Das Leben des Galilei im Krastal. Oder: Was haben Galileo Galilei und Bertolt Brecht gemeinsam? – VON RUDOLF O. ZUCHA

„Wer die Wahrheit nicht kennt,
ist ein Dummkopf.
Wer sie aber kennt und sie eine Lüge nennt,
ist ein Verbrecher.“
Bertolt Brecht: Leben des Galilei (1939)

„Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen.
Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.“
Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner

I. Prolog 2014: Brecht-Aufführung im Marmorsteinbruch von Krastal bei Villach

Nach Faust, Nathan der Weise und Der zerbrochne Krug in den vorhergegangenen Jahren hat Manfred Lukas-Luderer Bertolt Brechts Leben des Galilei (Brecht 1998) im Steinbruch Krastal bei Villach vor fast zehn Jahren inszeniert und die Hauptrolle gespielt. Die Premiere war für den 17. Juli 2014 vorgesehen, musste aber wegen Schlechtwetters auf den 10. August 2014 verschoben werden. Bis dahin ist das Leben des Galilei nur einmal in Kärnten aufgeführt worden und zwar in der Saison 1986/87 im Landestheater Klagenfurt unter der Regie von Tamas Ferkai (Premiere am 12. März 1987); im übrigen Österreich viel zu selten. Genau 450 Jahre vor dieser Inszenierung ist der große Naturwissenschaftler und Aufklärer Galileo Galilei geboren, der das heliozentrische Weltbild – gegen den Widerstand der Kirche – begründete. Seine Schriften sind auf den index librorum prohibitorum, die Liste der verbotenen Bücher, gesetzt worden. Erst 200 Jahre später im Jahre 1757 wurde seine Lehre auch von der Kirche anerkannt.

Der große Aufklärer, Lyriker und Dramatiker Bertolt Brecht verfasste das Theaterstück Leben des Galilei 1939 im dänischen Exil nicht als Drama, sondern als episches Theater, in dem die aktive Teilnahme und Stellungnahme der Zuseher*innen evoziert wird. Es wurde am 09. September 1943 in Zürich uraufgeführt. Dabei geht es um den Wahrheitsanspruch des Wissenschaftlers und um seine ethische Verantwortung (vor allem angesichts der modernen Physik und mithin der Atombombe). Die Musik schrieb der österreichische Komponist Hanns Eisler. In der Zeit des Austrofaschismus war auch Bertolt Brecht in Österreich auf die Verbotsliste gesetzt worden (ein Schicksal, das er mit Galileo Galilei teilte). In der Zeit der Zweiten Republik hat es – wie auch der Beitrag von Kurt Palm am Beginn dieser Ausgabe der ZUKUNFT eingehend zeigt (vgl. auch Palm 1983) – einen jahrelangen Brecht-Boykott gegeben, der schließlich vom Volkstheater gebrochen worden ist.

II. Der Lebenslauf des Galileo Galilei … der arme G. G.

Galileo Galilei wird am 15. Februar 1564 als Sohn des Florentiner Mathematikers Vincenzo Galilei in Pisa geboren. Nach dem Studium von Philosophie, Medizin und Mathematik wird er im Alter von fünfundzwanzig Jahren 1589 auf den Lehrstuhl für Mathematik in Pisa berufen, folgt dann 1592 einem Ruf an die Universität von Padua, wo er achtzehn Jahre bleibt und seine wichtigsten erst spät veröffentlichten Forschungen zur Bewegungslehre erfolgen. Alle diese Leistungen treten in den Hintergrund als er die Konstruktion des in den Niederlanden erfundenen Fernrohrs verbesserte und damit die empirische Erforschung der Himmelskörper beginnt. Wegen seiner schlechten Bezahlung an der Universität muss er jedoch als Privatlehrer Geld verdienen, sodass er wenig Zeit, wenn auch freie Hand für seine Untersuchungen hat. (Die Stadt Padua gehörte zur Republik Venedig und gewährte der Wissenschaft und Forschung einen hohen Grad von Freiheit). 1610 tauschte er den Lehrstuhl mit der gut bezahlten Stellung eines Mathematikers und Philosophen am großherzoglichen Hof zu Florenz, um unter diesem Namen ausschließlich seinen Forschungen nachgehen zu können. Mit Hilfe seines Teleskops (vgl. Galilei 1980) findet er empirische Beweise für das heliozentrische kopernikanische Weltbild und widerlegt das offiziell geltende geozentrische ptolemäische Weltbild.

