Es freut die Redaktion der ZUKUNFT, dass BETTINA REITER uns die Erlaubnis erteilt hat, eine Keynote wiederabzudrucken, die sie im Rahmen der Veranstaltung „Geschlechtergerechtigkeit – quo vadis?“ der Europäischen Gesellschaft für Geschlechtergerechtigkeit Österreich (EGGÖ) am 07.03.2023 gehalten hat. Denn die Wirklichkeit ist für den Feminismus und die Frauenpolitik mehr als entscheidend …
I. Einleitung
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll: „Wokeismus“, „Cancel Culture“, „Gender Dysphorie“, „TERF“, „Selbstbestimmungsgesetz“, „Transaktivismus“, „Frauenrechte“, „Biologie“, „Diversity and Inclusion“, „queer“ … Ihnen fallen sicher noch mehr Schlagworte zu Themen ein, die uns notgedrungen heutzutage und im Speziellen heute Abend beschäftigen. Themen, auf die wir gezwungen sind, zu reagieren, weil sie uns direkt betreffen (wie etwa Frauenrechte), und weil wir die gesellschaftliche Entwicklung verstehen wollen und uns mit unseren eigenen politischen und moralischen Interessen in diese Diskurse einbringen wollen. Und müssen, möchte ich ergänzen. Niemandem kann egal sein, wie sich unserer Öffentlichkeit (wie wir über uns berichtet sehen müssen), unsere niedergeschriebenen Regeln (Gesetze) und die impliziten Regeln des Alltags (Sprache, Räume, Verkehrsformen) unter unseren Augen verändern. Bei Vorträgen in meinem Fachgebiet stellt sich immer die Frage: fängt man von oben oder von unten an? Von der Theorie, den Konzepten und Gesetzmäßigkeiten – oder von der klinischen Erfahrung, dem Einzelfall, den Phänomenen?
Ich fange von oben an:
Es handelt sich bei dem Sammelsurium von gesellschaftlichen Phänomenen, die sich den Baustellen Öffentlichkeit, Gesetz und Alltagsregeln zuordnen lassen, um Äußerungen eines illiberalen, undemokratischen, von Totalitarismen geprägten Machtdenkens, das sich in den westlichen Gesellschaften ziemlich effizient durchgesetzt hat. Uns tritt ein tribales, vormodernes Selbstverständnis gegenüber; die Älteren unter uns (so wie ich), sind das nicht gewöhnt – wir reagieren kopfschüttelnd und empört, oft genug vollkommen ratlos, als wären wir, die auf Realität und Diskurs, auf Biologie und Wirklichkeit, auf sozialen Verhältnissen und politischen Zwängen bestehen, die „Alten Weißen“, denen nur noch Hohngelächter gebührt. Aber wir müssen uns auch nicht mehr in der Arbeits- und Kulturwelt durchschlagen und unseren Platz a) erobern und dann b) verteidigen. Die Jüngeren unter uns müssen Rücksichten nehmen, dürfen sich nicht verraten, sind dem Anpassungsdruck des Tribalismus ausgeliefert und erfahren am eigenen Selbstverständnis einen kleinen Samisdat-Moment (den Moment des geheimen Widerstands, der notwendig ist für die persönliche Integrität, den Stolz als Individuum und Mensch, wenn sie sich auf die Seite der Aufklärung, der Vernunft, des Universalismus und dem ganzen anderen alten Zeug halt) stellen …
II. Vom Tribalismus, der Identität und der Demokratie
Das tribale Selbstverständnis ist das Gegenteil, historisch gesehen, muss man sagen, ist der Vorläufer des Universalismus, der die demokratischen Verfassungen und die Auffassungen über das Menschsein in unserem Handeln, aber auch unserem kollektiven Denken immer noch so halbwegs kennzeichnet. Wir leben (lebten?) vom Aushandeln, Konflikte austragen, Kompromisse schließen und Mehrheiten finden. Unser Bild von uns selbst ist das eines autonomen Individuums, das nicht vom „Stamm“, sondern von den Prinzipen der Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit geprägt ist und durchaus Sanktionen erwarten darf, wenn es sich nicht als toleranzfähig erweist. Das tribale Denken hingegen ist herrisch und unduldsam. Hier gibt es nur ein „wir“ und „ihr“; die Zugehörigkeit zum „wir“ kann nicht erworben werden, sie ist gegeben, gehorcht aber strengen Reinheitsregeln. Außenseiter, Dissidente werden geächtet und bestraft: die größte Strafe ist die Vertreibung, der Ausschluss aus dem Stamm (die Tötung, die Vernichtung ist nur der Spitzenwert der Vertreibung). Identität passt da gut.
