Mit der Zeitschrift Die Fackel hat Karl Kraus von 1899 bis 1936 ein unvergleichliches satirisches Containment geschaffen, in dem die Sprache, im Alltag so vielfältig malträtiert und manipuliert, zu ihrem Recht kommt. Christian Zolles hat die aktuelle Kraus-Biografie von Katharina Prager gelesen, in der die Lebensgeschichten der Frauen in seinem Umfeld besonders herausgestellt werden.
I. Zukunft und Fackel
Die Analogie zuerst: In ihrer feinen, leichtfüßigen und doch gewichtigen Biografie über Karl Kraus, 2025 im Sonderzahl Verlag erschienen, erinnert Katharina Prager daran, dass Die Zukunft einer der wegweisenden Vorbilder für Die Fackel war. Natürlich ist damit nicht die vorliegende politische Diskussionszeitschrift Zukunft (1946–2026) gemeint, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nach dem Vorbild der theoretischen Zeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie Der Kampf (1907–1938) entstand, heuer erst ihr 80jähriges Bestehen feiert und also 47 Jahre jünger als Die Fackel (1899–1936) ist. Gemeint sind auch nicht die frühen sozialistischen Wiener Zukunft-Zeitschriften mit anarchistischen Tendenzen (1879–1884, 1892–1896). Es handelt sich – zumal „Österreich keine starke satirische Tradition hatte“ (S. 15; es fällt hier vornehmlich Nestroy ein) – um die Berliner Wochenschrift Die Zukunft (1892–1922), herausgegeben und getragen von Maximilian Harden. Dessen kompromissloser Ton musste bei Kraus Resonanz (und später Widerspruch) finden. Wieso nicht angesichts der „demolierten“ Zeitumstände seine Stimme in einem eigenen unabhängigen Medium erheben? Zeitschriften wie Der Brenner (1910–1954) oder Der Sturm (1910–1932) sollten dann wiederum dem Beispiel der Fackel folgen. In ihrer Verschiedenheit ist all diesen intellektuellen und künstlerischen Kampfblättern gemein, dass sie ein Bewusstsein für die dialektische Offenheit der Sprache teilten und damit für eine offene Zukunft, an der Vernunft, Kunst und Satire gleichermaßen Anteil nahmen. We know what we are but know not what we may be, um an die in dem „Lebensrundgang“ (S. 149) eingestreuten Anglizismen mit Shakespeares Ophelia anzuschließen.

Diese kurvenreiche Einleitung soll demonstrieren, inwiefern Pragers Leistung hervorzuheben ist: Die nur knapp 150 Seiten beruhen auf der Kenntnis von 20.000 Seiten der Fackel, Tausenden von Manuskripten, Fahnen, Lebensdokumenten, Film- und Tonaufnahmen im Nachlass, 200 Konvoluten aus einem Anwaltsaktenbestand und einer unüberschaubaren Rezeptionsgeschichte. Zudem sind zahlreiche Biografien im Umfang von vielen hundert bis tausend Seiten sowie bereits sehr früh (bis hin zu parlamentarischen Anfragen umstrittene) digitale Editionen vorangegangen.
Wie schafft man es dennoch, sowohl inhaltlich souverän als auch innovativ und lesbar zu bleiben? Indem man, jahrzehntelang in der Biografieforschung und am Kraus-Archiv geschult, zwei kluge Wegweiser durch das Buch wählt: Es ist erstens in fünf Akte und fünfundzwanzig Szenen gegliedert, die Kraus nicht nur als Publizisten, sondern als Dramatiker (Die letzten Tage der Menschheit) und Performer (in 700 Vorlesungen) in Erinnerung rufen. Zweitens fokussiert es die weiblichen Stimmen in seinem nahen Umfeld und dezentriert damit den lange vom Geniekult vereinnahmten Blick. Ohne dass der Einfluss der Frauen übergewichtet wird, bekommt man den Eindruck einer sinnvollen biografischen Ergänzung. Auf ihr soll im folgenden kurzen Abriss auch die Aufmerksamkeit liegen.

