Wir werden diese Herausforderung gemeinsam annehmen. Interview mit Sophie Binet – VON SOPHIE BINET UND MARGIT EISL

Im Interview mit MARGIT EISL, das im Februar 2025 geführt wurde, rekapituliert SOPHIE BINET, Generalsekretärin der französischen Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT), ihren Werdegang und erläutert die derzeitige Lage der gewerkschaftlichen Frauenpolitik in Frankreich.

Margit Eisl (ZUKUNFT): Ihre Karriere in der CGT: In vielen gewerkschaftlichen, wie politischen Organisationen schaffen es nur wenige Frauen in Führungspositionen. In Österreich befindet sich nur eine einzige Frau in einer gewerkschaftlichen Spitzenfunktion. Auch in Frankreich wurde seit der Gründung der CGT im Jahr 1895 keine Frau zur Generalsekretärin gewählt – bis zu Ihrer Ernennung im Jahr 2023.Sie sind bekennende Feministin, wie auch aus Ihrer Biografie ersichtlich ist, und Sie haben es in kürzester Zeit geschafft, nicht nur die CGT, sondern auch die anderen ideologisch sehr gegensätzlichen französischen Gewerkschaften in vielen Belangen zu einen.[1] Sie beziehen klar Stellung im politischen Geschehen und haben kürzlich eine wichtige Rolle bei der Einigung der linken Kräfte zur Nouveau Front Populaire gespielt. Wie ist Ihnen diese steile Karriere innerhalb der CGT gelungen, und was war besonders hilfreich?

S. B.:  Mein Engagement begann bereits mit 15 Jahren, als mir die soziale Ungleichheit erstmals richtig bewusst wurde. Ich erkannte, dass Schüler*innen je nach sozialer Herkunft sehr unterschiedliche Chancen auf Erfolg hatten. Ich wollte die Möglichkeiten, die ich selbst erhalten hatte, in den Dienst der sozialen Gerechtigkeit stellen – das gab meinem Leben Sinn. Ich beteiligte mich früh an Aktionen von Schüler*innen und später auch von Studierenden, teils als Initiatorin, teils in leitender Rolle. Schließlich wurde ich zur Vorsitzenden der Studierendengewerkschaft UNEF gewählt.

Auch beruflich wählte ich einen Beruf, der zu diesem Engagement passte: ich wurde pädagogische Leiterin in berufsbildenden Schulen in unterprivilegierten Vorstädten. Als ich zu arbeiten begann, habe ich mich gewerkschaftlich in der CGT organisiert und führende Funktionäre, die mich noch als Studentin kannten, schlugen mir verantwortungsvolle Aufgaben vor. Ich hatte das Glück, stets von erfahrenen Führungskräften umgeben zu sein, die mich begleitet haben, mich berieten, ohne mich zu bevormunden.

Ich persönlich habe sehr von der Politik der UGICT-CGT profitiert, die gezielt Frauen und junge Menschen in Führungsfunktionen fördert. Als ich in die Leitung der UGICT-CGT kam, später in jene der CGT, waren die Gremien bereits paritätisch besetzt. Dadurch musste ich nicht gegen Sexismus ankämpfen, ein Umstand, der alles andere als selbstverständlich ist. Jedes Mal, wenn ich Verantwortung übernahm, wurde sie mir stets angetragen. Eine der ersten Aufgaben, mit denen ich betraut wurde, war die Pilotierung der Kommission „Femmes Mixité“[2]. Die CGT fördert Frauen seit 1945, ich hatte daher das Glück, mich auf zahlreiche, erfahrene Genossinnen stützen zu können, die mir den gewerkschaftlichen Feminismus der CGT vermittelten. Ich wurde zunächst Generalsekretärin der UGICT-CGT im Tandem, dann allein; durch diese Aufgabe lernte ich, eine Organisation zu leiten und ein Kollektiv zu managen. Ich hatte also bereits eine solide Erfahrung vor 2023. Durch meine vorherigen Funktionen hatte ich zudem Kontakt zu allen Bereichen und Branchen der CGT. Das hat mir geholfen, zwischen den unterschiedlichen Strömungen zu vermitteln. Trotz alldem wäre ich nicht zur Generalsekretärin der CGT gewählt worden, hätte es nicht davor bereits den klaren politischen Willen gegeben, eine Frau an die Spitze zu stellen. Ohne diese Entscheidung, wären mir etliche männliche Bewerber vorgezogen worden.