In demokratischen Verfassungen sind Identitäten immer ein wenig anrüchig, weil sie quer zu dem universalistischen Anspruch stehen, den die Demokratie per definitionem hat. Identitäten beharren auf dem Unveränderlichen, scheinbar Ewigen, dem Subjektiven, Innerlichen. Das macht eine Identität zum quasi natürlichen Antagonisten des demokratischen „alles ist verhandelbar, alles muss verhandelbar bleiben“. Das Ungarntum, so will es uns z. B. die absolute Mehrheit der Ungarn weismachen, die Herrn Orban wiedergewählt haben, ist nicht verhandelbar. Die Genderidentität, so will es uns die im Mainstream gelandete Genderideologie weismachen, auch nicht. Gefühl schlägt Vernunft. Das ist ein politisch gesehen rechtes Framing. Das Beharren auf Identität, dem scheinbar Unveränderlichen, dem Vorgängigen, Immer-schon-so-Gewesenen, ist das Erkennungsmerkmal der gesellschaftlichen Charaktermaske des Reaktionärs. So ist es, denke ich, auch kein Zufall, dass die Rechtsradikalen sich „Identitäre“ nennen: ein Begriff zur Kenntlichkeit entstellt.
III. Das EGO und wir selbst
Das identitäre Denken (als Ableitung des Tribalen) wiederum können wir unschwer als das Herzstück (wörtlich: in den Herzen der Menschen) des Neoliberalismus ausmachen, der uns seit 30 Jahren in der Zange hat. Der Neoliberalismus sagt, es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen, jeder kann alles und wenn man es nicht kann, ist man selbst schuld. Die Folge: Reallohnverluste seit 30 Jahren, Partikularisierung der gesellschaftlichen Zusammenhänge, der Zusammenbruch von sicheren Lebensläufen, psychische und mentale Verarmung; gleichzeitig und parallel haben technische Entwicklung und Manipulationsgroßkonzerne die weitere Vereinzelung perfektioniert – und in notgedrungener Reaktion auf das alles ist das EGO ganz dick angeschwollen.
„Die Inflation von subjektiven Gefühlsäußerungen ist (…) als Kompensation eines Orientierungsverlusts zu bewerten, und sie wird durch die besondere Resonanz spätmoderner Öffentlichkeit befördert, da hier Gefühle mehr belohnt werden als Argumente.“ (Stegemann 2023: 141)

VON BERND STEGEMANN
Berlin: Matthes & Seitz.
110 Seiten | € 12,40 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3751830027
Erscheinungstermin: 31.08.2023
Das EGO ist das ICON unserer Zeit. Es beherrscht alles: wo EGO, gibt es kein Gegenüber, außer als Publikum. Es verschlingt alles: EGO ist unersättlich, das liegt in seiner Natur, das Gegenüber ist zum Suchtmittel degradiert, daher kann Beziehung nicht satt machen. Es hilft aber auch bei allem: es liefert Selbstwert und in der Projektion auf die Zuschauer*innen Anerkennung (manchmal auch Geld). Das EGO ist die Gestalt der freiwilligen Unterwerfung und muss, damit es am Leben bleiben kann, um Anerkennung kämpfen, oder andersherum: die Anerkennung ist der life feed des EGO. Und damit sind wir am anderen Ende, unten sozusagen angekommen, bei uns selbst.
Mit dem EGO haben wir auch den Kern von Identität gefunden. Identität ist immer etwas imaginär Fixiertes, der steady state der Persönlichkeit sozusagen, oder im Sozialen: der gesellschaftlichen (nationalen, beruflichen, religiösen) Rolle, die man sich selbst gegeben hat über die vielen Jahre des Großwerdens. In der Gendertheorie wird das ganz anders gedacht: da gibt man sich seine eigene Identität nicht durch die Kämpfe und Eroberungen, die einen langsam, aber sicher zu einer Person werden lassen. Hier ist es umgekehrt: da wird man geformt. Man ist nicht das Ergebnis einer „Selbstsozialisation“, wie Frans de Waal (mein Lieblingsprimatologe) das nennt, sondern wird gefüllt mit gesellschaftlichen Erwartungen. Und diese Erwartungen stehen – tatsächlich – oft im Widerspruch zu dem, was die Menschen wollen, wie sie sich selbst mit sich fühlen.
