Ein anthropologischer Gipfelpunkt der Philosophie Immanuel Kants besteht in einer einfachen aber mehr als drängenden Frage, die er genau 1800 in seiner Logik formulierte: Was ist der Mensch? Vom Humanismus und der Aufklärung her hat diese anthropologische Frage nichts an ihrer Aktualität verloren, wenn wir gegenwärtig an die oft unscharfe Grenze von Mensch(en) und Maschine(n) oder an die viralen Diskussionen zu Post- und Transhumanismus denken. Auch braucht die (lokale wie globale) Demokratie auf dem Weg zum ewigen Frieden ein humanistisches Menschenbild, das im Sinne des allen Menschen Gemeinsamen die Differenzen und Unterschiede zwischen den einzelnen Gesellschaften und Kulturen im Sinne einer universalen Anthropologie verallgemeinern kann.
Nur so lässt sich das zutiefst sozialdemokratische Ideal der Gleichheit aller Menschen theoretisch denken und praktisch bzw. politisch umsetzen. Deshalb hat sich die Chefredaktion der ZUKUNFT entschlossen, dem Thema Anthropologie ein eigenes Heft zu widmen, das erstens unsere Diskussionen zum Digitalen Humanismus aufgreift und zweitens dort anschließt, wo wir jüngst eine Ausgabe zu Medien(theorie) vorgelegt haben. Denn gerade angesichts der dritten industriellen Revolution durch Digitalisierung und Automatisierung muss das klassische Menschenbild des Humanismus aufrechterhalten und erweitert werden.
Ganz in diesem Sinne freut es uns, den Leser*innen der ZUKUNFT das dichte und auf drei Seiten komprimierte Manifest für Digitalen Humanismus präsentieren zu können, durch das seit geraumer Zeit über die Grundlagen der Anthropologie angesichts der Digitalisierung diskutiert wird. Denn im Jahr 2019 hat ein Autor*innenkollektiv um Hannes Werthner von der Technischen Universität Wien dieses Manifest verfasst, das seitdem weltweit verteilt und vielfach gespiegelt wurde. Es stellt ein entscheidendes medienanthropologisches Dokument der aktuellen Debatten zur Grenze von Mensch(en) und Maschine(n) dar und liegt hier in einer leicht redigierten Fassung vor, die weitere Diskussionen ermöglichen soll. Das Manifest geht mit Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, davon aus, dass unsere Gesellschaften und Demokratien systemische Probleme haben, weil die Digitalisierung zwar beispiellose Möglichkeiten eröffnet, aber auch ernste Bedenken aufwirft. Gerade deshalb brauchen wir eine Anthropologie, die sich unter Berufung auf Humanismus und Aufklärung den Herausforderungen der Digitalisierung stellt und dabei den Menschen weder dezentriert noch dekonstruiert und d. h. zerstört.
Deshalb ist es auch von Interesse, im historischen Rückblick zu untersuchen, welche Antworten die Frage nach dem Menschen gefunden hat. Christian Filk diskutiert deshalb Jan-Philipp Schäfers Dissertationsschrift Bildung als Entformung (2025), um eine Rekonstruktion von Günther Anders’ Negativer Anthropologie zu leisten. In diesem Zusammenhang wird die „Unbestimmtheit des Menschen“ in Schäfers Studie rekonstruiert, indem auch Helmuth Plessners „naturphilosophische Anthropologie“ als formal-negativer Rahmen entfaltet und als kritische Radikalisierung der negativen Anthropologie von Anders gelesen wird. Die Rekonstruktion dieser negativen Anthropologie, die Homunkulus-Kritik am Deutschen Idealismus und die dialektische Kulturanalyse ergeben, so Filk, einen Bildungsbegriff, dessen politische Schärfe – Bildung als Solidarisierung angesichts industrieller Vernichtbarkeit des Menschen – ihn klar von anderen Theorien absetzt. Gerade deshalb ist es auch nötig, eine soziale und demokratische Anthropologie zu entwerfen und politisch umzusetzen.
