Entformung ohne Medien? Zu Jan-Philipp Schäfers bildungstheoretischer Anders-Lektüre

Gemälde Die lächerliche Finsternis von donhofer.

CHRISTIAN FILK diskutiert im Sinne unseres Schwerpunkts zu Anthropologie Jan-Philipp Schäfers Dissertationsschrift „Bildung als Entformung“ (2025) und bietet so eine Diskussionsgrundlage zur Medienanthropologie.

VON CHRISTIAN FILK

BILDUNG ALS ENTFORMUNG
VON JAN-PHILIPP SCHÄFER
Weinheim: Beltz Juventa
311 Seiten | € 46,27 (Gebundenes Buch)
ISBN: 978-3779991878
Erscheinungstermin: 21. August 2025

I. EINLEITUNG: EIN ÜBERFÄLLIGER RÜCKGRIFF

Günther Anders zählt zu den produktivsten und zugleich am wenigsten kanonisierten Denkern der deutschsprachigen Kulturkritik des 20. Jahrhunderts. Während seine Antiquiertheit des Menschen (Anders, 1956/1980) in der Technikphilosophie einen festen Platz hat, blieben seine bildungstheoretischen Interventionen – insbesondere die Exilschriften der 1930er- und 1940er-Jahre – bislang ein blinder Fleck der Erziehungswissenschaft. Jan-Philipp Schäfers Dissertationsschrift Bildung als Entformung (Schäfer, 2025) unternimmt den ambitionierten Versuch, dieses Desiderat zu beheben, indem sie Anders’ Frühwerk systematisch für die Bildungstheorie erschließt. Die vorliegende Rezension würdigt zunächst den dreistufigen Argumentationsgang und die philologische Leistung der Arbeit, um anschließend aus der Perspektive einer kritischen Medienbildungstheorie Leerstellen und Anschlussmöglichkeiten zu identifizieren.

II. AUFBAU UND ARGUMENTATIONSGANG

Schäfers Studie gliedert sich in drei systematisch aufeinander aufbauende Teile:

Teil I rekonstruiert die „Unbestimmtheit des Menschen“, indem Helmuth Plessners naturphilosophische Anthropologie der exzentrischen Positionalität als formal-negativer Rahmen entfaltet und sodann Günther Anders’ negative Anthropologie als dessen kritische Radikalisierung gelesen wird. Schäfer arbeitet überzeugend heraus, wie Anders Plessners Prinzip der offenen Frage aufnimmt, den Akzent jedoch von der Komplementarität zur Antagonistik verschiebt: Statt den Bruch zwischen Natur- und Geschichtsphilosophie als zu vervollständigende Einheit zu deuten, rückt Anders den gesellschaftlichen Konflikt ins Zentrum. Die Formel „Der Mensch ist frei, Ich bin es nicht“ (Schäfer, 2025, S. 42) markiert das Spannungsverhältnis zwischen anthropologischer Freiheit und individueller Unfreiheit, das den gesamten weiteren Argumentationsgang trägt.

Teil II analysiert die „Dialektik der Kultur“ und bildet das theoretische Herzstück der Arbeit. Schäfer rekonstruiert Anders’ Unterscheidung zweier Kulturbegriffe – eines totalitätsorientierten, der die gesamte menschliche Lebensweise umfasst, und eines differenzierungstheoretischen, der Kultur als neutralisiertes Wertgebiet behandelt – und zeigt, wie Anders deren „Doppelfunktion“ nutzt, um Kultur als gesellschaftskritische Kategorie zu profilieren. Besonders eindrücklich ist die Rekonstruktion der „Homunkulus“-Figur: Anders liest Fichtes absolutes Ich als philosophischen Homunkulus, als alchemistisch abgeschlossene Quelle einer Freiheit, die ihre soziale Bedingtheit verdrängt. Der neuhumanistische Bildungsbegriff (Goethe, Schiller, Humboldt) erscheint in dieser Perspektive als Personalisierung einer bereits neutralisierten Kultur – Bildung wird zur inneren Harmonisierung, während die gesellschaftlichen Antagonismen überblendet bleiben. Die anschließende Analyse der Kulturindustrie der „spätkapitalistischen Welt“ zeigt sodann, wie dieses Versprechen in einer zweiten Neutralisierungsphase warenförmig wird: Kultur als Ware neutralisiert Distanz, Urteilskraft und bildende Erfahrung gleichermaßen.