„Ein Spiel gesinnungslos wie die Liebe.“
Das Leben des Satirikers Karl Kraus
von Katharina Prager
Wien: Sonderzahl
160 Seiten |€ 22,00
ISBN: 978-3-85449-692-2
Erscheinungstermin: September 2025
II. Megären und Hetären
Kraus legte nach anfänglichem Verständnis für die Frauenbewegung eine grundlegend paternalistische, wenn auch nicht männerkonforme Einstellung an den Tag („Ich bin nicht für die Frauen, sondern gegen die Männer“, S. 33). Noch in Krausʼ letztem Lebensjahr 1936 sollte der Schriftsteller und Regisseur Berthold Viertel bemerken, dass ‚die Frau‘ für den engen Freund niemals ein „ebenbürtiges menschliches Wesen […] war, sondern ein Idol, ein Phantom, ein Totemtier“ (S. 103) darstellte. Inwieweit sich das im Ritus von Dreiecksbeziehungen gezeigt hatte, soll hier nicht weiter beschäftigen.
Obwohl Kraus also sehr wohl in den ersten Nummern der Fackel auf die feministische Zeitschrift Dokumente der Frauen von Auguste Fickert und Rosa Mayreder verwies, obwohl er eine enge Beziehung zur sozialistischen Feministin Lotte Glas unterhielt, hatten es ihm weniger die ‚bewegten‘ als die dramatischen Frauen (des Theaters und des Adels) angetan. Das passt zu seiner generellen Vorstellung eines ‚Theaters des Lebens‘, wonach nur Schauspieler·innen wahre komplette Menschen sein konnten. „Und in ähnlicher Weise konnte nur ein satirisches Maskenspiel die Lügen der Menschen aufzeigen.“ (S. 51) Alles nur Theater, alles nur Satire. Und darin auf- und vorgeführt in zahlreichen Beziehungsdramen das ‚gesinnungslose Spiel‘ der Liebe.
Dabei entwickelte der aus gutbürgerlichem Haus kommende Kraus nach dem Fall der Monarchie, der er sich verbunden gefühlt hatte, durchwegs ein Bewusstsein für die junge Republik und die Anliegen der Arbeiter·innen darin (vgl. eingehender Alfred Pfabigans Karl Kraus und der Sozialismus, 1976). Er gestaltete mit Friedrich Austerlitz, dem Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, das neue Presserecht der Republik mit, erhielt Zuspruch von Otto Bauer und las vor sozialdemokratischen Bezirksorganisationen („der dankbarsten Hörerschaft, die ich je gefunden habe“, S. 99). Doch musste die „sozialdemokratische Gesinnungs-Allianz“ (S. 101) fragil bleiben. Während Kraus die Kulturpolitik der Partei als rückständig und bürgerlich anprangerte, wurde ihm von den politischen Realos „Gefühlssozialismus“ (ebd.) vorgeworfen. Und darin spielten Frauen eben keine handlungstragende Rolle, sondern fütterten das Imaginäre.
Es ist zu bezweifeln, dass Kraus die Bemerkung von 1906 über die Frauenbewegung und ihren Kampf gegen die Prostitution später groß revidiert hätte: „Weg mit diesen Tugendmegären, bei denen sich verhinderte sexuelle Notwendigkeit in Sozialpolitik umgesetzt haben!“ (S. 53) Dieser Ausspruch passt zum damaligen Lebensreformgeist, bei dem die Verherrlichung weiblicher Promiskuität und sexueller Potenz hoch im Kurs standen. Tatsächlich gab es viel gesellschaftliche Scheinmoral aufzusprengen. Ausgeblendet aber in der Vorstellung des vollkommenen ‚weiblichen Theaters‘, bei dem der Frauenkörper erstmals expressiv in Erscheinung trat: die Basis, die servilen Arbeitsbedingungen für Schauspielerinnen, die selbst wieder an jene der Prostitution grenzten (S. 48f.). Dazu kamen der Ausbruch der ‚Wiener Krankheit‘ Tuberkulose, Alkoholismus usf.
Aus nüchterner Sicht der Nachbetrachterin und des Nachbetrachters bleibt also festzustellen: Bei aller Aufbruchsstimmung in der Geschlechterfrage (z. B. auch für die Homosexualität) blieb für die Frauen im Umkreis der Jung- und Altwiener intellektuellen Cliquen karrieremäßig nicht viel zu holen, für viele ist das alles nicht sonderlich gut ausgegangen (man kann Ähnliches noch fünfzig Jahre später bei den im Nachkriegsösterreich explodierenden Avantgarden feststellen). Der Verstand blieb fix männliche Domäne und sollte widererwarten die Klugheit doch einmal die Geschlechtergrenzen überschreiten (Bertha Maria Denk), so war das ein hocherotisches Ereignis: „Und es ist wirklich so, dass ich an Dir liebe, was ich an anderen Frauen hasse. Dein Verstand – ein Aphrodisiakum.“ (S. 56)
Um an die zeitgeschichtlichen Hintergründe zu erinnern: Die männlichen Bildungsprivilegien waren erst seit Kurzem gefallen, noch in den 1880erahren war das Universitätsstudium für Frauen aufgrund von „zerebraler Unterkapazität“ nicht gestattet, bis um 1900 der Bann fiel. Quasi im Gegenzug setzten zahlreiche Entwürfe radikaler Zivilisationskritik den Hebel an der Stellung der Frau in der Gesellschaft an (man denke an Otto Weininger). Für die bürgerlich hochgebildeten Nonkonformisten schien mit der „neurotischen Emanzipation“ zum „Mannweib“ nun der letzte mythische und erotische Hort zu fallen, der sinnliche „Urquell“, „an dem sich der Geist des Mannes Erneuerung hole“ (S. 57). Folgerichtig die besondere Leidenschaft für heranwachsende Mädchen vor dem Eintritt in den verderbenden Zivilisationsprozess, für ‚Hetären‘ wie Irma Karczewska, deren spätere Aufzeichnungen Kraus-Fans nach wie vor Unbehagen bereiten (S. 62).
III. Satirische Zauberwelt
Der Humor schien im Orbit des Satirikers nur bei einer einzigen Frau eine Rolle zu spielen, die auch die besagte kultische Vorstellung vom weiblichen „Idol“, „Phantom“ und „Totemtier“ geprägt hatte: Annie Kalmar (Anna Elisabeth Kaldwasser). In ihr fiel alles zusammen: „Schönheit“, „ästhetische Genialität der Frauen“ und „ungemein natürliche Humorbegabung“ (52f.). Kalmars Tod mit 21 Jahren war ein Riesenschock und brachte Kraus den ersten großen Nervenzusammenbruch. Der zweite erfolgte im Zuge einer stürmischen Liebe zur Baronesse Sidonie Nádherná, genauer nach dem Suizid ihres Bruders, was insofern von Bedeutung ist, als es zeigt, dass die Etappen der ‚gesinnungslosen‘ Verliebtheit und Sexualisierung wohl durchaus im Kontext von Trauer und Trauma zu betrachten sind. Krausʼ „Liebestodesangst“ (S. 87) zu Nádherná führte in einen höchst nervenzerrüttenden, wie man heute sagt: toxischen Beziehungskreislauf. Er brachte Kraus immerhin in die ersehnten unbürgerlichen Arme des Adels, wo er nun auch mit intellektuellen Frauen wie Mary Dobrženský und Mechtilde Lichnowsky verkehrte.

Dem sinnlichen Kontrollverlust wurde sprachlich begegnet, in stilisierten Liebesbriefen und natürlich in der Pedanterie im Arbeits- und Drucklegungsprozess zur Fackel. Dort, wo Kurt Tucholsky auf die Frage „Was darf die Satire?“ mit „Alles“ geantwortet hatte, setzte Kraus klare Regeln und Praktiken für seine Performance. Die Sprache, das Beim-Wort-Nehmen anderer wurde immer wichtiger. Es ging nicht weniger als darum – und hier spielten das Sprachgemisch, die Dialekte und die Idiome in der Habsburgermonarchie eine entscheidende Rolle, man denke an Kafkas ‚kleine Literatur‘ –, gegen die Bedrohung der Sprache als einzige Heimat anzugehen.
