Durch „Aussteigen“ das Klima retten – geht das? – VON JÖRG SOMMER

„Wenn alle so leben würden wie wir, könnte die Klimakatastrophe sicher und schnell abgewendet werden!“ JÖRG SOMMER zeigt mit seinem luziden Beitrag, wie die inneren Widersprüche der im Keim richtigen Praxis und Motivation der Aussteiger*innen „aufgehoben“ werden könnte in der dreifachen Bedeutung des Wortes („abschaffen“, „bewahren“ und „auf eine höhere Ebene bringen“). Unser Autor gelangt so zum Modell einer gelebten Utopie jenseits des Kapitalismus, das gesamtgesellschaftlich wirksam werden könnte.

1. Staatliche Klimapolitik: Energiewende ins Nichts

Die weltweiten CO2-Emissionen steigen seit dem Beginn der Industrialisierung ständig an. Die Kurve der letzten 30 Jahre zeigt nur drei vorübergehende Absenkungen (siehe Abbildung 1): Der Zerfall der Sowjetunion 1990–1999, die globale Finanzkrise 2007–2008 und die Covid-19-Pandemie ab 2020.

Abb. 1: Wirtschaftskrisen stoppen vorübergehend den weiteren Anstieg der CO2-Emissionen.[1]

Der Grund dafür ist leicht auszumachen – es waren Wirtschafts-Rezessionen mit den damit einhergehenden Konsum-Reduktionen. Ganz offensichtlich ist die Minderung des Konsums ein sehr schnell und zuverlässig wirkendes Mittel zur Senkung der CO2-Emissionen. Natürlich kann daraus nicht die Forderung abgeleitet werden, absichtlich eine dauerhafte Wirtschafts-Rezession herbeizuführen, um das Klima zu retten. Keine Partei und keine Regierung könnte mit einer solchen Forderung Erfolg haben, sie würde sich damit selbst abschaffen. Allenfalls ein autoritäres Regime könnte mittels einer Planwirtschaft ein derartiges Ziel durchsetzen.[2]

Andererseits kann es niemandem verboten werden, freiwillig und mit guten Argumenten den eigenen Konsum zu reduzieren. Wenn dies massenhaft geschehen würde, müssten wir alle eine dadurch ausgelöste Rezession wohl oder übel hinnehmen. Die Konsequenzen wären allerdings bedenklich, weil die weiterhin marktwirtschaftlich orientierte Mehrheitsgesellschaft alle negativen Folgen (Arbeitslosigkeit, sinkende Steuereinnahmen bis hin zum Zusammenbruch des Sozialstaates oder Mangelwirtschaft) auszubaden hätte.

Mit ihrer Selbstversorgung hinsichtlich des Wohnens und der Ernährung könnten die Aussteiger anfangs eine Rezession ganz gut überstehen. Für die Trinkwasser- und Energieversorgung, die Entsorgung des Abwassers und der Abfälle, sowie die Alters- und Gesundheitsversorgung sind sie weiterhin auf den Staat und ein funktionierende kapitalistisches System angewiesen. Das heißt: Die Lebensform der Aussteiger in der bisherigen Form ist nicht verallgemeinerbar. Das Aussteigen funktioniert nur so lange, wie es lediglich von einer kleinen Minderheit praktiziert wird und somit das kapitalistische System weiterhin bestehen kann. Als Massenphänomen ist es nicht praktikabel – jedenfalls nicht, solange die Selbstversorgung weiterhin auf Wohnen und Ernährung beschränkt bleibt. Damit taugt es auch nicht zur Abwehr der Klimakatastrophe. Diese ist – so scheint es – doch nur durch staatliche Maßnahmen zu bewältigen.