Teil III entfaltet schließlich den titelgebenden Begriff einer „Bildung als Entformung“. Anders’ Konzept antwortet auf die Frage, wie Bildung nach Auschwitz, nach der Erfahrung nationalsozialistischer Herrschaft und kulturindustrieller Gleichschaltung, noch gedacht werden kann. „Entformung“ meint dabei die Auflösung der starren Formen, in die der Nationalsozialismus den Menschen gebracht hatte, und richtet sich gegen jedes sofortige und unbedenkliche Heranbringen fertiger, angeblich oder wirklich positiver Erkenntnisse. Bildung wird zur Selbstversetzung – nicht Selbstsetzung –, zur moralischen Phantasie, die das prometheische Gefälle zwischen Wissen, Fühlen, Handeln und Verantworten bearbeitet. Die pädagogische Pointe liegt in der konsequenten Negativität: Bildende Erfahrungen sind solche, in denen das Subjekt scheitert, sich selbst fremd wird und gerade dadurch Räume für Reflexion und Solidarität eröffnet.

III. WÜRDIGUNG: PHILOLOGISCHE TIEFE UND SYSTEMATISCHE STRINGENZ

Schäfers Arbeit verdient Anerkennung in mindestens drei Hinsichten:

Erstens leistet sie eine bemerkenswerte Quellenerschließung: Die bislang weder edierten noch bildungstheoretisch ausgewerteten Exilmanuskripte (W48, W52, W53, W79) sowie die New Yorker Vorlesungen zur Kulturphilosophie werden erstmals systematisch für die Erziehungswissenschaft zugänglich gemacht. Allein diese philologische Leistung füllt eine erhebliche Werks- und Forschungslücke.

Zweitens überzeugt die systematische Vermittlung von Plessner, Anders, Marx und Adorno. Besonders überzeugend gelingt die Rekonstruktion von Anders’ negativer Anthropologie als Radikalisierung Plessners: Schäfer zeigt, wie Anders die exzentrische Positionalität des Menschen von einem naturphilosophischen Strukturmerkmal in ein historisch-gesellschaftliches Konfliktfeld überführt und so die Unbestimmtheit des Menschen als politisch besetzte Leerstelle profiliert. Die Homunkulus-Kritik am Deutschen Idealismus und die Parallelisierung der Neutralisierungsdiagnosen mit Adornos Kulturindustrie-Analyse fügen sich in diesen Rahmen schlüssig ein.

Drittens gewinnt der Begriff der „Entformung“ eine theoretische Eigenständigkeit, die über bloße Anders-Exegese hinausgeht: Die Figur der Selbstversetzung, die Bestimmung der Phantasie als „Zentralorgan der Moral“ (Anders W79, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 258) und die Insistenz darauf, dass Bildung immer auf eine veränderbare, nicht nur innerlich bearbeitbare Welt angewiesen bleibt, profilieren einen Bildungsbegriff, der sich produktiv gegenüber transformatorischen Bildungstheorien (vgl. Kokemohr, 2007; Koller, 2012) positioniert: Anders insistiert darauf, dass Transformation nicht als subjektives Strukturgeschehen allein gedacht werden kann, sondern an die politische Bewusstseinsarbeit über das geteilte gesellschaftliche Schicksal gebunden bleibt – eine Dimension, die bei Kokemohr und Koller unterbelichtet bleibt. Auch gegenüber den Negativitätsfiguren bei Alfred Schäfer (2009) gewinnt der Begriff Kontur.

