Es sind mit dem Beitrag von GÜNTER KERN vor allem zwei Einsichten: die Situierung der Vernunft und die Relativierung der Modernisierungstheorie, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts das Selbstverständnis unserer Kultur und Zivilisation veränderten, aber damit auch den Prozess einer zunehmenden Fragmentierung auslösten.
I. Einleitung
Wenn Habermas am Ende der 1980er-Jahre von einer Situierung der Vernunft sprach, dann bezog er sich dabei implizit auf das Buch von Thomas Nagel Der Blick von nirgendwo (engl. 1986, dt. 1992). Nagel protestierte darin vor allem gegen einen naiven Realismus in den Naturwissenschaften, wonach deren Zugriff auf die Welt gänzlich frei von kulturellen Bedingungen funktionieren würde. Das Buch der Natur müsse man nur mittels geeigneter Methoden entschlüsseln. Wenn man aber davon ausgeht, dass auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse an historische, kulturelle, soziale und leibliche Kontexte gebunden sind, dann entsteht das Problem, wie denn der Einfluss dieser Kontexte auf den Entstehungsprozess von Wissen theoretisch zu erfassen ist und welche Rolle der Einbildungskraft dabei zukommt. Nietzsches „Wahn der Imagination“ (Martin Seel) aus dem Zarathustra sollte doch nicht einfach wiederholt werden.
II. Kultur und Zivilisation
Dabei musste der Begriff der Kultur ausgerechnet in der Zeit einer zunehmenden Globalisierung neu definiert werden, in der doch gerade Kultur, Sinnsysteme und Wissensordnungen brüchig zu werden drohten. Dies führte einerseits zu einer unüberschaubaren Vielfalt an kulturtheoretischen Erklärungsansätzen (theoretische Spezialisierung) und andererseits zur Aktualität fächerübergreifender kulturtheoretischer Ansätze, wobei sich gerade dann in der politisch angeregten Diskussion um die Leitkultur die ganze Hilflosigkeit offenbarte.
Kann uns nun der Begriff der Zivilisation aus dieser Lage befreien? Wird doch in der deutschen Sprache zwischen Kultur und Zivilisation unterschieden, und wurde damit schon im alten Rom ein Entwicklungsstand der Bürger (lat. civis) und der Stadt (lat. civitas) verstanden. Seit Norbert Elias verstehen wir damit den nicht unproblematischen Prozess der Zivilisierung, der wertend gebraucht auch zur Abwertung alles Fremden (der Barbaren) verwendet werden kann. Damit wären wir bei der zweiten Einsicht: der Relativierung der Modernisierungstheorie von Talcott Parsons durch die Zivilisationstheorie seines jüngeren Kollegen Shmuel Noah Eisenstadt.
III. Die Moderne und die Achsenzeit
Die Modernisierungstheorie von Talcott Parsons galt bis in die 1980er-Jahre nicht nur als Standardmodell für die westliche Welt, sondern mit ihr sollte dem Rest der Welt ein Entwicklungsmodell vorgegeben werden. Die Überlegenheit der modernen Gesellschaft ergab sich demnach evolutionär auf der Ebene der Institutionen durch die Entstehung funktionaler Teilsysteme (Differenzierung) mit je eigenen Regeln, sowie auf der individuellen Ebene durch spezifische Rollenerwartungen, Leistungsorientierung und universalistische Wertstrukturen. Damit ist die Herstellung einer breiten Legitimationsbasis für immer komplexere Systeme entstanden, wodurch auch die Überwindung des Utilitarismus gelang. Menschen würden sich demnach an vorgegebenen Normen und Werten und nicht nur an der Nutzenkalkulation orientieren.
Eisenstadt konzentrierte sich schon in seinen frühen Arbeiten auf gesellschaftliche Widersprüche, den inneren Spannungen und kontingenten Ergebnissen gesellschaftlicher Prozesse, welche eher nicht im Fokus der auf strengen taxonomischen Kategorien fußenden strukturfunktionalistischen Analyse Parsons lagen. Mit der Hinwendung zu Karl Jaspers „Achsenzeit-Theorie“ entstanden dann weitreichende Analysen über die Zivilisationen in Indien, China und Japan mit dem Ergebnis, dass diese Gesellschaften weitaus früher als angenommen kulturelle und institutionelle Merkmale aufwiesen, welche weit verbreitet waren und die man bisher als typisch modern verstand. Daher ging er von einer Vielfalt der Moderne aus und verabschiedete damit die Gleichsetzung von Modernität und westlicher Tradition.