In meiner gewerkschaftlichen Laufbahn habe ich immer Einheit eingesetzt. Dies bedeutet, auf Hegemonieansprüche und autoritäre Argumentation zu verzichten – stattdessen braucht es gründliche Diskussionen, um zu verstehen, wo die Probleme liegen. Nur so können Unstimmigkeiten überwunden werden. Man sollte nie Angst vor Grundsatzdebatten haben und vor allem Machtkämpfe so weit wie möglich begrenzen. In vielen Organisationen werden ausgezeichnete Kandidat*innen nicht berücksichtigt, aus Angst, diese könnten die Führungskräfte in den Schatten stellen. Das ist toxisch! Im Gegenteil, wenn man die Besten nimmt, sofern diese kollektiv agieren, zieht man das gesamte Team nach oben. Gerade für Frauen sind Machtkämpfe besonders belastend: sie kämpfen zu Hause, im Berufsleben – da haben sie keine Lust, sich auch noch in der Gewerkschaft zu behaupten! Wir wollen kein dauerndes Kräftemessen und kein Mansplaining! Frauen drängen selten in Führungspositionen – ohne eine gezielte Frauenförderungspolitik schaffen sie es kaum dorthin.

Sophie Binet (au centre) est engagée sur les questions environnementales et l’égalité hommes-femmes (archives).

M. E.: Förderprogramme für Frauen in Führungspositionen: An die Spitze einer historisch so bedeutenden Gewerkschaft zu gelangen ist ja kein Zufall. Auch wenn Zufälle mitunter eine Rolle spielen mögen. Welche strukturellen Voraussetzungen ermöglichen es Frauen innerhalb der CGT, Führungspositionen zu erreichen? Sie haben manche Aspekte bereits angedeutet – gibt es spezielle Förderprogramme, Ausbildungen oder Maßnahmen wie Quoten? Wie hoch ist der Frauenanteil in Entscheidungsfunktionen?

S. B.: Der Einsatz für das Recht auf Arbeit für Frauen – und damit für ihre ökonomische Unabhängigkeit – ist ein zentraler Kampf der CGT der bis in die 1950er-Jahre zurückreicht. Die CGT hat Frauen aller sozialen Schichten immer ermutigt, sich zu äußern, für ihre Rechte zu kämpfen und sich so zu emanzipieren. 1999 war die CGT die erste französiche Gewerkschaftsorganisation, die auf nationaler Ebene Parität in ihren beiden obersten Führungsgremien einführte, „la Commission executive confédérale“ (CEC) und „le Bureau confédéral“[3] (BC). Mit dem Ziel, ein starkes Signal zu setzen, um diesen Standard in allen Organisationen der CGT zu übertragen, angepasst an den jeweiligen Frauenanteil in den verschiedenen Berufsbranchen.

2007 verabschiedete die CGT dann eine Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern, die das kollektive Engagement der CGT und ihrer Organisationen für Gender Mainstreaming zum Inhalt hat. Sie befindet sich nun auch im Anhang unserer Statuten. Im Rahmen ihrer Umsetzung, wurde 2014 entschieden, jährlich einen Gleichstellungsbericht zu veröffentlichen, der die Situation von Frauen und Männern in der CGT analysiert. Dieser Bericht wird im „Comité confédéral national“ (CCN), dem Parlament der CGT vorgelegt und soll die Präsenz von Frauen in der Organisation sichtbar machen und letztendlich die Gleichstellung intern, in allen Instanzen und Entscheidungsgremien forcieren.

Und in der Tat, ist der Frauenanteil in Spitzenfunktionen in den verschiedenen Organisationen dieses „Parlaments“[4] von 17 auf 31 % gestiegen, das bedeutet eine Steigerung von 14 Punkten. Der Prozentsatz der Frauen, die vom „Bureau Confédéral“ in die wichtigsten interprofessionellen Gremien bestellt wurden, beträgt 45 %. Auch im Bereich der gewerkschaftlichen Aus- und Weiterbildung, ist der Frauenanteil in 11 Jahren von 28 auf 45 % gestiegen. Das ist noch nicht die Parität, aber wir kommen ihr näher!

