Faschismus – was ist das überhaupt? Über den fehlenden Konsens in den Wissenschaften VON ARMIN PFAHL-TRAUGHBER

Der Faschismusbegriff wird oftmals beliebig eingesetzt und auf unterschiedlichste Sachverhalte angewendet. ARMIN PFAHL-TRAUGHBER eröffnet unsere Ausgabe zu „Faschismus“ mit dem Versuch einer Begriffsklärung, die für jede antifaschistische Argumentation vonnöten ist. 

I. Einleitung

Erfolgt ein Bezug auf „Faschismus“ in einem Gespräch, dann empfiehlt sich zum konkret Gemeinten die direkte Nachfrage zum Verständnis. Denn auch nach einem Jahrhundert entsprechender Reflexionen ist es noch immer so, dass nicht nur in den Geschichtswissenschaften hierzu kein inhaltlicher Konsens existiert. Ähnlich verhält es sich für andere Fachdisziplinen wie etwa die Sozialwissenschaften. Dafür gibt es diverse Gründe, die auch mit selektiven Wahrnehmungen zu tun haben. So fällt mitunter der Blick nur auf die Ideologie, ohne andere Kontexte zu berücksichtigen. Oder es besteht nur für den Faschismus an der Macht, aber nicht in der Opposition eine entsprechende Wahrnehmung. Und dann dient die Bezeichnung im öffentlichen Diskurs auch als politischer Kampfbegriff. Die folgenden Ausführungen wollen dazu ein wenig inhaltliche Ordnung schaffen.

II. Bezugsebenen für eine Definition von „Faschismus“

Dazu bietet sich der Bezug auf bestimmte Merkmale an, welche jeweils für Oberkategorien eine inhaltliche Zuordnung erfahren. Drei Bereiche können dafür grundsätzlich zur Einordnung dienen, die Ideologie, die Organisation und die Strategie. Im ersten Bereich geht es nicht nur um die jeweiligen Feindbilder, sondern noch mehr um das inhaltliche Selbstverständnis. Bei dem zweiten Gesichtspunkt ist der formale Zusammenhalt wichtig, etwa als informelle Bewegung oder als feste Partei. Und beim letzten Merkmal steht die Praxis im Zentrum, die sich als politische Handlung wiederum vom Straßenkampf bis zur Wahlkandidatur artikulieren kann. Und dann geht es für das mit „Faschismus“ konkret Gemeinte noch um die Institutionalisierung, gab es doch lediglich in Deutschland und Italien so etwas als eigenständige politische Machtinhaber an einer Staatsspitze.

III. Besonderheiten des italienischen Faschismus

Ein erster Ansatz zur Begriffsbildung kann über den Blick auf das namensgebende Phänomen erfolgen, womit der Faschismus in Italien unter Mussolini gemeint ist. Wenig hilfreich ist dabei die Begriffsbedeutung, steht diese doch für „Bündel“, also eine Kräftesammlung. Bezieht man sich auf die oben erwähnten drei Analyseaspekte, so kann man aber folgende genaueren Merkmale wahrnehmen: Für die Ideologie kam dem Nationalismus große Relevanz zu, einhergehend mit dem Antimarxismus als bedeutsamem Feindbild. Bei der Organisationsform bestand eine Parteistruktur, angeleitet durch einen Führerkult und kombiniert mit paramilitärischen Verbänden. Daraus ergab sich für die Handlungsformen in der Strategie, dass eben die Gewaltpraxis einen hohen Stellenwert hatte. Daraus folgte die Etablierung eines autoritär-diktatorischen Regimes als betont „totaler Staat“. 

IV. Besonderheiten des deutschen Nationalsozialismus

Es bietet sich ein Aufgreifen derartiger Besonderheiten an, um Faschismus anhand dieses Modells zu definieren. Indessen ergaben sich nicht nur Gemeinsamkeiten zum deutschen Nationalsozialismus, sondern auch mit hoher Relevanz bedeutsame Unterschiede. Dies gilt insbesondere für den dort konstitutiven Antisemitismus in seiner rassistischen Form, der mit dieser Dimension im italienischen Faschismus nicht präsent war. Dafür bestand aber die allgemeine Besonderheit, ethnische Identität für bedeutsam zu halten. Bezogen auf den Führerkult gab es ebenfalls eine Gemeinsamkeit wie hinsichtlich der parteiförmigen Organisation, aber auch hinsichtlich der Gewaltfixierung beim Straßenkampf als konkretes Vorgehen. Die Ausweitung der politischen Herrschaft zum Maßnahmenstaat im totalitären Sinne stellte demgegenüber wiederum ein Spezifikum dar.