IV. Ethik und Revolution
Der gemeinsame Ausgangspunkt der Achsenkulturen (Israel, Christentum, Indien, China, Griechenland, Islam), welche während der Zeit von 500 v. u. Z. bis zum Aufstieg des Islam entstanden sind, ist eine Spannung zwischen der transzendenten und der weltlichen Ordnung, für die eine neue Elite eine ontologische Vision (Ethik) bildet, um diesen Konflikt zu bewältigen. Dadurch kann es kein Gotteskönigtum mehr geben, weil die Götter nun einer anderen Welt angehören. Der zentrale Unterschied in diesen ontologischen Konzepten einer neuen autonomen Gruppe von Intellektuellen war die Frage, ob sie eine neue politische Ordnung vorsah oder eben nicht, wie in Indien. Kam es dann, wie im christlichen Europa, noch zu einer andauernden Konkurrenz zwischen den kosmologischen Konzeptionen, dann verschärfte sich die Eigendynamik in diesen Ländern bis zur Entstehung von Revolutionen. Die westliche Moderne denkt Eisenstadt als zweite und verschärfte Achsenzeit, weil sie auf endgültige und totalitäre Lösungen abzielt. Dieser Fundamentalismus sei demnach ein zutiefst modernes Phänomen und er ist zutiefst antitraditionell als Praktiken der stetigen Infragestellung und Neuauslegung von Texten abgelehnt werden.

DIE VIELFALT DER MODERNE
VON Shmuel Noah Eisenstadt
Weilerswist: Velbrück Wissenschaft
245 Seiten | € 46,16 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3934730120
Erscheinungstermin: 01. Mai 2000
Im Unterschied zur klassisch evolutionären Denkweise kann es für Eisenstadt prinzipiell keine Prädeterminiertheit beim Zustandekommen bestimmter Erscheinungen (z. B. die Autonomie der Intellektuellen, die Institutionalisierung der Visionen) geben. Es kann höchstens zu gewissen Affinitäten zwischen den Phänomenen kommen, wodurch dann ein Pfad aufgrund einer ganz bestimmten Entscheidung ermöglicht wird, die wiederum weder rational im Sinne von Zweckrationalität, wie in der Ökonomie, noch notwendig evolutionär sein muss. Gerade wirtschaftshistorische Analyse haben in den 1980er-Jahren ergeben, dass sich ökonomische suboptimale Arrangements über sehr lange Zeit hinweg am Markt behaupten können. Lange hielt sich in der Wirtschaft das traditionelle Modell, wonach das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage das System durch negative Feedback-Effekte stets in den Gleichgewichtszustand zurückführen würde und deshalb Effizienz und Steuerbarkeit durch rationale Entscheidungen gesichert wären.
V. Ökonomie, Kontingenz und Weltgesellschaft
Douglass C. North erhielt 1993 den Nobelpreis für den Nachweis der Pfadabhängigkeit bei wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Der Begriff der Kontingenz (es hätte auch ganz anders geschehen können), den selbst Aristoteles schon kannte und der nicht mit dem Begriff des Zufalls zu verwechseln ist, schien nun den der Teleologie zu ersetzen, und die Grundannahmen der Modernisierungstheorie endgültig zu erschüttern, wonach sich alle Gesellschaften in dieselbe Richtung einer bestimmten Moderne entwickeln würden (Konvergenztheorie). Doch so einfach ist auch dies nicht. Eine religionssoziologisch angelegte Zivilisationstheorie müsste zeigen können „wie sich religiöse Muster vor allem gestützt auf politische Arrangements immer wieder (und das heißt: über sehr lange historische Zeiträume hinweg) reproduzieren“, so Wolfgang Knöbl in seinem Buch Die Kontingenz der Moderne (2007, S. 91).
Andererseits kommt der Begriff der Zivilisation nicht um das Wechselspiel von Pfadabhängigkeit und Kontingenz herum: In seinem Spätwerk Auch eine Geschichte der Philosophie bemerkt selbst Habermas (2019, Band 1, S. 112), dass sich inzwischen das hermeneutische Vorverständnis geänderte habe und das Bild der Moderne „sich nicht mehr allein am okzidentalen Muster der nationalstaatlich organisierten Gesellschaften und ihrer internationalen Beziehungen ablesen“ lasse. Aber auch wenn das westliche Modell nicht mehr als Standardmodell gelten könne und sich mit den Achsenkulturen Entwicklungspfade festgelegt haben, dann dürfe nicht darüber hinweggesehen werden, dass „der radikale Kulturalismus blind für die Ausbreitung von Funktionssystemen“ (ders., S. 117) sei, und die Zivilisationstheorie die Frage nicht berühren würde,
„ob aus dem dissonanten Konzert der im Wettstreit liegenden kulturellen Selbstdeutungen der Moderne je ein fruchtbarer interkultureller Dialog über gemeinsame Regeln des weltweiten politischen Zusammenlebens hervorgehen kann“ (ders., S. 121).