In einem durchaus biologischen, anatomischen bzw. physiologischen Sinn ist der Mensch (lat. homo sapiens) geschlechterübergreifend immer auch ein Lebewesen, das einen Körper und einen Leib besitzt. Deshalb präsentiert Thomas Damberger angesichts von Kants Anthropologie seinerseits eine medienanthropologische Reflexion dieser Tatsache. Er argumentiert, dass die derzeit dominierenden anthropologische Konzepte von Körperlichkeit von impliziten Menschenbildern durchzogen sind, die selten expliziert, geschweige denn kritisch befragt werden. Methodisch verfährt der Beitrag begriffsanalytisch und theorievergleichend. Er rekonstruiert einen in reformpädagogischen Kontexten entwickelten Ansatz und konfrontiert dessen anthropologische Grundannahme mit zwei konkurrierenden philosophischen Positionen: Jean Baudrillards Theorie des Simulakrums und David Chalmers’ virtueller Realität+. Welche Rolle haben mithin Körper und Leib angesichts der Wirklichkeit von Bildschirmen und Social Media? Eines scheint sicher: Der Mensch kann als leibliches Wesen – und physikalisch als Körper – gefasst werden, dessen evolutionäre Entwicklung immer auch eine Eigenzeit besitzt.
Darüber hinaus freut es die Redaktion mit zwei freien Beiträgen auch unabhängig von unserem Schwerpunkt Diskussionen fortführen zu können, die unsere Leser*innen in den letzten Jahren verfolgen konnten. Denn dass die ZUKUNFT in Sachen Israel, Antisemitismus und politischer Islam – schon vor dem 07. Oktober 2023 – eine glasklare Position bezogen hat, die sich auch dem linken Antizionismus nicht beugte, wird auch in diesem Heft mit einem Beitrag von Stephan Grigat unterstrichen. Der Artikel hebt nachdrücklich hervor, warum der Traditionsbestand der Kritischen Theorie – und damit der marxistischen Frankfurter Schule – gerade im Umfeld der Sozialdemokratie eine deutliche Verteidigung Israels mit sich bringen muss. Denn der Antisemitismus in linken akademischen Milieus äußert sich in den letzten Jahren insbesondere in einem projektiven Antizionismus, der je nach politischer Orientierung und theoretischen Bezügen antiimperialistisch, antinational oder postkolonial „begründet“ wird. Demgegenüber betont auch die Chefredaktion die an Marx orientierte Notwendigkeit einer linken Kritik an dieser revisionistischen und relativistischen „Linken“, ohne die der ethische und ökonomische Bankrott nicht aufgehalten werden kann.
Des Weiteren zeugt auch der musikgeschichtliche Beitrag von Georg Pepl von großer Sensibilität. Denn mit The Rest is Noise. Das 20. Jahrhundert hören hat Alex Ross schon vor geraumer Zeit eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts vorgelegt und damit die Kritiker*innen mehr als überzeugt. Der Beitrag führt die Leser*innen der ZUKUNFT in diese multimediale Musikwelt ein, die immer auch mit unserer eigenen Geschichte verbunden ist. Bemerkenswert an diesem Buch ist auch der multimediale Charakter, da es mit einer Homepage verbunden ist, auf der u. a. die im Band besprochenen Musikgeschichten mit Hörbeispielen unterlegt werden können. Und so gehen wir mit unseren Leser*innen zwischen Doktor Faust und versunkenen Kathedralen auf eine multimediale Reise, die vor allem unsere Hörgeschichte(n) betrifft.
Darüber hinaus freut es uns, dass der Künstler donhofer. auch im Rahmen dieser Ausgabe bereit war, seine Kunstwerke freimütig zur Verfügung zu stellen. Gerade im Umfeld der Sozialdemokratie wird vom Cover weg ein Farbenspiel sichtbar, das mit einer minutiösen und provokanten Analyse der kapitalistischen Produktionsweise zusammenfällt. Am Ende unserer Ausgabe findet sich demgemäß eine Interview mit dem Künstler, in dem auch die Frage auftaucht, wie Demokratie überhaupt noch funktionieren könnte … Vielleicht nur mehr, wenn sie börsennotiert wird.
Ein anregende und menschliche, allzumenschliche Lektüre
wünscht zum Ende der ZUKUNFT hin
Alessandro Barberi
