Die Wiener Hygieneausstellung 1925 am Beispiel der Berichterstattung der Neuen Freien Presse und der Arbeiter-Zeitung – VON ROLAND INNERHOFER

An der Wiener Hygieneausstellung im Jahr 1925 lassen sich die zentralen biopolitischen Diskurse des Roten Wien ablesen. ROLAND INNERHOFER ist ihnen über eine genaue Zeitungslektüre nachgegangen.

I. DIE ÖKONOMISCHE BEDEUTUNG DER HYGIENE

Die Wiener Hygieneausstellung wurde vom 28. April bis zum 12. Juli 19251 auf dem Messegelände gezeigt. Sie bestand aus drei Teilen: „Hygiene“, „Der Mensch“ und „Der neue Haushalt“. Der Teil „Der Mensch“ wurde vom Deutschen Hygienemuseum in Dresden übernommen, das bereits 1911 eine von dem Odol-Fabrikanten Karl August Lingner initiierte, äußerst erfolgreiche Internationale Hygieneausstellung ausgerichtet hatte. An der Ausgestaltung in Wien waren auch die Krankenanstalten und die betroffenen Universitätsinstitute beteiligt. In der Abteilung „Hygiene“ gab es außerdem tschechische und polnische Sektionen. Die Ausstellung war 1925 nicht die einzige dieser Art, im selben Jahr wurden in Düsseldorf, Amsterdam und Edinburgh ähnliche gezeigt.

Den epochalen Signalcharakter der Ausstellung betonte kurz vor ihrer Eröffnung Karl Helly, der Sektionschef und Leiter des Volksgesundheitsamtes im Ministerium für soziale Verwaltung, der als Präsident der Hygieneausstellung fungierte, in einem Artikel in der Neuen Freien Presse vom 26. April 1925.2 Denn die Ausstellung ist für diesen hohen Beamten und Politiker ein Zeichen und ein Beleg für das Bestreben, „sich aus der schweren Leidenszeit einer Weltkatastrophe, aus einer Periode der Negation wieder zu kulturellen Hochleistungen emporzuarbeiten und die vielfach latenten Kräfte zu positiver Arbeit im Dienste der Volkswohlfahrt und der gegenseitigen Hilfeleistung zu vereinen.“

Hygiene hat für Helly in erster Linie eine ökonomische Bedeutung. Sie soll befruchtend wirken auf die „gewerbliche Schaffenskraft“. Nicht auf Zwangsmaßnahmen setzt der Sektionschef, sondern auf Eigenverantwortung: Jeder und jede soll die Vorteile der Hygiene selbst erkennen und sich aus freien Stücken in seiner/ihrer Lebensweise daran orientieren. Der Ausstellung wird die Aufgabe zugeschrieben, den Einzelnen zum „Hüter seiner eigenen Gesundheit und damit auch zum Schützer seines Volkes zu machen.“

Mit dieser Zielsetzung stimmte auch der Wiener Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen Julius Tandler überein, dessen Rede die Arbeiter-Zeitung in ihrem Bericht vom 29. April 1925 über die Eröffnung der Ausstellung in Auszügen wiedergab. Der Artikel kritisiert zwar das Auseinanderklaffen von Worten und Taten der christlichsozialen Regierung, da sie die Hygiene und im Besonderen die Tuberkulosebekämpfung vernachlässige und stattdessen ein überflüssiges Volksgesundheitsamt erhalte. Die Stoßrichtung von Tandlers Rede ist aber durchaus mit der von Hellys Artikel vergleichbar: „Für die Wohlfahrt des Volkes sind nicht nur die Hüter derselben, sondern auch die Behüteten verantwortlich.“ Entscheidend sei dafür die „Wohlfahrtspflege“, die durch „Anschauungsunterricht“ „gegen die Teilnahmslosigkeit der Massen und gegen den Mangel an Verantwortungsgefühl des einzelnen“ kämpfe.

Diese Verbindung, ja Ineinssetzung von individuellem und Gemeinwohl ist für den Hygienediskurs nicht nur im Roten Wien kennzeichnend. Nicht ein individuelles, sondern ein kollektives Subjekt ist dabei angesprochen: „Die Gesundheit eines Volkes ist letzten Endes in dessen eigene Hand gegeben“, so Karl Helly.

