ZUKUNFT 07/2026: Satire – Editorial VON CHRISTIAN ZOLLES, HEMMA MARLENE PRAINSACK UND ALESSANDRO BARBERI

Cover der Urausgabe der Zeitschrift Die Fackel vom 1. April 1899

Als im April dieses Jahres im Rahmen des Korrespondenten-Dinners mit Präsident Donal Trump Schüsse fielen, war in der darauffolgenden Berichterstattung ein Umstand weit in den Hintergrund gerückt: Die Moderation der Veranstaltung durch einen Comedian war bereits 2022 abgeschafft worden war. Der traditionelle roast des US-Präsidenten ist Geschichte. Es kommt die Abwandlung einer Redensart in den Sinn, dass dort, wo die Satire schweigt, die Waffen sprechen.

Die humorfreie Veranstaltung reiht sich ein in zahlreiche weitere Eingriffe in die Redefreiheit, unter denen die Angriffe auf die Satire-Shows von Stephen Colbert und Jimmy Kimmel besonders herausragen. Das vom ersten Zusatzartikel der Verfassung geschützte Recht auf Meinungsfreiheit, die in den USA besonders großzügig ausgelegt wird, wird von den obersten politischen Repräsentanten laufend auf die Probe gestellt. Die inoffiziellen checks and balances freier öffentlicher Rede stehen kurz davor, ausgehebelt zu werden.

Was im großen Stil in den Vereinigten Staaten der Fall ist, macht sich auch im kleinen Österreich bemerkbar. Auch hier, wo man so stolz auf die satirische Tradition seit Nestroy ist – den antideutschen Humor, den Herrn Karl und die Kleinkunstbühnen – hat sich in den letzten Jahren der Ton merklich verschärft. Je mehr die Realpolitik phasenweise selbst als Polit-Kabarett wirkte, desto ernsthafter schien man darum bemüht, einen Schein von Ernsthaftigkeit und Seriosität aufrecht zu erhalten, und desto strenger wurde gegen Satire auch gerichtlich vorgegangen. SLAPP-Klagen (engl. Strategic Lawsuit Against Public Participation) sind mittlerweile zum gängigen Mittel der Einschüchterung und Vorzensur geworden, die Journalist·innen und Satiriker·innen sehr genau überlegen lässt, ob sie ein heißes Eisen tatsächlich anfassen sollen.

Es scheint also so, als würde das Feld des Sagbaren innerhalb der Gesellschaft zunehmend ‚von oben‘ bestimmt werden. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hat es sich die Redaktion der Zukunft zur Aufgabe gemacht, selbst der Frage nach den Grenzen von Satire nachzugehen. Für die Beantwortung sind schließlich weder Politiker·innen noch Vertreter·innen von Großkonzernen noch Gerichte nötig: Was darf Satire? Wie weit darf sie gehen? Oder umgangssprachlich formuliert: Wie weit darf man das Maul aufreißen?

Den Anfang macht ein konziser Beitrag des anglo-niederländischen Schriftstellers und Journalisten Ian Buruma über den Zustand der Satire in den USA. Er betont die Bedeutung, die der Meinungsfreiheit gerade in Übersee zukommt, und macht deutlich, was nicht nur hier, sondern international für Konsequenzen drohen, sollten dem US-Humor Schranken auferlegt werden. Er ist und war immer schon Korrektiv gegen Politiker·innen und Mächtige und deshalb so gefürchtet: Satire entlarvt Heuchelei, Überheblichkeit, Verlogenheit und Selbstherrlichkeit – die üblichen Tricks von Führern, die um ihren unantastbaren Nimbus fürchten.

Im Interview mit Karin Moser reflektiert der bekannte Kabarettist Florian Scheuba den Stand der Satire in Österreich. Es ist in den letzten Jahren deutlich festzustellen, dass sich das politische Humorverständnis geändert hat, rechtspopulistischer Satiremissbrauch getrieben wird und zunehmend Klagen angedroht werden. Früher galt es vorwiegend als Zeichen mangelnder Souveränität, Satire nicht hinnehmen zu können. Heute, wo sich an allen Ecken autoritäre Tendenzen breitmachen, ist die Toleranzschwelle erstaunlich niedrig, gerade bei Leuten, die gewöhnlich selbst rücksichtslos austeilen. Nicht nur auf den Kleinkunstbühnen ist heute Zivilcourage gefragt wie schon lange nicht mehr.

Im Anschluss lotet Luis Paulitsch für den Bereich der Presse aus, was Satire nun eigentlich darf und was nicht. Er untersucht die Spruchpraxis von Presseräten im deutschsprachigen Raum und zeigt daran auf, welche humoristischen Inhalte aus dieser Sicht legitim sind und ab wann sie gegen den jeweiligen Kodex verstoßen. Allgemein gilt der Grundsatz, bei der Bewertung satirischer Beiträge einen besonders großzügigen Maßstab anzulegen. Doch gibt es auch gewisse Schranken, die fallweise gar nicht so einfach zu bestimmen sind. Gerade im praxisbezogenen Austausch über Grenzfälle kann die Verbreitung der Satire im öffentlichen Raum weiter gefördert werden.

