Die Rettbarkeit der Unglücklichen. Perspektiven literarischer Resilienz bei/mit Roland Barthes VON THOMAS BALLHAUSEN

Wie kaum ein anderes Werk verbindet Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes (1915–1980) literarische und philosophische Ansprüche in der Verhandlung von Begehren, Unglück und Verlust. Dieser Klassiker des Denkens ist zu einem generationsübergreifenden Trostbuch geworden, dem sich THOMAS BALLHAUSEN in Form einer kontextualisierenden Lektüre annähert. Denken mit Barthes, so wird dabei deutlich, öffnet dabei nicht nur Perspektiven auf Resilienz, sondern auch auf Aspekte der (Selbst-)Verantwortung.

Look up here, I’m in heaven
I’ve got scars that can’t be seen
I’ve got drama, can’t be stolen
Everybody knows me now

Look up here, man, I’m in danger
I’ve got nothing left to lose
I’m so high it makes my brain whirl
Dropped my cell phone down below
Ain’t that just like me?

David Bowie: Lazarus

I. Abschweifungen und Ausschweifungen

Mit den vorliegenden Ausführungen – die gemäß dem gewählten Untersuchungsgegenstand ebenfalls Fragment sind, die in (hoffentlich) produktiver Hinsicht unabgeschlossen und, so die Intention, auch nicht abschließend sein wollen – sollen erste Schritte einer Relektüre der Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes (1915–1980) unternommen werden. Der Versuch, diesem zentralen Referenztext diverser Disziplinen und nicht weniger unterschiedlicher privater Nutzungen gerecht zu werden, ist in vielerlei Hinsicht schon zu Beginn einem möglichen Scheitern verpflichtet. Zu offen scheint dieses schöne Trostbuch der unglücklich Liebenden, dieses von Sekundär- und Tertiärdiskursen durchzogene Flechtwerk zu sein, als dass ihm – ganz einem starken Textbegriff verpflichtet – anders beizukommen wäre als mit einem weiteren Text größeren Umfangs als der hier vorliegenden Digressionen und Pendelbewegungen. Nichtsdestotrotz soll (hoffentlich: ganz im Sinne des verhandelten, zur Verhandlung stehenden Denkers) ein Versuch gewagt werden, der – wenn er schon zu nichts anderem führt – zumindest zu eigener, lustvoller (Re-)Lektüre verführt: Wer über Barthes schreibt muss wohl zwangsläufig hinter ihm zurückbleiben, wer ihn liest, wird in aller zugleich stattfindender Verspieltheit und Ernsthaftigkeit erfahren, wie sehr Texte ganz generell Qualitäten entfalten, die über die Intention der Schreibenden hinausgehen, wie viel besser Texte als ihre Verfasser*innen sein können (und im vorliegenden Fall, ganz selbstironisch gewendet, auch: sind).

II. Wiederentdeckung der Literatur

Der 100. Geburtstag des französischen Philosophen Roland Barthes brachte im deutschen Sprachraum zwei Veröffentlichen mit sich, die ihn erneut ins Blickfeld des akademischen wie auch des generell kulturinteressierten Publikums rückten: Da ist einerseits die erste umfassende Biografie (vgl. Samoyault 2015), die auch bislang nicht zugängliche Dokumente zu Leben und Werk berücksichtigt, andererseits sein nun erstmals vollständig in deutscher Sprache vorliegendes Erfolgsbuch Fragmente einer Sprache der Liebe (vgl. Barthes 2015). Die umfängliche Biografie, verfasst von der Literaturwissenschaftlerin Tiphaine Samoyault, erlaubt einen tiefgehenden Blick auf das Leben Barthes’. Mit wissenschaftlichem Spürsinn und sprachlicher Finesse gelingt ihr das niveauvolle Porträt eines Schwierigen und seines Schaffens. Eingebettet in zeit- und geistesgeschichtliche Kontexte entfaltet die Autorin detailliert die Geschichte eines von Sehnsucht und Kultur erfüllten Wirkens. Eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit nimmt auch das hier im Mittelpunkt stehende Werk Barthes’ ein – sein Bestseller, von dem allein 1977, im Jahr seines Erscheinens, 79.000 Exemplare verkauft wurden (vgl. Ette 1998: 428f.). 1977 erweist sich für Barthes retrospektiv betrachtet wissenschaftlich als auch literarisch als das Jahr seines Durchbruchs: 1976 mit Unterstützung von Michel Foucault ins Collège de France gewählt, hält er eine vielbeachtete Antrittsvorlesung, die einer Standortbestimmung gleichkommt. Bemerkenswert ist dabei, dass er auf Foucault verweist, wenngleich die beiden in Vorgehensweise und gelebtem politischem Engagement sehr unterschiedlich sind. Wenn bei Foucault die Auseinandersetzung mit der Literatur am Anfang seiner akademischen Arbeit steht – eines der vielen liegengebliebenen Projekte dieses Denkers ist, etwas verknappt gesagt, die Ausarbeitung einer Ontologie der Literatur – , so wendet sich Barthes in seinem Spätwerk ganz dezidiert der Literatur und auch einem literarischen Schreiben zu:

„Barthes war kein Mann der Tumulte, allerdings auch kein Ordnungsfanatiker; aber die Unordnung mochte er ebenso wenig, den Barrikaden zog er doch die Bibliothek vor. Die Semiotik, die er als Idee, als Projekt lanciert hatte und die bereits zur Disziplin wurde, langweilte ihn zusehends – auch deswegen suchte er eine direktere Kommunikation mit der Literatur.“ (Altwegg 1989: 198; vgl. dazu auch O’Meara 2012)

FRAGMENTE EINER SPRACHE DER LIEBE
VON ROLAND BARTHES
Berlin: Suhrkamp
399 Seiten | € 24,95
ISBN: 978- 3-518-42297-7
Erscheinungstermin: Oktober 2015

Nur wenige Wochen nach seiner Vorlesung erscheinen seine Fragments d’un discours amoureux, die wohl auch als Ausdruck einer synergetischen Leistung aus schriftstellerischem Potenzial und wissenschaftlicher Arbeit zu lesen sind. Das Buch wird nicht zuletzt auch als literarischer Titel rezipiert, eben auch weil die Schreibweise eine literarisch durchgearbeitete ist. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Barthes mit seinen früheren Texten und auch medial gestützten Inszenierungspraxen eine Erwartungshaltung an ihn als Schriftsteller miterzeugt hat (vgl. Ette 1998: 432ff.). Wie andere Buchveröffentlichungen auch, gehen die Fragmente aus früheren Texten hervor, die in einer universitären Lehrveranstaltung konkretere Ausgestaltung und Fortführung finden (vgl. Barthes 2007). Die Fragmente einer Sprache der Liebe sind, was sich in späteren Arbeiten niederschlagen wird, eindeutig der angestrebte literarische Erfolg, aber nicht der erwünschte (konventionelle?) Roman, der ungeschrieben bleiben soll. Die breite Zustimmung für das Buch, die auch nach Jahrzehnten seit dem Erscheinen ungebrochen ist, hat nicht zuletzt mit seinem persönlichen Tonfall zu tun. Zugänglicher als es akademische Texte mitunter sind, kann sein alphabetisch strukturiertes Lesebuch der Liebe eben auch als genuin literarisches Werk gelesen werden, ohne seine eingelagerten analytischen Arsenale einzubüßen. Eigene, autobiografisch anmutende Beobachtungen werden mit Beispielen aus Literatur, Film oder Musik verkoppelt und aktualisiert. In der Verweigerung eine durchgängige, lineare Geschichte anzubieten, lassen sich hier eine Vielzahl von Erzählungen (und deren Andeutungen) finden. Die zelebrierte Offenheit macht deutlich, dass eben nicht nur der Text, sondern auch das liebende Subjekt fragmentiert, sprachlich durchwirkt ist. Die dem Haupttext vorangestellte Bemerkung, die sowohl in der früheren Ausgabe als auch in der vorliegenden erweiterten Fassung enthalten ist, lautet entsprechend folgendermaßen:

„Die Notwendigkeit des vorliegenden Buches hängt mit der folgenden Überlegung zusammen: daß der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit ist. Dieser Diskurs wird wahrscheinlich (wer weiß?) von Tausenden von Subjekten geführt, aber von niemandem verteidigt; er wird von den angrenzenden Sprachen vollständig im Stich gelassen: entweder ignoriert oder entwertet oder gar verspottet, abgeschnitten nicht nur von der Macht, sondern auch von ihren Mechanismen (Techniken, Wissenschaften, Künsten). Wenn ein Diskurs, durch seine eigene Kraft, derart in die Abdrift des Unzeitgemäßen gerät und über jede Herdengeselligkeit hinausgetrieben wird, bleibt ihm nichts anderes mehr, als der wenn auch winzige Raum einer Bejahung zu sein. Diese Bejahung ist im Grunde das Thema des vorliegenden Buches.“ (Barthes 1984: o. S.; ident in: Barthes 2015: o. S.)