Wie sehr dieses Ziel von der Wiener Stadtverwaltung geteilt und gefördert wurde, zeigen die zahlreichen Vorträge und Filmvorführungen, die in den sozialdemokratischen Bezirkslokalen zu den Ausstellungsthemen angeboten wurden. Außerdem veranstaltete die „Zentralstelle für das Bildungswesen“ von Ärzten und älteren Medizinstudenten geleitete Führungen durch die Ausstellung, wobei besonders auch Schulklassen einbezogen wurden. Der Arbeiter-Zeitung ist es dabei ein besonderes Anliegen, für die Umsetzung der in der Ausstellung vermittelten Lehren zu sorgen. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet der Gastbeitrag eines Arbeiters vom 12. Juni 1925. Der Verfasser beschwert sich über die mangelnde Tuberkulosevorsorge in seinem Betrieb, in dem es keine Spucknäpfe gibt und die Arbeiter auf den Boden spucken.

II. ALKOHOL ALS KLASSENFEIND

Wie wichtig die Anliegen der Hygieneausstellung für das Rote Wien waren, belegt ein Artikel, der in der Arbeiter-Zeitung vom 9. Juli 1925, also kurz vor dem Ende der Ausstellung, erschien. Er fordert, auch in Wien nach dem Vorbild Dresdens ein permanentes Hygienemuseum zu eröffnen: „Ein soziales Museum müßte der kapitalistischen Gesellschaft immer den Spiegel vorhalten und ihr zeigen, wie sie Not und Elend immer von neuem erzeugt, immer von neuem Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnungen, ungesundes Dasein hervorruft.“ Kapitalismus und Mangel an Hygiene werden ineinsgesetzt, Aufklärung und Agitation miteinander verbunden – beides soll durch das Schauen erreicht werden.

Ein besonderer vom Roten Wien propagierter didaktischer Schwerpunkt ist dabei der Kampf gegen den Alkoholismus im Proletariat. Wie in der Arbeiter-Zeitung vom 18. Juni 1925 berichtet wurde, war in der Ausstellung eine Bildstatistik des von Otto Neurath geleiteten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums zu sehen, die den Zusammenhang von Alkoholkonsum und „Exzessen“, bei denen die Polizei einschritt, belegte. Bildlich dargestellt wurde dabei die Zunahme solcher Exzesse an Lohnauszahlungstagen, Sonntagen und ‚blauen‘ Montagen.

Mit dem Alkoholproblem in der Arbeiterschaft befasste sich auch die Abteilung des Arbeiterabstinentenbundes auf der Hygieneausstellung. Als Alternative zum Alkoholgenuss schlug der Bund besonders der „heranwachsenden Jugend […] volle ungebundene Betätigung in freier Bergluft“ vor. Es mag eine rhetorische Übertreibung sein, aber die Wendung, die Ausstellung bringe „viel Wissenswertes zur Bekämpfung des schlimmsten Feindes der Arbeiterklasse, des Alkohols“, ist doch aufschlussreich. Dass nicht der Kapitalismus, sondern der Alkohol als der „schlimmste Feind der Arbeiterklasse“ bezeichnet wird, zeigt, welch hohe Priorität Hygiene und Volksgesundheit für die österreichische Sozialdemokratie hatten. Auch die Neue Freie Presse berichtet über die „Ausstellung der abstinenten Frauen“ und reproduziert eine dort gezeigte Liste dessen, was man sich anstelle der Ausgaben für Alkohol alles leisten kann.

In der Arbeiter-Zeitung beklagt sich noch am 24. August 1925 ein Sportberichterstatter darüber, dass in Österreich, anders als im sportlich überlegenen Finnland, Sport und Alkohol Hand in Hand gehen: „Der ganze Sport ist für die Katze, wenn man nur Durst davon bekommt, den man dann mit Alkohol löscht. […] Was nützt eine noch so schöne Hygieneausstellung, wenn wir uns beim Bier darüber freuen, wie ‚hygienisch‘ es im Messepalast ist.“ Der Alkoholausschank auf der Wiener Hygieneausstellung widerspreche deren Grundsätzen.

