, ist schwer zu sagen: es gibt liberale, progressive und konservative Modelle – eines haben sie alle gemein: Sie sind abstrakt. Warum also nicht einmal Spielfilme nutzen, um solche Lebensweisen und -realitäten abzubilden? Weshalb nicht Blockbuster auf die Leinwand bringen, die ein solches Modell durchspielen? Die Ideen liegen am Tisch, es gilt nur die Kameras und Mikrofone auszupacken und die Geschichten in die Köpfe der Menschen zu bringen.

ERKAN OSMANOVIC

ist Literaturwissenschaftler und leitet die Publikationsservices der TU Wien Bibliothek. Er lebt und arbeitet in Wien und Brno. Zuletzt erschien u. a.: Wer man gewesen war. Untersuchungen zum Suizid in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts anhand von ausgewählten Werken (2018).