Insgesamt hat sich die CGT seit ihrer Gründung sehr entwickelt und versteht sich heute ausdrücklich als feministische Gewerkschaft. Dieser Anspruch ist inzwischen sogar Teil unseres Grundsatzprogramms und wurde ohne Debatten oder Änderungsanträge angenommen. Unser gewerkschaftlicher Feminismus arbeitet konsequent an der Verschränkung von Klassen- und Geschlechterverhältnissen mit der Rassismusproblematik, und kämpft gegen jede Form von Ausbeutung und Unterdrückung.

Unser feministisches Engagement ist real und konkret. Wir haben uns die notwendigen Mittel geschaffen, um die Frauenfrage jederzeit in unserer Organisation zu thematisieren. Das nationale Kollektiv „Femmes-Mixité“ wird von einem gewählten Mitglied der Bundesdirektion „Direction confédérale“ koordiniert und hat eine eigene Beauftragte im Nationalbüro (Bureau confédéral), die das Thema auf höchster Ebene vertritt. Diese nationale Kommission

„Femmes mixité“ koordiniert wiederum Arbeitsgruppen und Ansprechpersonen in den Branchenverbänden und Regionalstrukturen und bildet so ein Netzwerk, das die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt, im Alltag und innerhalb der Organisation vorantreibt. Dieses Netzwerk hilft anderen Gruppen und Sektoren, die „Genderbrille“ aufzusetzen und ist über die Grenzen der CGT hinaus bekannt und anerkannt. Seit 2016 – ein Jahr vor MeToo – haben wir eine interne Beobachtungsstelle geschaffen, um sexistische Übergriffe und sexuelle Gewalt zu bekämpfen.

Die CGT bietet außerdem Fortbildungen an im Kampf für Lohngleichheit und gegen Sexismus und sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz, sie organisiert thematische Studientage und stellt Informationsmaterial zur Verfügung wie Leitfäden für Verhandlungen, Flugblätter, Plakate, eine eigene Website: www.egalite-professionnelle.cgt.fr u. v. m.

Tatsächlich nehmen Frauen in der CGT immer mehr Raum ein und übernehmen Verantwortung, auch in Spitzenfunktionen. Aber dies verlangt auch eine ständige Wachsamkeit. Denn wie wir wissen, ist gerade bei der Gleichstellung nichts selbstverständlich und nichts endgültig errungen!

Daher hinterfragt unsere Organisation laufend ihre eigenen Praktiken und Strukturen. Wir entwickeln sie weiter etwa durch die Anpassung der Besprechungszeiten oder durch Kinderbetreuung bei Kongressen und Schulungen, durch gezielte Begleitung beim Einstieg in Führungspositionen oder durch Rhetoriktrainingsprogramme.

M. E.: Stolpersteine: Welche Hürden und Schwierigkeiten müssen Ihrer Meinung nach Frauen in der Gesellschaft allgemein und in gewerkschaftlichen Organisationen im Besonderen überwinden? Frankreich gilt ja, etwa im Vergleich zu deutschsprachigen Ländern wie Österreich, als Vorbild, in Sachen Kleinkinderbetreuung und Ganztagsschule, also bei Strukturen, die Erwerbstätigkeit von Frauen ermöglichen. Aber hat sich dadurch das Problem der „gläsernen Decke“ in Frankreich erledigt?

S. B.: So einfach ist es leider nicht. Sicherlich haben wir in Frankreich mehr Angebot an Kinderbetreuung und Ganztagsschulen als in anderen Ländern, was den Frauen den beruflichen Einstieg erleichtert, aber das allein reicht nicht, um echte Gleichstellung im Beruf und bei den Einkommen zu gewährleisten. Nach wie vor mangelt es an flächendeckend verfügbaren und gleichzeitig leistbaren Betreuungsangeboten. Außerdem befinden sich seit 20 Jahren immer mehr Krippenplätze in privater Hand, zu Lasten der Betreuungsqualität, der Arbeitsbedingungen und der Löhne des Personals. Heute fehlen mehr als 200.000 Arbeitskräfte in diesem Bereich. Ganz allgemein sind die öffentlichen Gleichstellungsinitiativen weitgehend ineffizient. Die Unterschiede bei Gehältern und Karrierechancen sind nach wie vor gravierend.