III. STEIGERUNG DES HUMANKAPITALS

In der Berichterstattung über die Hygieneausstellung spielt ihre historische Einordnung eine wichtige Rolle. Wenn als Hauptthema der Ausstellung die Beförderung, Besserung und Steigerung des ‚Lebens‘ ausgemacht werden kann, so erscheint diese Ausrichtung vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. Nicht nur die massenhafte Vernichtung von Menschenleben, sondern auch die Krankheiten, die Seuchen, der Hunger, das soziale Elend und die gesunkene Geburtenrate infolge des Krieges bilden die Negativfolie, vor der sich die Intentionen und Visionen des Hygienediskurses abheben.

So erscheint am Tag nach der Eröffnung der Ausstellung auf der Titelseite der Neuen Freien Presse ein Leitartikel, in dem als Ziel der Hygiene, neben dem „Kampf für die Volksgesundheit und für die Ertüchtigung der Massen“, „die Wunden, die der Weltkrieg schlug, zu heilen“, genannt wird. Denn der Krieg habe „zu einer sinnlosen Vergeudung des wertvollsten Kapitals geführt, über das die Staaten verfügen“, nämlich des Humankapitals. Die historische Erfahrung dieser „Zermürbung des Volkskörpers“ durch millionenfachen Geburtenverlust und ebenso hohe Steigerung der Sterberate soll erzieherisch wirken, indem sie das Bewusstsein für die lebensfördernde Kraft der Hygiene und für die vitale Wichtigkeit der Volksgesundheit stärkt. Im Einzelnen sind es u. a. die „Bekämpfung der Epidemien“, die „Gesundheitspflege“, der „Körpersport“, die „Wissenschaft von der Ernährung“ und die Rationalisierung des Haushalts, die in ihrem Zusammenwirken eine neue Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Lebenssteigerung herbeiführen sollen.

Der Nexus zwischen der Stärkung des Volkskörpers und dem Wiedererstarken des Staates wird nicht nur von rechtsnationalistischer und nationalkonservativer, sondern auch von sozialdemokratischer Seite postuliert. So berichtet die Arbeiter-Zeitung am 19. Juni 1925 über die Bedeutung des Sports und der Körperertüchtigung im österreichischen Heer. Das Militär erscheint dabei als die Institution, in der die größte Annäherung an das Ideal der kollektiven Hygiene und Volksgesundheit erreicht wurde.

Ein zentrales Element des Hygienediskurses bildet die Sorge um die Reproduktion. Im Ausstellungsteil „Der Mensch“ werden nicht nur die Entwicklungsstadien des Embryos in durchsichtigen Präparaten gezeigt, sondern neben anderen körperlichen Funktionen auch die Fortpflanzung, die Geschlechtskrankheiten und ihre Übertragung verbildlicht. Kurt Sonnenfeld, der Redakteur der Neuen Freien Presse und Mitglied der „Anarchisten-Vereinigung Revolution!“ war, berichtet in der Ausgabe vom 6. Mai 1925 unter dem Titel „Der durchsichtige Mensch“ über die Medien der Veranschaulichung innerer körperlicher Vorgänge, durch die der Mensch materialistisch entzaubert wird.

IV. RASSENHYGIENE?

Neben der Sichtbarmachung des Körpers, seiner Bestandteile Haut, Muskeln, Sehnen, Knochen, Blutgefäße, geht es der Ausstellung auch um Handlungsanweisungen. So sollen Kinder nicht zu spät gezeugt werden, damit sie gesund zur Welt kommen. Den zeitgenössischen Vorstellungen der ‚Rassenreinheit‘ erteilt die Ausstellung Sonnenfeld zufolge implizit eine Absage: „Wie sehen Abkömmlinge aus Rassenkreuzungen aus? Gar nicht übel, denkt man, wenn man ihre Bilder betrachtet, die als unbeabsichtigte Einwände gegen die Fanatiker der sogenannten Rassenreinheit wirken.“

