ZUKUNFT 03-04/2026: Faschismus Editorial VON ALESSANDRO BARBERI

Die Verwendung des Faschismusbegriffs ist in der Tradition und Gegenwart der Linken, die sich als grundlegend antifaschistisch versteht, ubiquitär: Vom italienischen Fasc(h)ismus Mussolinis über den Austrofaschismus von Engelbert Dollfuß bis hin zum Faschismus des Nationalsozialismus. Auch wurden historisch die Regime von Hirohito in Japan, Pinochet in Chile oder Franco in Spanien als Faschismus begriffen. Darüber hinaus war und ist aktuell die Rede von ÖkofaschismusNeofaschismusIslamofaschismus oder Sozialfaschismus.

Angesichts dieser breiten Verwendung des Faschismusbegriffs stellt sich indes die Frage, ob er seine rationale Trennschärfe behält, wenn er der Tendenz nach alles umfassen kann. Deshalb hat sich die Redaktion der ZUKUNFT entschlossen, dem Terminus Faschismus eine eigene Ausgabe zu widmen, um dahingehend aufzuklären und die Möglichkeit zu schaffen, Faschismus zu nennen, was auch wirklich Faschismus ist. Wir konnten dazu mehrere kompetente Autor*innen gewinnen, die ausgehend vom gegenwärtigen Stand der Forschung ein deutliches Bild der Faschismusanalyse vor Augen führen. Was umfasst der Begriff Faschismus mithin und was kann durch ihn nicht abgedeckt werden?

Dieser Frage widmet sich unser Leitartikel von Armin Pfahl-TraughberFaschismus – was ist das überhaupt? Denn da der Faschismusbegriff oftmals beliebig eingesetzt und auf unterschiedlichste Sachverhalte angewendet wird, braucht es eine grundlegende Begriffsklärung. Dabei fällt auf, dass auch nach langen Diskussionen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften dahingehend kein Konsens erreicht wurde. Dennoch lassen sich die Ideologie, die Organisation und die Strategie des Faschismus unterscheiden. So können die Besonderheiten des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus bestimmt werden, um Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herauszuarbeiten. Dabei rekapituliert der Beitrag auch die marxistische, psychologische, religionspolitische oder systemtheoretische Faschismustheorie, um zum Ende hin eine Minimaldefinition vorzuschlagen: Es ginge danach bei Faschismus um „nationalistische Auffassungen, die durch Bewegungsformationen mit affirmativem Gewaltbezug einhergehen, um eine diktatorische Ordnung in einem totalitären Sinne umzusetzen“.

Der Beitrag von Barbara Serloth widmet sich einer Verbindung der Theorien von Michel Foucault und Otto Bauer, um im Rahmen demokratischer Hegemoniekrisen den Faschismus als Prozess der Normalisierung verständlich zu machen, der institutionellen Brüchen häufig vorausgeht. Es geht in diesem Kontext um Diskontinuitäten, welche im Sinne der Diskursanalyse die Grenzen des Sagbaren verschieben. Faschismus wäre dann als grundlegend demokratiefeindliche Pathologie moderner Sinnordnungen bzw. als prozesshafte Radikalisierung krisenhafter Moderneerfahrungen aufzufassen. Dabei spielt gerade der eliminatorische und apokalyptische Erlösungsantisemitismus des NS nicht nur als Vorurteil oder Ressentiment, sondern als Deutungsordnung eine wichtige Rolle, in der Juden zu Chiffren illegitimer Macht werden und damit aus dem Horizont historischer Verwundbarkeit herausgelöst erscheinen. Diese Einsicht zielt nicht auf eine alarmistische Gegenwartsdiagnose, sondern auf eine demokratische Aufmerksamkeit gegenüber den Bedingungen der Denk- und Sagbarkeit autoritärer Dynamiken. Politische Ordnungen verändern sich also, so Serloth abschließend, nicht erst im Moment offener Brüche, sondern dort, wo sich die genannten Grenzen des Sagbaren verschieben.

Auch der Beitrag von Günther Kern bespricht verschiedene Formen des Faschismus und verbindet sie mit dem Stand der aktuellen Forschung. Hier geht es um die brisante Frage, warum gerade die Moderne der westlichen Welt – in all ihren Ambivalenzen – anfällig wurde für den Glauben an die Möglichkeit, Gesellschaft durch faschistische Herrschaftsformen transformieren zu können. Hilfreich für alle faschistischen Militärdiktaturen der Geschichte war auf jeden Fall die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber der Aufklärung und der Demokratie, aber im Grunde war der Faschismus „eine Überschrift ohne Inhalt“ (Anton Pelinka) und auf jeden Fall zutiefst nationalistisch. Angesichts des Erstarkens des linken Antisemitismus betont Kern, dass die Linke negative Entwicklungen auf zu vielen Gebieten über Jahrzehnte verschlafen hat (die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, das Demografieproblem und die Immigration etc.). Wann werden mithin die grundlegenden Bausteine der linken Identität (der rettende Gedanke gegen die drohende Anomie, die historische Notwendigkeit, die prädestinierten Adressaten für die Rettung, die Reflexionsinstanz für Bildung und Orientierung)

