Spätestens seitdem Samuel P. Huntington 1992 – direkt nach dem Fall der Mauer und dem Untergang des realen Sozialismus – von einem Clash of Civilizations sprach, ist der Begriff der „Zivilisation“ und seine nähere Bestimmung auf verschiedenen Ebenen zum Gegenstand der politischen und wissenschaftlichen Diskussion geworden. Auch die alte „Neue Linke“ hatte den Faschismus als Barbarei im Gegensatz zur Zivilisation begriffen, wodurch auch heute noch angesichts des digitalen Technofaschismus und verschiedener Zivilisationsbrüche die antifaschistische Frage im Raum steht, was wir genau unter Zivilisation und ihrem Gegensatz verstehen. Deshalb hat sich die Redaktion der ZUKUNFT dazu entschieden, diesem Thema eine eigene Schwerpunktausgabe zu widmen, und konnte dazu eine Reihe von kompetenten Autor*innen gewinnen.
Den Reigen unserer Beiträge eröffnet demgemäß Günther Kern, der den Begriff der Zivilisation zwischen Evolution und Kontingenz verortet. Dabei geht es vor allem um zwei grundlegende Momente: die Situierung der Vernunft und die Relativierung der Modernisierungstheorie, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts das Selbstverständnis unserer Kultur und Zivilisation veränderten, aber damit auch den Prozess einer zunehmenden Fragmentierung auslösten. Conclusio: Sollte die Linke die vier Bausteine der sozialistischen Dramaturgie (der rettende Gedanke gegen die drohende Anomie, die historische Notwendigkeit, die prädestinierten Adressaten für die Rettung, die Reflexionsinstanz für Bildung und Orientierung) neu interpretieren wollen, dann wird sie – gerade angesichts unserer (westlichen und liberalen) Zivilisation – aus ihren Fehlern und Einsichten lernen müssen.
Constantin Weinstabl diskutiert in seinem Beitrag, inwiefern Fortschritt in der Geschichte auch kulturelle bzw. zivilisatorische Implikationen hat. Besonderes Augenmerk wird auf die Abgrenzungen zwischen den Konzepten „Kultur“ sowie „Zivilisation“ gelegt, um in der Folge zu analysieren, ob unterschiedliche Fortschrittskonzepte dahingehend entsprechende Dividenden abwerfen. Weiters wird die Wahrscheinlichkeit beleuchtet, mit der in unterschiedlichen quantitativen/qualitativen bzw. prozessual-kontextualistischen Fortschrittskonzepten damit gerechnet werden muss, dass auch Regressionen auftreten. Dabei geht es immer auch um die Problemlösungskompetenz der geschichtlich handelnden Subjekte. Ob diese Möglichkeiten aber ergriffen werden, hängt im Wesentlichen immer noch davon ab, was die handelnden Subjekte unter „Fortschritt“ und „Zivilisation“ verstehen.
In diesem Kontext geht es immer auch um historische Fragen, wenn die Geschichte unserer Zivilisation(en) zum Thema gemacht wird, wie Marie-Theres Stampf hervorhebt und uns mit einem Buch des Historikers Eric H. Cline in die Zivilisationsgeschichte der Bronzezeit entführt: 1177 B.C. – The Year Civilization Collapsed. Denn genau zu diesem Zeitpunkt kollabieren die davor entstanden Zivilisationen. Clines Panorama einer „Proto-Globalisierung“ ist detailverliebt und umfangreich – bis plötzlich die Kulturen gleich Dominosteinen eine nach der anderen fallen. Die Aufarbeitung dieses mysteriösen zivilisatorischen Zusammenbruchs im 02. Jahrtausend v. u. Z. bildet den dramaturgischen Höhepunkt eines Sachbuchs, das mehrere Parallelen zur Gegenwart lesbar macht. Denn beim Blick auf die Vielzahl an Deutungsansätzen für das aktuelle Weltgeschehen wird einmal mehr deutlich, dass die Menschheit trotz fortschreitender Technologisierung und einer immer größer werdenden Menge an Daten und Informationen bei Weitem nicht vor existenzbedrohenden Krisen und damit vor Zivilisationsbrüchen gefeit ist.
