„Luft, Licht, Sonne und Gesundheit für alle Menschen“. Thomas Mann und die Biopolitik des Roten Wien – VON URTE HELDUSER

Im Oktober 1932 ist Thomas Mann zu Gast im Roten Wien. Darüber berichtet die Arbeiter-Zeitung in mehreren Ausgaben, die hier dokumentiert werden. URTE HELDUSER beleuchtet die biopolitische Dimension von Manns in Wien vorgetragenen Bekenntnis zum Sozialismus.

Im Oktober 1932 ist der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann zu Besuch in Wien, wo er aus seinem noch unveröffentlichten Roman Joseph und seine Brüder liest und im Ottakringer Volksheim eine „Rede vor Arbeitern“ hält (vgl. Dippold 2024). Über den Besuch wird in der Arbeiter-Zeitung in mehreren Ausgaben ausführlich berichtet: Die Schlagzeile auf der Titelseite der Sonntagsausgabe vom 23.10.1932, „Thomas Mann und der Sozialismus. Ein Bekenntnis vor den Wiener Arbeitern“, markiert die Bedeutung, die der Auftritt des bürgerlichen Schriftstellers für das Rote Wien hat, und auch, welchen hohen Stellenwert die Arbeiter-Zeitung dem bürgerlichen Autor einräumt. Der Inhalt der Rede wird auf der ersten Seite zusammengefasst wiedergegeben. Mann, der bereits seit 1930 angesichts der Wahlerfolge der NSDAP in Deutschland in politischen Reden vor dem Aufstieg antidemokratischer und nationalistischer Kräfte gewarnt hatte, bekundet in Wien seine „Sympathie“ für den Austromarxismus.


Abb. 1: Thomas Mann über das neue Wien. Arbeiter-Zeitung v. 26.10.1932, S. 5.

Die Berichterstattung in der Arbeiter-Zeitung über Manns Auftritte und seine Stellungnahmen und nicht zuletzt der erst postum veröffentlichte Redetext machen deutlich, dass Manns ‚Bekenntnis zum Sozialismus‘ von der Gesundheits- und Sozialpolitik des Roten Wien und ihren ästhetischen und kulturellen Manifestationen geleitet ist. Mann sieht in den sozialen und hygienischen Maßnahmen seinen Anspruch einer auf Humanität gegründeten Kultur verwirklicht.

In seiner Rede, die die AZ in gekürzter Form wiedergibt, entwirft Mann einen Begriff von Kultur als menschliche Höherentwicklung durch eine ‚geistige Durchdringung der Natur‘, die jedoch nicht im Individuellen, sondern durch ein gesellschaftliches Kollektiv, die Arbeiterklasse erreicht werde. Nietzsches ‚Übermensch‘, die „Steigerung des Menschen über sich selbst hinaus“, werde im Sozialismus Wirklichkeit.

In seiner Forderung nach einem „Materialismus des Geistes“, der der „Erde“ einen „Menschensinn“ verleihe, bekundet sich eine biopolitische Perspektive, die Mann auch konkret auf die zeitgenössische Politik anwendet. Nationalismus und Faschismus, so Mann, sind der Logik des Krieges verhaftet, die zu Lasten der Versorgung der Bevölkerung gehe: „Die auf die angebliche Ueberlebtheit der liberalen Idee gestützte Naturromantik des Nationalismus hat im Hintergrund immer wieder den Gedanken an den Krieg. Man legt den Völkern in der Form von Zöllen Tribute auf, um die Ernährung des Volkes im Kriegsfall sichern zu können. In Wirklichkeit ist aber für diesen Fall nur die Unterernährung des Volkes gesichert.“ (AZ 23.10.1932, 1)

Abb. 2: Thomas Mann vor den Wiener Arbeitern. Arbeiter-Zeitung v. 23.10.1932, S. 5

(Mann spielt hier offensichtlich auf die Austeritätspolitik des deutschen „Hungerkanzlers“ Brüning an). Gegen eine reaktionäre Verklärung des Ländlichen, die auf Besitzstandswahrung des Großgrundbesitzes anstatt auf den Wohlstand der Massen hinauslaufe, spricht Mann sich für die kulturellen Errungenschaften der Großstadt aus, wie er sie in der österreichischen Hauptstadt gegeben sieht: „Die Rolle, die man der Landwirtschaft zuweist, ist nur eine beschönigende Fiktion. Die Großstadt ist mit ihrem kulturellen und hygienischen Fortschritt ebenso wichtig, wofür ja Wien mit seinem Reichtum an sozialen Wohlfahrtseinrichtungen das beste Beispiel ist.“ (AZ 23.10.1932, 1) Mann erweist sich auch als Anhänger moderner Körperkultur, wie aus seinem Redemanuskript hervorgeht: „Wie heute die Dinge liegen, kann die Großstadt mit ihrem geweckteren Sinn für Hygiene und Sport und mit ihren neuen Freiluft-Lebensformen an den Peripherien zur vitalen Wiederherstellung mindestens ebenso nützlich beitragen wie der ländliche Lebenstyp.“ (Mann 1990, 908)