III. Sprechweisen und Herausforderungen

Einen einfachen, simplen Abschluss oder Ratgeber-Sentenzen gibt es hier – was zu unser aller Vorteil ist und die zitierte Passage ja auch deutlich ausstellt – nicht. Vielmehr erscheint jeder Eintrag der vieldeutigen Fragmente wie eine Tanzfigur, eine nachvollziehbare Pose, in der sich schriftstellerisches Potenzial und Reflexionsvermögen entfalten. Ganz seiner gleichermaßen fragmentarischen Schreibweise verpflichtet, koppelt Barthes direkt an seine Lektüreerfahrungen und das (unglücklich) liebende Subjekt an. In der Figur des Liebenden, der als Sprechender aufgerufen wird, werden die Diskursteilelemente versammelt: „Der Liebende wird daher nicht als Individuum mit psychologischer ‚Tiefe‘ dargestellt, sondern in den Strukturierungen seines Sprechens inszeniert.“ (Ette 1998: 433)

Dieses „intensely personal book“ (Thody/Piero 2006: 161) bringt dahingehend zumindest drei Herausforderungen mit sich.

Erstens: Ist es in der französischen fünfbändigen Gesamtausgabe in eine klare Werksabfolge eingebunden (vgl. Barthes 2002a; Barthes 2002b; Barthes 2002c; Barthes 2002d; Barthes 2002e), so stehen die jeweiligen Übersetzungen und Verläufe produktiver Rezeption unter dem Einfluss chronologischer Verwerfungslinien, eben weil im Rahmen der Übersetzungswahl neue, sekundäre Werksfolgen erzeugt werden. Sprich: Die weitere Rezeption eines Werks vermittelt indirekt alternative Schwerpunkte in der theoretischen Anbindung und Aufnahme der jeweiligen Autor*innen und spiegelt darüber hinaus eine oftmals wenig beachtete Dynamik im intellektuellen Feld zwischen Moderne und Postmoderne, das selbst wiederum von wechselseitigen transatlantischen Beeinflussungen geprägt ist (vgl. Cusset 2008: 285f.; Angermüller 2007: 65ff.).

Zweitens: Hinsichtlich der oben beschriebenen internen Strukturierung der Fragmente – die eben als alphabetisch geordnetes Angebot gehalten ist – wird bei einer vergleichenden Lektüre deutlich, dass die jeweiligen Übersetzungen des Textes erhebliche Unterschiede mit sich bringen. Die Anordnung des französischen Originals unterscheidet sich notwendigerweise deutlich von der deutschsprachigen oder der englischsprachigen Übersetzung.

Drittens: Besonders deutlich zeigt sich die Vielzahl der Herausforderung in der eigentlichen Übersetzungsarbeit (vgl. Bruss 1982: 373ff.) in den unterschiedlichen Titeln. Bringt die deutschsprachige Ausgabe doch eine Konkretisierung oder auch Verengung auf die Sprache mit sich, ist die englischsprachige Ausgabe dieser Schwierigkeit mit A Lover’s Discourse. Fragments erfolgreich ausgewichen (vgl. Barthes 2002f). Die vorsätzlich offenere Begrifflichkeit des Diskurses ist bei Barthes auch innertextlich abgestützt. Es gibt bei ihm keine direkte Orientierung an andern Liebesdiskursen, seien sie nun politisch oder gar theologisch. Wie in der Einführung ausgeführt, ist die Absicht nicht die Darstellung einer eigenen Philosophie der Liebe, sondern vielmehr ihre autobiografisch bzw. autofiktional motivierte Bejahung und Bekräftigung.