Hervorzuheben ist zudem die politische Ernsthaftigkeit der Studie. Schäfer eröffnet seine Studie mit der Rahmung, Anders sei als Denker einer „hoffnungslosen Hoffnung“ (Liessmann, 2002, S. 157, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 13) zu verstehen – als jemand, der sich aus der Einsicht in das geteilte Schicksal einer spätkapitalistischen Gesellschaft heraus an eine postnationalsozialistische Öffentlichkeit richtet. Diese Lesart trägt das gesamte Werk und macht die politische Dringlichkeit von Anders’ Bildungsdenken sichtbar, ohne es pädagogisch zu instrumentalisieren.

IV. KRITISCHE PERSPEKTIVIERUNG AUS DER MEDIENBILDUNG

So überzeugend die bildungstheoretische Rekonstruktion ausfällt, so auffällig bleibt eine Leerstelle: die Frage nach der Medialität von Bildungs- und Entformungsprozessen.

Schäfer referiert zwar Anders’ medienphilosophische Analysen – „Die Welt als Phantom und Matrize“, die Kritik an Rundfunk und Fernsehen, die Diagnose kulturindustrieller Passivierung –, doch bleibt deren systematischer Status für den Bildungsbegriff der Entformung unterbestimmt. Die Arbeit behandelt Medien vorwiegend als Vehikel spätkapitalistischer Neutralisierung, nicht aber als konstitutive Bedingung von Bildungsprozessen. Dabei liegt genau hier das produktivste Potenzial einer Aktualisierung von Anders’ Denken. Wenn Anders’ „Phantome“ als „ein in Bildform auftretendes Vorurteil, das […] seinen Urteilscharakter versteckt“ (Anders, 1956/1980, Bd. I, S. 185, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 229) beschrieben werden, dann ist damit implizit eine medientheoretische Grundkategorie gewonnen, die für eine strukturale Medienbildung (Jörissen & Marotzki, 2009) unmittelbar anschlussfähig wäre – ein Zusammenhang, dessen Nichtentfaltung den bildungstheoretischen Ertrag der Studie für die Medienbildungsforschung erheblich begrenzt.

Die medienhistorische Reichweite der Studie endet bei Rundfunk, Fernsehen und einer knappen Erwähnung von Smartphones, Social Media, Streamingdiensten etc. (Schäfer, 2025, S. 228). Schäfers Rekonstruktion der kulturindustriellen Matrize bleibt damit an Bedingungen des 20. Jahrhunderts gebunden. Anders’ Begriff des „Universums der Gemütlichkeit“ (Anders, 1956/1980, Bd. I, S. 144, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 91) – strukturell: eine Welt, in der Widerstand unmöglich wird – wäre auf die Bedingungen algorithmisch personalisierter Empfehlungssysteme übertragbar. Diese Übertragung leistet Schäfer nicht.

Ähnliches gilt für das zweite große medienphilosophische Konzept, das die Studie erschließt, ohne es zu aktualisieren. Schäfers Rekonstruktion der prometheischen Scham – das Sich-Schämen des Menschen vor der Perfektion seiner Geräte – bietet einen untergenutzten Anknüpfungspunkt für aktuelle Debatten um Mensch-KI-Interaktionen. Wenn Anders die „Störung der Selbst-Identifizierung“ (Anders, 1956/1980, Bd. II, S. 82, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 191) beschreibt, die entsteht, wenn der Mensch sich dem Apparat unterlegen erlebt, dann ist damit ein Phänomen vorweggenommen, das in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit generativer KI neue Aktualität gewinnt: Die Erfahrung, dass ein Chatbot bessere Texte, überzeugendere Argumente, schnellere Analysen produziert, kann als zeitgenössische Variante prometheischer Scham gelesen werden. Schäfer entfaltet diese Aktualität nicht – obwohl die Begriffe, mit denen er arbeitet, sie nahezu erzwingen.