Er tritt nunmehr öffentlich für die Lehre von Kopernikus (1473–1543) ein. Ein Konflikt mit der katholischen Kirche ist daher unausweichlich, weshalb ihm die Verbreitung seiner Lehren untersagt wird. Der Umsturz des alten Weltbildes löste bei den Machthabern in der Kirche und in der Politik die Besorgnis aus, dass damit die fest gefügte Ordnung in Gefahr geraten und möglicherweise auch ein gesellschaftlicher Umsturz eingeleitet werden könne. Es ist die Zeit des Kampfs zwischen Katholizismus und Protestantismus um religiöse Hegemonie in Europa, ein Kampf, der sich mit dem Dreißigjährigen Krieg fortsetzte.

III. G. G. vor der Inquisition

Nach einer innerkirchlichen Kontroverse wird Galilei schließlich verhaftet und unter Androhung der Folter von der Inquisition gezwungen, seiner Lehre abzuschwören. Am 05. März 1616 bezeichnete das Heilige Offizium die heliozentrische Lehre von Nikolaus Kopernikus und G. G. als „töricht, absurd und ketzerisch im Glauben“. G. G. unterwirft sich zunächst dem kirchlichen Schweigegebot. Als jedoch Papst Gregor XV. im Jahr 1623 stirbt und am 06. August Papst Urban VIII., ein Förderer der Wissenschaften, das höchste Amt in der römisch-katholischen Kirche übernimmt, schöpft G. G. Hoffnung.

Abb 1: Justus Sustermans – Portrait von Galileo Galilei (1636) © Wikimedia Commons

Er beginnt sich mit den Sonnenflecken zu beschäftigen, um zu beweisen, dass die Sonne rotiert. Mit dem Einverständnis der Zensur veröffentlichte G. G. 1632 einen Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische (Galilei 1891), doch als Papst Urban VIII. merkte, dass die Leser*innen das Buch als überzeugende Beweisführung für die kopernikanische Lehre auffassten, lässt er Galilei 1633 in Florenz verhaften und nach Rom bringen. Die Inquisition verurteilt ihn wegen des Verstoßes gegen das 1616 ausgesprochene Schweigegebot.

Am 22. Juni 1633, nach mehr als drei Wochen im Kerker, unterwirft sich G. G. der Kirche und schwört seinen Erkenntnissen ab. Der kolportierte Ausspruch „Und sie bewegt sich doch! E pur si muove!“ ist nicht belegt. Ende 1633 stellte man G. G. für den Rest seines Lebens in seiner Villa in Arcetri außerhalb von Florenz unter Hausarrest. 1638 legtG. G. mit Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze, seinem bedeutendsten wissenschaftlichen Werk, die Grundlagen der Bewegungs- und der Festigkeitslehre. Seit 1637 erblindet, stirbt Galileo Galilei am 8. Januar 1642 – einige Wochen vor seinem 78. Geburtstag.

IV. Der Lebenslauf des Bertolt Brecht … der arme B. B.

Bertolt Brecht wird am 10. Februar 1898 als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg geboren. Er legt zeitlebens darauf wert, schwäbischer Herkunft zu sein und seine Eltern Berthold und Sophie Brecht, geb. Brenzing, seien „Schwarzwälder“. Die alte Fuggerstadt und Handelsmetropole Augsburg ist eine Provinzstadt, allerdings die drittgrößte und drittbedeutendste des bayrischen Staates nach München und Nürnberg, doch die größte der schwäbischen Provinz in Bayern. Sein Vater arbeitet sich in einer Papierfabrik zum Direktor empor, sodass es im gutbürgerlichen Hause Brechts immer auch ein Dienstmädchen gibt. Früh interessiert sich B. B. für Lyrik und Musik, wobei der Gitarrenunterricht ihm große Befriedigung gibt. Er besucht und absolviert das Realgymnasium und bereits im Jahr 1913 beginnt er mit der Herausgabe der Schülerzeitung Die Ernte.