In der Auseinandersetzung mit seinem sehr heterogenen, „historisch wie individualgeschichtlich angehäufte[m] Material“ (Ette 1998: 433) betreibt Barthes keine Historisierung, sondern eine vergegenwärtigende Aktualisierung. Sein erwähntes, reiches Bezugsmaterial – literarische Texte, Musik, Film, philosophische und psychoanalytische Elemente (die nicht zuletzt durch Barthes’ Analyse bei Lacan geschuldet sind) – wird mit eigenen, vignettenhaften Reflexionen verbunden. Erneut liegt in der Ausgestaltung des Buchs auch auf dem Paratextuellen ein besonderer Akzent: Die jeweiligen Figuren sind in sich nochmals stark untergliedert; die Abfolge aus Überschrift, Definition, nummerierten Absätzen wird mit Referenznachweisen und begleitenden Marginalien-Texten angereichert. Für die eigentliche Lektüre der Fragmente bedeutet das ein produktives Nachvollziehen der strukturellen Vieldeutigkeit, also kein Entschlüsseln, sondern die Hervorbringung zusätzlicher Bedeutungen gemäß den Vorgaben des Texts. Das von Barthes gleichermaßen verhandelte wie auch hervorgebrachte, dieses zum Sprechen gebrachte Subjekt, das „vollständig durch seine Leidenschaften konstituiert ist“ (Samoyault 2015: 765), ist aus Erfahrungswirklichkeiten heraus dramatisch inszeniert und aus den Referenzen heraus montiert. Die Figuren sind somit „zugleich Statuen und in ihrer ständigen Bewegung festgehaltene Momentaufnahmen des liebenden Subjekts. So ist die an den Leser gewandte Erklärung zu verstehen, sie nicht als rhetorische, sondern eher als gymnastische oder choreographische Figuren aufzufassen“ (Ette 1998: 435f.). Der Diskurs als permanente Bewegung, als ein „Hinundherlaufen“ (Ette 1998: 436) macht die vorgestellte Folge der Figuren als eine Abfolge von Körperstellungen erlebbar, die auch die Leser*innen miteinbeziehen. Man kann zwischen den Figuren springen und wechseln, ohne einer logischen Ordnung folgen zu müssen:

„Die Liebe entzieht sich – zumindest deuten dies die Fragmente an – jeglicher diskursiver Herrschaft. Sie steht mit dem Körper im Bunde. Die Figuren des Liebestänzers gehorchen ihrer eigenen Logik.“ (Ette 1998: 438)

IV. Faktizität und Fiktionalität

Die Neufassung fügt dieser Fragmentierung des liebenden Subjekts nun 20 weitere Figuren hinzu, die von Barthes im Arbeitsprozess am Buch ausgegliedert wurden und – was ein seltener Glücksfall ist – in vollständig redigierten Fassungen erhalten geblieben sind. In einer Mappe mit dem wenig einladenden Titel „Abfall Fassung I“ (Barthes 2015: 277) versammelt, ergänzen diese Einträge die neue deutschsprachige Ausgabe um knappe hundert Seiten. Das den Ergänzungen vorangestellte Argument, das prologhaften Charakter hat, unterstreicht dabei einmal mehr die Diskontinuität des Liebesdiskurses und das Abrücken von der Annahme, das Buch könnte auf eine Form der Klassifizierung oder gar Wertung ausgerichtet und angelegt sein. Die formal strukturierten und inhaltlich durchlässigen Passagen werden, ganz wie in der bislang vorliegenden Fassung, als Figuren gefasst. Besonders erhellend ist der retrospektiv als programmatisch zu lesende Teil Über die Liebe. Der erste Absatz beginnt folgendermaßen:

„Was denkt der Liebende von der Liebe? Kurz gesagt, nichts. Er möchte zwar wissen, was das ist, doch weil er darin befangen ist, nimmt er nur ihre Existenz, nicht ihre Essenz wahr. Weil er erkennen will (die Liebe), ist eben genau das, womit er spricht (der Diskurs des Liebenden); die Reflexion ist ihm zwar gestattet, aber da sie sogleich in den Strudel der unaufhörlich wiederkehrenden Bilder hineingezogen wird, mündet sie nie in Reflexivität: von der Logik ausgeschlossen (die voneinander abgegrenzte Sprachen voraussetzt), kann er nicht beanspruchen, gut zu denken.“ (Barthes 2015: 316)

Sketched portrait of French linguist Roland Barthes (c) Wikimedia Commons (User: Jahan98)