Manns Würdigung der biopolitischen Errungenschaften des neuen Wien in der Sozial- und Gesundheitspolitik, dem Wohnungsbau und der Bekämpfung der Tuberkulose wird dann in einem weiteren Bericht der AZ vom 26. Oktober 1932 mitgeteilt. Zum Abschluss seines Besuchs in Wien seien Mann von Stadtrat Julius Tandler die „allerjüngsten“ Einrichtungen gezeigt worden: neben der Werkbundsiedlung „das neue Tuberkulösenheim und das Krebsinstitut des Krankenhauses der Stadt Wien“. In der AZ wird er mit den Worten zitiert:

„Es ist erstaunlich und im höchsten Masse bewundernswert, was hier vom hygienischen, ästhetischen und sozialen Standpunkt an Vorbildlichem geschaffen wurde und von keiner Stadt der Welt übertroffen wird. Was dem sozialfühlenden Menschen so viel Befriedigung verschafft, ist die Tatsache, daß für Menschen der armen Volksklasse an mustergültigen Einrichtungen bereitgestellt wird, was sich in gleicher Weise in Davos und anderwärts nur die reichen Bevölkerungskreise verschaffen können. Es ist soziale Gerechtigkeit, wie man sie hier am vollendetsten und vorbildlich finden kann. Aus all diesen Dingen ersehe ich die hohe Lebenskraft und den Lebenswillen der Wiener Bevölkerung, die trotz aller Krisen solche Schöpfungen im Dienste der Menschlichkeit hervorzubringen vermag. Daß solche aber schon jetzt in einer noch bürgerlichen Epoche geschaffen werden konnten, beweist, dass wir unversehens und automatisch in eine neue Kultur hineinschlüpfen, sozusagen den Vorgeschmack einer neuen Gesellschaft empfinden, die danach strebt, Luft, Licht, Sonne und Gesundheit für alle Menschen bereitzustellen.“ (AZ, 26.10.1932, 5)

Es mutet fast schon ironisch an, wie der Autor der Buddenbrooks und des Zauberbergs, der in seinen Romanen die Degeneration des Bürgertums ästhetisiert hatte, zum Propagandisten von Gesundheit und Hygiene wird. Thomas Manns Entwicklung zum überzeugten Demokraten und Anhänger der Republik wird in seinem Wiener „Bekenntnis“ zu einer sozialistischen Kultur manifest. Hatte Mann am Ausgang des Ersten Weltkriegs in den Betrachtungen eines Unpolitischen noch einen exklusiven Begriff der Kultur als (nationales) Elitenkonzept in Abgrenzung von einer bloßen Zivilisation in Stellung gebracht, so ist Kultur für ihn jetzt mit sozialer Gerechtigkeit verbunden: Krieg und Hunger auf der einen Seite, Gesundheit – Luft, Licht und Sonne – auf der anderen, so seine biopolitischen Alternativen. Mit der österreichischen Sozialdemokratie weiß er sich in Übereinstimmung im Glauben an die Möglichkeit der Vereinigung von bürgerlicher Kultur und sozialistischer Gesellschaft – ganz ohne Revolution. Das macht ihn zum idealen Werbeträger für das Rote Wien.

Manns Eintreten für eine Gesellschaft, die die Lebensbedingungen der Massen der Arbeiter*innenschaft und nicht der Wenigen verbessert, erscheint in der AZ zu einem Zeitpunkt, zu dem die gesellschaftlichen Errungenschaften bereits vor ihrem zumindest vorläufigen Ende stehen: In Deutschland steht die NSDAP nach Wahlerfolgen kurz vor der Machtergreifung und in Österreich treibt die Regierung Dollfuß mit autoritären Mitteln die Niederschlagung des sozialistischen Projekts voran (vgl. Pfoser 2019). Der Wunsch, mit Sport und Hygiene „unversehens und automatisch in eine neue Kultur hinein[zu]schlüpfen“ erweist sich bald als obsolet: Schon wenige Wochen nach seinem Wiener Auftritt wird für Mann der Kuraufenthalt im Schweizer Arosa zum Weg ins Exil, die Arbeiter-Zeitung wird vom Dollfußregime unter Zensur gestellt und im Februar 1934 verboten.

Abb. 3: Thomas Mann und der Sozialismus. Ein Bekenntnis vor Wiener Arbeitern.
Arbeiter-Zeitung v. 23.10.1932, S. 1

Literatur

Dippold, Sofie: Rede vor Arbeitern in Wien (1932), in: Blödorn, Andreas / Marx, Friedhelm (Hg.): Thomas Mann-Handbuch: Leben Werk Wirkung, Stuttgart: Metzler 2024, 311–313.
Pfoser, Alfred: Thomas Mann für das Rote Wien, in: Schwarz, Werner Michael/ Spitaler, Georg / Wikidal, Elke (Hg.): Das Rote Wien 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis (Katalog zur Ausstellung im Wien Museum) Basel: Birkhäuser 2019, 136–137.
Mann, Thomas: [Rede vor Arbeitern in Wien, 1932], in: Reden und Aufsätze, Bd. 3, Frankfurt a.M.: Fischer 1990, 890-909

URTE HELDUSER

ist Literaturwissenschaftlerin und Professorin für Deutsche Literatur der Neuzeit an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Sie forscht über das Wiener Feuilleton der Zwischenkriegszeit. Weitere Informationen unter: https://uol.de/urte-helduser.