In diesem Beitrag beschäftigt sich CONSTANTIN WEINSTABL mit der Erwartungshaltung an Fortschrittsmodelle. Hat der Fortschritt (immer) kulturelle und/oder zivilisatorische Verbesserungen zur Folge?
I. Einleitung
Zivilisationen kommen und gehen, ein Kern ihrer Essenz, ihre Spuren in Form faktischer Reminiszenzen – „[t]wo vast and trunkless legs of stone stand in the desert…“ wie Shelley treffend bemerkte –, bleibt jedoch in der Welt zurück. Das heißt allerdings nicht, dass das, was sie geschichtsphilosophisch antreibt – Kultur als Prozess der Zivilisierung im Gegensatz zu Zivilisation als Resultat der Zivilisierung – in derselben Weise vergeht. Notgedrungen besteht immer eine Differenz zwischen der ätherischen Kultur, die als Begriff untrennbar mit dem des Fortschritts verbunden ist, und der realen, faktisch umsetzbaren und schlussendlich umgesetzten Zivilisation besteht.
Dieser Spannungsbogen zwischen beiden Begriffen treibt und zieht aber im Wesentlichen die Zivilisation voran. Aus der Krisenhaftigkeit der Lebenswelt entspringt der Anspruch an die Geschichte, sie möge wohlwollend fortschreiten – den Fortschritt bringen –, denn alles muss besser werden. Dadurch wird die Geschichte eingespannt, auf ein Ziel hinzuarbeiten, das utopisch sein kann, aber in jedem Fall aus den im derzeit Realen verfügbaren Möglichkeiten die subjektiv gesehen „ideale“ in das zukünftig Reale holen soll.
Ist dieser Anspruch an die Geschichte aber auch ein kultureller oder zivilisatorischer? Oder ist das Bemühen, den Fortschritt herbeizudenken oder herbeizuarbeiten, verfehlt? Denn die Frage thront im Raum, welche die „ideale“, realisierte Möglichkeit ist und welche Gesetzmäßigkeit hinter ihrem Werden steht. Ohne eine solche Gesetzmäßigkeit würde jedes Theorem dezisionistisch interpretiert werden und wäre als solches angreifbar im Sinne der Frage: „wozu dann“? Welche Erwartungen darf man dann an den Fortschritt haben?
II. Zivilisation, Kultur und Sinn
Die etymologische Diskussion der Entstehung, Vermischung und Abgrenzung der Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“ füllt (auch aufgrund der umfangreichen Differenzen der jeweiligen Konnotationen der beiden Begriffe in unterschiedlichen Sprachen: z. B. Zivilisation/civilité/civilitas) Bibliotheken und kann in diesem kurzen Essay dementsprechend nicht mit der ihr zustehenden Granularität ausgebreitet werden. Für meine Ausführungen, besonders vor dem Hintergrund der Debatte um die negativen Aspekte der Zivilisation westlicher Prägung, wie z. B. das Erbe des Kolonialismus, darf in Ansehung der an KANT anschließenden Denkart „Kultur“ als „Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens“ (Kant, 2020, S. 389f), d. h. als wertvolle, geistige und moralische Komponente beinhaltend, gelesen werden, wohingegen „Zivilisation“ stets die Umsetzung dieses kulturellen Impetus in Form politisch organsierter Gemeinschaften darstellt. Begriffsgeschichtlich fasst FISCH dies so zusammen, dass er „Kultur“ als „unbezweifelten Wertbegriff“ bzw. „Zivilisation“ als „Auffangposition für die negativen Aspekte“, im Sinne des seit Beginn des 20. Jahrhunderts verbreiteten Fortschrittspessimismus, der zweiseitigen Begrifflichkeit bezeichnet (Fisch, 2004, S. 681). Den Verfehlungen einer nationalistischen Aufladung beider Begriffe, wie sie anfangs des 20. Jahrhunderts stattgefunden hat – deutscher Geist gegen französisch/angloamerikanische Politik, Seele gegen Gesellschaft, Freiheit gegen Stimmrecht (Mann, 2015, S. 35) – soll das aber nicht das Wort reden.
