Frauenförderung im Bildungssystem – Vor den Vorhang – Good Practice an den Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus – VON MARLIES ETTL

Die Auseinandersetzung um Bildungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen war in der Vergangenheit für die Frauenbewegung eine Schlüsselfrage im Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Eine gute Bildungspolitik muss daher auch heute emanzipatorisch gedacht werden. Die Hertha Firnberg Schulen (HSF) haben ein erfolgreiches Konzept mit Nachhaltigkeitscharakter für das (Berufs-)Leben ihrer Absolvent*innen entwickelt, wie Schulleiterin MARLIES ETTL im Folgenden beschreibt.

I. Einleitung

Die feministische Perspektive auf Bildungspolitik ist aus der öffentlichen Debatte und aus den Parteiprogrammen linker Parteien fast zur Gänze verschwunden. Mädchen und junge Frauen durchlaufen das Bildungssystem heute mit größerem Erfolg als Burschen und junge Männer, in der Berufswelt und in Bezug auf die gesellschaftliche Teilhabe sind Frauen jedoch weiterhin benachteiligt. Dauerbrenner der feministischen Debatte sind der Gender Pay Gap, die gläserne Decke und die Last der Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen getragen wird.

Seit Jahrzehnten ist Gleichstellung ein Diskussionsthema, aber die konkreten Maßnahmen, die Gleichstellung möglich machen würden, werden zu wenig ernst genommen. Wir müssen im Bildungssystem ansetzen. Die Hertha Firnberg Schulen (HFS) haben im Laufe der mehr als 30-jährigen Schulgeschichte – mit einem kräftigen Rückenwind der Kreisky/Dohnal-Ära, in der aktive Frauenpolitik gemacht wurde und die Schul- und Bildungspolitik einen Riesenschritt nach vorne machte, Pionierarbeit geleistet.

II. Chancengerechtigkeit als Unique Selling Proposition (USP) eines Schulstandorts

Die HFS sind eine berufsbildende mittlere und höhere Schule im 22. Wiener Gemeindebezirk. Das aus ungefähr 90 Personen bestehende Lehrkräfteteam ist verantwortlich für rund 500 Schüler*innen, die vorrangig aus der Donaustadt, aber auch aus anderen Bezirken Wiens und Teilen Niederösterreichs kommen. Am Standort befinden sich eine Hotelfachschule, eine Höhere Lehranstalt für Tourismus und eine Höhere Lehranstalt für Wirtschaft. Mit sieben verschiedenen Ausbildungsprogrammen ist für inhaltliche Vielfalt gesorgt, die sich auch in der Heterogenität der Schüler*innenpopulation abbildet.

Das Thema der Gleichstellung von Frauen und Männern durchdringt seit Anbeginn die Schulphilosophie der HFS. Die Auseinandersetzung mit der Chancengleichheit junger Frauen und Männer sowie mit Berufsperspektiven jenseits von Rollenklischees wurde zum vorrangigen Anspruch und auf allen Ebenen institutionalisiert. Dieses umfassende Programm erhielt 2015 den österreichischen Schulpreis für Geschlechtergerechtigkeit.

Die Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern ist im Leitbild der Schule explizit verankert. Unter dem Motto „Es zählt das Individuum, die Leistung und das Engagement und nicht das Geschlecht“ setzt die Schule seit jeher auf die Ermöglichung von Chancengerechtigkeit mit dem Ziel, die soziale Mobilität junger Menschen ganz im Sinne der Namensgeberin Hertha Firnberg – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Geschlecht – zu fördern. Mädchen sowie Burschen sollen gleichermaßen bestmöglich auf die Anforderungen der Arbeitswelt bzw. eine tertiäre Ausbildung vorbereitet werden. Dass dies nicht nur eine Frage der Vermittlung von Fachwissen ist, sondern auch (gesellschafts-)politische Bildung beinhaltet, zu der die Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Diskriminierungen gehört, ist an der Schule gelebter Konsens.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass es notwendig ist, alle Ebenen des Schullebens zu durchdringen, damit es gelingt, die Gleichstellung der Geschlechter an einem Schulstandort effektiv zu fördern. Nach dem Motto „Qualität braucht gute Strukturen“ ist es dabei besonders wichtig, auf der organisationalen Ebene Strukturen zu schaffen, die eine wiederkehrende, langfristige Bearbeitung des Themas ermöglichen. Von zentraler Bedeutung für die Nachhaltigkeit der Gleichstellungsbemühungen am Standort war von Beginn an, dass eine Top-Down-Strategie zur Anwendung kam.

