ZUKUNFT 09/2026: Biopolitik – Editorial VON CHRISTIAN ZOLLES UND ALESSANDRO BARBERI

Abstraktes Gemälde „Regarding the Pain of Others“ von Ihor Biloushchenko

Ideologien, die experimentelle Eingriffe ins menschliche Leben einfordern, haben in jüngster Zeit ein spektakuläres Revival erlebt. Sie werden bemerkenswerterweise gerade von Vertretern der ‚Techklasse‘ ventiliert, die sich mit milliardenschwerer Rückendeckung als Vorbilder für transhumanistische Denkrichtungen und zugleich als Retter der ‚Biospezies Mensch‘ in Szene setzen.

Elon Musk blickt nicht nur als Pronatalist und dank Reproduktionsmedizin auf eine eigene beachtliche Nachkommenschaft, sondern träumt von der Fusion von Mensch und KI. Die jüngst abgehaltenen Enhanced Games unter der Ägide von Peter Thiel sollten das eigentliche Potenzial menschlicher Leistungskraft im Hochleistungssport demonstrieren, die gewöhnlich von Doping-Regularien unterdrückt würden – und dabei scheitern. Thiel Fellow und ‚Biotech Barbie‘ Cathy Tie, gerade einmal 30 Jahre alt, will, nachdem sie schon versucht hat, aus Pferden Einhörner zu züchten, das Tabu brechen und menschliche Embryonen genetisch verändern. Demgegenüber wurde der Weg, der den ‚Biohacker‘ Bryan Johnson zur Unsterblichkeit führen sollte, von einer unheilbaren Autoimmunerkrankung durchkreuzt.

All diese Ideen des ‚Neuen Menschen‘ haben gemeinsam, dass ihnen ein sozialer und kommunaler Aspekt vollkommen fehlt. In ihnen läuft der homo oeconomicus zu narzisstischer Höchstform auf. Und auch nicht von ungefähr gehen sie mit White-Power-Attitüden einher. Schon vor Jahrzehnten hat der Geschichtsphilosoph Michel Foucault zur Verteidigung der Gesellschaft eingebracht, dass den revolutionären Kräften des Klassenkampfes immer wieder die reaktionären Kräfte des Rassenkampfes entgegengehalten wurden. Sprich: Das Bewusstsein vor allem der unteren Klassen, sich gemeinsam für Veränderungen und eine bessere Zukunft einzusetzen, wurde schrittweise umgelenkt auf Sündenböcke und Feindbilder innerhalb der Gesellschaft, die für deren Misere verantwortlich gemacht wurden. Im Schatten des Mythos vom edlen Übermenschen gedieh der Gedanke, Menschen als ‚lebensunwert‘ zu kategorisieren und aus dem ‚Volkskörper‘ zu entfernen.

Die hier kurz aufgezeigten Schlaglichter auf das Feld der Biopolitik beziehen sich auf die Bewertung und Steuerung von Individuen zum Wohle der gesamten Gesellschaft. Dies betrifft Fragen der Lebensführung, Verjüngung, Hygiene und Eugenik – also auf an sich biologische Faktoren, die sich höchst politisiert finden. Und wo die ‚Techklasse‘ die Erfahrung gemacht zu haben scheint, über digitale Technologien auf das Verhalten von Milliarden Menschen einwirken zu können, fühlen sich zahlreiche ihrer Proponentinnen und Proponenten offensichtlich befähigt, auch das biologische Schicksal der Menschheit lenken zu können.

Dabei erwiesen sich die biopolitischen Ideen, blickt man auf ihre erste historische Hochphase vor rund hundert Jahren, ursprünglich alles andere als asozial und akommunal. Österreich kann hierfür eines der bekanntesten und angesehensten Beispiele vorweisen: Das Neue Wien hat innerhalb eines Jahrzehnts mit einer innovativen Wohnungs-, Gesundheits- und Bildungspolitik ein einmaliges Exempel statuiert, das bis heute ausstrahlt.