Bei der Einschätzung der Erfolgsaussichten der staatlichen Klimapolitik muss man das schon bald eng werdende Zeitfenster im Auge behalten. Die Industrienationen haben sich unter der Berücksichtigung der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse im Pariser Übereinkommen 2015 darauf geeinigt, bis spätestens 2050 die Klimaerwärmung auf maximal 1,5 0C zu begrenzen. Das globale kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem Zwang zu stetigem Wachstum wird dabei nicht in Frage gestellt. Die kritischen Stimmen aus Kreisen der Wissenschaft, die nachfragen und erforschen, ob dieses Ziel in den noch verfügbaren 27 Jahren überhaupt erreicht werden kann, wollen jedoch nicht verstummen. Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagt deshalb in einem Interview mit der ZEIT:

„Und wir können mit großer Sicherheit sagen, dass wir das Pariser Klimaabkommen selbst dann verfehlen werden, wenn wir in nur 28 Jahren von aller Kohle, allem Öl, allem Erdgas ablassen – was eine Revolution wäre.“[3]

Der vielfach ausgezeichnete Ökonom Hans-Werner Sinn sieht in der derzeitigen staatlichen Klimapolitik eine „Energiewende ins Nichts“[4] und belegt dies mit immer wieder aktualisierten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ungelöst ist vor allem das Problem der Energiespeicherung, die wegen der wetter- und jahreszeitlich bedingten Leistungsschwankungen der Windturbinen und Solarpanels unabdingbar ist, aber bisher nur sporadisch realisiert wurde. Nur wenige Maßnahmen wie z. B. das Tempolimit auf deutschen Autobahnen, steuerliche Anreize oder die Streichung klimaschädlicher Subventionen sind kurzfristig durchsetzbar. In anderen Bereichen ist noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit erforderlich, etwa auf dem Gebiet der Wasserstofftechnik und des Schnellen Brüters. Selbst ausgereifte Techniken wie das Verlegen von weiteren Wasserstoff- und Stromleitungen benötigen viel Zeit für die Projektierung, Planung, Klärung juristischer Fragen vor Ort, Konstruktion und Ausführung. Viele Umwelttechniken erfordern selbst wieder zusätzliche Energie wie z. B. die Produktion von Wasserstoff und dessen Umwandlung in Ammoniak, um ihn auf Schiffen transportieren zu können sowie die Rückverwandlung in Wasserstoff am Verwendungsort. Um ihn dort wieder in elektrischen Strom umzuwandeln (z. B. in Wasserstoffautos), sind wiederum Brennstoffzellen erforderlich, in denen noch einmal über die Hälfte der Energie verloren geht und bei denen auch Probleme bei der Materialbeschaffung auftreten können, da sie nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Das gleiche Problem stellt sich bei dem Vorhaben, CO2 aus der Luft herauszufiltern, zu komprimieren, zu transportieren und in tiefe Gesteinsschichten zu pressen (Carbon Dioxide Removal, kurz CDR). Dafür wird zu viel zusätzliche Energie gebraucht.

ANFÄNGE: EINE NEUE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT
VON DAVID GRAEBER UND DAVID WENGROW
Stuttgart: Klett-Cotta
672 Seiten | € 16,50 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3608966145
Erscheinungstermin: 13.01.2024

Gleichzeitig entsteht durch das Wirtschaftswachstum weiterer Energie- und Rohstoffbedarf. Der Haupt-Wachstums-Treiber der unmittelbaren Zukunft ist die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz. Beide eröffnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten zum Generieren immer wieder neuer Konsumbedürfnisse – man denke nur an die Ausweitung der sozialen Medien auf die 3. Dimension (Metaversum) mit immer wieder neuen Generationen von Smartphones, an den weiteren Ausbau des Satellitennetzes rund um die Erde, an selbstfahrende Autos, die Elektromobilität, die dann schon bald durch Wasserstoffantriebe ersetzt werden soll. Am Horizont winkt schon der Weltraumtourismus. So jagt eine Innovationswelle die nächste und jede ist ein noch größerer Stromfresser als die vorangehende. Schon jetzt hinken wir mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien hoffnungslos hinterher und erst recht mit dem Ausbau der Energiespeicherung. Das Festhalten am kapitalistischen Wirtschaftssystem und der Glaube an ein immerwährendes Wirtschaftswachstum bleibt die Maxime der Regierungen der westlichen Industrienationen. Der Wirtschaftsberater McKinsey & Co schätzt, dass sich der Strombedarf bis 2050 verdoppeln wird.[5] Ohne Atomstrom, den wir aber zumindest in Deutschland aus guten Gründen nicht wollen, wird es auf Dauer nicht gehen. Wenn er nicht mehr im eigenen Land hergestellt wird, müssen es eben Importe aus dem Ausland sein. Die Europäische Kommission will ja Atomkraft neuerdings als „grüne Energie“ einstufen.