Veranstaltung „STEAM AHEAD – Bildung und Wirtschaft im Dialog“ der Hertha Firnberg Schulen (HFS) © Bernhard Moritz

Dies bedeutet, dass die Schulleitung dem gesamten Prozess vorangeht und ihn in Zusammenarbeit mit dem Qualitätsmanagement-Team der Schule steuert. Geschlechtergerechtigkeit wurde innerhalb der Schulgemeinschaft stets als Thema mit absoluter Priorität kommuniziert und bei sämtlichen Schulentwicklungsmaßnahmen wie z. B. der Etablierung innovativer Ausbildungsprogramme berücksichtigt. Diese Top-Down-Strategie hat einen Bottom-Up-Prozess ausgelöst und unterstützt: auf Ebene der Lehrkräfte und Schüler*innen wurden zahlreiche richtungsweisende Projekte initiiert – viele davon sind auch in den Schulalltag eingegangen. Das Zusammenspiel zwischen Bottom-Up und Top-Down in der Umsetzung von Initiativen und Projekten macht die Dynamik der Gleichstellungsarbeit am Firnbergplatz aus.

III. Eliten, auch ein Frauenthema

Die Thematik der „Exzellenz- und Potenzialentwicklung“ von jungen Frauen (und auch jungen Männern) – fernab der ideologischen Diskussion rund um das Thema „Elite“ – ist am Schulstandort positiv besetzt. Denn es sollte das Vorrecht aller Jugendlichen sein, bei entsprechender Leistungsbereitschaft in ihren Stärken optimal gefördert zu werden und durch eigene Leistung Teil der „Elite“ zu werden. In diesem Zusammenhang ist freilich zu klären, ob fortschrittliches gesellschaftliches Denken überhaupt einen sinnvollen Elitebegriff formulieren kann. Dabei ist die Förderung weiblicher Exzellenz eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit und muss gesellschafts- und demokratiepolitisches Credo aller entwickelten Gesellschaften sein. Denn es ist eine Tatsache, dass trotz guter Schulleistungen begabte junge Frauen und Mädchen in der Berufswelt förmlich „untergehen“. Spezifisches Know-how der Schulleitung im Bereich der Potenzialförderung und der reflexiven Geschlechterpädagogik kann indes zu einem Paradigmenwechsel führen, der es erlaubt, Exzellenz bei jungen Frauen und jungen Männern zu fördern. Denn eine gute Schule für Mädchen ist immer auch eine gute Schule für Burschen – so lautet der Leitsatz der HFS.

Aber nur wenige Schulen widmen sich dem Thema der geschlechtergerechten Exzellenzförderung auf professionelle Art und Weise, man muss sogar im österreichischen Bildungssystem eine „Behinderungspolitik“ feststellen, die sich vor allem entlang der Schultypen festmachen lässt. Wenn in Schultypen, die besonders häufig von Mädchen gewählt werden, Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer wenig Gewicht im Stunden- und Lehrplan haben, ist dies eine (bewusste) Diskriminierung von Mädchen, die wieder auf das stereotype Rollenklischee reduziert werden. Unsere Erfahrung mit mädchendominierten, sprachenorientierten Klassen zeigt, dass zumindest ein Teil der Mädchen bei entsprechender Förderung ein Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften entwickeln. Diese jungen Frauen berichten nach der Matura, dass sie mit 14 Jahren dem Rollenklischee gefolgt sind und sich eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung nicht zugetraut hätten. Wenn es zu gesellschaftlichen Veränderungen kommen soll, müssen aber allen jungen Menschen MINT-Grundlagen vermittelt werden, die eben auch den jungen Frauen einen erfolgreichen Einstieg in ein entsprechendes Studium als realistisch erscheinen lassen. Diese tiefgreifende Veränderung im Schulsystem würde auch für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Führungspositionen sorgen.

Die Tatsache, dass Eliten bis dato weltweit vornehmlich männlich sind, wirft die Frage auf, warum das so ist und wie das „Verschwinden“ begabter Frauen verhindert werden kann. Die Diskussion, wie weibliche Führungseliten hergestellt werden, ist zugleich eine Diskussion darüber, wie weibliche Positions- und Machteliten vor allem über den Bildungsweg entstehen können. Innovative Schulen und Universitäten sind heute mehr denn je an der Rekrutierung begabter Frauen interessiert, die durch das Bildungssystem zu Exzellenz geführt werden sollen.

Der Begriff „Elite“ ist in vielerlei Hinsicht ein kontroversieller: Einerseits ist die öffentliche Aufmerksamkeit angesichts anhaltender Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen und des eklatanten Vertrauensverlustes der politischen Parteien dem Thema gegenüber sensibilisiert. Andererseits sehen europäische Gesellschaften durch die Erfahrungen mit Diktaturen und Faschismus den Elitebegriff schwer belastet. Es stellt sich also die Frage, ob neue Eliten den veränderten Bedürfnissen unserer modernen Gesellschaften in Zukunft besser entsprechen könnten, und vor allem wie diese Eliten ausgestattet sein müssten und letztlich wie sie herzustellen sind. Mit dem Elitebegriff stellt sich auch immer die Auseinandersetzung rund um Exzellenz ein. Jedes Gemeinwesen braucht Menschen, die in Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften und in der Schule bereit und fähig sind, Außerordentliches zu leisten. Somit ist jede Gesellschaft auf ein hohes Qualifikationsniveau und Leistungsbereitschaft angewiesen, um für die hohen Anforderungen der Gegenwart und der Zukunft gerüstet zu sein. Wenn besondere Potenziale auf eine fördernde und fordernde Umwelt stoßen, die diese Exzellenz wünscht und miterzeugt, werden viele Menschen Exzellenz entwickeln können. Das Entstehen von Exzellenz sollte also nicht dem Zufall überlassen werden.

Lange Zeit wurde die Förderung besonders begabter Personen als eine Privilegierung ohnehin Begünstigter empfunden. Exzellenz oder Elite wurde vor allem seit den 1970er-Jahren per se abgelehnt und in den Schulen bis heute spürbar nicht gefördert. Jede Gesellschaft hat Eliten und braucht sie auch. Auch demokratische Gesellschaften. Die Art der Elitenbildung hängt von der Ausformung der jeweiligen Gesellschaft ab. Moderne, demokratische Elitenbildung könnte die Gesellschaft durchlässiger machen, den republikanischen Gedanken stärken und die Klassengegensätze abflachen lassen. Das entsteht nicht ohne Druck seitens der unteren Schichten der Gesellschaften, die an der Durchlässigkeit Interesse haben müssen. Das heißt, das Bildungssystem müsste hier durch ein hohes Leistungsniveau Vorarbeit leisten.

Der komplizierte Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Verwaltung, Technik und Kultur wird heute durch unterschiedliche Organisationen und Institutionen aufrechterhalten. Hier sind Menschen am Werk, die über besondere Fachkenntnisse verfügen und – wenn man so will – „Leistungseliten“ darstellen. Diese rein zahlenmäßige Erweiterung von Eliten, wie wir sie in modernen Industriegesellschaften erleben, haben Eliten durchlässiger gemacht. Sie sondern sich von anderen Teilen der Gesellschaft weit weniger ab, als es bei den „alten Eliten“ der europäischen Gesellschaften üblich war.

Gabriele Wölke[1] formuliert im Jahr 1980 in Eliten in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Rückkehr eines Begriffs, dass Leistung nicht einseitig als Produktionsfaktor gewertet werden darf, sondern als ein Prinzip schöpferischer Entfaltung. Elite wäre dann weniger als gesellschaftliche Klassenkategorie zu verstehen, sondern „vielmehr als Synonym für hervorragende Leistung im Bereich des Geistigen, Wissenschaftlichen, Kulturellen, Politischen und Sozialen“. Daher kann die Förderung besonderer Begabungen und die Durchlässigkeit im Sinne von Leistungseliten ein Vehikel zur Verbesserung demokratischer Strukturen sein.