Die Zukunft, die in der Nachfolge dieser Dynamik steht, kann somit zwar nicht auf finanzielles, dafür aber auf beträchtliches historisches Kapital zurückgreifen. An dieses gilt es auf den vorliegenden Seiten zu erinnern, ohne es jedoch zu romantisieren. Es soll gezeigt werden, was und warum in Österreich auf international recht einzigartige soziale Privilegien geblickt werden kann, die auch aus biopolitischen Denkformen hervorgegangen sind.

Mit dem ersten Beitrag von Ingar Solty soll zunächst generell vorgestellt werden, in welchem politischen Zusammenhang Rassismus und Kapitalismus zu begreifen sind. Es ist mittlerweile weitgehend aus dem Blick geraten, dass das Rassismuskonzept eigentlich um die ursprünglichen Fragen nach den Anliegen der Arbeiterklasse kreisen müsste. Es verweist auf eine Ideologie und Technologie ‚weißer‘ Oberhoheit und der Ausbeutung von Arbeitskraft. Dort, wo Rassismus gedeiht, fehlt das Bewusstsein vom Klassenkampf.

Mit dem Beitrag von Urte Helduser berühren wir den spezifischen Teil des Schwerpunkts dieses Heftes und kommen zur Vorstellung der Biopolitik, wie sie in den Jahren zwischen 1919 und 1934 vom Neuen Wien interpretiert wurde. Passend zum aktuellen Kinofilm Vaterland (R: Paweł Pawlikowski), der die Rückkehr des Schriftstellers Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland in Szene setzt, wird auf den Wien-Besuch Manns im Oktober 1932 und seine Ansichten zur sozialdemokratischen Sozial-, Gesundheits- und Wohnungspolitik eingegangen. Die Arbeiter-Zeitung lieferte den passenden Kommentar: „Luft, Licht, Sonne und Gesundheit für alle Menschen“.

Roland Innerhofer lotet die biopolitischen Diskurse der Zwischenkriegszeit anhand der Zeitungsberichterstattung über ein ganz bestimmtes Ereignis aus: Im Jahr 1925 erreichte das Konzept der Hygieneausstellung auch Wien. Vom 28. April bis zum 12. Juli wurden die Besucherinnen und Besucher angeleitet, den neuen Grundsätzen der Körper- und Haushaltspflege zu folgen. Der menschliche Körper, die Gesundheit und Hygiene, die Fortpflanzung und die Lebensdauer, die Geburten- und Sterberate wurden dabei unter einem ökonomischen Aspekt betrachtet und einer ökonomischen Ratio unterstellt.

Im Anschluss stellt Elena Shapira die beiden Frauenrechtsaktivistinnen Gisela Urban und Fanny Freund-Marcus vor. Sie setzten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer streng patriarchal gedachten Biopolitik feministische Ideen einer idealen Haushaltsführung entgegen und waren auf diesem Gebiet über einen langen Zeitraum hinweg bewährte Führungspersönlichkeiten. Ihre Versuche, die österreichische Hausarbeit als feministisches Thema neu zu definieren und dabei insbesondere die Macht der Frauen bewusst zu machen, waren jedoch vor dem Hintergrund des politischen Wandels hin zum Faschismus zum Scheitern verurteilt.

In ihrem Beitrag untersucht Wiebke Gärtner die Behandlung biopolitischer Themen und Fragestellungen in der Wiener Arbeiter-Zeitung der Zwischenkriegszeit anhand eines konkreten Beispiels aus der Kriminalberichterstattung. Die aufsehenerregende Ermordung der fünfjährigen Mathilde Stodolak durch ihre Eltern wird in der Berichterstattung der Zeitung mit verschiedenen biopolitischen Kontexten verknüpft. So entsteht eine Perspektive auf die Tat, die durch zeitgenössische Vorstellungen von Hygiene und der ‚Verbesserung‘ der Bevölkerung geprägt ist.