Ganz im Sinne des Gesamtprojekts endet diese Figur auf dem Moment einer nietzscheanisch geprägten Dramatisierung, die als „höchste Form der Analyse“ (Barthes 2015: 320) apostrophiert wird. Dass besagte Dramatisierung und ihr Diskurs dort endet, wo für Barthes auch die Sprache endet – eben in der geschlechtlichen Vereinigung – ist dabei nur konsequent. Seine Fragmente einer Sprache der Liebe sind zentraler Teil seiner poststrukturalistischen Arbeiten, die ab den 1970er-Jahren eine strukturalistische Phase ablösen. Abseits vom belegten Spannungsverhältnis zu Claude Lévi-Strauss – der der wissenschaftlichen Praxis eines mit Literatur beschäftigten Strukturalismus kritisch bis ablehnend gegenübersteht, was sich auch im Verhältnis zu Barthes niederschlägt (vgl. Loyer 2017: 797ff.) – entscheidet sich Barthes ganz in Abgrenzung zu ebendiesem Strukturalismus und den zeitgeschichtlichen Umständen, die Literatur als bürgerliches Debris disqualifizieren, vorsätzlich für ein „starkes Programm der Selbstermächtigung der Lektüre einerseits und der Entsicherung eigener poetischer Latenzen andererseits“ (Birnstiel 2016: 154). Literatur wird bei Barthes als Kommunikationssystem erfahrbar; den Stellenwert der Literatur als Untersuchungsgegenstand und Ausdrucksform belegen auch jüngere Auswahlbände aus seinem umfangreichen Werk (vgl. Barthes 2016). In seinem Band Über mich selbst (vgl. Barthes 1975) zeigt er sich gar als „einen verhinderten Schriftsteller, der gerade aus dieser Verhinderung das eigene schriftstellerische Dasein entfaltet“ (Ette 1998: 430). Die dabei vorsätzlich gesuchte Nähe zu Marcel Proust zeigt sich etwa auch im einleitenden, vielzitierten Motto des Bandes: „All dies muß als etwas betrachtet werden, was von einer Romanfigur gesagt wird“ (Barthes 1978: o. S.). In einer späteren Passage dieser Arbeit nimmt Barthes diese Zeile nochmals auf und nimmt damit teilweise vorweg, was die oben zitierte Einleitungsbemerkung zu den Fragmenten fortführt und sich auch im Haupttext der Fragmente schließlich umgesetzt sieht:

„All dies muß als etwas betrachtet werden, was von einer Romanperson gesagt wird – oder vielmehr von mehreren. Denn das Imaginäre, unabwendbare Materie des Romans und Labyrinths der Vorsprünge, in denen derjenige abirrt, der sich selbst spricht, wird von mehreren Masken (personae) aufgenommen, die je nach der Tiefe der Szene abgestuft sind (und doch ist keine Person dahinter). Das Buch trifft keine Wahl, es funktioniert im Wechselspiel, es nimmt seinen Fortgang über Anflüge des einfachen Imaginären und kritischer Anwandlungen, doch sind diese selber immer nur Wirkungen eines Nachklangs: es gibt kein reineres Imaginäres als die Kritik (seiner selbst). Die Substanz dieses Buches ist letztlich also ganz und gar romanhaft.“ (Barthes 1978: 130f.)

Der produktive Risikoreichtum von Barthes’ Schriften in seiner poststrukturalistischen Periode bringt einen persönlichen Tonfall hervor, der die Veröffentlichungen bis zu seinem Tod prägen wird. Auch die letzte Vorlesungsreihe Die Vorbereitung des Romans (vgl. Barthes 2008) steht unter diesem Zeichen und macht, in all der vielleicht auch ungewollten Bandbreite der dort versammelten Ausführungen, einmal mehr deutlich, warum er zur Figur zahlreicher literarischer Texte wurde (zuletzt: Binet 2017) und – wohl auch eine glückliche Fügung für ihn selbst – kein klassischer Literat. Der vorliegende Versuch einer schriftlich nachgezeichneten Relektüre (dem, so ist zu hoffen, weitere folgen dürfen und können) steht auch deshalb im Zeichen von Unausgesetztheit (im Sinne von Dauer) und Unabschließbarkeit (im Sinne von Potenzialität von Text). Roland Barthes, der einmal mehr voraus ist, hat diesen Umstand in Über mich selbst so überaus treffend selbst schon ausformuliert:

„Ich schreibe dies Tag für Tag; und es wird und wird; der Tintenfisch produziert seine Tinte: ich verschnüre mein Imaginarium (um mich zu verteidigen und zugleich darzubieten). Wie werde ich wissen, ob das Buch beendet ist? Im Grunde geht es, wie immer, darum, eine Sprache auszuarbeiten. Doch in jeder Sprache kehren die Zeichen wieder, und um so öfter sie zurückkehren, sättigen sie schließlich die Lexik – das Werk. Nachdem ich den Stoff dieser Fragmente über Monate hinweg ausgegeben hatte, ordnete sich das, was seitdem auf mich zukommt, spontan (ohne Druck auszuüben) den bereits vollzogenen Aussagen unter: die Struktur bildet langsam ihr Gewebe aus und läßt es, indem sie sich herstellt, immer mehr zu einer magnetischen Kraft kommen: so wird, ohne jeden Plan meinerseits, ein finites, fortdauerndes Repertoire aufgebaut, gleich dem der Sprache. Dann kommt der Augenblick, da keine weitere Umwandlung mehr möglich ist als die, die mit dem Argo-Schiff geschah: ich könnte noch sehr lange das Buch behalten und nach und nach jedes Fragment ändern.“ (Barthes 1978: 176)

THOMAS BALLHAUSEN

lebt als Autor, Literatur- und Kulturwissenschaftler in Wien und Salzburg. Er ist international als Herausgeber, Vortragender und Kurator tätig. Zuletzt erschien sein Buch Transient. Lyric Essay (Edition Melos, Wien).

Literatur

Altwegg, Jürg (1989): Die Republik des Geistes. Frankreichs Intellektuelle zwischen Revolution und Reaktion, München: Piper.

Angermüller, Johannes (2007): Nach dem Strukturalismus. Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich, Bielefeld: Transcript.

Barthes, Roland (1978): Über mich selbst, München: Matthes & Seitz.

Barthes, Roland (1984): Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Barthes, Roland (2002a): Œuvres complètes I. Livres, textes, entretiens 1942–1961, Paris: Seuil.

Barthes, Roland (2002b): Œuvres complètes II. Livres, textes, entretiens 1962–1967, Paris: Seuil.

Barthes, Roland (2002c): Œuvres complètes III. Livres, textes, entretiens 1968–1971, Paris: Seuil.

Barthes, Roland. (2002d): Œuvres complètes IV. Livres, textes, entretiens 1972–1976, Paris: Seuil.

Barthes, Roland. (2002e): Œuvres complètes V. Livres, textes, entretiens 1977–1980, Paris: Seuil.

Barthes, Roland (2002f): A Lover’s Discourse. Fragments, London: Vintage.

Barthes, Roland. (2007): Wie zusammen leben. Simulationen einiger alltäglicher Räume im Roman. Vorlesungen am Collège de France 1976–1977, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Barthes, Roland (2008): Die Vorbereitung des Romans. Vorlesungen am Collège de France 1978–1979 und 1979–1980, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Barthes, Roland (2015): Fragmente einer Sprache der Liebe. Erweiterte Ausgabe, Berlin: Suhrkamp.

Barthes, Roland (2016): ‚Masculine, Feminine, Neuter‘ and Other Writings on Literature, London: Seagull Books.

Binet, Laurent (2017): Die siebte Sprachfunktion, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Birnstiel, Klaus (2016): Wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Eine kurze Geschichte des Poststrukturalismus, Paderborn: Fink.

Bruss, Elizabeth W. (1982): Beautiful Theories. The Spectacle of Discourse in Contemporary Criticism, Baltimore: The John Hopkins University Press.

Cusset, François. (2008): French Theory. How Foucault, Derrida, Deleuze & Co. Transformed the Intellectual Life of the United States, Minneapolis: University of Minnesota Press.

Ette, Ottmar (1998): Roland Barthes. Eine intellektuelle Biografie, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Loyer, Emmanuelle (2017): Lévi-Strauss. Eine Biographie, Berlin: Suhrkamp.

O’Meara, Lucy (2012): Roland Barthes at the Collège de France, Liverpool: Liverpool University Press.

Samoyault, Tiphaine (2015): Roland Barthes. Die Biografie, Berlin: Suhrkamp.

Thody, Philip & Piero (2006): Introducing Barthes. A Graphic Guide, Thriplow/Cambridge: Icon Books.