V. Besonderheiten oppositioneller Parteien in anderen Staaten

Mit Anlehnung an die beiden genannten Diktaturen entstanden in anderen europäischen Ländern ähnliche Parteien, die aber nicht an die Regierung kamen und gesellschaftlich nur geringe Zustimmung fanden. Dafür mögen als konkrete Beispiele hier Großbritannien und Schweden dienen: Im erstgenannten Fall wäre die „British Union of Fascists“ (BUF) zu nennen. Sie entstand 1932 durch Oswald Mosley, der sich wie der italienische „Duce“ gab und den britischen Kolonialismus verteidigte. Aufmärsche der BUF mobilisierten aber nur wenige Sympathisanten, bedeutsame Erfolge bei Wahlen blieben aus. 1933 entstand die „Nationalsocialistiska Arbetarepartiet“ in Schweden, die ganz bewusst etwa mit der Hakenkreuz-Symbolik den deutschen Nationalsozialismus nachahmte. Auch ihr gelangen keine Erfolge bei Wahlen, mit bedingt durch eine organisatorische Zersplitterung.

VI. Benennung von ideologischen Gemeinsamkeiten 

Um nun eine Definition von Faschismus vornehmen zu können, sollen die Gemeinsamkeiten derartiger Organisationen hervorgehoben werden. Auch hierbei bietet sich die erwähnte Differenzierung von einschlägigen Merkmalen an: Für den ideologischen Aspekt lässt sich durchgängig eine nationalistische Einstellung konstatieren, häufig einhergehend mit einem Erlösungsglaube. Diesbezüglich wird von einem generischen Faschismusverständnis gesprochen, wobei von einer „Palingenese“ ausgegangen wird. Gemeint ist damit die Erneuerung durch Wiedergeburt. Demnach wäre dem Faschismus ein derartiger mythischer Kern eigen. Derartige Auffassungen bestehen durchaus in der jeweiligen Ideologie, reichen aber nicht als Alleinstellungsmerkmal für den Faschismus, lassen sich doch ähnliche Einstellungen auch in nicht-faschistischen Kontexten wahrnehmen.

VII. Benennung von organisatorischen Gemeinsamkeiten

Für den organisatorischen Bereich kann die Orientierung an einer Parteistruktur hervorgehoben werden, wobei diese eine autoritäre Ausrichtung hatte und innere Demokratie noch nicht einmal in einem formalen Sinne kannte. Auch ohne paramilitärische Gruppierungen ließ sich meist von militärähnlichen Strukturen sprechen. Darüber hinaus bestanden Ansätze zu Bewegungsformationen, wobei diese mal mehr und mal weniger stark mit einem Personenpotenzial in der Praxis einhergingen. Die soziale Basis war häufig insbesondere von der unteren Mittelschicht geprägt. Besonders auffällig ist durchgehend die Führerfixierung, die indessen häufig von den Erfolgen abhängig war. Gleichwohl überstieg dieser Personenkult den in anderen politischen Strukturen üblichen in besonderer Weise. Bezeichnungen für die Parteien bezogen sich häufig auf diese Personen.

VIII. Benennung von strategischen Gemeinsamkeiten

Auffällig ist die offene Ablehnung einer liberalen Demokratie, wobei sich dies nicht nur in der ideologischen Ausrichtung, sondern auch in der politischen Praxis artikulierte. Dies gilt auch für die Einstellung zu geltenden Gesetzen, die nicht als Bestandteile einer gültigen Rechtsordnung wahrgenommen wurden. Eine Ausnahme bestand gelegentlich in den Etablierungsphasen, also wenn eine faschistische Partei strategische Rücksichten nehmen wollte. Gegenüber politischen Gegnern praktizierte Gewaltanwendung galt als legitime Handlungspraxis, sie stand auch für „Kampf“ und „Stärke“ als akzeptierte Wertvorstellungen. Eine strategische Ausrichtung kann in der jeweiligen Einstellung zu regelmäßigen Wahlen gesehen werden. Man beteiligt sich auf diversen Ebenen an Kandidaturen, sah darin aber keine allgemein akzeptable Legitimation für die politische Praxis.