Die französiche Gesellschaft ist immer noch patriarchal geprägt, stereotype Rollenbilder halten sich hartnäckig. Zudem erleben wir gerade eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft in feministischen Fragen. Sexistische und frauenfeindliche Aussagen werden besonders in Medien und Politik deutlich präsenter. Das ist ein bekanntes Muster: Je mehr Fortschritte erzielt werden, desto stärker wird der Gegenwind. Der aktuell spürbare Backlash bringt genau das zum Ausdruck.

Frauen haben also noch zahlreiche Hindernisse am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft insgesamt zu überwinden, wie die „gläserne Decke“ und generell fehlende Aufstiegschancen.[5] Viele Frauen verharren dadurch in schlecht bezahlten Jobs und ungewollter Teilzeitarbeit. Besonders betroffen sind Berufe im Gesundheits- und Pflegebereich – Tätigkeiten, die körperlich wie psychisch enorm belastend sind, aber gesellschaftlich wenig Anerkennung finden und schlecht entlohnt werden.

Die CGT setzt sich entschieden gegen Geschlechterstereotypen ein. Zu diesem Zweck haben wir verschiedene Handbücher entwickelt – wie zum Beispiel „Réussir l’égalité dans la CGT[6] – und bieten diesbezügliche Schulungen an. Diese zeigen nicht nur die Stolpersteine auf, sondern auch die Hebel, mit denen sich die Position von Frauen in unserer Organisation stärken lässt. Es geht dabei auch darum, die Arbeitszeiten wie auch die Qualität gewerkschaftlicher Arbeit grundsätzlich zu hinterfragen und Sexismus sowie sexualisierter Gewalt konsequent entgegenzutreten.

Will man die Hindernisse, die Frauen zu überwinden haben, verstehen, muss man darüber hinaus die Realität vor Ort in den Betrieben berücksichtigen. Die CGT ist vor allem in den männerdominierten Branchen stark vertreten. Also dort, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad sowie die Streikbereitschaft am höchsten sind. In prekären Arbeitsverhältnissen, in denen viele Frauen beschäftigt sind – Teilzeit, befristete Verträge, Jobs in kleinen Betrieben mit schwacher gewerkschaftlicher Präsenz, oder isolierte Tätigkeiten wie in der mobilen Pflege – ist der Zugang zu verantwortungsvollen Positionen besonders schwer. Hinzu kommt noch die ungleiche Verteilung der Erziehungs- und Hausarbeit, also Care Arbeit, die Funktionärinnen zusätzlich erschwert, Beruf, gewerkschaftliche Tätigkeit, Familie und persönliche Freizeit zu vereinbaren.

Schließlich sei aber erwähnt, dass die Wahl einer Frau an die Spitze der CGT einen Mitgliederzuwachs bei den Frauen, den Jungen und bei Führungskräften bewirkt hat. Die CGT tut alles, um Frauen gewerkschaftlich zu organisieren. Wir wollen möglichst alle Arbeiternehmer*innen ansprechen und ein Kräfteverhältnis aufbauen, das allein Veränderung ermöglicht.

M. E.: Gender pay gap: Österreich liegt derzeit an der unrühmlichen vorletzten Stelle in Europa bezüglich gender pay gap; dieser Lohnunterschied beträgt 18 %. Seit einigen Jahren sind Betriebe mit mehr als 150 Mitarbeiter*innen zur Gehaltstransparenz verpflichtet. Welche diesbezüglichen Maßnahmen bzw. Forderungen der CGT gibt es in dem Zusammenhang?