Bankrotterklärungen der Regierung wie die von Wirtschaftsminister Robert Habeck am 18.06.2023 bei Anne Will in der ARD („Deutschland schafft im Moment rechnerisch seine Klimaziele sowieso nicht!“) werden sich in Zukunft häufen. Ein großes Problem ergibt sich auch daraus, dass der selbstzerstörerische westliche Lebensstil von vielen Menschen der restlichen Welt als Vorbild und Entwicklungsziel gesehen wird. Es ist dringend geboten, diesen Lebensstil ad adsurdum zu führen und durch praktische Beispiele zu beweisen, dass wir mit alternativen Kulturmodellen besser leben können.

2. Das Dilemma und ein Ausweg

Wie entkommen wir dem Dilemma, dass einerseits die Aussteiger-Bewegung in ihrer derzeitigen Form die Klimakrise nicht abwenden kann, selbst wenn sie zur Massenbewegung werden sollte, andererseits aber auch die staatliche Klimapolitik scheitern wird, da sie an dem kapitalistischen Wirtschaftssystem festhält und damit auch am Glauben an ein immerwährendes Wirtschaftswachstum? Ein Ausweg eröffnet sich, wenn eine Konsumreduktion nicht von oben verordnet wird, sondern durch gelebte Beispiele als erstrebenswert und verbesserte Lebensqualität praktisch erprobt und vorgeführt wird. Dabei kann an den Zielen und Erfahrungen der Aussteigerszene angeknüpft werden.

Ein Ausstieg aus dem Kapitalismus wird allerdings nicht kommen, so lange dieses System als „alternativlos“, naturgegeben oder als rational zwingender Schritt in der Menschheitsentwicklung gesehen wird – ein weitverbreiteter Mythos, der aber von den Autoren David Graeber und David Wengrow 2021 gründlich dekonstruiert wurde.[6] Die meisten Menschen können sich ein Leben ohne dieses System einfach nicht vorstellen oder sie sehen nur Dystopien wie Ökodiktaturen oder den Rückfall in historisch gescheiterte Konzepte wie die „Diktatur des Proletariats“. Deshalb werden sie den Status Quo mit Klauen und Zähnen verteidigen, auch wenn er erkennbar in die Katastrophe führt. Um überhaupt eine Bereitschaft für die notwendige gesellschaftliche Transformation zu schaffen, müssen wieder Räume für utopisches Denken durch gelebte Beispiele geöffnet werden.

Die Aussteiger-Szene ist jedoch nur eine winzige Minderheit – sind es nicht zu wenige Menschen, die einen solchen Schritt in ein neues Zeitalter wagen? Sehen wir nach, wie kulturelle oder soziale Umbrüche überhaupt bisher zustande gekommen sind. Sie hatten immer eine längere Vorgeschichte, in der die bisher gültigen Lebensformen zunehmend als unzulänglich erlebt werden – etwa wegen eines Klimawandels oder durch den Kontakt mit anderen Kulturen, die als überlegen wahrgenommen werden. Diese Epoche, in der wir uns gegenwärtig befinden, ist erfüllt von allerlei Suchbewegungen und dem Ausprobieren neuer Wege, bis dann eines Tages eine erste materielle Konkretisierung einer neuen Kultur in die Welt kommt: Die erste Herde domestizierter Rinder in der Geschichte der Menschheit, das erste Kornfeld und der erste Kornspeicher aus Ton, eine in einer bestimmten Region bisher nie gesehene Kathedrale, deren Glocken weithin im Land zu hören sind, ein Magazin in einem Urwald-Dorf, in dem man erstmals Jeans, Motorsägen, Mopeds, Benzinfeuerzeuge und Handys kaufen kann, aber nur mit dem Geld, das man sich durch die Arbeit in der neu entstandenen Plantage nebenan verdienen kann. Immer sind es solche singulären Ereignisse, welche die Verhältnisse überhaupt erst ins Rollen bringen und die zweite Phase der allmählichen Konsolidierung und Ausgestaltung der neuen Kultur einleiten.

