„Ich sage immer, ich bin die ‚Hauspiefkin‘ vom dritten Bezirk“. Interview mit Wencke Pond

Florale Collage „Heartbeat 50_40_5“ von Wencke Pond

Der Umzug von Sachsen nach Wien war wegweisend für WENCKE POND, die für diese Ausgabe der ZUKUNFT freimütig ihre Kunstwerke zur Verfügung gestellt hat. Die österreichische Hauptstadt hat sie dazu inspiriert, ihr künstlerisches Schaffen zu entfalten und sich der bildenden und performativen Kunst hinzugeben. Im Interview mit der ZUKUNFT beleuchtet die Künstlerin, wie schnell sie zur Wienerin geworden ist und was sie bis heute aus ihrer Kindheit in Sachsen begleitet.

INTERVIEW MIT WENCKE POND VON WENCKE POND UND HEMMA MARLENE PRAINSACK

Hemma Marlene Prainsack (ZUKUNFT): Liebe Wencke, Du bist 1978 in Hoyerswerda geboren und in der DDR aufgewachsen. Vor 26 Jahren bist Du nach Wien gezogen. Was hat dieser Ortswechsel damals mit Dir und Deiner künstlerischen Entwicklung gemacht?

Wencke Pond: Als ich 2000 nach Wien kam, war ich überwältigt von der Schönheit dieser Stadt. Hatte ich doch bis dahin noch nicht allzu viel von der Welt gesehen. Wien hat mich sehr inspiriert, denn Kunst gab und gibt es hier ja wirklich an jeder Ecke. Auch die Menschen in Wien haben mir damals wie heute sehr geholfen. Man kam ins Gespräch, und daraus entstanden wunderbare Begegnungen und tolle Projekte. Wien hat mir geholfen, mich selbst als Künstlerin anzuerkennen und diesen Weg intensiver zu beschreiten.

H. M. P.: Wie blickst Du heute auf Sachsen?

W. P.: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Natürlich bin ich stark von meiner Herkunft geprägt. Aber wenn man seine Heimat im Alter von 16 Jahren verlässt und mehr als die Hälfte seines Lebens in Wien verbringt, bleibt irgendwann nur noch ein Hauch von Heimat in einem zurück – zumindest in mir. Ich identifiziere mich inzwischen eigentlich als Wienerin, auch wenn mir das der Wiener natürlich gerne streitig macht – wenn auch auf eine durchaus freundschaftliche Art und Weise. Ich fühle mich hier mittlerweile so sehr zu Hause, dass Wien meine Heimat geworden ist. Ich sage immer, ich bin die „Hauspiefkin“ vom dritten Bezirk. In meinen ersten Jahren bin ich tief in die Wiener Kultur eingetaucht. Der Mundl lief bei mir in Dauerschleife, und die Lieder von Ambros habe ich so lange mitgesungen, bis ich irgendwann das Gefühl hatte: „Jo eh … jetzt klinge ich schon ein bissl wie eine Wienerin“.

Wenn ich aber etwas aus Sachsen mitgenommen habe, dann ist es sicherlich die Unabhängigkeit, die schon unseren Vorfahren eigen war – befreit von einem König und der Naturreligion zugetan. Auch das Aufwachsen in der DDR hat mich immens geprägt. Ich behaupte, dass darin ein Grund für meine sehr soziale Ader liegt: der Respekt vor älteren Menschen und das Bedürfnis, hilfsbereit und umsichtig durchs Leben zu gehen.

H. M. P.: Die Collage und das Diorama haben einen besonderen Stellenwert in Deinem künstlerischen Schaffen. Sie laden die Betrachter*innen ein, in lebendig wirkende, detailreiche Welten einzutauchen. Wie entstehen Deine Dioramen?

W. P.: Der Entstehungsprozess meiner Collagen und Dioramen ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist zuerst ein Bild in meinem Kopf, und dann gehe ich auf illustratorische Schatzsuche. Manchmal entdecke ich zuerst inspirierende Illustrationen, aus denen sich dann in meinem Inneren ein Bild entwickelt. Vom Handwerklichen her ist die Herstellung ein sehr aufwendiger Prozess. Deshalb arbeite ich üblicherweise an mehreren Collagen gleichzeitig, da ich immer wieder Phasen einhalten muss, in denen etwas trocknet oder in der Presse liegt. Das Ausschneiden selbst ist für mich fast ein meditativer Zustand – nimmt allerdings auch einiges an Zeit in Anspruch. Es wird aufkaschiert, ausgeschnitten, verstärkt, Schnittkanten werden koloriert und letztendlich wird alles miteinander verklebt. Dadurch, dass ich an mehreren Collagen gleichzeitig arbeite, manchmal vorausschauend plane und manchmal auch wieder etwas verwerfe, kann ich die sehr häufig gestellte Frage, wie viel Zeit die Anfertigung einer Collage in Anspruch nimmt, leider gar nicht genau beantworten. Außer mit: Ja, … es dauert. Es braucht seine Zeit. Aber auch das ist etwas Schönes am Schaffen: dieses Verlassen von Raum und Zeit.

H. M. P.: Schmetterlinge haben Dich zu Deinem künstlerischen Schaffen inspiriert. Welche Faszination üben sie auf Dich aus?

W. P.: Meine geliebten Schmetterlinge tauchen immer wieder in meinen Arbeiten auf. Ich kann einfach nicht genug von diesen Geschöpfen bekommen. Der Mensch wünscht und sehnt sich nach Wundern, und die Metamorphose eines Schmetterlings ist genau das für mich. Sie gehört für mich zu den beeindruckendsten Entwicklungsprozessen überhaupt. In der Raupe gibt es von Anfang an die sogenannten Imaginalscheiben – Zellgruppen, die bereits in der Raupe vorhanden sind und später beispielsweise Augen, Fühler oder Flügel bilden. Somit schlummern in der Raupe bereits winzige Möglichkeiten für etwas Größeres. Und vielleicht hoffe auch ich, diesem Beispiel bis ans Ende meiner Tage folgen zu können: Möglichkeiten, die vielleicht schon in mir verankert sind und noch schlafen, zu entdecken und zu nutzen, um daraus etwas zu erschaffen.

H. M. P.: Du beschäftigst Dich intensiv mit Naturphänomenen und stellst in Deinen Arbeiten eine innige Verbindung zur Natur her. Woher kommt diese tiefe Auseinandersetzung?

W. P.: Ich selbst habe das bisher noch gar nicht wirklich hinterfragt oder recherchiert. Es war einfach immer da – etwas ganz Natürliches für mich. Sicher haben mich meine Mutter und ihre Mutter, meine Oma, geprägt. Denn auch sie hatten – meine Mutter hat sie bis heute – diese tiefe Bewunderung für das Schöne und das Besondere. Diese Ehrfurcht vor jedem Lebewesen, vor jedem Baum, jedem Strauch und jedem Halm. All die Prozesse, die in allem vor sich gehen, und die Erkenntnis, dass tatsächlich alles miteinander verbunden ist, lassen mein Herz vor Entzückung springen und erhellen meine Seele, mein ganzes Sein. Es war nie anders und wird wohl auch nie anders sein.

H. M. P.: Deine Arbeiten verbinden oft poetische Bilder mit gesellschaftlichen und moralischen Fragen. Welche Themen oder Widersprüche unserer Zeit beschäftigen Dich aktuell besonders?

W. P.: Was mich beschäftigt und mir teilweise keine Ruhe lässt, ist die Tatsache, dass wir als Gesellschaft und als fortschrittliche Menschen längst wissen, wie wir Fehler vermeiden und Dinge besser, gerechter und angenehmer gestalten könnten – und dennoch oft genau entgegengesetzt handeln. Wir wissen es eigentlich besser. Und tun es trotzdem nicht. Das beschäftigt mich.

H. M. P.: Neben der Bildenden Kunst machst Du Performance-Kunst im öffentlichen Raum. Nacktheit spielt für Dich dabei eine wichtige Rolle. Welche Erfahrungen machst Du, wenn Du Deinen Körper als künstlerisches Ausdrucksmittel einsetzt?