IV. Das true self und/als Essenzialismus
Die Genderideologie nennt das dann das true self, das „wahre Selbst“. Dieses true self ist allerdings etwas Rätselhaftes, Unklares. Man findet es nicht im hard stuff (der Biologie, dem Sex eines Individuums) und auch nicht im soft stuff (der Auseinandersetzung mit der Umwelt, dem individuellen So-Geworden-Sein). Diese Individuation wird schon als Zumutung für das true self gedacht. Es ist also nicht klar, wo das innere Gefühl der Identität (und hier ist es egal, ob wir von gender identity oder anderen Identitäten reden, wie nationale oder religiöse) herkommen soll. Es ist einfach da, immateriell, wie eine religiöse Gewissheit, immer schon und ewig. Mit diesem essenzialistischen Getue ist das EGO imstande, die gesamte Welt in Geiselhaft zu nehmen. (In Wirklichkeit ist es eher umgekehrt: diese Art von Essenzialismus kommt aus dem Rückfall des öffentlichen Lebens in tribale Strukturen. Aber für heute gehen wir umgekehrt vor.)
Das Vehikel für das wahre Gefühl (als Ungar, Trans, whatever) heißt Identifikation. ABER nicht mehr wie bislang: Identifikation mit etwas (Madonna, Humphrey Bogart, Malcolm X, Rosa Luxemburg), sondern neuerdings identifizieren sich Menschen ALS etwas, z. B. Fabelwesen, Tiere, Trans, non binär … Das aber ist ein Trick – die menschliche Psyche ist nicht so gebaut, dass sie auf einmal eine alte, immer schon vorhandene Wahrheit aus sich selbst ausgräbt. In dem „als“ steckt der ganze Irrtum der Identitätspolitik und ihrer „Theorie“. Das „als“ will die Lücke wegmachen, die im „mit“ noch da ist und geradezu der Motor der Identifikation ist. Kinder identifizieren sich mit … (wahlweise bitte einsetzen!) …, das ist der Motor ihrer psychischen Entwicklung und der Bildung des Ich-Ideals. Und die Schönheit dieser Tatsache ist, dass die Identifikation niemals ihr ZIEL erreichen kann – weil man so sein will wie XYZ, kann man erst entdecken und erfahren (durchaus auch schmerzlich), wer man selbst ist. Die Identifikation „als“ will diese Sehnsuchtslücke wegmachen. Es soll keine Differenz mehr geben, alles muss gleich, „ident“ oder – auch das ein Charakteristikum des Tribalismus – REIN sein.
Eine Gesellschaft, die sich in Einzelne zerstäubt hat, in der das herrschende Paradigma (notgedrungen) Rette sich wer kann (das Leben) ist, will, ja muss das EGO feiern. Das EGO liefert die beste Folie für das anything goes des neoliberalen, des entfalteten Kapitalismus. Und der ist narzisstisch organisiert, wie Isolde Charim in ihrer großen Studie Die Qualen des Narzissmus: Über freiwillige Unterwerfung (2022) gezeigt hat. Er hat es verstanden, sich uns zu Komplizen zu machen, jedenfalls in den Gestalten der liberalen und linken Parteien in der westlichen Welt.
V. The Witch Trials of J. K. Rowling
Unser Thema: „Geschlechtergerechtigkeit“ ist in diesem Identitätsdschungel gekidnappt worden. Hat eine Fairness zwischen den Geschlechtern bislang schon real nicht existiert (und sind alle vernünftigen Menschen deswegen Feministen im Herzen), so ist die Gerechtigkeit, wie wir sie verstehen wollen, als faktische, materielle, biologische, reale Tatsache inzwischen gar nicht mehr gewünscht. Und das mit einem scheinbar banalen Trick: Geschlecht ist nicht mehr Geschlecht. Frauen sind nicht mehr Frauen, weil jetzt doch alle Männer auch Frauen sein können (natürlich gilt auch die andere Richtung, aber – warum wohl? – diese Richtung kommt im culture war nie vor.) Mit dem „Identifikation als“ geht das plötzlich. Das ist übrigens eine Wortform, die es im Deutschen und im Englischen gar nicht gibt. Es heißt Identifikation mit „Identitification with“ und nicht „als“ – „as“. Das ist erst vor 15 Jahren auf Tumbler erfunden worden, wie der großartige Podcast The Witch Trials of J. K. Rowling (2023) überzeugend nachzeichnet.