Bemerkenswert an diesen singulären Ereignissen ist nun, dass es sich immer nur um ganz wenige Akteur*innen handelt – es ist nur eine neolithische Horde, eine Handvoll Mönche, eine mutige Händler-Familie, einige Bastler in einer Garage im Silicon Valley, welche diese Initialzündungen auslösen. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn immer wird in diesen Fällen planvoll gehandelt, eine ganz bestimmte Idee wird ausprobiert, die Akteur*innen lassen sich durch nichts beirren, sie verfolgen hartnäckig und allen Widrigkeiten zum Trotz ihr Ziel.

Auch eine Kultur der Subsistenz-Kooperativen kann niemals flächendeckend auf einen Schlag entstehen – etwa durch den Beschluss in einem Parlament. Wie bei jedem anderen Kulturwandel kann es auch hierzulande nur eine Handvoll mutiger Pionier*innen sein, die den ersten Schritt wagen, um das erste praktische Beispiel einer solchen Kooperative auch bei uns, im Herzen des entfesselten Kapitalismus, in die Welt zu setzen.

Anknüpfen kann man dabei an den alten „Traum vom einfachen Leben“ wie etwa das des Robinson Crusoe – ein Traum, der immer noch ungebrochen ist, wie das das Buch von Regine Pompa über ihren „Ausstieg“ in die Bretagne[7] zeigt: innerhalb weniger Jahre hat es die vierte Auflage erreicht.

3. Die Aussteiger-Szene als Keimform einer neuen Kultur

Wenn die Lebensform der Aussteiger tatsächlich als Alternative zum kapitalistischen System überzeugen soll, muss es sich unabhängig von diesem System machen, denn „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Theodor W. Adorno).[8] Das geht nur, wenn die Selbstversorgung, die bisher weitgehend auf das Wohnen und die Ernährung beschränkt blieb, auf alle Bedarfsbereiche ausgedehnt wird. Wie eine solche Subsistenzwirtschaft umfassender realisiert werden kann als bisher, ist eine technische Frage, die gelöst werden kann, wenn auch das zweite Anliegen der Aussteiger zur Geltung gebracht wird: Was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben? Eine philosophische Frage, von deren Antwort aber unser Überleben abhängt. Am Handy werden sich die Geister scheiden.

Die Widersprüche, denen sich die Aussteiger in der Konfrontation mit dem sie umgebenden und sie tragenden kapitalistischen System gegenübersehen, können mit Hilfe einer dialektischen Aufhebung aufgelöst werden, wobei etwas qualitativ Neues entsteht.[9] Der Begriff der Aufhebung wird dabei in drei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, nämlich einmal im Sinne von „ein Gesetz aufheben“, also „es außer Kraft setzen“, zweitens im Sinne von „aufheben, weil es noch gebraucht wird“ und drittens als „etwas vom Boden aufheben“, also „auf eine höhere Ebene bringen“.

Aufzuheben im Sinne von „beenden“ ist die Tendenz zum Rückzug ins Private, in eine Landidylle, allein um der Selbstverwirklichung willen. Wenn diese aber als Negation der entfremdeten Arbeit in der industriellen Produktion und Bürokratie gesehen wird, hat sie allerdings auch einen positiven politisierenden Aspekt und ist aufheben im Sinn von „bewahren“. So gesehen ist dies dann auch eine Antithese zur aktivistischen Ökologiebewegung, die sich im „Kampf“ gegen umweltverschmutzende Unternehmen und staatliche Institutionen erschöpft, die das billigen, nicht genügend dagegen vorgehen oder sogar fördern.