Diametral entgegengesetzt ist die Schwerpunktsetzung der Schriftstellerin, Feuilletonistin und Aktivistin der österreichischen Frauenbewegung Helene Scheu-Riesz. Sie beschreibt in der Neuen Freien Presse vom 14. Mai 1925 eine Bildtafel in der „Abteilung über Rassenhygiene“, die deren vererbungsbiologische, sozioökonomische und soziokulturelle Bedeutung hervorhebt: Während aus der ehelichen Verbindung eines Mannes mit dem sprechenden Namen Kalliklos3 „zweihundertsechzig wohlgeratene, gesunde und hochstehende Nachkommen; Richter, Anwälte, Künstler, Staatsmänner, Präsidenten, Bürgermeister, Universitätsprofessoren“ hervorgingen, seien von den zweihundertachtzig Nachkommen „aus der vorehelichen Verbindung desselben Vaters mit einer schwachsinnigen Vagantin […] ein Drittel früh verstorben, der Rest so und so viele Diebe, Mörder, Wahnsinnige und Vagabunden.“ Genetik und sozialer Stand bedingen sich in dieser propagandistischen Sicht wechselseitig.

Für das Rote Wien ist nicht die „Rassenhygiene“, sondern die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und der Gesundheitsvorsorge von entscheidender Bedeutung.4 Dabei bildet die Senkung der Säuglingssterblichkeit ein zentrales Anliegen. In einem vom Kinderarzt und sozialdemokratischen Politiker Josef R. Friedjung verfassten, in der Arbeiter-Zeitung vom 16. Mai 1925 erschienenen Artikel werden Maßnahmen des Roten Wien und seiner Säuglingsvorsorge vorgestellt, die die Kindersterblichkeit senken sollen. Nach der Feststellung, dass die Säuglingssterblichkeit in wohlhabenden Bezirken wesentlich niedriger ist als in proletarischen und dass uneheliche Kinder bei weitem geringere Überlebenschancen als eheliche haben, wird eine Reihe von Maßnahmen empfohlen: Kinder sollen mit Muttermilch statt mit Flaschenmilch ernährt werden; auf Reinlichkeit, auf saubere Wäsche und Baden soll großer Wert gelegt werden; frische Luft und Sonne seien gesundheitsförderlich.

Die richtige Säuglingspflege wurde in der Hygieneausstellung vom „Zentralkinderheim der Stadt Wien“ vorgeführt. Die Gesundheit der Neugeborenen sollte nicht nur eine durch eine Prämie belohnte Untersuchung der Schwangeren auf Syphilis fördern, sondern auch ein den hygienischen Erfordernissen gerecht werdende Gemeindewohnbau. Zudem wurde die Eröffnung einer „mustergültige[n] Entbindungsanstalt“, die den Standards der teuren privaten Geburtskliniken entspricht, für die nahe Zukunft angekündigt.

V. DER NEUE HAUSHALT

Die Wohnverhältnisse der Arbeiter:innen bildeten ein besonderes Anliegen der sozialdemokratischen Wiener Stadtverwaltung. In der Arbeiter-Zeitung vom 11. Juli 1925 wird die Arbeit von Obermedizinalrat Dr. Siegfried Weiß gelobt, da er auf die Schäden hingewiesen habe, „die dem Säugling daraus erwachsen, daß er in eine enge, oft schon übervölkerte Wohnung hineingeboren wird. Denn die Einwirkung von Luft, Licht und Sonne auf die Entwicklung des jungen menschlichen Lebewesens auch in der Proletarierwohnung zu sichern, das war das Problem, das er sich gestellt hatte.“ Dieses Problem wollte er durch an die Fenster gestellte „Freiluftgitter“ und vor den Fenstern aufmontierbare „Glasbalkone“ lösen.

Dem Anliegen, die Wohnverhältnisse der Arbeiter:innen zu verbessern, entsprechend findet der Ausstellungsteil „Der neue Haushalt“, der von den österreichischen Frauenorganisationen unter der Leitung der SDAP-Abgeordneten und Aktivistin der Konsumgenossenschaftsbewegung Emmy Freundlich ausgerichtet wurde, in der Presse besondere Beachtung. In der Ausstellungsankündigung benennt die Neue Freie Presse am 10. Jänner 1925 die maßgebliche Frage, wie wir den Haushalt „so ausgestalten können, daß wir mit dem geringsten Maße an Geld, Zeit, Material und Arbeit die Befriedigung der Bedürfnisse aller Haushaltsmitglieder erreichen können.“

