Im Interview mit BARBARA TEIBER diskutieren MARLIES ETTL und VIKTORIA KRIEHEBAUER von Terre des Femmes Österreich (TDFÖ) mit der Vorsitzenden der Gewerkschaft GPA die aktuelle Rolle von Frauen in der europäischen Gewerkschaftsbewegung. Das Interview wurde am 09. Jänner 2025 geführt.
Terre des Femmes: Wie war Dein Werdegang zur Vorsitzenden der GPA? Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das Dich zum gewerkschaftlichen Kampf geführt hat?
Barbara Teiber: Es gibt kein wirkliches Schlüsselerlebnis. Ich war wie viele andere Sozialdemokrat:innen auch die erste in meiner Familie, die die Matura gemacht hat und mir war schon in jungen Jahren bewusst, wie unterschiedlich die sozialen Voraussetzungen je nach Elternhaus waren: Ich hatte Freund:innen mit wohlhabenden Eltern und habe erlebt, welche Startvorteile sie dadurch für ihr Leben hatten. Nicht nur was das Finanzielle betrifft, auch die sozialen Netzwerke, über die sie verfügten. Ich war Schulsprecherin und schon sehr bald aktiv in der Sozialistischen Jugend (SJ), da ich schon damals bestrebt war, konkret das Leben von Menschen zu verbessern. Schon damals in der SJ war ich nicht so sehr an theoretischen Diskussionen über Marx und Engels interessiert; mich interessierte, wie Politik gemacht werden kann, damit es den Leuten morgen besser geht. Das war immer mein Ansatz und ich hatte schon früh den Wunsch in der Arbeiterkammer oder in der Gewerkschaft tätig zu sein.

Durch Zufall kam ich dann auch in die Gewerkschaft GPA: Norbert Scheed, der damalige Landessekretär der GPA Wien, hat mich zu einem Gespräch gebeten und mir die Position als Frauensekretärin angeboten. Ich war mit meinen 23 Jahren auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der damals neu etablierten GPA. Obwohl ich eigentlich nur einen Teilzeitjob neben dem Studium gesucht habe, habe ich diese außerordentliche Chance wahrgenommen und bei der GPA zu arbeiten begonnen. Ich wurde in der Folge politische Sekretärin von Wolfgang Katzian, dem damaligen Bundesvorsitzenden der GPA. Dann bin ich Sandra Frauenberger, die Wiener Frauenstadträtin wurde, als Bundesfrauensekretärin nachgefolgt. Einige Zeit später wurde ich gefragt, ob ich Geschäftsführerin der GPA Wien werden möchte, einer Organisationseinheit mit über 60 Beschäftigten, zuständig für die Betreuung und Beratung von 1.500 Betriebsratskörperschaften. Eine Herausforderung war damals auch, dass 90 Prozent meiner Kolleg:innen in der Abteilung älter und schon erfahrener als ich waren. Wenn ich gefragt wurde, ob ich einen Job machen will, konnte ich selten nein sagen, obwohl ich immer daran gezweifelt habe, ob ich mir das selbst zutraue und ob ich die Voraussetzungen für die angebotenen Funktionen erfülle. Im Endeffekt habe ich immer zugesagt, auch als ich von Wolfgang Katzian, als klar war, dass er ÖGB-Präsident wird, gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, ihm als GPA-Vorsitzende nachzufolgen.
Mein gesamter Werdegang bis an die Spitze der GPA war von mir nicht geplant. Ich hatte nie einen Karriereplan oder eine Führungsfunktion angestrebt. Ich hatte immer attraktive Angebote, die ich angenommen habe und viele Unterstützer:innen.
T. d. F.: Uns interessiert, warum der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Frauen trotz hoher Frauenerwerbsquote so gering ist und welche Empfehlungen Du geben würdest, wie mehr Frauen in Spitzenfunktionen der Gewerkschaften kommen können. Denn: Demokratie braucht auch Demokratinnen. Welche Barrieren der politischen Kultur für Frauenkarrieren in Politik und Gewerkschaften und welche Ansätze für ihre Veränderung siehst Du?