Im Wesentlichen ist das Ersehnen des Fortschritts bzw. die Suche nach der Systematik hinter ihm eng mit der erst religiös behafteten und später säkularen Geschichtlichkeit des Denkens verwoben. Ob dies nun die griechisch-römischen goldenen, silbernen, ehernen oder eisernen Zeitalter, der Chiliasmus seiner Hochzeit im Mittelalter oder die zunehmend ent-theologisierten Interpretationen des Fortschreitens der Geschichte entlang von Prinzipien und „Motoren“ war, stets sollte die eigene und allgemeine Geschichte Sinn machen und der Fortschritt war der Weg zur Verwirklichung dieses Sinnes. Man brauchte eine große Erzählung, die „hearts and minds“ gleichermaßen beflügelte, vor allem vor dem Anspruch jenseits der Geschichtstheologie, die Zukunft in unterschiedlichster Hinsicht plan- und steuerbar zu machen.
III. Fortschrittsgattungen
Den Fortschritt begreifbar zu machen, verlangt zuallererst die Klärung der Frage, ob es sich bei ihm um ein Ziel im Sinne von messbaren kulturell/zivilisatorischen Etappen oder Plateaus handelt, die dann auch z. B. quantitativ bzw. qualitativ zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften verglichen werden können (Fisch, 2004, S. 744). Wenn man hiervon ausgeht, so ist es ein Leichtes, dann auf dieser Basis der unterschiedlichen sektorspezifischen Bewertungen Aussagen zu dem Kultur-/Zivilisationsgrad von Gemeinschaften zu treffen. Als solche Kategorien kommen u. a. Technologie bzw. Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und geistige Schöpfungen, wie theologische Systeme oder Philosophie, oder Politik und Gesellschaft in Frage. So kann man durchaus vergleichen, welche Gemeinschaften welche technologischen Instrumente, Prozesse, Fahrzeuge, Bautechniken oder Waffentechnologien einsetzen, wie aufgrund von wirtschaftlichen Erfindungen und Errungenschaften Finanz und Handel angetrieben werden, ob Nationalepen verfasst wurden oder wie komplex Gesellschaften organisiert sind.
Alternativ hierzu könnte man auch davon ausgehen, dass Fortschritt an sich weniger im Abarbeiten von quantifizierbaren Punkten auf einer Liste, als vielmehr die Verbesserung von Problemlösungskompetenzen bzw. die fortschreitende Kontextualisierung der Gegenwart im Lichte der Vergangenheit und mit Blick auf die Zukunft darstellt. Dies würde die oben dargestellte Abgrenzung zwischen den Begriffen „Kultur“ (als Fähigkeit zum geistigen Schaffen) und „Zivilisation“ (als reales Resultat dieser Fähigkeit, als „In-die-Welt-Geholtes“ mit allen seinen immanenten Abstrichen vom hehren geistigen Ideal) widerspiegeln. Ein solcher prozessualer Fortschritt wäre ein Fortschritt im Sinne HEGELS, einer
„im Bewußtsein der Freiheit“ hin zur Freiheit, dem
„einzige[n] Zweck des Geistes … , worauf in der Weltgeschichte hingearbeitet worden [ist], dem alle Opfer auf dem weiten Altar der Erde und in dem Verlauf der langen Zeit gebracht worden [sind]“ (Hegel, 1986, S. 32f).
Ähnlich prozessorientiert sieht es JAEGGI, wenn sie Fortschritt als in diesem Sinne fortschreitendes Ausmaß von Problemlösungskompetenz betrachtet (Jaeggi, 2025, S. 195).
IV. Fortschritt ohne Rückschritt?
Wenn man „Fortschritt“ als stringente und permanente Weiterentwicklung – mit einer möglichst geringen Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch Rückschritte gemacht werden – definiert, dann kommt es bei der Beantwortung der obenstehenden Frage darauf an, welcher der beiden (quantitativ-qualitativer oder prozessualer Fortschrittsbegriff), dieser Definition am besten Genüge tun kann. Hierfür ist relevant, welches Modell die geeignetsten Parameter und Marker bietet, die Regressionen von ihrer intrinsischen Systematik hintanhalten, hinter die also nicht (mehr) zurückgegangen werden kann bzw. aus realistisch-pragmatischen Gründen nicht mehr zurückgegangen werden wird.
Nach dem ersten Ansatz ist somit klar, dass die nicht quantitativen, sondern qualitativen Plateaus nicht als solche unverrückbaren Pfeiler in der Geschichte taugen. Die Regressionen in Kunst und Philosophie, das sinkende gesellschaftliche Niveau in Solidarität und Anstand, das Verlernen des politischen Handwerks bzw. die schwindende Geisteshöhe politischer Debatten zeugt beredsam hiervon. Im Gegensatz dazu finden solche Regressionen in den quantitativen Parametern – Naturwissenschaften, Technologie und angewandten Wissenschaften – wenig bis gar nicht statt. Gesellschaften, Gemeinschaften oder Staaten „verlernen“ diese Dinge nicht oder nur selten (und wenn, dann langsam). Der Grund dafür, warum von ihnen abgegangen wird, ist vielmehr, dass hier mit höherer Schlagzahl Fortschritte gemacht werden und vergangene Wissensstände schneller obsolet werden.
Wenn man Fortschritt allerdings prozessual-kontextualistisch denkt, dann ergibt sich daraus, dass man zwar die oben erwähnte Problemlösungskompetenz punktuell weniger an den Tag legen könnte, allerdings der Kontext, in dem man gegenwärtige Umstände betrachten kann, stetig und unwiderruflich wächst. Somit wird geschichtliches Handeln, welches nicht fortschrittlich, sondern regressiv ist, systemimmanent immer weniger plausibel und argumentierbar, je später (und somit mit je mehr Kontext und Erfahrung) es gesetzt wird. In diesem Sinne kann auch die Forderung von ADORNO, „daß [sic] Auschwitz nicht noch einmal sei, [sei] die allererste an Erziehung“ (Adorno, 2013, S. 92) gelesen werden – hinter den Kulturbruch des Holocaust gibt es kein Zurückgehen mehr, man kann ihn nicht weg-denken, er darf sich nie mehr wiederholen.
V. Ausblick
Ist es somit vernünftig, seine Hoffnungen darin zu setzen, dass der Fortschritt auch kulturelle/zivilisatorische Segnungen bringt? Auf zwei Ebenen durchaus: einerseits schreiten z. B. technologische Entwicklungen stetig voran, sie erlauben es, dass Maschinen immer mehr körperliche und zunehmend geistige Arbeit für den Menschen erbringen, lassen ihn schneller reisen und global immer müheloser kommunizieren; andererseits steigt durch die zunehmende Kontextualisierung und die damit einhergehende Möglichkeit zur Einordnung und Ableitung entsprechend setzbarer Handlungen die Problemlösungskompetenz der geschichtlich handelnden Subjekte. Ob diese Möglichkeiten aber ergriffen werden, hängt im Wesentlichen immer noch davon ab, was die handelnden Subjekte unter dem kommenden „Besseren“ des Fortschritts verstehen.
Literatur
Adorno, T. W. (2013). Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969, hrsg. von G. Kadelbach. Suhrkamp.
Fisch, J. (2004). Zivilisation, Kultur. In O. Brunner, W. Conze & R. Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 7 (S. 679-774), J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH.
Hegel, G. W. F. (1986). Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Suhrkamp.
Jaeggi, R. (2025). Fortschritt und Regression. Suhrkamp.
Kant, Immanuel (2020). Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp.
Mann, T. (2015). Betrachtungen eines Unpolitischen. Fischer.
CONSTANTIN WEINSTABL
hat an der Universität Wien und der Universiteit Leiden Rechtswissenschaften mit den Schwerpunkten Rechtsphilosophie und Völkerrecht sowie an der University of Hull Politikwissenschaften mit dem Fokus Strategy and International Security studiert. Er ist Mitglied der Redaktion der ZUKUNFT.