Nun habe aber Johann P. Arnason die vorläufigen Ergebnisse des von Eisenstadt angeregten Forschungsprogramms einer vergleichenden Zivilisationsforschung „zu einer dritten Konzeption der Moderne verarbeitet“ (ders., S. 118), wodurch „sich eine gewisse evolutionstheoretische Engführung der Theorie des kommunikativen Handelns korrigieren“ (ebd.) lässt. Die Grundlage dieses reflexiven Begriffs einer multikulturellen Weltgesellschaft bildet eine globalisierte gesellschaftliche Infrastruktur,
„die vor allem vom systemischen Eigensinn der wissenschaftlich-technischen Natur- und Weltbemächtigung, der bürokratischen Herrschaftsausübung und der kapitalistischen Wohlstandproduktion geprägt ist“ (ders., S. 119).
Diese moderne gesellschaftliche Infrastruktur fördert
„die funktional erforderlichen Einstellungsmuster, die sich um analytisches Denken, rationale Wahl und strategisches Handeln kristallisieren; dadurch untergräbt sie überlieferte Normen und Wertorientierungen, die damit nicht kompatibel sind“ (ders., S. 127).
Traditionelle Lebensverhältnisse geraten nun auf der ganzen Welt unter den individualisierenden und rationalisierenden Druck von kapitalistischer Wirtschaft und bürokratischer Herrschaft und werden mit Expertendiskursen – „die ein fehlbares mundanes Wissen erzeugen“ – ebenso konfrontiert wie
„mit dem Pluralismus von Weltanschauungen und Lebensformen, die in der eigenen Gesellschaft als Alternativen zum Glauben und Ethos der Bevölkerungsmehrheit schon präsent sind“ (ebd.).

RESONANZ.
EINE SOZIOLOGIE DER WELTBEZIEHUNG
VON HARTMUT ROSA
Berlin: Suhrkamp
815 Seiten | € 22,62 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3518298725
Erscheinungstermin: 12. März 2019
VI. Von der Resonanz und der Linken
Was sich für Habermas noch ganz gut anfühlt, hat Hartmut Rosa in seinem Buch Resonanz (2016), wovon Habermas keinerlei Kenntnis zeigt, noch als Weg ins Verderben beschrieben. Die Steigerungsimperative des Kapitalismus führen zu Desynchronisationseffekten (Überhitzung des Klimas, Ausbrennen der Psyche). Er fordert daher geradezu eine Richtungsumkehr, eine Distanzierung zu den intrinsischen Eskalationszwängen und eine begriffliche Entkoppelung von Lebensqualität und Wachstum mit dem Ziel der Resonanz. Für ihn stellen vormoderne Kulturen (z. B. die Indigenen im Amazonas) die eigentlichen Vorbilder dar und wenn wir der Religion wieder eine leitende Rolle geben würden, dann wären wir weniger Opfer der dynamischen Stabilisierung und wir wären nicht zur täglichen Weltreichweitenvergrößerung gezwungen. Der Bogen an Heterogenität unter den Linken könnte noch etwas weiter gespannt werden, wenn wir die Anhänger des Historischen Materialismus auch noch zu Wort kommen lassen würden. Doch Axel Honneth hat vor dem Fehler der Durchkapitalisierung aller Phänomene ebenso gewarnt wie vor dem Fehler, den Kapitalismus als ein durchgehend rationales Unternehmen zu sehen, dem es, wie dem Staat, um nichts anders geht als die Lebenswelt zu kolonialisieren. Präzise empirische Erhebungen von Kommodifizierungseffekten, wie z. B. durch Eva Illouz, würden den Menschen bei ihrer Lebensführung wesentlich mehr bringen.
VII. Conclusio: Wozu Links?
Sollte die Linke die vier Bausteine der sozialistischen Dramaturgie (der rettende Gedanke gegen die drohende Anomie, die historische Notwendigkeit, die prädestinierten Adressaten für die Rettung, die Reflexionsinstanz für Bildung und Orientierung) neu interpretieren wollen, um damit ein Ausmaß an Homogenität zu erreichen, welches genügend Adressaten erreichen kann, dann wird sie aus den Fehlern und Einsichten lernen müssen. Ich hoffe dafür mit meinem Buch, Wozu Links? (2025), eine gute Basis geliefert zu haben.

Wozu LINKS?
Neckenmarkt: Novum
436 Seiten | € 25,90 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-7116-1000-3
Erscheinungstermin: 24. September 2005
GÜNTHER KERN
studierte Psychologie, Politikwissenschaften und Philosophie und war mehrfach in der Erwachsenenbildung sowie in der Betreuung von Flüchtlingen tätig.
Zitierte Literatur
Habermas J. (2019). Auch eine Geschichte der Philosophie, Band 1, Suhrkamp.
Knöbl W. (2007). Die Kontingenz der Moderne. Wege in Europa, Asien und Amerika. Campus.
Rosa, H. (2019). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp
