VON IAN BURUMA
In den USA schützt der erste Zusatzartikel der US-Verfassung die Meinungsfreiheit, und damit die Satirefreiheit, in weitreichendem Maße, mehr als in jedem anderen Land. Der anglo-niederländische Journalist und Schriftsteller Ian Buruma unterstreicht, was es bedeuten würde, den Humor unter der Trump-Regierung zu verlieren.
I. EINLEITUNG
Nicht alle politischen Führungspersönlichkeiten finden es schlimm, wenn sie in Karikaturen auf den Arm genommen werden. Manche stellen die Bilder sogar stolz in ihren Büros aus. Aber dabei handelt es sich meistens um demokratische Politikerinnen und Politiker und nicht um autoritäre Führer, deren Macht auf einem Personenkult basiert. US-Präsident Donald Trump, demokratisch gewählter Politiker mit stark autoritären Neigungen, kann es nicht ertragen, verspottet zu werden. Angeblich soll er sich für die Präsidentschaftskandidatur entschieden haben, nachdem der frühere Präsident Barack Obama ihn 2011 beim Dinner der White House Correspondents Association verspottet habe.1 Damals konnte Trump nichts dagegen unternehmen. Jetzt aber, da er selbst Präsident ist, kann er versuchen, seine Spötter zum Schweigen zu bringen.
Donald Trumps Reaktion auf Barack Obamas roast beim Correspondents’ Diner 2011 – der Moment, der ihn dazu brachte, eine Präsidentschaftskandidatur in Erwägung zu ziehen? Im Jahr 2026, als bei der Veranstaltung Schüsse fielen, war sie bereits satirebefreit.
II. WITZE MACHEN
Im vergangenen Jahr nahm Disneys Fernsehsender ABC den Late-Night-Comedian Jimmy Kimmel – einen häufigen Trump-Kritiker – auf Druck des Vorsitzenden der US-Bundesbehörde für Kommunikations- und Medienaufsicht aus dem Programm. Trump begrüßte diesen Schritt als „großartige Nachricht für Amerika“.2 Die Entlassung löste zahlreiche Proteste aus, wobei 1,7 Millionen Menschen ihre Abonnements für Disney+, Hulu und ESPN gekündigt haben sollen.3 Eine Woche später wurde Kimmel wieder eingestellt. Dennoch hat Trump damit gedroht, Sendern, die Comedians im Programm haben, die Witze über ihn machen, die Sendelizenz zu entziehen.4
Trump liegt nicht falsch, wenn er die Macht des Humors erkennt. Der französische Philosoph Voltaire, einer der größten Satiriker aller Zeiten, sagte einmal: „Ich habe nur ein einziges Gebet an Gott gerichtet, ein sehr kurzes: Herr, mache meine Feinde lächerlich“.5 Spott entlarvt Heuchelei, Überheblichkeit, Verlogenheit und Selbstherrlichkeit – die üblichen Tricks autoritärer Führer.
In der Vergangenheit verstanden Monarchen und mächtige Adlige, dass Spott ein notwendiges Korrektiv zur Schmeichelei der Höflinge sein konnte. Das war die Rolle der Hofnarren, die sich ungestraft über ihre Herren lustig machen durften – bis zu einem gewissen Grad. Aber das lag daran, dass sie als Narren gesehen werden konnten, die keine Gefahr für die Macht darstellten.
Seit der Zeit des alten Rom haben es Satiriker und Komiker auf zwei Ziele abgesehen. Erstens auf Ideen – sowohl weltliche als auch religiöse Glaubenssätze. Dies war Voltaires bevorzugtes Terrain. Er machte sich liebend gerne über die katholische Kirche lustig, die er als korrupte Institution betrachtete, die die Menschen durch die Verbreitung abergläubischer Vorstellungen unterdrückte. „Die Religion“, sagte er, „entstand, als der erste Schurke auf den ersten Dummkopf traf.“
Angesichts der Tatsache, dass Satiriker, von Voltaire bis Kimmel, oft etablierte Autoritäten verspotten, könnte man annehmen, dass diese Art von Humor in der Regel ‚progressiv‘ oder sogar linksgerichtet ist. Tatsächlich gehören einige der bissigsten Satiriker jedoch zu den Konservativen. Jonathan Swift zum Beispiel war ein überzeugter Verfechter der anglikanischen Kirche. Für einen konservativen Komiker gibt es kein lohnenderes Ziel als die selbstgerechten Anmaßungen von Idealisten, deren glühender Drang nach Veränderung selten mit Humor vereinbar ist. Komik eignet sich eher für Skepsis und Zweifel als für leidenschaftlich vorgebrachte große Anliegen.