Barbara Teiber (c) GPA
B. T.: Wir haben einen hohen Frauenanteil in der GPA und er steigt kontinuierlich. Ich führe das darauf zurück, dass wir uns als „Multibranchen-Gewerkschaft“ ganz intensiv jener Branchen annehmen, in denen viele Frauen arbeiten – wie z. B. Handel und Pflege. Meine Funktion als Bundesfrauensekretärin habe ich unglaublich gern gemacht. Ich weiß aber, wie wichtig es ist, dass wir Frauen auch andere Funktionen anstreben, uns möglichst viele Kompetenzen aneignen und die unterschiedlichsten Funktionen übernehmen sollten. Es braucht hier eine neue Normalität. Denn ich glaube zwar, dass das Konzept der Frauengremien in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren richtig und wichtig war, wir aber jetzt einfach mehr brauchen.
Mein Ansatz, den ich auch in der GPA umsetze: Das Wichtigste ist, dass wir Frauen alle Bereiche durchdringen und uns nicht nur auf die Frauenpolitik und auf unsere Mitarbeit in ausgewiesenen Frauengremien beschränken; das hemmt uns teilweise sogar und nimmt uns die Energie, die wir für andere Bereiche brauchen würden.
Ich habe daher in der GPA bewusst Akzente gesetzt, dass die größten Kollektivverträge von Frauen an der Spitze verhandelt werden: der Kollektivvertrag (KV) SWÖ („Sozialwirtschaft Österreich“), ein Bereich, zu dem auch die Pflege und die Sozialarbeit gehören, wird von zwei Frauen verhandelt, auch der KV „Handel“ wird jetzt schon seit mehreren Jahren von einer Frau verhandelt und bei den Verhandlungen des IT-Kollektivvertrags steht ebenfalls eine Frau an der Spitze. Ich motiviere auch unsere Frauensekretärinnen, wichtige Kollektivverträge zu verhandeln und dort dabei sein zu wollen, wo sich dann wirklich im realen Leben etwas für Frauen verbessert. Ich sehe darin eine Chance auch als Vorbild zu fungieren, denn viele Frauen in der Gewerkschaft werden so an der Spitze und mit konkreter Verhandlungsmacht sichtbar – das ist sehr wichtig.
T. d. F.: Der ehemalige Generalsekretär der kommunistischen Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) Frankreichs sagte: „Die CGT ist nicht machistisch, es gibt aber immer noch zu viele Machos in der CGT“. Seine Nachfolgerin Sophie Binet fordert eine Erneuerung ihrer Gewerkschaft im Sinne einer CGT féministe. Wie sieht das Verhältnis „Gewerkschaft und Frauenbewegung“ in Österreich aus? Was müsste sich aus Deiner Sicht in punkto Gleichstellung in der Gewerkschaft ändern?
B. T.: Genauso wie ich das in der Wirtschaft wahrnehme, dominieren auch in der österreichischen Gewerkschaft immer noch Männernetzwerke, vieles wird weiterhin unter Männern ausgemacht, weil es in der ersten Ebene immer noch eine Dominanz von Männern gibt. Ich nehme hier aber eine Veränderung wahr und nehme für uns als GPA in Anspruch, dass wir Treiber:innen dieser Veränderung sind. Es ist auch ein Kulturwandel beobachtbar: Während früher in Gewerkschaften viel im inoffiziellen Rahmen passiert ist, ist heute vieles professionalisiert und institutionalisiert. In solchen offiziellen Rahmen ist besser kontrollierbar, dass Qualifikationen über privaten Netzwerken stehen.
T. d. F.: Gibt es ein Förderprogramm für Frauen, mit dem Ziel Frauen an die Spitze zu bringen?
B. T.: Es gibt Mentoringprogramme, ja. Meine Wahrnehmung ist, dass es noch immer in ganz vielen Betrieben, auch wenn sie frauendominiert sind, männliche Betriebsratsvorsitzende gibt und die Frauen in Betriebsräten unterrepräsentiert sind. Die Gewerkschaft hat in den Betrieben aber kein Mitspracherecht bei der Aufstellung der Betriebsratslisten.
Da fängt’s aber an, denn das sind dann die Funktionär:innen in der Gewerkschaft. Wir haben in der GPA eine durchgängige Geschlechterquote. Je nachdem wie viele weibliche und männliche Mitglieder es in der Branche gibt, müssen bei uns auch die Gremien dementsprechend besetzt sein. Wenn wir aber dann, wie beispielsweise in der Sozialversicherung, überwiegend nur männliche Vorsitzende haben, würden sie uns bei oft großen Betrieben und also auch bei den großen Kollektivvertragsverhandlungen fehlen. In der Praxis würden wir uns viel leichter tun, wenn sich mehr Frauen für die Betriebsratstätigkeit engagieren würden.
T. d. F.: Eine der wichtigsten Anliegen der Frauenbewegung ist der gleiche Lohn für vergleichbare Arbeit. Die EU-Transparenzrichtlinie ist eine wichtige Vorgabe für Gewerkschaftspolitik im nationalen Rahmen. Ab wie vielen Mitarbeiter:innen müssen Betriebe in Österreich in Zukunft die Löhne und Gehälter transparent machen? Alle zwei Jahre müssen große Betriebe einen verpflichtenden Einkommensbericht erstellen. Sollen Sanktionen verhängt werden können, wenn Betriebe sich weigern, diese Transparenzvorgaben zu erfüllen?
B. T.: Aktuell haben wir verpflichtende Einkommensberichte ab 150 Beschäftigten durchgesetzt. Wir setzen unsere Hoffnung in die EU-Transparenzrichtlinie, die Einkommensberichte für Betriebe ab 100 Beschäftigten vorsieht. Wir als Gewerkschaft fordern sie ab 50 Beschäftigten. Wichtiger als die Anzahl der Beschäftigten ist aus meiner Sicht die Frage, was mit den Ergebnissen dieser Berichte passiert. Welche Maßnahmen gesetzt werden könnte durch das Arbeitsverfassungsgesetz geregelt werden: Dass ähnlich wie bei den Wirtschaftsgesprächen, die quartalsmäßig stattfinden, Gespräche verpflichtend mit der Unternehmensführung bzw. mit den Personalist:innen stattfinden müssen. Im Anschluss daran müssen entsprechende Maßnahmen gesetzt werden. Die Berichte allein werden nichts an der Situation ändern.

T. d. F.: Können Mitarbeiter:innen beim Betriebsrat konkrete Namen erfragen bzw. Nachfragen stellen?
B. T.: Nein, nie. Der Betriebsrat darf keine Auskünfte erteilen, wie viel A oder B verdient. Die Gehaltsoffenlegungen sind eine heikle Sache. In der Frage der Offenlegung der Gehälter, die nicht nur Frauen zugutekäme, gibt es viel Widerstand. Wenn wir mit den Betriebsrät:innen reden, ist die Unterstützung dafür überschaubar. Dass ein Geheimnis um den eigenen Verdienst gemacht wird, ist stark in der österreichischen Kultur verankert. Deshalb finden wir mit unseren aus meiner Sicht richtigen und wichtigen Forderungen oft keinen Anschluss.
T. d. F.: Das heißt, die österreichische Gesellschaft ist insgesamt konservativ. Denn in Island z. B. ist diese Offenlegung der Gehälter kein Thema. Es herrscht dort auch ein anderes Frauenbild, das international als Vorbild gesehen wird. Rückblickend gesehen war die Kreisky-Ära das letzte Zeitfenster für Veränderung, für Fortschritt.
B. T.: Ja, in Österreich sind wir sehr konservativ, leider anders als in Island. Das betrifft auch die Sozialdemokratie. Es ist ein schwieriges Abwägen, wo Du anschlussfähig bleibst. Das sehen wir bei dem aktuellen Backlash.
T. d. F.: Dann sind wir auch beim Thema, warum Frauen heute freiheitlich wählen. Die meisten Frauenstimmen bei der letzten Nationalratswahl waren bei der FPÖ. Warum ist das so? An zweiter Stelle kam die ÖVP und die SPÖ kam erst an dritter Stelle. Wir waren einmal zu Zeiten Johanna Dohnals DIE Frauenpartei. Dieses Vertrauen haben wir verloren. Es ist ein riesiges Problem, dass unsere Frauenpolitiker:innen da nicht schon früher gegengesteuert haben. Und wenn sie darauf angesprochen werden, sind sie hilflos und wissen nicht, warum das so ist und was man tun könnte.