Dieses tayloristische Prinzip der möglichst hohen Effizienz der Hausarbeit vertrat auch Gisela Urban, die sich als Feministin vor 1918 für das Frauenstimmrecht engagierte und später stellvertretende Vorsitzende des Bundes Österreichischer Frauenvereine wurde. In einem Artikel, der am 23. Jänner 1925 in der Neuen Freien Presse erschien, plädierte sie für die Erneuerung des Haushalts: Durch seine Maschinisierung und durch rationelle Kücheneinrichtung sollte er allen ästhetischen und hygienischen Anforderungen entsprechen. Durch die Modernisierung des Haushalts sollten Frauen, insbesondere Mütter, von der Hausarbeit entlastet werden.5

Auffallend, wenn auch nicht überraschend ist, dass dieser Teil der Hygieneausstellung ausschließlich an Frauen adressiert ist. Urban spricht nur am Ende von „fortschrittlich denkenden Männern“, die sich zusammen mit „opferwilligen Frauen“ darum bemüht hätten, die Ausstellung „Der neue Haushalt“ „zu inszenieren und wochenlang in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stellen“. Tatsächlich stammen auch die Berichte und Kommentare über den „neuen Haushalt“ fast durchwegs aus der Feder von Frauen.

In ihrem Essay vom 14. Mai 1925 betont Helene Scheu-Riesz in der Neuen Freien Presse, dass die Hausfrau die im Haushalt ersparte Zeit für die Sorge um die richtige Ernährung und Kindererziehung, also für die Verwirklichung der „körperlichen und seelischen Ziele[] der Hygiene“ nutzen kann. Rückblickend zieht sie am 23. Juli 1925 eine äußerst positive Bilanz der Hygieneausstellung. Unter dem Titel „Die Ökonomie der Freude“ erklärt sie die Freude zum wichtigsten lebensfördernden Element. Ein Mittel zur Steigerung der Lebensfreude sei die Reduktion der (weiblichen) Hausarbeit, die als „Dienst an toten Dingen“ betrachtet wird. Die moderne Wohnungseinrichtung soll vom Überflüssigen und Wertlosen befreien. Eine weitere Entlastung der Hausfrau sollen einfache und schnell zubereitete Speisen, die zugleich gesünder seien, bringen. Die Erledigung mechanischer Arbeit durch Haushaltstechnik ermögliche es der Frau, ihre schöpferischen geistigen und seelischen Kräfte zu steigern und voll auszuleben.

VI. ANSÄTZE EINER HAUSHALTSGEMEINSCHAFT

Der einzige Einspruch gegen den Nutzen der Ausstellung „Der neue Haushalt“ kommt von konservativer Seite. Ludwig Hirschfeld, der bekannteste Feuilletonist der Neuen Freien Presse, veröffentlichte am 24. Mai 1925 die Satire „Die überflüssige Hausfrau“. Darin besucht das Ehepaar Manzi und Mully die Hygieneausstellung. Mully kauft dabei für ihren verwunderten Mann eine Reihe von Haushaltsgeräten, die ihm die Hausarbeit erleichtern sollen. Der Text ist nicht nur eine Parodie auf einen übermäßig „mechanisierten Zukunftshaushalt“, sondern auch auf das Überflüssigwerden der Hausfrau, „die dann endlich nur noch Frau ist und sich ernsteren Zielen widmen kann“ – gemeint sind Sport und Geselligkeit. Für den neuen Haushalt sei „nichts nötig als Strom, Gas, Wasserkraft und viel Geld. Und außerdem natürlich noch ein Mann, der sich das alles gefallen lässt.“

Die klare Rollenverteilung, die den Haushalt zur ausschließlich weiblichen Domäne macht, findet sich auch in der Arbeiter-Zeitung. Gisela Stingl bezeichnet am 21. Mai 1925 die Wirtschaftsführung auch in der Arbeiterklasse wie selbstverständlich als Betätigungsgebiet der Frau. Die Verfasserin teilt an sich das Lob der Zeitersparnis durch Haushaltsmaschinen. Allerdings können sich einzelne proletarische Haushalte diese nicht leisten. Doch mehrere Haushalte können sie sich gemeinsam anschaffen. So schlägt sie vor, die Genossinnen sollen in ihren Sektionen nach Vorträgen über den Neuen Haushalt verlangen und dann gemeinsam die Ausstellung besuchen, um sich Anregungen zu holen.

