Kulturkampf im Klassenzimmer. Wie der Islam die Schulen verändert – Bericht einer Lehrerin –VON SUSANNE WIESINGER

Der Beitrag von SUSANNE WIESINGER, die seit langer Zeit als Lehrerin im zehnten Wiener Gemeindebezirk tätig ist und dahingehend auch ein Buch publiziert hat, beschreibt für die Leserinnen und Leser der ZUKUNFT die konkreten Migrationsprobleme in unseren Schulklassen und verweist auf manifeste Probleme, die diskutiert und dringend gelöst werden müssen.

I. Einleitung

Seit über dreißig Jahren unterrichte ich im Wiener Bezirk Favoriten. Um keine falschen Vorstellungen zu erzeugen: Die Arbeit als Lehrerin war dort von jeher herausfordernd. Bereits als Junglehrerin arbeitete ich mit Schülerinnen und Schülern aus sehr schwierigen sozialen Verhältnissen. Gewalt, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch in- und außerhalb der Familien waren traurige Realität für viele.

II. Vermehrte Konflikte im Klassenzimmer

Ab Mitte der 1990er-Jahre besuchten immer mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund Favoritner Schulen.. Etliche lebten – wie ihre autochthonen Mitschülerinnen und Mitschüler – ebenfalls in sozial prekären Verhältnissen. Dies wirkte sich direkt auf den Schulalltag aus. Häufig wurde der Unterricht durch Streitereien, die ab und zu auch in Gewaltausbrüchen endeten, beeinträchtigt. Bereits in meinen ersten Dienstjahren hatte ich also Polizeieinsätze an Schulen miterlebt. Vor ungefähr 20 Jahren – kurz nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 – veränderte sich die Situation allerdings. Muslimische Schülerinnen und Schüler, die bis dahin stolz auf „die Länder ihrer Väter“ waren, stellten ab nun ihren Glauben in den Vordergrund. Dieser sei weitaus wichtiger als ihre Herkunft. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich mit Begriffen wie „halal und haram“.

„Musik ist haram“ hatte ich zuvor weder von türkisch- noch bosnisch-stämmigen Schülerinnen und Schülern gehört. Im Gegenteil: Das Musizieren im Schulhaus während der Adventzeit war mitunter ein Highlight. Kein Zwölfjähriger hatte mir je erklärt, er dürfe aufgrund seiner Religion nicht daran teilnehmen. Hinzu kam, dass muslimische Jugendliche sogar türkische Popsongs ablehnten. Burschen wiesen Mädchen zurecht, sobald diese Hits ihrer Lieblingssängerinnen vortragen wollten. Noch hatten wir Lehrerinnen und Lehrer das Ganze im Griff. Dabei half uns die religiöse wie ethnische Durchmischung innerhalb der Klassen, selbst an Mittelschulen. Es gab damals noch eine größere Gruppe serbisch-stämmiger Schülerinnen und Schülern. Sie ließen sich Singen, Tanzen und ihre Wurstsemmeln in den Pausen unter keinen Umständen verbieten. Selbstverständlich kam es deshalb immer häufiger zu Konflikten. Muslimische Schülerinnen und Schüler konnten die „Pausenregeln“ eben noch nicht komplett bestimmen.

III. Reaktionen auf Krieg und Terror

Das änderte sich in den folgenden Jahren. Seit der Familiennachzug einsetzte, stieg gerade an Volksschulen die Zahl der Schülerinnen und Schüler aus Syrien. Wobei unklar ist, woher diese Familien tatsächlich kommen. Einige Eltern gaben Syrien als ihr Herkunftsland an, was von anderen Syrern angezweifelt wurde. Da niemand von uns Lehrerinnen Arabisch spricht, können wir nicht feststellen, welchem Land oder welcher Region der jeweilige arabische Dialekt zuzuordnen ist.