W. P.: Mein Körper ist ja immer dabei. Auch hier empfinde ich in unserer Gesellschaft eine gewisse Entfremdung von etwas absolut Natürlichem. Wir akzeptieren mittlerweile unfassbar viele verschiedene Genderformen, und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir noch nicht einmal die – lasse es mich „Basics“ nennen – wirklich in unser Leben integriert und akzeptiert haben. Es entzieht sich meinem Verstand, warum ein Körper so schnell sexualisiert wird und der eigentliche Mensch in den Hintergrund gerät. Warum Brüste immer noch so viel Aufregung erzeugen, obwohl seit Tausenden von Jahren Kinder damit gestillt werden. Warum ein bisschen – oder auch ein bisschen mehr – Fettgewebe immer noch für Furore sorgt. Und warum etwas, das absolut natürlich ist – denn wir werden nackt geboren und verlassen diese Welt letztendlich auch wieder nackt – immer noch so stark tabuisiert wird. Anstatt miteinander in Kommunikation zu gehen, verbieten wir nun sogar Männern, oberkörperfrei zu sein. So kann es tatsächlich passieren, dass ich mich in einer Menschenmenge entblöße, mich nackt und verletzlich zeige. Ohne den Schutz der Kleidung, ohne Maskerade. Damit polarisiere ich natürlich sehr, aber genau dadurch entsteht für mich auch die Möglichkeit, Menschen wirklich zu sehen und etwas über sie zu erfahren. Denn Kleider machen Leute, sagt man. Ich sage: Nacktheit zeigt den Menschen, wie er ist – ohne die Möglichkeit, ihn allein anhand dessen, was er trägt, sofort in eine Schublade zu stecken oder einzuordnen. Die Reaktionen auf Nacktheit könnten unterschiedlicher nicht sein. Darin zeigt sich für mich ein ehrliches Bild davon, wo unsere Gesellschaft tatsächlich steht.

H. M. P.: In Deinen Arbeiten treffen Ernsthaftigkeit und Ironie oft aufeinander. Welche Rolle spielt Humor in Deiner Kunst?

W. P.: Für mich ist Humor eine Möglichkeit, Menschen auf Missstände hinzuweisen, ohne sie zu verurteilen. Es ist eine Möglichkeit, überhaupt einen Zugang zu bestimmten Themen zu schaffen. Anzuregen, ohne zu überfordern. Ich möchte schließlich niemanden belehren. Nein, ich möchte inspirieren. Ich habe kein Recht, über andere Menschen zu urteilen. Aber natürlich wünsche ich mir eine positive Entwicklung für uns alle. Und schwere Themen werden durch Humor manchmal einfach zugänglicher. Ich möchte an das Schöne erinnern. Ich möchte zeigen, was es zu erhalten gibt, und nicht ständig darauf herumreiten, was bereits verdorben oder kaputt ist. Für mich entsteht der beste und spontanste Humor aus dem Bewusstsein, dass wir alle nur Menschen sind und uns selbst vielleicht nicht ganz so furchtbar ernst nehmen sollten.

H. M. P.: Was bedeutet für Dich Freiheit – persönlich und als Künstlerin?

W. P.: Freiheit bedeutet für mich vor allem Verantwortung. Das Glück zu haben, ein Leben führen zu dürfen, das ich nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten kann, ist ein großes Geschenk. Urheberin meiner eigenen Handlungen und Entscheidungen zu sein, bedeutet aber gleichzeitig, ein gewisses Maß an Verantwortung zu tragen. Denn meine Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit eines anderen Menschen einschränkt. Der Kompatibilismus beschreibt diesen Gedanken für mich sehr gut: die Vorstellung, dass Freiheit und Verantwortung auch dann miteinander vereinbar sein können, wenn unser Handeln gleichzeitig von äußeren Bedingungen und inneren Ursachen beeinflusst wird. Freiheit bedeutet für mich deshalb nicht, tun und lassen zu können, was ich will. Freiheit bedeutet vielmehr, bewusst entscheiden zu können – und die Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen.

WENCKE POND

geboren 1978 in Hoyerswerda bei Dresden, ist eine in Wien lebende Künstlerin. Ihre vielseitige kreative Arbeit umfasst unter anderem dekorative Großaufträge, Wandmalereien, Raumgestaltungen und Ausstellungen. Derzeit konzentriert sie ihr Schaffen vor allem auf detailreiche, dreidimensionale Dioramen und räumliche Miniaturwelten, die auch im Rahmen der Bildstrecke dieser Ausgabe sichtbar werden.
Homepage: https://www.wenckepond.com

HEMMA MARLENE PRAINSACK

ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Doktoratsstudium an der Universität Wien. Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet Prainsack der Entwicklungsgeschichte der Filmproduktion in Deutschland und Österreich (1910–1935).