Als Nachtrag zu unserer Ausgabe 09/2025 zur Freiheit der Wissenschaft präsentieren wir mit dem Beitrag von GÜNTER KOCH den Bericht von einer mehr als bedenklichen Bedrohung der relativen Autonomie der Wissenschaft im Verhältnis zu politischen Vorgaben und Einflussnahmen. Ob in den USA oder in Österreich, die Freiheit der Wissenschaft ist in Gefahr.
Dieses Dokument ist nicht nach den von mir sonst geschätzten Kriterien einer wissenschaftlichen Publikation geschrieben. Es ist ein politisch motiviertes Statement nach eigenen Erfahrungen, die ich in Österreich als Wissenschaftsmanager machen konnte, als dort zum ersten Mal eine Rechtsaußen-Partei an eine Koalitionsregierung kam und dort das Technologieministerium besetzte, ein Ministerium, das mich letztlich zur „Persona non Grata“ erklärte.
Vorausgegangen war, dass ich als Nicht-Österreicher im Jahr 1998 zum Vorsitzenden der damals wie heute größten österreichischen Forschungseinrichtung berufen wurde, nachdem ich zuvor eine erfolgreiche Karriere in dieser Rolle sowohl in der Privatwirtschaft als auch als Chef eines von der EU-Kommission eingerichteten internationalen Technologieinstituts gewesen war.
In Österreich wurde ich als Nichtösterreicher schon früh von nationalistisch orientierten Interventionisten angefeindet, so z. B. mit der Frage eines führenden Journalisten des österreichischen Staatsrundfunks, wieso das Land nicht einen eigenen Vorsitzenden der sogenannten Austrian Research Centers aufzustellen in der Lage war. Als international in der Wissenschaft geprägter Kosmopolit hatte ich solche Fragen nicht ernst genommen, bis, ja bis sich im Jahr 2001 die schon erwähnte Koalitionsregierung formte und sich rechtsradikale Politiker zusammentaten, um u. a. mich aus meiner führenden Rolle zu beseitigen, was ihnen letztendlich im Jahr 2003 gelang.
Zunächst machte ich mir damals über meine berufliche Zukunft angesichts meines eindrucksvollen Lebenslaufs keine Sorgen. Das Problem begann, als ich aus persönlichen Gründen – ich war eine bis heute bestens funktionierende Lebenspartnerschaft in Wien eingegangen – ab 2003 in Österreich blieb, trotz der mir gegenüber ausgedrückten Verwunderung einiger Kolleg*innen. Diese kannten offensichtlich die Gepflogenheiten, wie man mit jemandem wie mir umgeht, besser als ich selbst. Die Aversion meiner „politischen Gegner“ war so groß, dass mich einige von diesen veranlassten Interventionen fast um meine Existenz gebracht hätten, da ich, dank ihrer Interventionen, in Österreich beruflich keinen Fuß mehr auf den Boden brachte. Es begann damit, dass mir die Steuerbehörde auf den Hals gehetzt wurde, die natürlich keine Vergehen finden konnte, ging über Rufschädigungen bis hinaus in die internationale Wissenschaftsszene und, als Kulmination des Ganzen, ein über die nationale Nachrichtenagentur verbreiteter offener Brief eines dann als Vize-Parlamentspräsident positionierten Rechtspolitikers mit völlig unhaltbaren Desavouierungen, bis hin zur Bezweiflung, ob ich überhaupt ein Universitätsstudium abgeschlossen hätte. Meine Naivität bestand darin, dass ich glaubte, dass die Fakten über meine Qualifikation und meine Integrität mich schützen würden.