S. B.: In Frankreich verdienen die Frauen immer noch ein Viertel weniger als die Männer! Wenn man – wie in Ihrer Frage – die Vollzeit rechnet, beträgt der Unterschied 14 %. Aber der aussagekräftigere Wert ist jener, der alle Arbeitszeitmodelle berücksichtigt. Im Durchschnitt verdienen Frauen 23 % weniger als Männer. Das ist die Realität, die zählt, will man das wahre Ausmaß der Ungleichheit zwischen den Gehältern von Frauen und Männern begreifen: Und das ist der Betrag auf dem Gehaltszettel! Ein Drittel der Frauen arbeitet in Teilzeit bei den Männern sind es nur 6 %. Und Teilzeit bedeutet nicht nur weniger Einkommen, sondern auch geringere Pensionsansprüche.[7]

Betroffen sind besonders Arbeiterinnen und weibliche Angestellte in stark weiblich geprägten, sozial und finanziell benachteiligten Berufsfeldern: Reinigungskräfte und Sekretärinnen, Berufe im Gesundheits- und Care Bereich, in der Hotellerie und Restauration, wie im Handel. In vielen dieser Sparten findet man extrem niedrige Stundenlöhne – selbst jenseits der unfreiwilligen Teilzeit. Ganze Wirtschaftssektoren profitieren von diesen strukturellen Niedriglöhnen, ergänzt durch Sozialleistungen des Staates, die zwar lebensnotwendige Unterstützung sind, aber vielen Frauen nicht ermöglicht, der Armutsfalle zu entkommen, Alleinerzieherinnen im Besonderen. Diese Situation ist nicht naturgegeben, sie ist politisch gemacht!

M. E.: Was fordert die CGT konkret?

S. B.: Die Lösung liegt auf der Hand! Wir müssen bei der Arbeitszeit ansetzen – Streichung der Befreiung von Sozialversicherungsbeiträgen bei Teilzeitarbeit, Anrechnung der Wegzeiten zwischen zwei Einsätzen oder die Bezahlung der Pausen über 90 Minuten, zum Beispiel – und gleichzeitig bei den Gehältern – Aufwertung der Entlohnung der weiblich dominierten Berufe entsprechend ihren Qualifikationen. Um die „Gläserne Decke“ zu durchbrechen, müssen wir an der Karriereförderung arbeiten. Dies gelingt nur, wenn wir die Erwartung der allseitigen Verfügbarkeit bekämpfen, die besonders Frauen trifft.

Außerdem müssen wir endlich mit der Ausrede aufräumen, der Gender Pay Gap sei zwar ein Problem, aber „bei uns doch nicht“. Wir brauchen transparente und belastbare Instrumente zur Erfassung von Gehaltsunterschieden und Diskriminierungen bei Karrieren. Der 2019 in Frankreich eingeführte „Index d’égalité salariale[8] erfüllt diese Aufgabe jedenfalls nicht. Er sollte Ungleichheit aufzeigen, um sie dann zu korrigieren – in Wahrheit verschleiert er und schafft den Unternehmen Spielräume, um nichts ändern zu müssen. Und daher fordern wir Sanktionen für Firmen, die „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ nicht einhalten! Wir setzen große Hoffnungen in die neue EU-Richtlinie zur Lohntransparenz und kämpfen dafür, dass sie in französisches Recht umgesetzt wird. Aber das ist noch ein längerer Weg, denn der Widerstand der Unternehmensvertreter und Regierungen ist sehr groß.

M. E.: Sind Sie selbst ein Vorbild? Ihnen ist es sehr rasch gelungen, sich in einer französischen, ideologisch meist anders orientierten Medienlandschaft zu behaupten und zugleich eine neue Dynamik in die französische Gewerkschaftsbewegung zu bringen. Sie stehen seit einem Jahr als Frau an der Spitze der CGT. Hat Ihre Wahl den Aufstieg von mehr Frauen in Schlüsselpositionen befördert?

S. B.: Ich möchte eines festhalten: Die Einigkeit der Gewerkschaften hat sich im Zuge der Mobilisierung gegen die Pensionsreform seit Ende 2022 entwickelt – also schon vor meiner Wahl. Ich wurde gewählt, um die CGT zu einen, mit einem stark demokratischen Prozess, der die wahre Dynamik in Gang gebracht hat.