Schon in dieser Zeit freundet er sich mit dem Mitschüler Caspar Neher an, der lebenslang sein Freud bleibt und bei der Einbürgerung von B. B. in Österreich eine vermittelnde Rolle einnehmen sollte. Er macht B. B. später mit dem österreichischen Komponisten und Direktionsmitglied der Salzburger Festspiele Gottfried von Einem bekannt. Es folgen erste Veröffentlichungen in Augsburger und Münchner Medien. Nach Rückstellung vom Kriegsdienst immatrikuliert der Bertolt Brecht 1917 an der Ludwig-Maximilian-Universität München zunächst Literatur und dann Medizin. Anschließend leistet er seinen Militärdienst im Reservelazarett bei Augsburg und schließt 1918 die erste Fassung seines Stücks Baal ab. Nach dem für Deutschland verlorenen Krieg tritt Wilhelm II. als deutscher Kaiser zurück und der Sozialdemokrat Scheidemann ruft in Berlin die deutsche Republik aus. Es bilden sich Soldaten- und Arbeiterräte, in München wird die Räterepublik ausgerufen. B. B. lebt jedoch für die Kunst und zeigt Desinteresse an Politik sowie Mangel an Begeisterungsfähigkeit– wenn auch mit Sympathien für die politische Linke (vgl. die hervorragende Darstellung von Brechts Leben in: Mittenzwei 1987).

Im März 1919 besucht er den um vierzehn Jahre älteren und schon arrivierten Lion Feuchtwanger (1884–1958) in München, eine Begegnung, die zu einer lebenslangen freundschaftlichen Beziehung (auch in der Zeit der gemeinsamen Emigration in den USA) führt. B. B., der sich ab 1916 Bert nennt, bekommt 1922 den renommierten Kleist-Preis für die Stücke Trommeln in der Nacht (Spartakus), Baal und Dickicht. Im Zuge der 1920er-Jahre verlagert sich sein künstlerisches Zentrum von München nach Berlin. Bei Proben zu Trommeln in der Nacht am Deutschen Theater begegnet er der Wiener Schauspielerin Helene Weigel (1923), mit der er später eine Lebensgemeinschaft bzw. Ehe (1930) eingeht.

Mit der Aufführung der Dreigroschenoper, einer Bearbeitung der Beggars’s Opera von John Gay (1728) mit Musik von Kurt Weill (1900–1950) im Theater am Schiffbauerdamm (später und bis heute Berliner Ensemble) gelingt ihm der große Durchbruch in Berlin. Seine Songs werden auf den Straßen von Berlin gesungen oder gepfiffen, denn die Musik von Kurt Weill hatte an der Popularität einen großen Anteil und entsprach dem Lebensgefühl der 1920er-Jahre. Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, flüchtet B. B. mit Helene Weigel aus Deutschland über Prag, Wien, Zürich, Cartona und Paris nach Svendborg in Dänemark. Im Mai 1933 werden seine Bücher in Deutschland verboten. 1938 liegt die Erstfassung von Leben des Galilei vor. 1940 übersiedelt B. B. nach Helsinki, wo er das Stück Herr Puntila und sein Knecht Matti verfasst (Uraufführung 1948 in Zürich).

1941 erhält er das Einreisevisum für die USA und verlässt daraufhin die finnische Hauptstadt Helsinki, die letzte Station des europäischen Exils. Da ihm kürzere Wege in die USA versperrt sind, nimmt er den Weg über die Sowjetunion und fährt über Leningrad und Moskau per Transsibirischer Eisenbahn nach Wladiwostok, um von dort per Schiff am 21. Juli 1941 in San Pedro, dem Hafen von Los Angeles, anzukommen, genau einen Tag vor dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“). Wie auch viele andere Emigrant*innen (Ausnahmen sind z. B. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger) ist er in den USA bzw. in der Filmmetropole Hollywood wenig bekannt, sodass es für ihn sehr schwer wird, Fuß zu fassen und sich am amerikanischen Markt zu behaupten. Er arbeitet mit Fritz Lang und John Wexley an dem Drehbuch zu Fritz Langs Hangmen Also Die (USA 1943), mit Lion Feuchtwanger an Die Gesichte der Simone Machard, schreibt am Kaukasischen Kreidekreis und mit Hilfe von Charles Laughton an einer Übersetzung bzw. angepassten Fassung von Leben des Galilei.