Der Vorschlag, Arbeitsgemeinschaften in Gemeinschaftswohnhäusern zu gründen, geht auf eine Idee von Emmy Freundlich zurück. Die sozialdemokratische Abgeordnete hielt während der Hygieneausstellung bei den Wiener Bezirksorganisationen der SDAP eine Reihe von Vorträgen zum Thema „Der neue Haushalt“. Am 11. April 1925 veröffentlichte sie in der Arbeiter-Zeitung einen Vorschlag, der darin bestand, dass etwa dreißig Frauen eine Gemeinschaft bilden sollten, um Haushaltsmaschinen, die sich eine einzige Familie nicht leisten kann, anzuschaffen und sie abwechselnd zu verwenden, wie das auch bei landwirtschaftlichen Maschinen praktiziert werde. Solche Arbeitsgemeinschaften könnten Freundlich zufolge auch den Einkauf und die Kinderbetreuung organisieren und so den Frauen mehr Freizeit verschaffen.

In dieselbe Kerbe schlägt Freundlich am 12. Mai 1925 in der Arbeiter-Zeitung. Sie plädiert hier für die in der Hygieneausstellung gezeigten modernen, mit allen verfügbaren Haushaltsmaschinen ausgestatteten Großküchen in Einküchenhäusern. Für Siedlerwohnungen und Wohnungen in Gemeindehäusern werden rationell eingerichtete Kleinküchen empfohlen, die „den Frauen viel Zeit und Arbeit ersparen und ihnen die Möglichkeit bieten, Freiheit für ihre öffentliche Tätigkeit zu gewinnen.“ Die Rationalisierung des Haushalts wird mit politischen und ökonomischen Agenden verbunden. So formuliert Freundlich auf dem Gebiet der rationellen Haushaltsführung das Desiderat, amerikanische Wohnungseinrichtungen in Österreich zu produzieren. Pro domo nennt die Mitorganisatorin der Hygieneausstellung auch einen sozialpolitischen Gewinn: Sie habe in einer Zeit der Krise vielen Menschen Arbeit geboten.

VII. FAZIT

Betrachtet man die Hygieneausstellung im Kontext des zeitgenössischen Eugenikdiskurses, so lässt sich ein deutliches Überwiegen des positiven vor dem negativen Eugenikkonzept feststellen. Propagierte die negative Eugenik nicht nur die Verhinderung von Reproduktion durch Sterilisation oder noch radikaler die Vernichtung von „defektem“, „minderwertigem“, „lebensunwertem“ Leben, womit hauptsächlich „Erbkranke“, psychisch Kranke, geistig und/oder körperlich Behinderte gemeint waren, sondern auch die Liquidierung des sogenannten Lumpenproletariats durch sozialtechnische Selektion,6 so setzte die positive Eugenik auf Gesundheitsfürsorge und gesunde Ernährung, auf die Bekämpfung von Seuchen, Geschlechtskrankheiten und Alkoholismus, auf Eheberatung und Mutterschutz, auf Säuglingspflege und hygienische Wohnverhältnisse.

Der Berichterstattung über die Hygieneausstellung der beiden führenden Tageszeitungen der Ersten Republik ist ein weitgehend ungetrübter Fortschrittsoptimismus gemeinsam. Besonders in sozialistischen Kreisen „gab es eine Elite von Ärzten, Sozialwissenschaftlern und Wohlfahrtsexperten, die durch Anwendung biologisch begründeter Medizin und Soziologie gesellschaftliche Probleme zu lösen beabsichtigten.“7 Nach den ungeheuren Verlusten an Menschenleben im Ersten Weltkrieg und in den unmittelbar darauffolgenden Jahren wurde die Wiener Hygieneausstellung 1925 als Signal für einen Neubeginn im Zeichen einer ‚Volksgesundung‘ wahrgenommen. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde dabei an eine „Menschenökonomie“ – der Begriff wurde vom österreichischen Soziologen Rudolf Goldscheid eingeführt8 – geknüpft, die durch Eheberatung, ‚Fortpflanzungshygiene‘, Säuglingspflege und Verbesserung der materiellen, hygienischen Situation für die gesamte Bevölkerung befördert werden sollte. Das ‚Humankapital‘ bemisst sich dabei nicht in erster Linie an der Quantität, sondern an der Qualität der Menschen.9