Dass diese Haltung naiv war, offenbarte sich, als ich wahrnehmen musste, dass selbst „Freunde“ meines professionellen Umfelds Profit aus meiner Demissionierung zogen. War es doch so, dass ich in dem von mir geleiteten Forschungszentrum einige weitreichende und als vorbildlich eingeschätzte Reformen einführte, wozu u. a. die Entwicklung und erstmalige Einführung eines Wissensbilanzberichts gehörte. Diese Methode zur Messung des Fortschritts im Wissensaufbau von „Denkinstitutionen“, so Forschungszentren und Universitäten, konnte ich mit der akademischen Unterstützung der Professorin Ursula Schneider von der Universität Graz als meiner Co-Autorin nicht nur im eigenen Haus erfolgreich einführen und erstmals 1999 publizieren, sondern die Republik Österreich entschied sogar, Wissensbilanzierung für das Reporting und zur Steuerung von Einrichtungen wie Universitäten gesetzlich vorzuschreiben, was meines Wissens bis heute der Fall ist.
Was allerdings dann mit meiner Entlassung in 2003 geschah, hatte ich doch so nicht erwartet: ehemalige Kolleg*innen, Mitarbeiter*innen, meine eigenen Assistenten, sowie Kooperationspartner*innen und korrespondierende Kolleg*innen – hier verkneife ich mir die Nennung von Namen – machten sich über das Erfolgsthema Wissensbilanzierung her und versuchten es – am Ende sogar erfolgreich – als ihr eigenes Thema bis hin als von ihnen selbst erfunden zu vermarkten. Aus heutiger Sicht muss ich das fast als Leichenfledderei brandmarken. Das Enttäuschendste war, dass selbst mir zugeschriebene fachliche Freunde in Sachen Wissenschaftsmanagement meine Abdankung nutzten, um sich selbst darüber zu profilieren. An die Spitze trieben dieses „Geschäft“ Kolleg*innen in Deutschland, die, ohne Ursula Schneiders und meine „Erfindung“ entweder überhaupt und wenn, schon gar nicht adäquat zu zitieren, mit einer quasi Kopie unter dem Titel „Wissensbilanz – Made in Germany“ an die Öffentlichkeit traten. Dafür warben sie zunächst beim deutschen Wissenschaftsministerium und später, als sie die zusätzliche Chuzpe hatten, auch noch eine „Wissensbilanz – Made in Europe“ zu platzieren, erhebliche Projektmittel ein. Dass dies alles auf einem Plagiat gründete, fand später der Münchner Rechtsprofessor Volker Rieble heraus, der unter dem Titel Wer hat die Wissensbilanz erfunden? darüber einen journalistischen Artikel in der deutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) publizierte (Rieble 2011).
Selbst konnte ich noch im Jahr meiner Entlassung 2003 mit der Unterstützung der European Association of Research & Technology Organisations (EARTO) und deren Geschäftsführer Hendrik Schlesing die EU-Kommission davon überzeugen, eine High Level Expert Group (HLEG) zu dem Thema „Intellectual Capital Reporting“ einzurichten, was von drei Direktoraten der EU-Kommission unterstützt wurde. Das Ziel der Kommission war, Wissensbilanzierung bei wissenschaftsbasierten High-Tech-Gründungsunternehmen in Europa einzuführen, weil deren Überlebenschance in den Nullerjahren wegen ihrer fehlenden finanziellen Bilanzhistorien und der damit nicht vorhandenen finanziellen Solvenz mittels Wissensbilanzen ausgeglichen werden sollte. Die Kommission hatte an eine entsprechende Direktive gedacht, die aber wegen des Einspruchs eines einzelnen Kommissars nicht zustande kam. Die schon konstituierte Expert*innengruppe beschloss, ihre Arbeitsergebnisse in einem Abschlussbericht zu veröffentlichen (RICARDIS 2006) und ihre Arbeit in anderer Form, nämlich als seither existierender Verein mit dem Namen The New Club of Paris(NCP) fortzusetzen, was ein Online-Beitrag auch im Detail beschreibt (The New Club of Paris 2014).