Womit wir uns täglich auseinandersetzen müssen, sind die daraus resultierenden Streitereien unter muslimischen Kindern und Jugendlichen. Abgesehen von ethnischen Konflikten innerhalb der Community entstehen mitunter andere heftigere Auseinandersetzungen. So krachen syrische oder tschetschenische Sunniten regelmäßig mit schiitischen Afghanen aneinander. Dies passiert bereits ab der ersten Volksschulklasse. Ein sechsjähriger Syrer ist selbstverständlich nicht in der Lage, den Grund seiner Abneigung gegenüber dem afghanischen Mitschüler zu erklären. Auch nicht in seiner Muttersprache, geschweige denn auf Deutsch.

Lehrerinnen und Lehrer, die religiöse und ethnische Spannungen zwischen muslimischen Communities nicht beachten, versuchen oft vergeblich, die Konflikte in ihrer Klasse zu beruhigen. Der Tschetschenienkrieg, das Erstarken des konservativen Islams in der Türkei sowie der syrische Bürgerkrieg haben an österreichischen Schulen längst Einzug gehalten. Seit dem Terroranschlag der Hamas in Israel und dem Krieg in Gaza ist die Radikalisierung unter Schülerinnen und Schülern zudem noch deutlich gestiegen. Leider ist dies weder in Lehrerfortbildungen noch bei Schulpolitikerinnen -und politkern ein großes Thema.

IV. Religion, Glaube und die Integration?

Während meiner jahrelangen Tätigkeit an einer Favoritner Mittelschule habe ich unzählige Gespräche über Religion und Glaube geführt. Ob religiöse Gebote denn wichtiger als Gesetze des österreichischen Staates sein dürfen? Ab und zu hatte ich den Eindruck, manche Jugendliche zum Nachdenken gebracht zu haben.

Seit fünf Jahren unterrichte ich wieder an einer Volksschule. In unseren ersten Klassen sind etwa 85 % muslimische Schülerinnen und Schüler. Die meisten sprechen Arabisch. Selbst wenn ihre Eltern bereits einige Jahre in Österreich leben, können viele kaum Deutsch. Unsere Elternarbeit gestaltet sich aber nicht nur aufgrund von Sprachbarrieren schwierig. Die Mehrheit möchte ihre Kultur und Religion in Österreich genauso weiterführen, wie sie es in ihrem Herkunftsland gewohnt waren. Da es in ihren Wohnvierteln keinerlei Durchmischung mehr gibt, fällt das auch nicht schwer. Der einzige Kontakt zu Österreich findet an Schulen durch das Lehrpersonal statt. Nur wenige können wir unter diesen Umständen noch erreichen. Immer öfter kommt bei uns Lehrerinnen und Lehrern das Gefühl hoch: Wer integriert hier eigentlich wen und wohin?

V. Conclusio

Wenn Integrationsarbeit vor allem in Kindergärten und Schulen stattfinden soll, kann es, so wie dies derzeit organisiert ist, nicht funktionieren. Es gibt eine Menge zu verändern im Bildungsbereich. Passiert nichts, werden bereits vorhandene Probleme noch weiterwachsen.

KULTURKAMPF IM KLASSENZIMMER.
WIE DER ISLAM DIE SCHULEN VERÄNDERT –
BERICHT EINER LEHRERIN
VON SUSANNE WIESINGER MIT JAN THIES
Wien: Edition QVV
214 Seiten| € 3,73 (Gebundenes Buch)
ISBN-13: 978-3200058750
Erscheinungstermin: 10. September 2018

SUSANNE WIESINGER

ist eine österreichische Pädagogin, Bildungsfunktionärin und Buchautorin. Sie war viele Jahre als Lehrerin tätig, bevor sie einem breiten Publikum in Österreich bekannt wurde. Im Jahr 2018 wurde ihr Buch Kulturkampf im Klassenzimmer veröffentlicht, in welchem sie eine Integrations- und Werteproblematik an Wiener Schulen feststellte und thematisierte.