B. T.: Meiner Meinung nach ist das Thema Sicherheit maßgeblich für das Wahlverhalten der Frauen verantwortlich. Wenn mir Betriebsrät:innen, Frauen und Männer, erzählen, dass ihre Töchter ‚angemacht‘ werden; dass Angst vor Gewalt zunimmt, dann ist das schon bedenklich. Einige Frauen werfen uns hier zu große Toleranz und Verständnis vor, während wir ihre Sorgen und Bedürfnisse kaum kennen und beachten. Sie glauben uns nicht mehr, dass wir gewährleisten können, dass sie sicher und selbstbestimmt durch die Welt gehen können. Das ist ein Thema, das wir wirklich sehr ernst nehmen müssen.
T. d. F.: Apropos gewerkschaftliche Jugendarbeit in Schulen: 36 % der Männer aber nur 24 % der Frauen konnten bei Berufsantritt über die Höhe ihres Gehalts verhandeln. Frauen sind offensichtlich weniger fordernd bei Gehaltsverhandlungen. Daher ist es sehr wichtig, schon früh, vielleicht auch an Schulen, zu informieren, wie sie mehr Gehalt einfordern können. Welche Maßnahmen setzt hier die GPA?
B. T.: Leider reichen unsere Personalressourcen nicht aus, um flächendeckend in allen Schulen zu referieren und so konzentrieren wir uns auf die Berufsschulen.Die Jugendarbeit der GPA für Lehrlinge ist vielfältig. Sie reicht von der Aufklärungsarbeit mittels zahlreicher Broschüren über den Kollektivvertrag, die Gehaltsverhandlung bis zur rechtlichen Vertretung ihrer Mitglieder. Unter anderem waren wir auch in ganz Österreich aktiv, um möglichst vielen berufstätigen Frauen und potenziellen Berufseinsteiger:innen Mut zu machen, aktiv zu werden und mehr Gehalt einzufordern. Wir haben auch – besonders im Hinblick auf junge Frauen – mehrere Online-Tools entwickelt, mit denen Gehaltsverhandlungen geübt werden können:
Online-Tool Ich mach mich stark © GPA, online unter: https://www.gpa.at/die-gpa/jobstart (letzter Zugriff: 01.05.2025).
Eine solches Tool ist auch Auf die Plätze, fertig Job! – 10 Tipps für deinen neuen Job,
das online unter https://www.gpa.at/die-gpa/jobstart genutzt werden kann.
Darüber hinaus haben wir auch mehrere Broschüren entwickelt, die auf unserer Website zum Download bereitstehen.
T. d. F.: Was ist Dein wichtigstes Thema für die nächste Regierungsperiode?
B. T.: Wir müssen die Fürsprecher:innen der Arbeitnehmer:innen, Pensionist:innen, der Vielen im Land sein, aber auch derer in der Wirtschaft, die nicht nur von Egoismus getrieben sind, sondern auch ‚das große Ganze‘ sehen. Es muss uns gelingen, Wähler:innen anzusprechen, die jetzt ÖVP und FPÖ gewählt haben, um neue Mehrheiten zu zimmern.
T. d. F.: Hat Andreas Babler diese Themen ausreichend dargelegt und bei den Koalitionsverhandlungen nachvollziehbar erklärt? Was meinst Du z. B. zur Forderung nach einer 32-Stunden-Woche?
B. T.: Arbeitszeitverkürzung zum Thema zu machen war und ist richtig, konkret die 32-Stunden-Woche zu fordern, halten viele Wähler:innen aber für überzogen, das kann ich nachvollziehen.
T. d. F.: Die Arbeitszeitverkürzung für alle führt zur Reduzierung der Teilzeit bei Frauen. Welche Haltung nimmt die GPA in dieser Frage ein?
B. T.: Als Gewerkschaft kämpfen wir immer für eine Reduktion der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Wir machen das auch bei den KV-Verhandlungen zum Thema. Wir haben in vielen Bereichen bereits weniger als 40-Stunden pro Woche, im Sozialwirtschaftsbereich sogar die 37-Stunden-Woche durchgesetzt. Zweifellos wäre es für viele Frauen besser, mehr Stunden zu arbeiten, auch um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können und Altersarmut entgegenzuwirken. Die Frage ist, ob es unbedingt 38 oder 40 Stunden sein müssen. Aber 30 bis 35 Stunden wäre ein Ziel. Die ÖVP hat nur eines im Fokus: Überstunden steuerfrei zu stellen und das ist überhaupt nicht hilfreich. Der Gender Pay Gap würde noch größer werden, wenn wir Überstunden attraktiver machen, und das würde das überlange Arbeiten in Wahrheit fördern. Das ist weder gesund noch hilfreich, vor allem für Frauen nicht.
Arbeitszeit zu reduzieren, gerade in Arbeitsbereichen, die physisch und psychisch schwer belastend sind, um es den Menschen zu ermöglichen, bis ins gesetzlich vorgeschriebene Pensionsalter unversehrt ‚durchhalten‘ zu können, ist unsere Aufgabe. Dass es einmal nach vielen Jahrzehnten eine Reduzierung der gesetzlichen Normalarbeitszeit braucht, ist klar. Das kann nur Schritt für Schritt gehen, aber 38 Stunden ist im Rahmen einer Legislaturperiode ein Ziel über Etappen hinweg.
Eine reine Arbeitszeitverkürzungsdebatte greift meiner Meinung nach aber zu kurz, wenn sie sich auf die Reduktion der Stunden allein beschränkt. Es braucht auch Debatten über mehr Arbeitszeitqualität und längere Erholungsphasen. In Wirklichkeit hat sich die Arbeitszeit de facto verlängert, Stichwort: Urlaub, da aufgrund der großen Fluktuation in den Betrieben der Anspruch auf eine sechste Urlaubswoche von vielen nicht mehr erreicht wird.
Apropos Teilzeitbeschäftigte: Es war kurios, wie im vergangenen Wahlkampf auf die Teilzeitbeschäftigten losgegangen wurde, ohne über die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die dazu führen, hinzuweisen. Das Bashing der Teilzeitbeschäftigten durch Wirtschaftsminister Kocher, der forderte, ihre Sozialleistungen zu kürzen, war hier einer der absoluten Tiefpunkte. Diese Forderung beträfe vor allem die mehr als 50 % österreichischen Frauen, die in Teilzeit arbeiten, daher wenig verdienen und zusätzlich unbezahlt die Care-Arbeit, sprich Betreuungs- und Pflegearbeit, schultern. Abgesehen davon sind Versicherungsleistungen keine karitativen Sozialleistungen: Arbeitslosengeld, Krankengeld und Pension stehen abgabefinanziert zu.
Teilzeit ist kein Privileg, sie ist negativ für ein selbstbestimmtes Leben und wirkt sich sowieso negativ auf die Sozialleistungen aus, da Teilzeitbeschäftigte niedrigere Beiträge einzahlen und daher auch weniger Sozialleistungen bekommen. Der Genderpension Gap – Frauen erhalten 41,1 Prozent weniger Pensionen – lässt sich darauf genauso zurückführen wie die hohe Frauenarmut.

online unter: https://terredesfemmes.at/ (letzter Zugriff: 01.05.2025).
T. d. F.: Kommen wir zu Terre Des Femmes Österreich (TDFÖ), unsere NGO, die allen Formen von Gewalt an Frauen und Mädchen wie Female Genital Mutilation (FGM) – also weibliche Genitalverstümmelung – häusliche Gewalt, Gewalt im Namen der Ehre, Prostitution etc.) den Kampf ansagt. Gibt es aus Deiner Sicht thematische Überschneidungen zwischen der GPA und den Forderungen von TDF Österreich? Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen ist bekanntlich der beste Gewaltschutz. Welche Maßnahmen setzt die Gewerkschaft im betrieblichen und gesellschaftlich relevanten Gewaltschutz?
B. T.: Die GPA unterstützt die weltweite Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Die Forderung nach finanzieller Unabhängigkeit und sicheren Arbeitsplätzen, damit Frauen sich ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben leisten können, gipfelt im Kampf gegen den Gender Pay Gap – es ist dringend notwendig die Einkommensschere zu schließen. Die Sicherheit im Betrieb und die Bekämpfung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz hat Priorität. Die Betriebsräte entwickeln vor Ort in den Betrieben konkrete Maßnahmen gegen die Tabuisierung von Gewalt am Arbeitsplatz und informieren zusätzlich durch zahlreiche Broschüren zu effektiver Prävention und die geltende Rechtslage.
T. d. F.: Terre Des Femmes Österreich (TDFÖ) steht für den abolitionistischen Ansatz in der Bekämpfung der Prostitution und setzt sich für die Freierbestrafung (à la „Nordisches Modell“) und für konkrete Ausstiegsszenarien für von Prostitution betroffenen Frauen ein. Wie steht die Gewerkschaft zu dieser Frage? Wie siehst du deren Einstufung als „Sexarbeiterinnen“ und deren Unterstützung mit gewerkschaftlichen Mitteln, also die Verteidigung der „Rechte“ von Sexarbeiterinnen, die Legitimierung ihrer „Arbeit“, das demokratisches Recht, sich in der Öffentlichkeit zu äußern etc. … Das EU-Parlament hat sich ja vor Kurzem für das Nordische Modell ausgesprochen.
B. T.: Das Thema Sexarbeit und Gewerkschaft ist ein kompliziertes. Aus meiner Sicht können Sexarbeiterinnen keine Angestellten sein, da sie ihrem Arbeitgeber gegenüber nicht pflichtschuldig sein können – er kann sie ja nicht rechtlich zum Verkauf von Sex zwingen. Das schließt aber natürlich die gesetzlichen Schutzmechanismen für Arbeitnehmer:innen aus. Gleichzeitig ist auch die Organisation von Sexarbeiterinnen im Sinne einer gewerkschaftlichen Gruppe schwierig, weil das Gegenüber ja kein einheitlicher Arbeitgeber oder gar Arbeitgeberverband ist.
T. d. F.: Frausein allein genügt in keinem Bereich, um Verbesserungen für Frauen zu bewirken, wie man an Alice Weidel, Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder Kaja Kallas – seit 2024 EU-Außenbeauftragte und Vizepräsidentin in der Kommission von der Leyen – sehen kann. Wir haben zurzeit eine große Anzahl von „rechten“ Frauen an der Spitze von Parteien. Ist es ein Kalkül, dass diese Parteien Frauen an die Spitze setzen, damit ihre Forderungen besser durchgehen, weil eine Frau diese Themen besser vertreten kann?
B. T.: Ich habe nicht den Eindruck, dass Frauen als Politikerinnen automatisch besser ankommen als Männer. Eher haben sie es schwerer. Ich würde daher kein Kalkül annehmen. Nur weil jemand eine Frau ist, ist sie nicht automatisch progressiv. Bei Rechten und Konservativen setzen sich eben gerade vermehrt Frauen in Führungspositionen durch.
T. d. F.: Wie sieht grundsätzlich Dein „Selbstverständnis als Gewerkschafterin“ aus? Gibt es Deiner Meinung nach eine besondere politische Verantwortung der Gewerkschaft für gesellschaftspolitische Entwicklungen wie feministischer Backlash, weltweiter Rechtsruck, Zunahme von militärischen Konflikten, Klimakrise etc. Sind das auch Deine Themen, obwohl sie im engsten Sinne des Wortes keine Kernthemen des gewerkschaftlichen Kampfes sind und eher dem Verantwortungsbereich von Politiker*innen zuzurechnen sind?
B. T.: Die österreichische Gewerkschaftsbewegung hatte immer einen gesellschaftspolitischen Anspruch und hat sich nie nur auf das Betriebliche und auf die Kollektivvertragsverhandlungen beschränkt. Wir sind eine sehr politische Gewerkschaftsbewegung, wir haben den Sozialstaat erdacht und aufgebaut. Wir haben immer gesagt, dass ein gutes Leben für Arbeitnehmer*innen nicht nur im Betrieb und über Kollektivverträge erkämpft werden kann.
Im vergangenen Herbst hat die GPA eine „Anti-Lohnnebenkostenkürzungs-Kampagne“ gemacht. Vielen, selbst in der Sozialdemokratie, ist nicht bewusst, dass mit den vielen Kürzungen der Lohnnebenkosten unser Sozialstaat in Gefahr gerät. Unsere Gesundheitsversorgung, Pension u. v. m. droht nicht mehr finanziert werden zu können. Mit dem Aufstieg von Jörg Haider sind sehr viele junge Leute in unsere sozialdemokratische Bewegung gekommen, die sich gegen rechts einsetzen wollten. Das ist zu begrüßen, aber Sozialdemokratie ist mehr als der Kampf gegen rechts. Es geht um das Verständnis dafür, wie solidarische Systeme aussehen, wie diese finanziert werden, dass nichts allein nur aus einem individuellen Blickwinkel betrachtet werden kann und es kollektive Lösungen im Interesse der Vielen braucht. Sozialdemokratie ist mehr. Hier gibt es bei vielen sehr geringe inhaltliche Unterfütterung. Gerade an den Themen, wie wird der Staat finanziert, wer leistet welchen Beitrag dazu, wie ist das solidarische Versicherungssystem aufgebaut, wird das mehr als deutlich.
T. d. F.: Die Gewerkschaft sollte die Lohnnebenkosten-Debatte verstärkt trommeln. Denn in den Medien ist die Senkung der Lohnnebenkosten die vorherrschende konservative Forderung geworden, in dem Sinne, dass dadurch die Betriebe entlastet werden. Wir als Sozialdemokratie trommeln das Thema, was alles damit bezahlt wird, zu wenig. Damit kommen wir in den Medien nicht vor.
B. T.: Die Gewerkschaft informiert über das Thema verstärkt in den Betrieben. Unsere Betriebsräte kommunizieren den gewerkschaftlichen Standpunkt im Rahmen vieler Betriebsversammlungen. Für viele Kolleg:innen war die Zusammensetzung der Lohnnebenkosten durchaus Neuland. Die Gewerkschaft ist bemüht in Versammlungen der gesamten Belegschaft Themen von gesellschaftspolitischer Relevanz, wie jenes der Senkung der Lohnnebenkosten, verstärkt zu kommunizieren. Es gibt selbst in unseren Reihen viel Aufklärungsbedarf. Unsere nächsten Aktionen werden zum Thema Pensionen sein, um der aktuellen Debatte über Verschlechterungen im Pensionssystem entgegenzuwirken.
T. d. F.: Der Ukrainekrieg ist auch ein riesiges Problem für Frauen auf beiden Seiten. Hat die GPA dazu eine Haltung entwickelt?
B. T.: Da sind wir ganz eindeutig: Wir verurteilen den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine.
T. d. F.: Liebe Genossin Teiber, liebe Barbara, wir danken Dir herzlich für das so intensive Gespräch.
BARBARA TEIBER
war von Dezember 2015 bis Juni 2018 als Mitglied der Bundesgeschäftsführung der GPA-djp zuständig für Organisation, Marketing und die Bundesjugend. Seit Juni 2018 ist sie Bundesvorsitzende der Gewerkschaft GPA.
VIKTORIA KRIEHEBAUER
hat 1982 die Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus (HFS) gegründet. Sie engagiert sich derzeit als Vorstandsmitglied der Frauen-NGO Terre des Femmes Österreich (www.terredesfemmes.at), um alle Formen der Gewalt an Frauen zu bekämpfen. Sie ist Trägerin des Käthe-Leichter-Preises und der Otto-Glöckel-Medaille.
MARLIES ETTL
war langjährige Schulleiterin der Hertha Firnberg Schulen (HFS). Seit vielen Jahren engagiert sie sich auf verschiedenen Ebenen der Frauenpolitik und ist eine profiliert auftretende Feministin. Sie ist Mitgründerin sowie stellvertretende Vorsitzende der NGO Terre des Femmes Österreich. Sie wurde mit dem Wiener Frauenpreis, dem Grete-Rehor- und dem Anton-Benya-Preis ausgezeichnet. Weitere Informationen finden Sie unter: www.terredesfemmes.at & www.firnbergschulen.at.
