ZUKUNFT 05/2026: Medien(theorie) – Editorial VON ALESSANDRO BARBERI UND HELMUT PECHER

Symbolbild zu Medienkompetenz und Medientheorien

Medien sind in aller Munde: sei es im Sinne der klassischen Publizistik und angesichts von Massenmedien, sei es im Blick auf die Digitalisierung unserer Gesellschaften und Demokratien oder sei es auch angesichts der Diskussionen zu Künstlicher Intelligenz (KI) oder Digitalem Kapitalismus. Dabei ist unübersehbar, dass die breite Vielfalt von Medientheorien – bzw. Modellen der Medienwissenschaft – erstens kaum überschaubar ist, deshalb zweitens eine nachvollziehbare Systematisierung aussteht und drittens noch nicht bei den Menschen angekommen ist.

Denn der Medienbegriff meint heute nicht nur Zeitungen oder Radio und Fernsehen, sondern umschreibt im Rahmen der Wissens- und Informationsgesellschaft – z. B. angesichts von Social Media – alles, was mit Übertragung in Zusammenhang steht. Dabei ist immer auch zu berücksichtigen, dass der Alltag der Menschen durchgängig von (analogen und digitalen) Medien geprägt wird, so dass oftmals unscharf wird, wo die Grenze zwischen Mensch(en) und Maschine(n) verläuft. In diesem Sinne gilt nach wie vor das Diktum „Lebenswelten sind Medienwelten und Medienwelten sind Lebenswelten“, mit dem der einflussreiche Medienpädagoge Dieter Baacke schon vor Jahrzehnten die Diskussionen zur Medienkompetenz und damit auch die mediale Lage auf den Punkt brachte.

Deshalb freut es die Redaktion der ZUKUNFT, einen klassischen Text von Dieter Baacke als Leitartikel wiederveröffentlichen zu dürfen, um damit auch in die Diskussionen der Medienpädagogik einführen zu können. Denn mit Medienkompetenz als Netzwerk fasste Baacke 1996 Diskussionen zur Medientheorie zusammen, die (spätestens) nach dem Mai 68 intensiv geführt wurden. Dabei wurde ein interdisziplinärer Zusammenhang deutlich, der u. a. die amerikanische Kommunikationstheorie, die Systemtheorie von Niklas Luhmann, die Kybernetik nach Norbert Wiener oder auch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule bis hin zu Jürgen Habermas zusammenbrachte. Baackes nähere Bestimmung von Medienkompetenz umfasst dabei vier Dimensionen, die nach wie vor breit diskutiert werden und mit Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung bestimmt werden können, wie dieser Artikel auf mehreren Ebenen deutlich macht. Schon hier stehen angesichts einer modernen interaktiven und global vernetzten Gesellschaft Gemeinwohl, Persönlichkeitsschutz und neue Formen politischer Kommunikation im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses, wenn die genaue medienpädagogische Bestimmung des Medienzeitalters notwendig wird.

Vor diesem Hintergrund präsentiert Helmut Pecher mit seinem Beitrag ein rhizomatisch angelegtes Medienboard, das zentrale Medientheorien visuell bündelt und allen Interessierten in Auszügen hier im Druck sowie online zur Verfügung steht. Es eröffnet einen Zugang zur breiten Palette medientheoretischer und -pädagogischer Perspektiven und macht damit sichtbar, wie sich unterschiedliche Ansätze zueinander verhalten, ergänzen und auch produktiv widersprechen. Neben vielen anderen sind es medienpädagogische und medientechnische Ansätze, Kritische Medientheorie sowie Zugänge zu Kommunikation, Digitalisierung und Netzwerkgesellschaft, die gemeinsam danach fragen, welche Rolle Medien für Wahrnehmung, Bildung, Öffentlichkeit, Macht, soziale Ordnung und professionelles Handeln spielen.

Das Medienboard ist jedoch nicht nur eine Sammlung von Theorien, sondern darüber hinaus auch eine visuelle Orientierungshilfe, die zentrale Medientheorien so ordnet, dass ihre Bedeutung für Medienbildung, pädagogische Professionalisierung und digitale Transformation sichtbar wird. Gerade darin liegt auch der medienbildnerische Wert, denn es wird ein komplexes theoretisches Feld anschaulich gemacht und zugleich eine Möglichkeit zur weiteren Vertiefung eröffnet. Deshalb drucken wir – auch aus mediendidaktischen Gründen – neun überarbeitete Screenshots dieses Medienrhizoms zwischen Seite 24 und 32 ab. Sie sollen unseren Leser*innen bereits in der gedruckten Ausgabe ein analoges Medienbild ermöglichen und zugleich Lust darauf machen, den digitalen Raum des Medienboards weiter zu erkunden. Die Onlineversion enthält zusätzliche Inhalte, Materialien, Verlinkungen und Querverweise und wird laufend erweitert, überarbeitet und ergänzt. Damit bleibt das Medienboard nicht nur eine Darstellung vorhandenen Wissens, sondern auch eine offene Diskurs- und Arbeitsfläche, die (auch kollaborativ) weiterentwickelt werden soll. In diesem Sinne wird Systematisierung mit Offenheit verbunden. Nutzen Sie folgenden Link zur Erkundung des digitalen Medienboards: https://t1p.de/7ymh2