ÜBER FREIWILLIGE UNTERWERFUNG
VON ISOLDE CHARIM
Wien: Zsolnay
224 Seiten | € 24,70 (Gebundenes Buch)
ISBN: 978-3552073098
Erscheinungstermin: 26.09.2022
Da wir gerade bei Sprachpolitik sind: „Genderideologie“ ist ein Begriff, der in einer neugegründeten Denunziationsplattform des deutschen Familienministeriums als „antifeministisch“ gemeldet werden kann – probieren Sie es aus, es ist eine besondere Erfahrung: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/projekte/meldestelle-antifeminismus/. Sowas haben hierzulande zuletzt die Blockwarte gemacht. Die meldefähige Genderideologie hat Erfolg damit gehabt, unsere Realitätsprüfungsfähigkeit in Frage zu stellen, indem sie beinhart und aggressiv darauf beharrt, dass 2+2=5 ist, also: Frauen einen Penis haben können. Legendär der Spruch des deutschen transidentifizierten Bundestagsabgeordneten Markus/Tessa Ganserer: „Ein Penis ist nicht notwendig ein männliches Genital“. Identifikation „als“ ist – so verlangt es diese Ideologie – als Realität zu behandeln.
Diese imperative Forderung, die physische und materielle Realität zu leugnen, hat System und ist unfassbar erfolgreich – alle Bereiche des öffentlichen Lebens sind erfasst. Medien, linke und liberale Parteien – alle verfolgen diese Agenda im Dienste von diversity and inclusion: X ist U und wenn Du sagst, das stimmt doch nicht, X ist X, bist Du ein Nazi. Denn die Nazis sagen das auch. Die Nazis (FPÖ, AFD) sagen auch, dass Frauen Frauen sind, der Orban ist auch gegen Schwule, da haben wir es ja. Alle anderen Realitätsverleugnungen können wir hiervon ableiten: Cancel Culture … die Sprach- und damit gemeinten Denkverbote im öffentlichen und wissenschaftlichen Leben lassen sich immer von dieser Figur ableiten: das, was da ist, darf nicht da sein. Wer sagt, da ist aber was, kann nur ausgeschlossen, geächtet und vertrieben werden: als Herätiker, Ketzer, Nazi.
VI. Respect! Ein Beispiel …
Wir sind „von oben“ in die Diskussion der Themen rund um Geschlechtergerechtigkeit eingestiegen. Ich schlage vor, dass wir das nun an einem konkreten Beispiel abgleichen. Das Beispiel ist mir selbst passiert … und allen Aktiven in dem Verein, in dem ich mitarbeite: Respekt.net ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die das gute und gerechte Zusammenleben zum Ziel hat und sich überparteilich, aber politisch im Sinn eine liberalen Demokratieverständnisses verortet (vgl. online unter: https://www.respekt.net/crowdfunding-fuer-eine-bessere-gesellschaft/). Das Beispiel selbst ist vollkommen uninteressant und unwichtig, gemessen an dem, was der genderideologische Tribalismus und seine Reinheitsanhänger in der medialen Öffentlichkeit etwa Marie-Luise Vollbrecht in Berlin angetan hat, oder was in Form der Neuen Reinheitsgebote in linken und liberalen Parteien Faika El-Nagashi hier in Ö passiert ist und weiter passiert. Aber es enthält alle Zutaten für die Giftsuppe, mit der wir es zu tun haben und das macht es vielleicht (hoffentlich!) zu einem guten Diskussionsbeispiel.
Ich mache es kurz: Vor ca. neun Monaten richteten Fridays for Future (FFF) Wien und das Klimavolksbegehren eine Anfrage an den Vorstand meines Vereins: es wurde eine Stellungnahme zu den transphoben Äußerungen meiner Vorstandskollegin Lena Doppel-Prix und von mir selbst erbeten. Beigefügt waren Screenshots einiger unserer Tweets. Z. B. hatte ich mein Bedauern ausgedrückt, dass Transsexualität in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD 11) keine Diagnose mehr ist, weil dieser Umstand das medizinische safeguarding erschwert. Das Schreiben war nicht namentlich gezeichnet, sondern nur mit den Namen der beiden Organisationen. Wir hatten daraufhin heftige Diskussionen, wie zu reagieren sei. Zunächst haben wir mal gefragt, ob das ernst zu nehmen ist. FFF waren nicht erreichbar, Klimavolksbegehren bedeutete, ja, das wollen sie schon wissen. Nächste Frage: wer denn der Adressat einer Antwort sei? Wir bräuchten dann bitte schon einen Namen, denn auf anonyme Anfragen werden wir nicht antworten. Es kam nie eine Antwort und bis heute haben wir auch nicht auf dieses Schreiben reagiert.