Ganz in diesem Sinne untersucht der Beitrag von Alessandro Barberi im Rahmen einer Medienanalyse den Zivilisationsbruch und das Pogrom vom 07. Oktober 2023, um angesichts der gegenwärtigen Standards der Antisemitismusforschung eine klare demokratiepolitische Position zu ermöglichen. Dabei geht es angesichts der brutal geschändeten Opfer u. a. um das Versagen des westlichen Feminismus und einer globalen Linken, die sich – teilweise bis hin zur revisionistischen Leugnung des Massakers – an der Zerstörung des Judentums beteiligen und so einer äußerst reaktionären Geschlechterpolitik folgen. Dass der 07. Oktober 2023 also zutiefst mit dem Problemkreis von Geschlecht und Sexualität verbunden ist, stellt den Ausgangspunkt dieses Beitrags dar, der das Spannungsverhältnis von Feminismus und Antisemitismus auslotet. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass der 07. Oktober einem nach wie vor den Atem nimmt und einen sprachlos werden lässt, weil Emotionalität und Empathie im Kampf gegen den Antizionismus als Antisemitismus nicht einfach abgestreift werden können.
Dabei steht die Gefahr im Raum, dass mit der Zivilisation auch die Aufklärung zu spät kommt, weshalb Christian Filk eingehend analysiert, warum der digitale Faschismus bzw. der Technofaschismus die Architektur von global operierenden Plattformen und den von ihnen eingesetzten Algorithmen braucht. Filk betont, dass eine verbreitete Art, auf den Rechtsruck zu reagieren, zum Scheitern verurteilt ist. Dies nicht, weil ihre Argumente zu schwach wären, sondern weil die Bühne, auf der sie auftritt, gegen sie gebaut ist. Was also wäre zu tun? Es geht nicht um den einen großen Schritt, sondern um die hundert kleinen, die wir uns bislang erspart haben: u. a. die öffentliche Debatte über die Plattformökonomie, die wir auch dann führen müssen, wenn sie unbequem ist, den politischen Druck für eine Regulierung, die diesen Namen verdient oder auch das Gespräch, das erklärt, dass es nicht um einzelne Lügen geht, sondern um eine Maschine, die Empörung belohnt. Das sind kleine Dinge. Aber wenn wir sie nicht berücksichtigen, müssen wir uns über die Lähmung der aktuellen „Linken“ nicht weiter wundern.
In diesem Kontext stellt sich angesichts der tyrannischen und despotischen Politik des Donald Trump – dieses „Clownkaisers“ (Georg Seeßlen) – die wichtige Frage, ob das Etikett „Faschist“ auf ihn anwendbar ist. Eine Antwort gibt am Ende unserer Ausgabe Armin Pfahl-Traughber, der betont, dass es im Falle Trumps vor allem um die Einschätzung einer Person, nicht eines Systems geht. Bedeutsam ist die sachliche Angemessenheit dieser Bezeichnung und nicht ein polemisches Schlagwort. Und: Eine bejahende Antwort müsste auch politische Folgen haben. Als bedeutsames Problem darf darüber hinaus gelten: Es besteht zur Definition des „Faschismus“ in der Forschung nur ein begrenzter Konsens. So blieben als gemeinsame Merkmale derartiger Phänomene, jeweils bezogen auf unterschiedliche Ebenen und Kontexte: Führerfixierung, Gemeinschaftsideologie, Gewaltorientierung, Männlichkeitskult, Massenbewegungen, Minderheitenfeindlichkeit und Nationalismus.
Damit schließt sich der Reigen unserer Beiträge und eröffnet so eine eingehende Diskussion zur aktuellen globalen wie lokalen Lage und einer näheren Bestimmung des Begriffs Zivilisation.
Es senden am Ende d(ies)er ZUKUNFT freundschaftliche und zivilisierte Grüße
Alessandro Barberi, Constantin Weinstabl & Hemma Marlene Prainsack
ALESSANDRO BARBERI
ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at) sowie der Fachzeitschriften MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at) und ZUKUNFT (www.diezukunft.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.
CONSTANTIN WEINSTABL
hat an der Universität Wien und der Universiteit Leiden Rechtswissenschaften mit den Schwerpunkten Rechtsphilosophie und Völkerrecht sowie an der University of Hull Politikwissenschaften mit dem Fokus Strategy and International Security studiert. Er ist Mitglied der Redaktion der ZUKUNFT.
HEMMA MARLENE PRAINSACK
ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Sie absolvierte ein Doktoratsstudium an der Universität Wien. Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet sie der Entwicklungsgeschichte der Filmproduktion.