Das Bestreben der Menschen in der Aussteigerszene, ihre Angelegenheiten möglichst ohne die Hilfe staatlicher Institutionen selbst zu regeln, ist im Keim ein anarchistische Ansatz, den es aufzuheben – im Sinne von „bewahren“ – gilt. Diese „Staatsferne“ ist auch in der rechten Szene zu beobachten, hat dort aber ein ganz anderes Motiv, nämlich die Abwehr demokratisch legitimierter staatlicher Maßnahmen, z. B. der Migrations-, Gesundheits- und Umweltpolitik, sofern sie rechten Ideologien entgegenstehen. Insoweit ist eine klare Abgrenzung zur Aussteigerszene möglich, desgleichen auch gegenüber bestimmten religiösen Sekten, deren Autarkiebestrebungen staatliche Einmischung in ihre teils autokratischen und gesetzeswidrigen Strukturen und Praktiken abwenden sollen.[10]

Aufzuheben, weil sie noch gebraucht und weiterentwickelt werden sollte, ist vor allem die Selbstversorgung, die in der Aussteigerszene bisher nur partiell angestrebt und realisiert wurde und wird. Mit der eigenen Wohnung und einem Obst- und Gemüsegarten, vielleicht noch mit etwas Kleinvieh gibt man sich zufrieden; neuerdings kommt noch etwas Strom aus Solarpanels dazu. Dahinter steht eine Lebensphilosophie der Genügsamkeit (Suffizienz), die aber nicht als Verzicht oder gar Askese erlebt wird, sondern im Gegenteil durchaus hedonistisch mit einer Freude an sinnlichen Genüssen und einem naturverbundenen Leben. Nur mit der Vervollständigung der Selbstversorgung kann eine Unabhängigkeit vom kapitalistischen Wirtschaftssystem erreicht und so gezeigt werden, dass ein gutes, genussvolles Leben ohne die kapitalistischen „Errungenschaften“ möglich ist.

Selbst zu bestimmen, wann es mit dem „Aussteigen“ losgehen soll, ohne auf das Eintreten bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse oder den Sieg irgendeiner Partei zu warten: Dieser Mut zur Selbstermächtigung ist ein weiterer Zug der Aussteigerszene, den es aufzuheben im Sinne von „bewahren“ gilt. Er gründet auf der Erkenntnis, dass sich ein gesellschaftlicher Wandel „von unten“ ohnehin nie auf einen Schlag und flächendeckend ereignet, sondern nur räumlich und personell punktuell beginnen kann. Immer sind es zuerst nur wenige Menschen, die sich zusammenfinden, um eine neue Lebensform zu erproben. Anstatt zu kämpfen, verführen sie andere, es ihnen gleichzutun. Ob dies dann doch nicht wieder in neue Herrschaftsverhältnisse führt, in denen der Gang der Dinge „von oben herab“ geregelt wird, ist eine andere Frage. Um Fehlentwicklungen in dieser Richtung auszuschließen, ist von Anfang an eine basisdemokratische Struktur anzustreben, die in der Aussteigerszene ebenfalls schon keimförmig angelegt ist und durch das Commoning des Besitzes (Almende) nahegelegt wird. Es werden flache Hierarchien angestrebt mit einer möglichst horizontalen Gliederung der Aufgabenbereiche und dem gemeinsamen Eigentum der Produktionsmittel und Immobilien. Dabei kann man an die Tradition der Genossenschaften und Kooperativen anknüpfen, die sich in einigen lateinamerikanischen Ländern und in den autonomen kurdischen Regionen noch erhalten hat bzw. wieder neu belebt wird.

SYSTEMSTURZ:
DER SIEG DER NATUR ÜBER DEN KAPITALISMUS
VON KOHEI SIATO
München: dtv
320 Seiten | € 25,00 (Gebundenes Buch)
ISBN: 978-3423283694
Erscheinungstermin: 27.09.2023