endlich neu interpretiert? – ganz im Sinne der Kritischen Theorie –

Genau darauf muss auch jeder Antifaschismus mehr als Acht geben. Deshalb betont Andrea RomstorferAlerta, antifascista! Denn die epistemischen Abgrenzungen des Faschismusbegriffs im Vergleich zu seinem diskursiven Gebrauch sind dringend notwendig, um ihn aktuell zu halten. So steht nach wie vor die Frage im Raum: Wie lässt sich die Kluft zwischen Macht und Ohnmacht verringern und wie wird dabei im Sinne des Antifaschismus demokratischer und aufgeklärter Widerstand möglich? Im Rückgriff auf die einleitend vorgestellte Minimaldefinition von Faschismus, die Armin Pfahl-Traughber vornimmt, rekapituliert Romstorfer die klassischen Formen der Faschismustheorie von Reinhard Kühnl, Erich Fromm und Wilhelm Reich und erläutert damit auch die Leistungen der marxistischen Tradition, deren Ergebnisse im Rahmen der Faschismusforschung nicht leichtfertig ad acta gelegt werden sollten. Conclusio: nur eine Kombination aus rationaler Politik und offener, verfassungsstaatlicher Autorität kann darauf abzielen, direkten sowie indirekten Widerstand gegen den Faschismus zu ermöglichen.

Dies ist gerade angesichts des internationalen Aufschwungs der extremen Rechten von großer Bedeutung. Doch weder Definition noch Theorie des Faschismus gibt es im Singular. Vielfältig sind die Konzepte wie die (Erkenntnis-)Interessen und allzu oft ist Faschismus zum bloßen politischen Kampfbegriff degradiert worden. In seinem Beitrag stellt Mathias Wörsching einige theoretische Hauptrichtungen vor; außerdem diskutiert er das analytische Potenzial des Begriffs Faschismushinsichtlich historischer und aktueller, europäischer und globaler Phänomene. Es geht ihm dabei um eine kritische Rekonstruktion eines allgemeinen („generischen“) Faschismusbegriffs, der aktuell gehalten werden muss und durchaus auf die Bestände der verschiedenen – also auch marxistischen – Faschismustheorien zurückgreifen kann. Diese werden mit dem aktuellen Fünf-Stadien-Modell Robert O. Paxtons in Verbindung gesetzt, das eine plausible Typologie des Faschismus ermöglicht. Dabei warnt Wörsching vor einer großen Gefahr: Unsere Zeit könnte sich als Vorabend einer neuen Epoche von Diktatur, großen Kriegen und Massenvernichtung herausstellen, weshalb auch eine rationale und widerständige Analyse des Postfaschismus ansteht.

Den Problembereich des Islamfaschismus thematisiert Stephan Grigat, der die manifesten Formen des Antisemitismus auf die diesbezüglichen Debatten bezieht. Denn die deutschsprachige Iran-Diskussion der letzten drei Dekaden ist von einer bemerkenswerten Ignoranz gegenüber dem manifest antisemitischen Charakter des Islamisten-Regimes in Teheran geprägt. Wenn man aber verstehen will, warum es zur aktuellen konfrontativen Situation gekommen ist, muss man den antisemitischen Charakter des iranischen Regimes ins Zentrum der Analyse stellen. Hervorzuheben bleibt, dass der Begriff des Islamfaschismus heute insbesondere bei Linken zu reflexhaften Abwehrreaktionen führt, weil darin ein „Kampfbegriff der Neokonservativen“ gesehen wird. Grigat erinnert jedoch daran, dass er bereits von linken und progressiven Gegnern der „Revolution“ Khomeinis 1979 verwendet wurde. Wer sich also weigert, den Islamismus und das iranische Regime in der Welt nach Auschwitz vom Nationalsozialismus her zu denken, verharmlost sie bereits und kapituliert vor den Kontinuitäten des Faschismus.

Faschismus und Antisemitismus werden im Zeitalter der Digitalisierung, das wir schon mehrfach zum Gegenstand der ZUKUNFT gemacht haben, durch den unermesslich affektiven Charakter unserer Gesellschaft und ihrer Social Media verstärkt. Deshalb freut es uns, dass die Künstlerin Anna Lena Straube unsere Ausgabe nicht nur mit einer bemerkenswerten Bildstrecke versehen, sondern sich in einem Essay auch Gedanken über den allgemeinen sozialen und politischen Kontext ihrer Arbeit gemacht hat. Ihre sensible Analyse stellt dabei grundlegende Fehlentwicklungen wie die narzisstische Isolierung der Menschen durch KI-Agenten im Rahmen des Digitalen Kapitalismus und die „schöne neue Welt“ von Google und Co vor Augen. Dieser allgemeine Blick entspricht auch einer grundlegend feministischen Ausrichtung unserer Bildstrecke, mit der Straube ihre Arbeit präsentiert. Jedes Bild hat seine eigene Malsprache, Farbigkeit und Thematik, aber alle drehen sich um die weibliche Figur, als zeitlose Konstante im Zentrum einer sich wandelnden Welt. Die Bilder sind Archive der Weiblichkeit, die sich aus historischen Fotografien speisen und in der Gegenwart von Malerei neu erscheinen. Wir schließen unsere Ausgabe deshalb mit einer Vorstellung der Künstlerin und ihrer Arbeit.

Ganz im Sinne eines durchdachten, rationalen und analytischen Antifaschismus grüßt sie

freundschaftlich

Alessandro Barberi