Schließlich fasst Christian Zolles mittels einer Rezension des im vergangenen Jahr erschienen Bandes Biopolitik und Alltagsleben im Roten Wien des Sozialhistorikers Reinhard Sieder den Schwerpunktbereich noch einmal zusammen. Er konzentriert sich dabei auf die Aspekte der Kinder- und Jugenderziehung vor dem Hintergrund der generellen Frage, welche biopolitischen Gewaltformen im ‚Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts‘ festzustellen sind. Über sie lässt sich auch noch einiges über heutige Entwicklungen lernen.

Zum Ende hin diskutiert Josef Redl mit einem freien Beitrag, welche Gefahren damit verbunden sind, dass in Österreich die FPÖ und in Deutschland die AfD an die Schalthebel der Macht kommen. Auch hier stellt sich die Frage: Lernen aus der Geschichte? Oder sich Wiederfinden in einem bösen Traum?

Warum Österreichs Tabakregulierung zum Vorbild für Europa werden kann, erörtet anschließend Ortrun Gauper, die betont, dass Österreich bei der Regulierung von Tabak- und Nikotinprodukten einen bemerkenswert pragmatischen Weg geht: Statt rigoroser Verbote werden Gesundheitspolitik, soziale Verantwortung und fiskalische Vernunft vereint. Das Ergebnis ist ein risikobasierter Ansatz, der zum Modell für andere europäische Staaten werden könnte.

Am Ende unserer Ausgabe bringen wir ein Porträt über den belgisch-ukrainischen Künstler und promovierten Psycholinguisten Ihor Biloushchenko. Im Sommer nahm er am Artists-in-Residence-Programms des MuseumsQuartier Wien teil, bei dem ihn Hemma Marlene Prainsack für ein Gespräch traf. In seiner aktuellen Arbeit setzt er sich intensiv mit der Wirkung, Wucht und Wesensart des Wassers auseinander. Die begleitende Bildstrecke zeigt ausgewählte Arbeiten, die die Vielfältigkeit von Biloushchenkos Werk und die Vielseitigkeit der Sprache widerspiegeln. Auch jene der Sprachlosigkeit, die der Krieg in der Ukraine hervorruft und die der Künstler in seinen Arbeiten zum Ausdruck bringt.

Insgesamt hoffen wir, mit dieser Ausgabe ein abgerundetes Bild der Diskussionen zur Biopolitik vorzustellen, und senden zum ENDE dieser ZUKUNFT hin herzliche und freundschaftliche Grüße

Christian Zolles und Alessandro Barberi


* Die Beiträge von Urte Helduser, Roland Innerhofer, Wiebke Gärtner und Christian Zolles beruhen auf ersten Ergebnissen eines laufenden Projekts zu Wiener Feuilleton und Biopolitik in der Zwischenkriegszeit (DFG/FWF Weave, Grant-DOI: 10.55776/PIN9493024). Siehe weiterführend https://www.kunstuni-linz.at/kunstforschung/gefoerderte-projekte/2025/wiener-feuilleton-und-biopolitik-in-der-zwischenkriegszeit; https://uol.de/germanistik/literaturwissenschaft/forschung/projekte/biopolitik-im-wiener-feuilleton-der-zwischenkriegszeit.

CHRISTIAN ZOLLES

ist Kulturhistoriker und Hochschul-/Lehrer. Seine Forschungsschwerpunkte liegen an den Schnittstellen von historischer Grundlagenforschung, Geschichts- und Kulturtheorie und Literaturwissenschaft. Er lebt und arbeitet in Wien. Weitere Infos online unter: https://www.univie.ac.at/germanistik/christian-zolles/

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at) sowie der Fachzeitschrift MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at) und der Diskussionszeitschrift ZUKUNFT (www.diezukunft.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.