Wenn Michel Foucault die Differenz zwischen einer souveränen und einer Bio-Macht dahingehend auf den Punkt bringt, dass an die Stelle der Macht, „leben zu lassen oder sterben zu machen“, die Macht tritt, „leben zu machen und sterben zu lassen“,10 so spiegelt die Hygieneausstellung diese Verschiebung besonders in den Teilen „Hygiene“ und „Der Mensch“. Denn in „Der neue Haushalt“ sind Rationalisierung und Effizienz in erster Linie auf Gegenstände, Geräte, Kücheneinrichtungen und Arbeitsabläufe bezogen, als deren Effekt eine Steigerung der Lebensqualität ihrer – weiblichen – Benutzerinnen erwartet wurde. Die anderen beiden Teile der Ausstellung zielen dagegen auf einen öffentlichen Zugriff auf den Menschen als Lebewesen ab.

Um die in ihm zu beobachtenden biologischen Prozesse zu verbessern, werden sie einer staatlichen Regulierung unterworfen. Diese Steuerung soll nicht durch Zwangsmaßnahmen erfolgen. Jede/r Einzelne soll vielmehr die hygienischen Grundsätze internalisieren und sein Leben dementsprechend in Eigenverantwortung ausrichten. Der menschliche Körper, die Gesundheit und Hygiene, die Fortpflanzung und die Lebensdauer, die Geburten- und Sterberate werden dabei unter einem ökonomischen Aspekt betrachtet und einer ökonomischen Ratio unterstellt. Das impliziert eine Hierarchisierung der Menschen in ihrer biologischen Beschaffenheit.

Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die weiteren historischen Entwicklungslinien wird die Ambivalenz der Hygieneausstellung deutlich. Denn aus dem Konzept einer „qualitativen Bevölkerungspolitik“11 ist sowohl der soziale Wohlfahrtsstaat als auch die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ableitbar.

Anmerkungen

  1. Ursprünglich war der 30. Juni als Ende geplant, aber wegen des großen Publikumszuspruchs wurde die Ausstellung verlängert. ↩
  2. Sämtliche Beiträge sind auf der Anno-Plattform der ÖNB abrufbar. ↩
  3. Es klingt darin das griechische καλός = schön, stattlich, an. ↩
  4. Vgl. Ulrich Bröckling: Menschenökonomie, Humankapital. Eine Kritik der biopolitischen Ökonomie. In: Mittelweg 36/12. Jg./H. 1, 2003, S. 3-22, hier S. 8. ↩
  5. Zu Gisela Urban siehe auch den Beitrag von Elana Shapira. ↩
  6. Wie Michael Schwartz gezeigt hat, wurde in der deutschen Sozialdemokratie nicht nur positive, sondern auch negative Eugenik propagiert. Vgl. Michael Schwartz: Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890-1933. Bonn: Dietz 1995. ↩
  7. Paul Weindling: Die Verbreitung rassenhygienischen/eugenischen Gedankengutes in bürgerlichen und sozialistischen Kreisen in der Weimarer Republik. In: Medizinhistorisches Journal XXII, 1987, S. 352-368; hier S. 352. ↩
  8. Rudolf Goldscheid: Entwicklungswerttheorie, Entwicklungsökonomie, Menschenökonomie. Eine Programmschrift. Leipzig: Dr. W. Klinkhardt 1908. Vgl. Bröckling: Menschenökonomie, S. 4-8. ↩
  9. Vgl. Bröckling: Menschenökonomie, S. 4-8. ↩
  10. Michel Foucault: Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus. In: Sebastian Reinfeldt, Richard Schwarz, Michel Foucault: Bio-Macht. Duisburg: DISS 1993, S. 27-50, hier S. 28. ↩
  11. Diesen Begriff übernahm etwa Julius Tandler von Rudolf Goldscheid und rechtfertigte damit eine negative Eugenik. Vgl. weiterführend Doris Byer: Rassenhygiene und Wohlfahrtspflege. Zur Entstehung eines sozialdemokratischen Machtdispositivs in Österreich bis 1934. Frankfurt/M. [u.a.]: Campus 1988; Peter Schwarz: Julius Tandler. Zwischen Humanismus und Eugenik. Wien: Edition Steinbauer 2017. ↩

ROLAND INNERHOFER

ist emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Weitere Informationen unter: https://www.germ.univie.ac.at/roland-innerhofer/