Während des Ersten Weltkriegs, in dem „die Realität meiner Satire“ (S. 83) gefolgt war, war Kraus den Zensoren intellektuell und sprachlich natürlich hoch überlegen. Die Kriegskorrespondentin Alice Schalek bekam besonderen Spott ab und wurde in den Letzten Tage der Menschheit verewigt. Wie in diesem Fall führte ihn die Satire nach dem Krieg immer öfter vor Gericht, wo er die selbst mitgestaltete Presserechtsreformen der jungen österreichischen Republik in actu auf die Probe stellte.
Die „Zauberwelt“ der Sprache war von Anfang an das Fundament für Krausʼ satirische Maskenspiele gewesen, an der Arbeit an ihr hielt er bis zuletzt fest: „Wäre denn eine stärkere Sicherung im Moralischen vorstellbar als der sprachliche Zweifel?“ (S. 138) Und doch schien ihm zunehmend die lebensnotwendige Sprachkultur atmosphärisch entzogen, das einstige treue Publikum polarisiert, der exoterische Kampf zunehmend esoterisch. Er erarbeitete eine Sprachlehre und beschäftigte sich intensiv mit Shakespeare. Wo die defizitär gewordene Fackel satirisch nichts mehr ausrichten konnte und sich in Wortspiele verstrickte, galt es, die Gefühle in Sonetten zu verwahren und sich angemessen für das zu erwartende Hitlerische Königsdrama zu wappnen.
IV. Sozialdemokratische Akteneinsicht
Der sprachlichen Radikalität politisch entsprechend wurde die „sozialdemokratische Gesinnungs-Allianz“ im Herbst 1932 endgültig aufgekündigt und, bei aller bleibenden Bewunderung für die Radikalität Bert Brechts und Rosa Luxemburgs, eine klare Frontstellung bezogen. Der Austrofaschismus schien der ‚Einmannpartei‘ Karl Kraus die einzig verbleibende Macht gegen die Nazis; den Abbau der Demokratie und das Verbot der Sozialdemokratie nahm er hin. In der Rede Hüben und Drüben hatte er ausgeholt:
„Und wenn die Welt voll Hakenkreuzler wärʼ – an deren Erschaffung ja der Sozialdemokratie, hüben und drüben, das Hauptverdienst gebührt –: wir müssen uns endlich klar werden, daß es, seitdem sich Menschheit von Politik betrügen läßt, nie ein größeres Mißlingen gegeben hat als das Tun dieser Partei […].“ (S. 102)

Auch diese Vorlesung, wie schon zahlreiche vorangegangene und nachfolgende Reden und Artikel, fand ihr Nachspiel vor Gericht. Zu den Rechtsakten zu Hüben und Drüben, und damit zu einer der zahlreichen Einladungen zur Vertiefung von Pragers Buch, geht es hier:
www.kraus.wienbibliothek.at/legalkraus/lk_fackel__189.html.
Sämtliche Einträge, die die langwierigen Auseinandersetzungen mit der sozialdemokratischen Presse demonstrieren, sind hier abrufbar:
www.kraus.wienbibliothek.at/legalkraus/sozialdemokratie-collections.html.
Den heutigen Satiriker·innen im Umfeld der Sozialdemokratie und der ZUKUNFT sei damit abschließend der Mut mitgegeben, sich selbstbewusst auch noch vor Gericht gegen Anfeindungen aller Art zu behaupten.
CHRISTIAN ZOLLES
ist Kulturhistoriker und Hochschul-/Lehrer. Er lebt und arbeitet in
Wien. Weitere Infos online unter: www.univie.ac.at/germanistik/christian-zolles/.