Ich glaube jedoch, dass die Wahl einer Frau an die Spitze einer so wichtigen Organisation wie der CGT eine wichtige Botschaft war, die sich an die gesamte Arbeitswelt richtet, wie eine Inkarnation der Idee, dass wir nicht nachgeben im feministischen Kampf. Die Betonung liegt auf einem klassenkämpferischen Feminismus, der die Herrschaftsverhältnisse anprangert, um sie zu verändern.

Aber ich möchte nicht, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht! Das sind die ersten Worte, die ich nach meiner Wahl ausgesprochen habe. Die CGT hat viel getan, um den Frauen den Raum zu geben, der ihnen zusteht, auf allen Ebenen, wie ich es vorhin beschrieben habe, aber ich betone es noch einmal: es ist ein kontinuierlicher Kampf, der täglich geführt werden muss, um die Bewegung zu stärken und sie auf Dauer aufrecht zu erhalten. Wir werden diese Herausforderung gemeinsam annehmen.

INFOKASTEN

SOPHIE BINET
Secrétaire générale de la CGT

1982: Geboren in Metz.
1997: Mitglied der Jeunesse ouvrière chrétienne (christliche Arbeiterjugend).

1999: Gewerkschaftsmitglied der UNEF (Union nationale des étudiants de France) französischen Hochschüler*innenschaft.

2004: Mitglied des nationalen UNEF-Büros und Wahl zur nationalen Vizepräsidentin. Spätere Sprecherin der landesweiten erfolgreichen Mobilisierung gegen den CPE (Contrat première embauche).[9]

2008 – 2013: Conseillère principale d’éducation[10]im berufsbildenden Schulwesen in den nördlichen Vierteln von Marseille, dann in Blanc-Mesnil Seine-Saint-Denis (in Pariser Vororten).

2011: Mitglied des Vorstandes der UGICT-CGT (Union générale des ingénieur.e.s, cadres et technicien.ne.s)[11].

2013: Mitglied des Bureau Confédéral (Nationalbüros) der CGT, Beauftragte für Gleichstellungsfragen.

2014: Wahl zur Vize-Generalsekretärin der UGICT-CGT.

2018: Wahl zur Co-Generalsekretärin der UGICT-CGT.

2021: Wahl zur Generalsekretärin der UGICT-CGT.

2023: Wahl zur Generalsekretärin der CGT.

MARGIT EISList Romanistin und ehem. BHS-Professorin


[1] Es gibt in Frankreich keinen Dachverband wie den ÖGB und die einzelnen Gewerkschaften agieren oft nicht gemeinsam, je nach Thema, was die Bewegung insgesamt schwächt.

[2] Sie hat zur Aufgabe, die kontinuierliche Arbeit an der Gleichstellung von Frauen und Männern voranzutreiben, sowohl innerhalb der CGT als auch in der Arbeitswelt und der Gesellschaft allgemein.

[3] CEC trifft vor allem die strategisch-politischen Entscheidungen. Das kleinere BC wird aus letzterem gewählt und ist das Exekutivorgan.

[4] Im CNN sind alle Strukturen der CGT sowohl auf regionaler wie auch nationaler Ebene vertreten.

[5] Im Französischen gibt es dafür den bildlichen Ausduck: „le plancher collant“.

[6] „Wie die Geschlechtergerechtigkeit in der CGT gelingt“.

[7] Da in Österreich ca. 50 % der Frauen Teilzeit arbeiten, liegt dieser „wahre“ Unterschied hierzulande noch um einiges höher, bei ca. 35 %.

[8] Alle Unternehmen ab 50 Arbeitnehmer*innen sind verpflichtet, einen Index zu veröffentlichen, der die Unterschiede zwischen den Gehältern von Männern und Frauen darstellen soll.

[9] Die UNEF machte 2006 mit Unterstützung der Gewerkschaften und linken Parteien in ganz Frankreich gegen ein Gesetz mobil, das zum Ziel hatte, Jugendliche unter 25 innerhalb von zwei Jahren ohne Begründung zu kündigen. Das Gesetz musste schließlich zurückgenommen werden.

[10] „Rechte Hand“ der Schulleitung in pädagogischen Fragen.

[11] Teilorganisation der CGT für Führungskräfte, Ingenieure und Techniker.innen.