Wasser zu Wasser. Fluss zu Fluss. Über Ihor Biloushchenko

Der belgisch-ukrainische Künstler und promovierte Psycholinguist IHOR BILOUSHCHENKO bewegt sich an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Natur. In seiner aktuellen Arbeit widmet er sich dem Wasser und der Frage, was geschieht, wenn wir beginnen, ihm zuzuhören. Ein Porträt von HEMMA MARLENE PRAINSACK.

I. WASSER ZU WASSER. FLUSS ZU FLUSS

Im Sommer 2026 war der belgisch-ukrainische Künstler Ihor Biloushchenko Teil des Artists-in-Residence-Programms des MuseumsQuartier Wien. In seinem interdisziplinären Kunstprojekt, bei dem der promovierte Psycholinguist die Universität für Bodenkultur Wien konsultiert, untersucht er die Wesensart, Wirkmacht und Wucht des Wassers und die Frage, wie Flüsse mit uns kommunizieren. Er forscht intensiv nach Möglichkeiten, die Flusssprache zu dekodieren und verstehen zu lernen sowie Informationen aus dem flüssigen Element in andere Wahrnehmungsformen zu übersetzen. Die ZUKUNFT-Redakteurin Hemma Marlene Prainsack besuchte Ihor Biloushchenko in seinem Studio im MuseumsQuartier und stellt den Ausnahmekünstler vor. Der vorliegende Text ist aus diesem Gespräch hervorgegangen: Er folgt Biloushchenkos Erzählung und nimmt die Leser*innen mit auf seine Suche nach einer Sprache, in der Kunst, Wissenschaft, Mensch und Natur miteinander in Verbindung treten.

II. ÜBER DIE SPRACHE DER KUNST

Geboren und aufgewachsen in Dresden und Cherson als Sohn sowjetischer Eltern, lernte Ihor Biloushchenko schon früh mehrere Sprachen. Seine Eltern, die aus dem Süden der Ukraine stammen, erzogen ihre Kinder zweisprachig in Ukrainisch und Russisch. Seit seiner Kindheit faszinierte ihn die Kunst. Er besuchte ein Gymnasium mit bildnerischem Schwerpunkt, fand die Kunstausbildung jedoch zu klassisch; sie füllte ihn nicht aus. Weil seine Eltern überzeugt waren, dass er mit Kunst kein Geld verdienen könne, rieten sie ihm zu einem Sprachstudium. Nach der Matura begann Ihor ein Studium der Sprachwissenschaft, Literatur und Kultur an der Pädagogischen Universität in Cherson. Später ging er als Doktorand der Psycholinguistik nach Belgien, wo er an der Universität Antwerpen zu Mehrsprachigkeit, Kommunikation und sprachlicher Verarbeitung forschte.

Ihor Bilouschenko © Hemma Marlene Prainsack

Aus seiner eigenen Mehrsprachigkeit ergab sich sein Dissertationsthema zur Kommunikation zwischen Menschen. Er ging der Frage nach, wie wir dekodieren können, was der andere sagt, und wie es uns gelingt, einander zu verstehen. Das Wort „Gift“ beispielsweise bedeutet im Deutschen etwas gänzlich anderes als im Englischen, wo es für ein Geschenk steht: Zwei identische Laute, zwei völlig verschiedene Bedeutungen. Hierbei analysierte der Wissenschaftler, welche Systeme im Gehirn dafür zuständig sind, solche Unterschiede zu verarbeiten. Parallel zu seiner Promotion begann er das Projekt „The Art of Science“, in dem er die gesammelten Daten seiner Forschung einfließen ließ und sie in einer Ausstellung auf nahezu mystische Weise aufbereitete. Sein Augenmerk legte Ihor Biloushchenko auf die Kommunikation zwischen Mensch und Natur. Dabei interessierte ihn vor allem die Frage, welche Verbindung zwischen ihm selbst und der Natur bestand. Mittlerweile arbeitet der Künstler interaktiver. Er möchte den Menschen verdeutlichen, dass wir alle Teil der Natur sind, und sie dazu anregen, bewusst mit ihr zu kommunizieren.

III. DIE KUNST DER IMITATION

Hat Ihor früher hauptsächlich mit Acryl- und Ölfarben und Pinseln gemalt, wurden zunehmend seine Hände und die Eigenschaften der Materialien selbst zu seinem Werkzeug. Mit Ton entdeckte er eine Materie für sich, durch die er mit der Natur in Kontakt trat und die er auch ins Wasser mitnehmen konnte. Ton nutzt der Künstler auch als Geräuschquelle: In den vergangenen zehn Jahren hat er auf seinen Reisen durch die USA, Europa und die Ukraine Gewässer und ihre Geräusche aufgenommen und die unterschiedlichen Aufnahmen miteinander verbunden. So analysiert er, wie sich Wahrnehmung verändern lässt, wenn akustische, visuelle und materielle Informationen ineinander übergehen. Ein Künstler, ein Wissenschaftler, untersucht zwar vieles, hat jedoch keine endgültigen Antworten. Mit Blick auf die Mythologie, die Teil seines Literaturstudiums war, stellt sich für Ihor eine elementare Frage. Verschiedene Mythologien zeigen, wie Natur zu Göttern gemacht wurde, um mit ihr zu kommunizieren. Hatten auch Menschen früher die Fähigkeit, sich mit der Natur zu verständigen? Durch Kontakt und Imitation versucht er, genau das zu untersuchen. Für die Weiterentwicklung seines Projekts hat sich Ihor die Donau als Forschungsegenstand ausgesucht und sich damit an die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) gewandt. Mittels moderner Analysemethoden fokussiert er sich auf chemische und biologische Untersuchungen von Wasser und Sediment, um herauszufinden, was die Orte entlang der Donau erzählen, welche Konstanten und Variablen sich ablesen lassen und wie Wasser mit seinen Bewohner*innen kommuniziert.