ABER die Story fängt hier erst an: Diese ANONYME DENUNZIATION hat extreme Stoßwellen zurück in unsere kleine Organisation gehabt. Die Diskussion hat sich schnell von: „Was für eine Frechheit, was wollen die von uns? Bei uns kann natürlich jede/r ihre Meinung haben, der/die sie will“ zu: „Sind die beiden nicht doch transfeindlich? Schaden sie nicht unserem Verein, unserer ,Marke‘, wenn sie so ungebremst ihre Position zu den Transaktivisten äußern?“ „Sollen Funktionäre wirklich alles sagen können? Brauchen wir nicht einen Code of Conduct, wie das in Firmen üblich ist?“. Und dann entwickelte sich ein intern tatsächlich toxischer Streit um die Transfrage selbst: ich war plötzlich als Präsidentin nicht mehr tragbar, andere stellten sich schützend vor mich und das Team im Büro war verunsichert und hat die Transfrage mit der Meinungsfreiheitsfrage verwechselt oder eher durcheinandergebracht (meine Sicht der Dinge!). Man muss doch lieb sein, die sind doch so marginalisiert und suizidgefährdet – und aus dem Vorstand kam der Vorwurf der Menschenfeindlichkeit und dass der Verein den Bach hinuntergehen würde, wenn wir uns nicht „im Sinne der Menschenrechte“ ganz klar auf die Seite der Transaktivisten stellen würden. Mit viel Arbeit und mit dem Verlust sehr wichtiger Mitarbeiter haben wir diese Krise zwar überstanden, aber es hat weitere Verluste gegeben und die Folgen sind immer noch nicht ganz ausgestanden. Dieses kleine Fallbeispiel, diese „Vignette“, würde man in meinem Beruf sagen, zeigt m. E. vor dem Hintergrund des oben Gesagten Folgendes:
- Tribalismus: FFF und Klimavolksbegehren haben sich scheinbar schützend vor ein paar Transaktivisten gestellt, die sich über meine „Macht“ in einem gemeinsamen Projekt mit FFF beschwert und sich deswegen not safe gefühlt haben: Opfer – Klage – Kampf um Anerkennung. Sie haben uns dann bald darauf aus dem Projekt rausgeschmissen – soviel zu MEINER Macht.
- Denunziation – anstatt zu diskutieren, wendet man sich an die höhere Instanz. Unsere Tweets sind öffentlich – man, they hätten uns widersprechen und schimpfen können. Wir hätten uns BEGEGNEN können, online oder offline.
- Lähmung: In gewisser Weise war die Denunziation auch erfolgreich: sie hat den Zweifel über das gemeinsame Selbstverständnis in unsere kleine Organisation getragen; wir begannen untereinander zu streiten und erbitterte Machtauseinandersetzungen waren die Folge. Der Tribalismus der „Transfrage“ hat uns lahmgelegt und sich bei uns ausgebreitet, ein paar Monate arbeitsunfähig gemacht und war nur mit hohen psychologischen und persönlichen Kosten zu beenden. Fazit: wenn das „sogar“ uns, einer, dachten wir, auf Liberalismus und Meinungsfreiheit eingeschworenen Truppe von Demokraten passieren kann – was um Himmels Willen ist dann mit unserer Gesellschaft los?
VII. Conclusio: Zwischenstopp für heute
Der totalitäre Wolf hat sich das Gewand der Großmutter Menschenfreund angezogen. Der entfaltete Kapitalismus will, dass wir nicht mehr wissen, wer wir sind und was wir wollen – dass wir vor Furcht zittern, als Hexen und Zauberer geächtet und bereits damit aus der grellbunten neuen Welt der 67 Geschlechter verbannt zu werden (diese Trope ist „nur“ ein Platzhalter für alle Reinheitsgebote, die uns in den letzten Jahren vorgelegt wurden: Rasse, Kolonialismus, Literatur, free speech, Geschichte, sicher noch mehr).
Autorinnen und Journalistinnen fürchten um ihre Publikationsmöglichkeiten, Wissenschaftlerinnen um ihre Forschungsfreiheit, Politikerinnen um ihr Standing in den eigenen Parteien, Studentinnen um ihre Uniabschlüsse. Und die ganz normalen Menschen jenseits der Meinungseliten haben keine Ahnung, was da vor ihren Augen und dennoch verborgen, vorbereitet wird.
BETTINA REITER
ist Psychoanalytikerin und Gründungsmitglied der Europäischen Gesellschaft für Geschlechtergerechtigkeit Österreich (EGGÖ).
Literatur
Charim, Isolde (2022): Die Qualen des Narzissmus: Über freiwillige Unterwerfung, Wien: Zsolnay
Phelps-Roper, Megan/Rowling J. K. The Witch Trials of J. K. Rowling, online unter: https://open.spotify.com/episode/0uMAxXAwxUHKylHx9uSoJ1 (letzter Zugriff: 29.02.2024).
Stegemann, Bernd (2023): Identitätspolitik, Berlin: Matthes & Seitz.