IX. Bedeutung und Grenzen eines marxistischen Verständnisses

Bekannte Definitionen oder Erklärungen von Faschismus entstammten den diversen marxistischen Verständnissen. Dabei lassen sich idealtypisch zwei Grundausrichtung unterscheiden: In beiden Fällen wird aus einem kriselnden Kapitalismus abgeleitet, dass darin für den Faschismus die soziale Wurzel auszumachen sei. Eine „Agententheorie“ geht dabei letztendlich nur von „Marionetten“ aus, welche durch finanzielle Mittel ihre politische Rolle spielen. Da es dafür keine historischen Belege gibt, gilt diese Deutung als gescheitert. Eine differenziertere Erklärung geht für die kapitalistische Krise von einem politischen Verselbstständigungsprozess aus. Damit wäre aber das marxistische Basis-Überbau-Modell obsolet. Insofern existiert hier ein Erklärungsdefizit für die marxistische Theorie. Damit könnte auch der Holocaust als Spezifikum nicht erklärt werden. 

X. Bedeutung und Grenzen eines psychologischen Verständnisses

Andere Definitionen oder Erklärungen haben Faschismus über psychologische Gesichtspunkte wahrgenommen, wobei eine gesamtgesellschaftliche und eine individuelle Dimension für das konkret Gemeinte unterschieden werden müssen. Bei dem erstgenannten Aspekt geht es um den faschistischen Diskurs, der auf soziale Demütigungen, Opferrollen oder Untergangsstimmungen bezogen ist. Das faschistische Angebot will demgegenüber eine kompensierende Dimension entfalten, etwa durch Identitätsangebote oder Wertschätzungen. Bezogen auf die individuelle Ebene ist von sozialer Relevanz, dass der artikulierte Autoritarismus der persönlichen Einstellung entspricht. Demnach werden dabei emotionale Bedürfnisse angesprochen, welche einen politischen Ort finden. Beide Ansätze sind für Faschismus relevant, liefern aber für sich allein keine Definition und Erklärung.

XI. Bedeutung und Grenzen eines religionspolitischen Verständnisses

Außerdem bestehen Definitionen und Erklärungen zum Faschismus, die religionspolitische Deutungen für Ideologie und Praxis vornehmen. Gemeint ist eine Auffassung, die nicht an religiösen Glaubensformen orientiert ist, aber derartige Strukturmerkmale aufweist. So galt die Führerperson als „Heilsfigur“ oder es gab Massenveranstaltungen mit Weihecharakter. Angesichts der Legitimationskrise von Religion, so die Deutung in diesem Kontext, könnte von einer „politischen Religion“ oder einem „Religionsersatz“ gesprochen werden. Abstrahiert man von den konkreten Glaubensinhalten, so ließen sich derartige Prägungen durchaus konstatieren. Deren Ausrichtungen erklären die gesellschaftliche Legitimation mit. Es gab religionsähnliche Auffassungen aber ebenso in der kommunistischen Bewegung, womit man es um kein Alleinstellungsmerkmal für den Faschismus zu tun hat.

XII. Bedeutung und Grenzen eines systemtheoretischen Verständnisses

Und dann bestehen Definitionen und Erklärungen zum Faschismus, die auf die Ausrichtung der jeweiligen Herrschaftsinstitutionen des politischen Systems bezogen sind. Eine derartige Deutung verwies etwa für den deutschen Nationalsozialismus darauf, dass man dort eine ansteigende Ausrichtung an einem „Maßnahmenstaat“ bei gleichzeitiger Negierung eines „Normenstaates“ wahrnehmen konnte. Andere Ansätze sehen in den faschistischen Diktaturen dann Herrschaftsformen, die mit einem totalitären Anspruch zur Dominanz über die ganze Gesellschaft verbunden war. Während im nationalsozialistischen Deutschland eine solche Prägung bestand, ließ sich das nicht für das faschistische Italien in der politischen Realität konstatieren. Dort bestanden noch andere Herrschaftsfaktoren wie die Monarchie, was dann auch die Herrschaftserosion in der militärischen Krise erklärt.