IV. WAS WASSER WAHRNIMMT

Wasser ist für Ihor Biloushchenko zu einem zentralen Thema seiner Arbeit geworden. Er hat in der Nähe des Militärgebiets von Cherson gelebt, in einer Gegend, die ihn geprägt hat. Hier befinden sich die Oleschky-Sande, eine der größten Halbwüsten Europas. Eine Theorie besagt, dass dort, wo heute eine Wüste ist, einmal ein See war. Bei seiner Beschäftigung mit Wasser hat sich Biloushchenko mit dessen unterschiedlichen kulturellen Bedeutungen auseinandergesetzt. Es wird als reinigend angesehen, wird für Taufen verwendet und steht für Leben und Erneuerung. Bestimmte Wassergeräusche hingegen können auch als bedrohlich wahrgenommen werden. In diesem Widerspruch findet Ihor ein Spannungsfeld. Er selbst sieht das Wasser als seinen Kollegen, der den künstlerischen Prozess mitbestimmt. Vieles entscheidet er nicht selbst: Ihor Biloushchenko reagiert auf das, was im Material sichtbar wird, und auf die Spuren, die das Wasser hinterlässt. Sand wiederum ist weniger formbar als Ton; mit ihm muss er besonders behutsam umgehen. Sandstrukturen sind wie eine Enthüllung des Wasserbodens. Wasser wird zu seinem Gefährten. Es ist symbolisch, mit Ton zu arbeiten, weil Wasser im Ton enthalten ist. Wenn er seine Skulpturen trocknen lässt und brennt, wird ihnen das Wasser vollständig entzogen, die Struktur dadurch jedoch zusammengehalten. Dieser Übergang zwischen Veränderung und Fixierung, zwischen Prozess und Objekt, ist charakteristisch für Ihor.

V. WHAT A RIVER CAN TELL

Seinen Sommer verbrachte Ihor in Wien. Er sammelte Zeitungsberichte über die Extremhitze und die Wasserknappheit, die ihm als Material für Collagen und Tagebücher dienten. Erst durch die Dürre würden wir das Wasser wieder ganz anders wertschätzen und neu bewerten, sagt Biloushchenko. Lange hatten wir Wasser buchstäblich im Überfluss zur Verfügung, nun müssen wir hingegen lernen, mit weniger Wasser auszukommen. Daraus entwickelte er die Performance „What a River Can Tell“, die er im Juli an der Universität für angewandte Kunst Wien präsentierte. Hierbei hat sich der Künstler gefragt, wo sein Anteil und wo der Anteil des Wassers liegen. Wasser wollte er als gleichberechtigten Partner zeigen. Es sollte selbst durch die Aufnahmen erzählen – als Bächlein, See, Fluss oder Meer –, was es braucht. So sollten Zuschauer*innen zu Zuhörer*innen werden, die dem Rauschen des Wassers lauschen und lernen, es bewusst wahrzunehmen. Aus den Erkenntnissen seiner bisherigen Arbeit will Ihor Biloushchenko gemeinsam mit hiesigen Forschungseinrichtungen seine Idee weiterentwickeln, Kunst und Wissenschaft noch enger miteinander zu verknüpfen. Eine seiner Visionen ist eine Maschine, die akustische und andere messbare Signale eines Flusses in eine für Menschen wahrnehmbare Form übersetzt. Sein Traum ist es, interaktive Ausstellungen zu entwickeln, in denen Menschen auf verschiedene Weisen mit Wasser in Kontakt kommen können, beispielsweise durch einen Spezialanzug, durch den Wasser etwas über sich selbst erzählen kann. Er plädiert dafür, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft mit Wasser umgehen wollen und wie wir Wasser wieder seine Freiheit geben können. Ein Fluss braucht Freiheit; er muss sich seinen eigenen Weg selbst bahnen.

Ihor Bilouschenko © Hemma Marlene Prainsack

IHOR BILOUSHCHENKO
(geboren 1984 in Dresden) ist ein interdisziplinärer Künstler und promovierter Psycholinguist.
Ausgehend von seiner eigenen Mehrsprachigkeit und seinem wissenschaftlichen Hintergrund, fokussiert er sich auf Wahrnehmung, Übersetzung und Kommunikation zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Seine künstlerische Praxis verbindet visuelle Kunst, Sound, Installation, Performance und wissenschaftliche Forschung. Im Jahr 2026 war Ihor Artist-in-Residence im Art und Ecology Programm des MuseumsQuartier Wien. Für sein Projekt konzentrierte er sich auf die Donau, untersuchte Wasser, Sedimente und Formen ökologischer Wahrnehmung.
Weitere Informationen online unter: https://www.ihorbiloushchenko.com/

HEMMA MARLENE PRAINSACK
ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Doktoratsstudium an der Universität Wien. Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet Prainsack der Entwicklungsgeschichte der Filmproduktion in Deutschland und Österreich (1910–1935)

Abstraktes Gemälde „Regarding the Pain of Others“ von Ihor Biloushchenko
Regarding the Pain of Others, 30042022 – 14 × 16 cm, Öl auf Papier © Ihor Biloushchenko