Fritz Jergitsch ist Gründer und Chefredakteur der Tagespresse und steht im Interview mit der ZUKUNFT zwei Herausgeber*innen dieser Ausgabe, Hemma Marlene Prainsack und Christian Zolles, angesichts der Satire in Österreich Rede und Antwort. Seit der Gründung am 05. Mai 2013 wurde die Tagespresse schnell fester Bestandteil der österreichischen Medienlandschaft. Täglich können Österreicher*innen auf der Satireseite „Nachrichten erfahren, bevor sie passieren“. Als sorgfältige Beobachterin des gesellschaftspolitischen Tagesgeschehens schafft sie scharfsinnige Satire und eine pointierte Persiflage der Gegenwart – so hält sie den Mächtigen den Spiegel vor und macht durch Überspitzung Missstände sichtbar. An Spitzentagen verzeichnet die Tagespresse über 100.000 Klicks.

Mit sogenannten Tschuschen- und auch Schwabos-Witzen setzt sich Miranda Jakiša auseinander. In jüngster Zeit haben es schließlich vermehrt auch Stimmen aus der Ethno-Comedy auf die Wiener Kleinkunstbühnen gebracht. Künstler·innen wie Malarina, Toxische Pommes oder Satansbratan haben dabei vorwiegend über Social Media ihr Publikum in Gesellschaftssegmenten gefunden, die früher keinen Zugang zum Kabarett hatten. Eine humorvolle post-migrantische Öffentlichkeit ist entstanden. In ihr wird abgebildet, was schon lange Realität ist, immer schon Realität war: die Vielsprachigkeit in Österreich, gespickt mit schwarzem Humor.

An einen der größten und eigenwilligsten Satiriker Österreichs erinnert Christian Zolles in Form einer Rezension zur aktuellen Karl-Kraus-Biografie, die Katharina Prager vorgelegt hat. Satire war für Kraus Spracharbeit: Er nahm die Presse und die zahlreichen Konkurrent·innen beim Wort und konnte in unvergleichlicher Weise die versteckten Absichten und Mängel aufdecken. Schließlich merkte er an: „Wäre denn eine stärkere Sicherung im Moralischen vorstellbar als der sprachliche Zweifel?“ Von besonderem Interesse für die ZUKUNFT: Die Auseinandersetzungen von Kraus mit Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie, die nicht selten vor Gericht geendet haben.

Darüber hinaus findet sich am Ende unserer Ausgabe ein Essay von Wolfgang Markytan, der die Frage beantworten will, wie sich politische Partizipation, Meinungsbildung und demokratische Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter verändern. Im Mittelpunkt stehen dabei zentrale Spannungsfelder moderner Demokratien: Wie hat die Digitalisierung die Möglichkeiten politischer Beteiligung erweitert? Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Entstehung von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit? In diesem Kontext wird untersucht, welche Bedeutung Bürgerengagement, politische Bildung und gemeinsame Debattenräume für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften besitzen.

Den Herausgeber*innen der ZUKUNFT ist es eine besondere Freude, ausgewählte Werke der Kärntner Künstlerin Gerlinde Werhonig präsentieren zu dürfen. Sie nimmt uns unter anderem mit nach Zakynthos, wo mehrere ihrer Werkzyklen entstanden sind. Ihre abstrakten Bewegungsstudien laden zum Verweilen und Entdecken ein. Für Werhonig, die sich intensiv der Bildhauerei widmet und derzeit an einer Serie aus Krastaler Marmor arbeitet, eröffnen Bewegungsstudien einen Raum, in dem Form, Rhythmus und Ausdruck verdichtet und für das plastische Werk weiterentwickelt werden. Den Betrachter*innen ihrer Bilder will sie die Interpretation weitmöglichst deren subjektiven Eindrücken überlassen und verzichtet daher bewusst auf Werktitel. Mit diesem Blick auf die anregenden Werke Werhonigs wünschen wir eine erkenntnisreiche Lektüre …

Es senden herzliche und freundschaftliche Grüße

Christian Zolles, Hemma Marlene Prainsack und Alessandro Barberi

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CHRISTIAN ZOLLES
ist Kulturhistoriker und Hochschul-/Lehrer. Er lebt und arbeitet in Wien. Weitere Infos online unter: www.univie.ac.at/germanistik/christian-zolles/.

HEMMA MARLENE PRAINSACK

Hemma Marlene Prainsack ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Doktoratsstudium an der Universität Wien. Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet Prainsack der Entwicklungsgeschichte der Filmproduktion in Deutschland und Österreich (1910–1935

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG (www.zfhe.at) sowie der Fachzeitschriften ZUKUNFT (www.diezukunft.at) und

MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.