III. DER KAISER OHNE KLEIDER
Die andere Art von Satire zielt auf die Persönlichkeiten der Machthaber ab. Dabei handelt es sich um die mutigen Komiker, die es wagen, darauf hinzuweisen, dass der Kaiser keine Kleider trägt. Wie Bob Dylan einmal schrieb: „Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten muss manchmal nackt dastehen“.6
Diese Art des Spotts ist für gewöhnliche Politikerinnen und Politiker selten tödlich. Doch die Autorität von Monarchen und Autoritären hängt von ihrem Nimbus ab. Die gewöhnlichen Menschen gehorchen ihnen, weil sie glauben, dass Könige, Königinnen und Diktatoren unbesiegbar sind. Das große Theater der Macht ist für den Herrscher ebenso wichtig wie die Androhung von Gewalt gegenüber Andersdenkenden. Wenn sich Komiker darüber lustig machen und diese Führer dabei als lächerliche Aufschneider entlarven, stellen sie die Grundlage absoluter Macht infrage.
IV. DER GROSSE DIKTATOR UND GARGANTUA
Hitler war erbost über Charlie Chaplins komödiantisches Meisterwerk Der große Diktator aus dem Jahr 1940. Chaplin musste die mörderischen Verbrechen des Faschismus nicht aufzeigen. Er musste Hitler und Mussolini lediglich als Clowns darstellen. Nichts ist für einen Demagogen verheerender, als ausgelacht zu werden.
In liberalen Gesellschaften wie den USA, Großbritannien und Frankreich mussten sich die Regierenden – auch Könige und Königinnen – mit einem gewissen Maß an Spott abfinden. Die Karikaturisten des 18. und 19. Jahrhunderts waren oft gnadenlos. Thomas Rowlandson (1756–1827) porträtierte den Prinzen von Wales als betrunkenen Rüpel. Und Honoré Daumier (1808–1879) stellte König Louis-Philippe als obszönen Vielfraß dar:
Honoré Daumier, Gargantua (1831) © Wikimedia Commons
V. FREIE MEINUNGSÄUSSERUNG IN DEN USA
Wie die Skandalblätter und die Boulevardpresse war auch diese Art der Verhöhnung der Preis, den man für die Meinungsfreiheit zahlen musste. Dies gilt insbesondere für Amerika, wo der erste Zusatzartikel der US-Verfassung die Meinungsfreiheit in weitreichendem Maße schützt – mehr als in jedem anderen Land.7 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens können kritisiert, parodiert, verspottet und sogar verleumdet werden, sofern keine „tatsächliche Bosheit“ nachgewiesen werden kann.
Der verstorbene tschechische Filmregisseur Miloš Forman, der 1968 in die USA emigrierte, drehte 1996 einen Film unter dem Titel The People vs. Larry Flint:
THE PEOPLE VS. LARRY FLINT
VON MILOŠ FORMAN
Sony Pictures Home Entertainment
2 Stunden und 4 Minuten | € 13,09 (Blue Ray)
Erscheinungstermin: 1996
Darin dokumentierte er den Rechtsstreit zwischen Flynt, dem Eigentümer des Pornomagazins Hustler, und Jerry Falwell, dem Fernsehprediger, der Flynt wegen seelischer Grausamkeit verklagte, nachdem Hustler eine parodistische Anzeige veröffentlicht hatte, in der Falwell sich daran erinnerte, Sex mit seiner Mutter gehabt zu haben.8 Im Jahr 1988 entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten einstimmig, dass seelische Grausamkeit kein ausreichender Grund sei, um jemandem das Recht aus dem ersten Verfassungszusatz auf kritische Äußerungen über Amtsträger und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu verweigern.9
VI. CONCLUSIO
Der aus der kommunistischen Tschechoslowakei geflohene Forman war ein dankbarer Bewunderer des ersten Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung, der es einem schmierigen Pornografen ermöglichte, einen berühmten religiösen Führer zu verspotten. Wenn es Trump gelingt, die Menschen zum Schweigen zu bringen, die ihn öffentlich auslachen, wird das Land, in dem der 2018 verstorbene Forman und Millionen andere einst Freiheit fanden, aufhören zu existieren.
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
Die Redaktion der ZUKUNFT dankt dem Project Syndicate für die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck. Copyright: Project Syndicate, 2025, online unter: www.project-syndicate.org
IAN BURUMA
ist Verfasser zahlreicher Bücher, darunter ’45: Die Welt am Wendepunkt (München: Hanser 2014), The Collaborators: Three Stories of Deception and Survival in World War II (London: Penguin 2023) und zuletzt Spinoza Freedom’s Messiah (New Haven: Yale University Press 2024).
Nähere Information online unter: de.wikipedia.org/wiki/Ian_Buruma
Literatur
- www.youtube.com/watch?v=Ya1Mi9yIJbY
- www.truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/115222372625104790
- www.finance.yahoo.com/news/disney-dealt-huge-subscriber-blow-095227394.html?guccounter=1
- www.nytimes.com/live/2025/09/18/us/trump-news
- www.britannica.com/quotes/Voltaire
- www.bobdylan.com/songs/its-alright-ma-im-only-bleeding
- www.weforum.org/stories/2016/11/freedom-of-speech-country-comparison
- www.vinepair.com/articles/how-a-fake-campari-ad-led-to-one-of-americas-most-famous-supreme-court-cases
- www.supreme.justia.com/cases/federal/us/485/46