Frauen in diese Entwicklung ganz bewusst einzubinden, könnte als ein zusätzlicher großer Anschub in Richtung Demokratisierung einer Gesellschaft verstanden werden. Chancengerechtigkeit, wie sie von der OECD verstanden und verbreitet wird, meint gleichen Zugang zu den Bildungsinstitutionen für alle Kinder, unabhängig von Geschlecht und sozialer Herkunft, sie meint aber nicht die Gleichheit der Ergebnisse. Individualisierte Begabungsförderung für Burschen und Mädchen gleichermaßen ist ein Gebot der Stunde, gerade im Schulalltag: dies würde uns auch eine bessere Früherkennung von Begabungen erlauben.

In diesem Sinne haben es sich die Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus zur Aufgabe gemacht, eine durchgängige und umfassende Struktur der Exzellenzförderung einzuführen, mit dem erkennbaren Erfolg, dass hier Exzellenz gewünscht, gesucht und gefördert wird – und Leistung bewusst auch eingefordert wird.

Durch diese Vorgangsweise entsteht auch bei jungen Menschen, die aus nichtbegüterten Familien stammen, Exzellenz in allen schulischen Anforderungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit des Projekts und sind auch bereit nach ihrer Ausbildung sogenannte Elitepositionen anzustreben, ausgestattet mit einem politischen Bewusstsein, das unter Umständen in ihrem Arbeitsfeld demokratiepolitisch positiv wirksam werden kann. Für ihre Bemühungen wurden die Hertha Firnberg Schulen 2012 mit dem „Gütesiegel für begabungs- und exzellenzfördernde Initiativen“ ausgezeichnet. Ein ganz Unverdächtiger, was falsche Eliten angeht, nämlich Karl Marx, soll gesagt haben: „Hochbegabung ist ein Geschenk der Natur an die Gesellschaft“[2] Exzellenz kann nicht den Privatschulen vorbehalten bleiben. Wir können nur dann verhindern, dass Eltern ihre Kinder in die Privatschulen schicken, wenn die öffentlichen Schulen Exzellenzprogramme anbieten und Begabungen bewusst fördern.

IV. Es lohnt sich: Das Habituskonzept der Hertha Firnberg Schulen

Pierre Bourdieu, einer der renommiertesten Soziologen des 20. Jahrhunderts, beschreibt und erklärt in beeindruckender Feldforschung nicht nur den Klassenhabitus, sondern auch den geschlechtsspezifischen Habitus und dessen Ursachen. Habitus ist nicht angeboren, er beruht auf individuellen und kollektiven Erfahrungen. Daraus resultieren bestimmte Denk- und Handlungsmuster. Habitus ist zutiefst geprägt durch die soziale Praxis der Klassifikation. Dies erzeugt Klassenzugehörigkeit, Geschlechtszugehörigkeit und andere Zugehörigkeiten. Geschlecht ist eine ganz fundamentale Dimension des Habitus, die alle sozialen Eigenschaften modifiziert. Den geschlechtsspezifischen Habitus, die jeweils gegebene Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entwickelt jeder Mensch von Beginn seines Lebens an. Das Mann-Sein und Frau-Sein wird als antagonistischer Lebensentwurf begriffen. Es sind entgegengesetzte Identitäten. Geschlechtliche Unterscheidung ist das Ergebnis von Arbeit, die aus Vereinfachungen, Ausschließungen, aus Unterdrückung von Uneindeutigkeiten entlang einem antagonistischen Schema von männlich und weiblich entsteht. Weibliche Dispositionen bei einem Burschen und männliche bei einem Mädchen werden systematisch unterdrückt. Die Frauenbewegung hat im letzten Jahrhundert große Erfolge erzielt und wir sind in den Industrieländern nun so weit, dass wir die frühe Sozialisation zum Frau-Sein und Mann-Sein wissenschaftlich ansehen und Wege suchen, wie die veralteten und behindernden Geschlechterrollen grundsätzlich aufgebrochen werden können, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen, sondern auch wegen der „Nutzbarmachung“ von vielfältigen Talenten beider Geschlechter. Die Einengung durch die tradierten Muster schneidet Männer und Frauen von den jeweils anderen Talententwicklungen und Ressourcenbildungen und vor allem Lebensentwürfen ab. Eine moderne Gesellschaft kann sich diesen Luxus nicht mehr leisten. Rechtlich Erreichtes auch praktisch zu sichern, ist heute die große Herausforderung.

Der Auftrag der Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen, eine umfassende Bildung mit einer intensiven Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt zu kombinieren, wird an den HFS besonders ernst genommen. Als „neutraler Raum“ bietet Schule die Möglichkeit, dass Schüler*innen unterschiedliche Habitusformen ausprobieren und ihre „Habitusfehler“ unter permanenter Anleitung ihrer Lehrkräfte reflektieren können, ohne die eigene Herkunft und die damit verbundene habituelle Prägung zu verleugnen. Eine tagtägliche produktive Auseinandersetzung, die immer neuer Verhandlung bedarf.

Es wäre gewissenlos, jungen Menschen vorzumachen, dass gute Jobs ohne Anstrengung und Leistung zu haben wären. Gerade junge Menschen aus bildungsfernen Familien brauchen den Rückenwind der Schule, um den Mehrwert von Bildung zu erkennen und ein Studium überhaupt anzustreben. Vom ersten Schultag an durchlaufen daher die Neuankömmlinge ein Programm zur Persönlichkeitsentwicklung und Habitusschulung, das von einer einwöchigen Schuleingangsphase bis hin zum Karrierecoaching im letzten Jahrgang reicht. Die vielseitigen Karrieren der Absolvent*innen der HFS sowohl in der Privatwirtschaft als auch in öffentlichen Institutionen zeigen deutlich, dass sich dieser Einsatz lohnt.

V. Alle reden davon, die HFS tun’s: Junge Frauen (und Männer) für MINT begeistern

Die Gleichstellung von Frauen und Männern war seit der Schulgründung der HFS ein Motor für die Schulentwicklung. Das Motto „Wenn die Mädchen nicht zur Technik kommen, kommt die Technik zu den Mädchen“ haben die HFS ernstgenommen und ein beeindruckendes Programm entwickelt, das Hindernisse für Frauen, in MINT-Ausbildungen einzusteigen.

Kommunikations- und Mediendesign (KOMD)

Dieses Programm wurde vor ca. 15 Jahren in Kooperation mit der Fachhochschule Technikum Wien (FHTW) als Schulversuch unter dem klingenden Namen „Celebrating Science & Technology“ gestartet. Dieser Schulversuch konnte 2015 als „Kommunikations- und Mediendesign“ in den Regellehrplan übernommen werden. Obwohl einige schmerzhafte Abstriche nötig waren, konnten schulautonom der Fokus auf „Technisches Design“, das ist die Basis für den FH-Bachelor Informatik, gelegt werden, ein USP im Vergleich zu den anderen KOMD-Schulstandorten in Österreich.

Das Highlight dieser Ausbildung ist, dass ca. 1/5 der 5-jährigen Ausbildung an der FHTW stattfindet – sprich 1 Tag pro Woche. So wird v. a. jungen Frauen, aber auch Burschen die Schwellenangst vor einer komplexen technischen Ausbildung genommen. Sie lernen die FH schon im Alter von 14 Jahren von innen kennen, nicht nur bei Open Days oder bei vereinzelten MINT-Workshops, ihr Benefit ist eine reflektierte Sozialisation in den MINT-Fächern (in Bezug auf typische Fachkultur und Habitus) auf Hochschulniveau.

Am Anfang war der Gegenwind von vielen Seiten groß und auch die Anmeldezahlen waren sehr gering – jetzt ist es die erfolgreichste Ausbildung der HFS und das Geschlechterverhältnis ist hier nahezu ausgeglichen – ein Vorteil für diese Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe (HLW), die immer noch als Mädchenschule bekannt ist und ein Vorteil für den Schulstandort insgesamt, denn die Ausbildung wirkt der geschlechtsspezifischen Segregation des Schultyps entgegen und verhindert so – wie sich an den Abgängerinnen zeigt – die geschlechterstereotype Studien- und Berufswahl der jungen Frauen.

Eva Luftensteiner und Sanna Friedrich © Bernhard Moritz

Zwei Schülerinnen des KOMD-Zweiges, Eva Luftensteiner und Sanna Friedrich, formulierten dies bei der Veranstaltung am Schulstandort „STEAM AHEAD – Bildung & Wirtschaft im Dialog“ am 16.01.2024 so:

Eva Luftensteiner: „Ich habe mich vor 5 Jahren für den KOMD-Zweig entschieden, weil mich die große Vielfältigkeit des Programms sehr angesprochen hat. Mit 14 Jahren war ich noch sehr unsicher, in welchem Bereich ich später arbeiten möchte, daher fand ich diese Fächerkombination aus unterschiedlichen Bereichen sehr interessant. Im Laufe der letzten 5 Jahre habe ich viel im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich gelernt und mir auch viele IT-Kenntnisse angeeignet. Durch die vielen Projekte und die Zusammenarbeit mit Profis aus der Film- und IT-Branche ist mir klar geworden, dass Kreativität, logisches Denken und technisches Know-How zusammengehören.“

Sanna Friedrich: „So wie Eva habe ich den KOMD-Zweig hier an der Schule wegen seiner Vielfältigkeit gewählt – auch ich war mit 14 noch sehr unschlüssig, welcher Bereich mich später interessieren könnte: und die Mischung aus NAWI, Film & Foto, Sprachen, Wirtschaft hat mich sehr angesprochen – und vor allem die Möglichkeit, dass wir professionelles, selbstbewusstes Auftreten fünf Jahre lang in unterschiedlichen Settings trainieren. Wenn ich den KOMD-Zweig nicht entdeckt hätte, hätte ich vermutlich nie eine MINT-Ausbildung gewählt – eine HTL wäre für mich damals nicht in Frage gekommen – weil mir das Schulklima an einer HLW bzw. FH persönlich mehr liegt und mir die Habitus-Schulung hier am Standort sehr wichtig ist.“

Die Voraussetzung für den Erfolg des Programms war, dass sich die Schule die Möglichkeit erkämpft hat, schulautonom eine Ausbildung zu gestalten, die die Erfolgsfaktoren einer HLW – Sprachen, Wirtschaft, Allgemeinbildung – mit einer MINT-Ausbildung verknüpft. Durch diese relativ große Schulautonomie konnten im MINT-Bereich Vernetzungen zwischen unterschiedlichen Wissensbereichen geschaffen und die Lehrinhalte immer aktuell gehalten werden. Diese Schulautonomie ist enorm wichtig und sollte in Zukunft ausgebaut werden. Die Erfahrung lehrt, dass es ideal ist, wenn in den Lehrplänen 25 % der Stundenanzahl im schulautonomen Bereich liegen – also eine echte Ausweitung der Schulautonomie, die noch mehr Förderung der Schüler*innen in den Schwerpunkt-Fächern erlaubt. Die KOMD-Klassen haben die Schulkultur der HFS positiv verändert und die MINT-Fächer in den Rang eines attraktiven Schwerpunktfaches gehoben. In dieser förderlichen Schulkultur ist Empowerment für Mädchen und Burschen gleichermaßen möglich.

VI. Nur so kann echte Frauenförderung in der Technik gelingen

Umfassende Bildung als wesentliche Voraussetzung für das Interesse an nicht weiblich konnotierten Berufen muss allerdings konsequent in sehr frühem Alter in einem Sozialisierungsprozess vorbereitet werden. Ein „girlsday“, wie er gerne von sozialdemokratischen (jetzt auch konservativen) Frauen- und/oder Bildungsminister*innen angeboten wurde, kann diesen notwendigen Sozialisierungsprozess vielleicht unterstützen, aber definitiv nicht ersetzen. Wenn wir echte Frauenförderung in der Technik wollen, brauchen wir gerade in allen Schulstufen eine breit angelegte Initiative, die herkömmlichen Rollenbildern entgegenwirkt. Die strikte Trennung von Höheren Technischen Lehranstalten (HTLs) und Höheren Lehranstalten für wirtschaftliche Berufe (HLWs) stehen diesem Anliegen entgegen. Sie tradieren nach wie vor die längst überholten weiblichen und männlichen Interessensfelder und tragen so zur Segregation des Arbeitsmarktes bei.

Innovative Schulen dürfen nicht durch starre Strukturen eingeschränkt werden – wir brauchen mehr Flexibilität. Gerade in den Berufsbildenden höheren Schulen (BHS) schränken die starren Stundentafeln oft innovatives pädagogisches Handeln zum Nachteil der Schüler*innen ein – hier braucht es auch wegen der Schnelllebigkeit des digitalen Wandels echte Schulautonomie in der Lehrplangestaltung und ein Commitment der Bildungspolitik, Erfolgsmodelle wie dem „hybriden Modell“ der Hertha Firnberg Schulen nicht nur eine Plattform in der Öffentlichkeit zu bieten, sondern auch andere Schulen zu ermächtigen, dieses Modell zu imitieren.

Wenn Schulen das entsprechende Know-how in ihrem Lehrkörper mitbringen, sollten sie unabhängig vom bisherigen vorgegebenen Lehrplan Hybridangebote machen dürfen. Das bedeutet, dass sie untypische Fächerkombinationen autonom schaffen dürfen, die in keinem vorgegebenen Schultyp so angeboten werden. Kooperationen mit technischen Lehranstalten bis hin zu technischen Fachhochschulen könnten diese Anliegen kompetent unterstützen. Der Kampf um Schüler*innen darf nicht in einen Konkurrenzkampf münden, der das Hauptziel, nämlich Gleichstellungsbemühungen zu unterstützen, untergräbt.

Echte Innovationen werden von einer gesellschaftspolitischen Überzeugung getragen. Eine Trendwende hin zu einer geschlechtergerechten und ungleichheitssensiblen Gesellschaft ist nur dann möglich, wenn wir als Gesellschaft den Schulen flexiblere Strukturen bieten und konservative Mindsets aufbrechen.

VII. Conclusio

Lassen wir abschließend Sanna Friedrich nochmals zu Wort kommen:

Sanna Friedrich: „In den letzten drei Jahren habe ich an der Schule gelernt, was Social Responsibility bedeutet: es bedeutet, dass wir alle – die Schüler*innen, Lehrkräfte und unsere Direktorin für die Gestaltung des Schullebens verantwortlich sind und gemeinsam das Lernen gestalten. Potenzialförderung wird in der Schule großgeschrieben: das sind zwei Dinge: einerseits die Förderung von Schüler*innen mit Wissensdefiziten und andererseits die Förderung von Begabungen und besonderen Interessen: beide Bereiche sind gleich wichtig und das passiert bei uns am Standort. Und es ist wichtig, dass wir einander Mut machen für Neues jenseits etablierter Geschlechterbarrieren. Für uns junge Menschen ist das besonders wichtig – niemand soll in seiner Filterbubble gefangen bleiben – Perspektiven öffnen für neue Entwicklungen – diese gewinnbringend nutzen – das ist für mich der beste Weg, um Frauen und Männern neue Wege aufzuzeigen.“

Marlies Ettl im Rahmen der Veranstaltung „STEAM AHEAD – Bildung & Wirtschaft im Dialog” © Bernhard Moritz

Ich bedanke mich bei Ulrike Zwinger, Verena Unger, Ilse Bartosch und Viktoria Kriehebauer, unserer Schulgründerin, für die vielen inhaltlichen Anregungen in zahlreichen Gesprächen und Arbeitssitzungen, die diesen Text überhaupt erst möglich gemacht haben!

MARLIES ETTL

ist Schulleiterin der Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus (HFS). . Sie ist auf unterschiedlichen Ebenen in der Frauenpolitik tätig und seit langer Zeit aktive Feministin. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der NGO Terre des Femmes Österreich (www.terredesfemmes.at).  Weitere Informationen online unter: http://www.firnbergschulen.at/ (letzter Zugriff: 01.03.2024).


[1] Vgl. Wölke, Gabriele (1980): Eliten in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Rückkehr eines Begriffs, in: Beiträge zur Gesellschafts- und Bildungspolitik. Hrsg. v. Institut der deutschen Wirtschaft 54, Heft 6, 51.

[2] Zitiert nach Urban, Klaus K. (2004): Eliten in Deutschland. Hochbegabtenförderung und Elitenbildung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Band 10/2004, 34, kostenlose PDF online unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/28471/eliten-in-deutschland/#content-indexm (letzter Zugriff: 01.03.2024). Das Heft gibt einen ausgezeichneten Überblick über die Debatte.