XIII. Faschismus als politischer Kampfbegriff

Eine trennscharfe Definition von Faschismus wird auch dadurch erschwert, dass die Bezeichnung als politischer Kampfbegriff missbraucht wird. Demnach bezeichnet man damit inhaltlich unangemessen missliebige politische Phänomene. Beispiele dafür wären „Islam-“, „Links-“ oder „Sozialfaschismus“: Die erstgenannte Bezeichnung meint den Islamismus, der zwar mit dem Faschismus gewisse Gemeinsamkeiten aufweist, aber eine eigenständige Ausrichtung des politischen Extremismus darstellt. Demgegenüber soll ein linker Dogmatismus und Fanatismus mit „Linksfaschismus“ tituliert werden, wobei dafür keine inhaltliche Begründung angesichts einer ganz anderen ideologischen Prägung vorgebracht wird. Und Kommunisten titulierten zeitweise die Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“, womit sie eine unangemessene Gleichsetzung zur Schmähung nutzten. 

XIV. Gründe für den fehlenden Konsens zum Verständnis

Seit einem ganzen Jahrhundert besteht eine Kontroverse darüber, worin die Besonderheiten des Faschismus zu sehen sind. Dazu entstand noch nicht einmal in Ansätzen ein Konsens. Bezogen auf diverse Ebenen lassen sich dafür jeweils Gründe ausmachen: Es existierten lediglich zwei als faschistisch geltende Diktaturen, die bereits bei allen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede aufwiesen. Die anderen faschistischen Akteure kamen demgegenüber nicht an die Macht. Insofern hat man es bereits auf dieser Ebene mit unterschiedlichen Phänomenen zu tun. Man muss die Bewegungsphase und die Systemphase beim Vergleich unterscheiden. Ein noch bedeutsamerer Grund für den fehlenden Konsens besteht indessen in der einseitigen Perspektive, die jeweils nur ideologische, politische, psychologische oder sozioökonomische Gesichtspunkte für die Interpretation ins Zentrum stellt.

XV. Bild vom Faschismus in einer Minimaldefinition

Angesichts des Bestehens von diversen Definitionen von Faschismus und einem fehlenden Konsens ergeben sich zwei Möglichkeiten: einerseits die Ablehnung von Faschismus als Typusbegriff, andererseits die Entwicklung einer Minimaldefinition. Die erstgenannte Auffassung dürfte angesichts der diskursiven Etablierung des Terminus nur schwerlich umsetzbar sein. Demgegenüber könnte die Ausrichtung an einer Minimaldefinition zu einer Versachlichung des Verständnisses beitragen. Damit wären dann gesellschaftliche Akteure oder politische Systeme gemeint, welche durch folgende Ideologieelemente, Organisationsformen und Strategien geprägt sein sollten: Es ginge um nationalistische Auffassungen, die durch Bewegungsformationen mit affirmativen Gewaltbezug einhergingen, um eine diktatorische Ordnung in einem totalitären Sinne umzusetzen.

XVI. Fehldeutungen gegenwärtiger Phänomene als „faschistisch“ 

Diese Auffassung würde aktuell Faschismus eher als ein historisches Phänomen ansehen, denn die erwähnten Merkmale können bei den gegenwärtigen rechtsextremistischen Parteien von Relevanz nicht konstatiert werden. Es lassen sich ebendort Ansätze in die erwähnten Politikvorstellungen konstatieren, wofür womöglich die Bezeichnung „faschistoid“, aber nicht „faschistisch“ zur Kennzeichnung sinnvoll wäre. Aber auch diese Begriffsnutzung ist letztendlich nicht zielführend, soll die gemeinte politische Problematik terminologisch treffend thematisiert werden. Blickt man auf gegenwärtige Autoritäre an der politischen Macht, so lässt sich bei deren Demokratiedemontage ein anderer Handlungsstil konstatieren. Es geht um das langsame Aushöhlen durch einen längeren Erosionsprozess, nicht um die abrupte und gewalttätige Machterlangung durch einen „starken Mann“. 

ARMIN PFAHL-TRAUGHBER

ist Politikwissenschaftler und Soziologe, hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl (Deutschland) und ebendort Herausgeber des „Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung“.