Mit der oben bereits betrachteten Selbstversorgung als zentralem Aspekt des „Aussteigens“ stellt sich notgedrungen auch die Frage nach den dabei verwendeten Techniken. Die begrenzten Fähigkeiten und Kenntnisse der Akteur*innen und das Fehlen komplizierter Maschinen und Werkzeuge führen oft zu einem Rückgriff auf einfache traditionelle Methoden, die zugleich auch den Vorteil haben, dass sie meistens umweltverträglicher sind als neue Verfahren. Der Nachteil einer oft geringeren Effizienz der Produktionstechnik fällt dabei weniger ins Gewicht, weil nicht mehr für den Markt, sondern nur noch für den Eigenbedarf produziert wird. Damit entfällt der Konkurrenzdruck gegenüber industriell erzeugten Waren. Der Aspekt einer umweltverträglichen Produktionstechnik führt andererseits aber auch zu einer kritischen Hinterfragung der traditionellen Methoden. Zum Beispiel sollten Holz und trockene organische Abfälle nie direkt verbrannt werden, sondern entweder über eine Biogasanlage entsorgt, deren feste Rückstände kompostiert oder zu Holzgas verschwelt werden, wobei Holzkohle entsteht. Diese wird zusammen mit Kompost zu Terra-Preta verarbeitet, mit der ein dauerfruchtbarer Boden (Schwarzerde) gewonnen wird. Holz- und Biogas dient außer zum Heizen und Kochen auch zur Erzeugung von Prozesswärme in verschiedenen Handwerksbereichen (Töpferei, Schmiede). Die Gärbehälter der Biogasanlage können unterirdisch angelegt und mit Lehm abgedichtet werden. Die Behälter zur Holzverschwelung werden aus feuerfestem Ton gefertigt. Das alles sind einfache Techniken („Low-Tech“), die auch in den nicht-industrialisierten Ländern mit einfacher Handarbeit zu bewältigen sind. Sie ersetzen die dort oft noch weit verbreitete Unsitte, Holz, Ernteabfälle und getrocknete Fäkalien der Nutztiere zu verfeuern. Diese Beispiele zeigen, dass es keinesfalls um einen Rückfall ins Mittelalter geht, sondern um die Bereitschaft zu umweltverträglichen Innovationen. Die Produktentwicklung verlässt dann allerdings den bisher vorherrschenden Entwicklungspfad der Maximierung des Marktwertes und orientiert sich an der Optimierung des Gebrauchswertes.

4. Conclusio: Was aus den Keimformen entstehen könnte

Denkt man die beschriebenen keimförmig angelegten Bestrebungen und Motive der Aussteigerszene zu Ende, entsteht die Vision von basisdemokratisch organisierten Gemeinschaften von jeweils einigen hundert Menschen, die in selbst gebauten Wohnungen und Werkstätten zusammenleben und arbeiten. Die Größe dieser Gemeinschaften ergibt sich einerseits aus einer umfassenden Selbstversorgung mit allen Gütern des alltäglichen Bedarfs und die dadurch zu erreichende Unabhängigkeit von der kapitalistischen Warenproduktion. Nach oben hin ist die Größe begrenzt durch die Praktikabilität basisdemokratischer Entscheidungsstrukturen.

Die Binnendifferenzierung dieser Gemeinschaften ergibt sich zwanglos aus den Erfordernissen der Kooperation bei der Produktion der verschiedenen Güter. Neben Ein-Mann oder Ein-Frau-Betrieben entstehen z. B. Kooperativen für Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau, Wohnungs- und Werkstättenbau, Zimmereien, Schreinereien, Webereien, Großküchen und Wäschereien. Weil sich unter diesen Voraussetzungen von vornherein nur konsumkritische, schaffensfreudige und umweltbewusste Menschen zusammenfinden, ist der ökologische Fußabdruck dieser Gemeinschaften wesentlich kleiner als im Durchschnitt der aktuellen Bevölkerung.[11] Was produziert wird und wie es verteilt werden soll, wird basisdemokratisch ausgehandelt. Daraus erwächst eine Kultur der gegenseitigen Akzeptanz und Rücksichtnahme nach der Maxime: „Nicht mehr auf Kosten Anderer leben!“.

Mit solchen Gemeinschaften entsteht eine Parallelgesellschaft neben der bisherigen weiterhin kapitalistisch organisierten Mehrheitsgesellschaft. Bezogen auf die Gesamtgesellschaft nimmt der Konsum ab und das Wirtschaftswachstum sinkt, was ökologisch erwünscht ist. Trotzdem tritt keine Wirtschaftskrise ein, weil die Bezugsgröße des Wirtschaftswachstums, nämlich die weiterhin kapitalistisch organisierte Mehrheitsgesellschaft, kleiner geworden ist, und somit das relative Wirtschaftswachstum gleichbleibt. Die ökologische Parallelgesellschaft ist aus dem Wirtschaftsgeschehen ausgestiegen und versorgt sich selbst, geht also nicht mehr ins Kalkül des Wirtschaftswachstums ein.