Wie die(se) ubiquitäre Vielzahl von Medientheorien vielleicht doch auf einen klaren Nenner gebracht werden kann, zeigen in der Folge Alessandro Barberi und Alexander Schmölz, die sich mit ihrem Lexikonartikel an einer dichten Schematisierung dieses breiten Feldes versuchen. Entscheidend ist dabei, dass sich vor allem drei mediale Übertragungsebenen unterscheiden lassen:

  1. Die Zeichenperspektive der gesprochenen Übertragung,
  2. die Schriftperspektive der geschriebenen Übertragung, und
  3. die Technikperspektive der technologischen Übertragung.

Denn Menschen – und das gilt historisch wie systematisch – können nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick), weshalb sie primär auf die Verwendung von Zeichen und Symbolen angewiesen sind, die in der Folge schriftlich fixiert und eben auch technologisch – per Mobiltelefon oder Social Media – weitergegeben werden können. Damit sind grundlegende Kommunikations- und/als Handlungsebenen definiert, die auch anthropologisch für alle Gesellschaften und Kulturen in Raum und Zeit als konstant erachtet werden können. Denn die Menschengattung weist gesellschafts- und kulturübergreifend grundlegend eine „kommunikative Kompetenz“ auf, weshalb unsere Gegenwart auch eine klare medienpädagogische Perspektive braucht, wie mit diesem Beitrag mehr als deutlich wird.

Des Weiteren konnte die Redaktion mit Christian Swertz einen versierten österreichischen Medienpädagogen als Autor gewinnen. Sein Forschungsbeitrag diskutiert Selbst- und Fremdbestimmung im Medienzeitalter und betont die Möglichkeit kritisch-kreativer Handlungen, die auch zu gesellschaftlichen und politischen Veränderungen im Sinne des Widerstands führen können. Swertz thematisiert damit die Voraussetzungen und Möglichkeitsbedingungen der Medienerfahrung als Medienkritik und schließt so auf hohem Niveau mehrfach an die anderen Beiträge unserer Ausgabe an. In diesem Zusammenhang werden monistische und dualistische medienpädagogische Kritikbegriffe differenziert. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass sowohl Wissen als auch Zukunft möglich sind, also auch anders sein können. In der Folge wird ausgehend von dieser Zukunftsoffenheit methodisch eine systematische Analyse verwendet, die mit der Bestimmbarkeit des Begriffs des „Begriffs“ und der Begrenztheit des Wissens als Prämissen angesetzt und als „performative Retorsion“ durchgeführt wird. In der systematischen Analyse wird dann der Bildungsbegriff als Bewegung zwischen Sprachen und damit als Medienbildung bestimmt. Dadurch können in der Folge Kritikbegriffe erneut reflektiert und diskutiert werden. So wird insgesamt gezeigt, dass Menschen, die nicht nur Gesellschaftskritik betreiben, sondern sich in Freiheit auch selbst bestimmen wollen, einen dualistischen (Medien-)Kritikbegriff verwenden sollten.

Darüber hinaus freut es uns, dass Barbara Serloth auch in dieser Ausgabe bereit war, Ihre schönen Gemälde für unsere Bildstrecke zur Verfügung zu stellen. Ihre farblich beeindruckenden Figurationen zeigen eine Lustige, eine Stolze, eine Mächtige sowie eine Vorbeigehende und malen für unsere Leser*innen insgesamt Gedanken, die Auftauchen. Insofern hoffen auch die Herausgeber, dass Sie sich mit diesem Heft auf mehreren Ebenen Gedanken zu Medien und Theorie machen können …

Es grüßen Sie zum Ende der ZUKUNFT hin

freundschaftlich

Alessandro Barberi & Helmut Pecher

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der ZEITSCHRIFT FÜR HOCHSCHULENTWICKLUNG sowie der Fachzeitschriften MEDIENIMPULSE und ZUKUNFT. Er ist Zeithistoriker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien. Weitere Infos und Texte online unter: https://medienbildung.univie.ac.at/.

HELMUT PECHER

war lange Zeit Sekundarstufenlehrender und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Derzeit forscht und lehrt er als Medienpädagoge an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Wien/Krems.