Die aktuelle Generation der Mitglieder des NCP hat vor Kurzem ein Buch über die Erneuerung der Wissensbilanzierung mit dem Titel Futurizing Intellectual Capital herausgebracht (Kiant/Čabrilo /Užienė 2025), zu dem ich auf Einladung der Herausgeberinnen auch einen Beitrag geleistet habe. Bei der Durchsicht der Beiträge der anderen Autoren in diesem Werk und vor allem derer Bibliografien ist mir aufgefallen, dass so gut wie überhaupt keine Referenzen zur Entstehungsgeschichte zu dem einzigen, wirklich erfolgreichen Ursprungsprojekt der Schaffung und Einführung der Wissensbilanz gefunden werden können. Vielmehr konnte ich, aktuell motiviert, durch Recherchen zur Geschichte speziell zur Entstehung der Wissensbilanzierung herausfinden, dass in den Jahren nach meiner Entlassung m. E. ich selbst mit einer gewissen Systematik als Urheber und Beitragender „ausgeschaltet“ und meiner Reputation beraubt wurde.
Um auf den Titel dieses Artikels und den Bezug zur Trumpschen Politik der „Vernichtung“ der Wissenschaften und ihrer Träger zurückzukommen, soll dieser Erfahrungsbericht dienen: Es gibt offensichtlich selbst im Bereich der als „edel“ wahrgenommenen Wissenschaften immer doch genügend Unterstützer einer ggf. zerstörerischen Politik, was mich erwarten ließe, dass eine solche Politik mit allen gravierenden Konsequenzen doch realisierbar ist, weil sich immer genügend „Profiteure“ finden lassen, die aus solchen Vorgängen, so unethisch wir das empfinden mögen, ihre Vorteile zu ziehen willens sind.
Ein Wort zur Güte zum Abschluss: Die von mir zitierten Kolleg*innen, die heute mit der Buchpublikation Futurizing Intellectual Capital öffentlich geworden sind, möchte ich ausdrücklich von meiner Kritik des unehrenhaften Verhaltens ausnehmen. Sie waren nicht Teil dieser Geschichte, und vielen Autoren in dieser Publikation wohl auch nicht. Meine Anwürfe adressieren diejenigen, die seinerzeit gemeinsame Sache mit der in Österreich vorherrschenden Politik in den Jahren 2003 bis 2008 gemacht haben, übrigens nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Deren Verhalten liefert für mich einen Beleg dafür, dass politische Vorgaben und Bedrohungen, wie sie aktuell von Trump annonciert werden, offenkundig leichter realisierbar sind, als „man“ sich das vorstellen will. Am Ende ist bei dem Thema Haltung und Aufrichtigkeit gefragt, und das konkret in der Community der Wissenschaftler.
GÜNTER KOCH
war über fünf Jahre Vorsitzender des damals sogenannten Austrian Research Centers (davor Forschungszentrum Seiberdorf) und einige Zeit Präsident des Dachverbandes der Forschung Austria. Er lebt heute wechselseitig in Wien und Teneriffa, wo er der Humboldt Cosmos Multiversity vorsitzt. Daneben hält er seit etwa fünf Jahren „rehabilitorisch“ Board-Funktionen diverser internationaler Wissenschaftsvereine.
Weitere Informationen online unter: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Günter_Koch
Bedrohung der WissenschaftsfreiheitLiteratur
- Kianto, Aino/Čabrilo, Slađana/Užienė, Lina (2025): Futurizing Intellectual Capital. Insights on Navigating Knowledge-Bades Value Creation, Heidelberg: Springer Nature.
- RICARDIS (2006): Reporting intellectual capital to augment research, development and innovation in SMEs – Encourage corporate measuring and reporting on research and other forms of intellectual capital, Publications Office, 2006, online unter: https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/60cbf27c-5552-429f-a077-44135a97cc27/language-en (letzter Zugriff: 15.10.2025).
- Rieble, Volker (2011): Wer hat die Wissensbilanz erfunden?, in: FRanfurter Allgemeine Zeitung Online, 14.05.2011, online unter https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wissensmanagement-wer-hat-die-wissensbilanz-erfunden-1639555.html (letzter Zugriff: 15.10.2025).
- The New Club of Paris (2014): How The New Club of Paris came into existence, online unter: https://new-club-of-paris.org/how-the-new-club-of-paris-came-into-existence/ (letzter Zugriff: 15.10.2025).