Der aussichtslose und kräftezehrende Kampf gegen den übermächtigen Gegner des kapitalistischen Systems hat ein Ende. Es beginnt der selbstbestimmte, kreative und freudvolle Aufbau einer neuen Kultur. An die Stelle der kapitalistischen Ästhetik der Macht und Naturbeherrschung tritt eine Ästhetik der Liebe zu allem Lebendigen, der Sinnlichkeit und der Verführung. Aus Konsumverzicht wird Konsumverweigerung und aus dieser wiederum Konsumbefreiung.

Mit dem Niedergang der realsozialistischen Staaten ist auch die kommunistische Utopie irreparabel beschädigt. Mit ihr ist utopisches Denken heute weitgehend verschwunden. Ein Leben ohne den kapitalistischen Markt ist für viele überhaupt nicht mehr vorstellbar. So betont Kohei Saito: „Für viele ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus“[12]. Es braucht dringend gelebte Beispiele für eine Alternative, auch wenn sie zunächst nur von einer kleinen Gruppe vorgelebt wird. Ohne die vielen Kompromisse, zu denen die Aussteigerszene in der heutigen unvollendeten Form immer wieder gezwungen ist, gewinnen diese Gemeinschaften entscheidend an Überzeugungskraft und Ausstrahlung für den anstehenden grundlegenden Kulturwandel.


Endnoten

[1] Vgl. online unter: https://www.globalcarbonproject.org/global/images/carbonbudget/Infographic_Emissions2021.pdf (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[2] Neuerdings wird die Wiedereinführung einer Planwirtschaft tatsächlich vorgeschlagen. Vgl. Herrmann, Ulrike (2022): Das Ende des Kapitalismus: Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2022.

[3] Vgl. Die Zeit Nr. 32 vom 04.08.2022: 29, online unter: https://www.zeit.de/2022/32/klimaschutz-forschung-kommunikation-johan-rockstroem-interview (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[4] Vgl. online unter: https://www.youtube.com/watch?v=eWct_GyzFdo (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[5] Vgl. online unter: https://www.industr.com/de/stromverbrauch-wird-sich-bis-verdoppeln-2573998 (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[6] Vgl. Graeber, David/Wengrow, David (2022): The Dawn of Everything. A new History of Humanity, London: Penguin, dt. dies.: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart: Klett-Cotta.

[7] Vgl. Pompa, Regine (2019): Unser Haus in der Bretagne, Hamburg: Rowohlt TB, 20.

[8] Vgl. Adorno, Theodor W. (1980): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4., Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[9] Ich folge dabei weitgehend Suterlütti, Simon/Meretz, Stefan (2018): Kapitalismus aufheben, Hamburg: VSA-Verlag, 201ff.

[10] Als Beispiel sei etwa die Colonia Dignidad genannt. Vgl. den guten Wikipedia-Eintrag online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Colonia_Dignidad (letzter Zugriff: 01.03.2024). (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[11] Im Ökodorf Siebenlinden wurde in einer empirischen Studie der Technischen Universität Turin 2014 ein ökologischer Fußabdruck von 2,4 t Co2-Emmissionen pro Person gemessen. Er beträgt damit nur 27 % des bundesdeutschen Durchschnitts. Vgl. die diesbezüglichen Informationen online unter: https://www.siebenlinden.org/de/oekologische-fussabdruck/ (letzter Zugriff: 01.03.2024).

[12] Vgl. Saito, Kohei (2023): Interview: Auch ohne Wachstum kann es Überfluss geben, in: Publik-Forum, Nr. 18, 22.09.2023, 18, online unter: https://www.publik-forum.de/politik-gesellschaft/auch-ohne-wachstum-kann-es-ueberfluss-geben (letzter Zugriff: 01.03.2024).