Die amerikanische Premiere des Stückes in englischer Sprache im Theater von Beverly Hills am 30. Juli 1947 wird ein Ereignis für Hollywood, an welchem z. B. Charlie Chaplin, Ingrid Bergmann, Anthony Quinn, John Garfield, Gene Kelly, der Architekt Frank Llloyd Wright u. a. teilnehmen. Sie erreicht 17 Vorstellungen, die immer ausverkauft sind. Die Aufführung in der ursprünglichen Fassung findet noch während des Krieges am 09. September 1943 am Schauspielhaus in Zürich statt. Nach dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroschima und Nagasaki wird das Stück überarbeitet und die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Menschheit betont. B. B. gilt nach dem Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg 1941 als feindlicher Ausländer und wird vom FBI ständig überwacht.

V. B. B. vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“

Abb. 2: Bertolt Brecht © Bundesarchiv Bild 183-W0409-300 – Wikimedia Commons

Das amerikanische Establishment, das das Wertesystem vom freien Unternehmertum, welches den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär idealisierte, fühlte sich durch „unamerikanische“ Umtriebe (worunter prinzipiell alle sozialkritischen Gesinnungen verstanden wurden) gefährdet. Generell wurde dahinter eine subversive Bedrohung durch die Sowjetunion vermutet. In Generalverdacht gerieten alle Intellektuellen, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, die links von der gesellschaftlichen Mitte, also als linksliberal oder links denkend eingestuft wurden. Als Gesinnungspolizei wurde das Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe (HUAC, House Un-American Activities Commitee) wiederbelebt, nachdem es schon 1939 gegründet worden war und in welchem sich die späteren US-Präsidenten Richard Nixon und Ronald Reagan profilieren konnten.

Das Jahr 1947 ist der Beginn von Untersuchungen über „kommunistische Unterwanderung“ in der amerikanischen Filmindustrie, in welchem Hollywood als „rotes Nest“ bezeichnet wurde. Schauspieler*innen, Regisseur*innen und vor allem Drehbuchautor*innen wurden als von Moskau ferngelenkt denunziert (vgl. dazu auch Haynes 1996). In einem Forum für öffentliche Hearings wurden die Vorgeladenen inquisitorisch befragt, woraufhin entschieden wurde, ob sie sich „unamerikanischer Umtriebe“ schuldig gemacht hatten oder nicht. Die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei führte ohne lange Verhandlungsprozedur in der Regel zum Verdikt „schuldig“. Als Ergebnis wurden „Black Lists“ angelegt, in welchen „freundliche“ und „unfreundliche“ Auskunftspersonen definiert wurden, was dann über spätere Berufsausübungen von elementarer Bedeutung war. Die als „unfreundliche Auskunftspersonen“ deklarierten Personen durften nicht mehr beschäftigt werden. Senator Joseph Raymond McCarthy (1908–1957) spielte dabei eine entscheidende Rolle im sog. „McCarthysmus“. Als „freundliche“ Zeugen von Hollywood haben sich besonders Robert Taylor, Ronald Reagan und Walt Disney hervorgetan.

„So kam Brecht (der sich seit 1941 im Exil in den USA befand, Anm. R. Z.) nach Kriegsende in die groteske Situation, daß er – dem Hollywood keine Chance geboten hatte, auch nur einen Teil seines künstlerisch-politischen Engagements einzubringen – über unamerikanische, das heißt kommunistische Tätigkeit vernommen werden sollte.“ (Mittenzwei 1987, Band II: 198)

HEXENJAGD
VON ARTHUR MILLER
Frankfurt am Main: Fischer
128 Seiten | € 2,77 (Taschenbuch – gebraucht)
ISBN: 978-3596271085