Ein drittes Feld, das Schäfers Analyse öffnet, ohne es zu betreten, ist die Frage der Warenförmigkeit unter digitalen Bedingungen. Anders’ Kulturkritik operiert mit der marxistischen Figur der Warenförmigkeit: Kultur wird zur Ware, Bildung zum Konsum. Schäfer rekonstruiert diese Diagnose präzise, entfaltet aber nicht, was aus ihr folgt, wenn man sie unter den Bedingungen des Plattformkapitalismus (Srnicek, 2016) weiterdenkt: Die Datafizierung menschlicher Lebensvollzüge – als Rohmaterial extraktiver Verwertung (Couldry & Mejias, 2019) – wäre mit Anders’ Formel „Der Mensch ist das Produkt seiner Produkte“ (Anders W52, zitiert nach J.-P. Schäfer, 2025, S. 165) unmittelbar anschlussfähig. Diese Anschlussstelle bleibt in der Studie ungenutzt.

Schäfer betont zu Recht, dass Bildung als Entformung nicht als pädagogisches Heilsversprechen missverstanden werden darf. Gleichwohl bleibt die Frage nach den konkreten medialen Praktiken der Entformung offen. Anders selbst benennt den Mitvollzug von Musik und die Fähigkeit zur Trauer als exemplarische Bildungserfahrungen – Praktiken der affektiven Horizonterweiterung, die im Kontext digitaler Medien einer Aktualisierung bedürfen. Kann die Erfahrung, einen KI-generierten Text nicht vom eigenen unterscheiden zu können, als zeitgenössische Variante jener „Störung der Selbst-Identifizierung“ (Anders, 1956/1980, Bd. II, S. 82, zitiert nach Schäfer, 2025, S. 191) gelesen werden, die Anders als Ausgangspunkt für Bildungsprozesse identifiziert? Diese Frage drängt sich auf – und wird in der Studie nicht gestellt.

V. FAZIT UND AUSBLICK

Schäfers Bildung als Entformung erfüllt das, wofür es antritt: Günther Anders als ernstzunehmenden Bildungstheoretiker zu etablieren und sein bislang erziehungswissenschaftlich unbeschrittenes Frühwerk systematisch zu erschließen. Die Rekonstruktion der negativen Anthropologie, die Homunkulus-Kritik am Deutschen Idealismus und die dialektische Kulturanalyse erbringen einen Bildungsbegriff, dessen politische Schärfe – Bildung als Solidarisierung angesichts industrieller Vernichtbarkeit, nicht als innerliche Selbstvervollkommnung – ihn klar von transformatorischen Bildungstheorien absetzt. Was die Studie nicht einlöst – und was sie auch nicht zu ihrem Vorhaben zählt – ist die Vermittlung zwischen diesem Bildungsbegriff und Anders’ eigener Medienphilosophie und Anthropologie. Darin liegt keine Schwäche der vorliegenden Arbeit, sondern die Forschungsaufgabe, die sie hinterlässt.

Literaturverzeichnis

  • Anders, G. (1956/1980). Die Antiquiertheit des Menschen (2 Bde.). C. H. Beck.
  • Couldry, N., & Mejias, U. A. (2019). The Costs of Connection. How Data Is Colonizing Human Life and Appropriating It for Capitalism. Stanford University Press.
  • Jörissen, B., & Marotzki, W. (2009). Medienbildung – Eine Einführung. Theorie – Methoden – Analysen. Klinkhardt.
  • Kokemohr, R. (2007). Bildung als Welt- und Selbstentwurf im Anspruch des Fremden. Eine theoretisch-empirische Annäherung an eine Bildungsprozesstheorie. In H.-C. Koller, W. Marotzki & O. Sanders (Hrsg.), Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse (S. 13–68). transcript.
  • Koller, H.-C. (2012). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Kohlhammer.
  • Liessmann, K. P. (2002). Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolutionen. C. H. Beck.
  • Schäfer, A. (2009). Die Erfindung des Pädagogischen. Schöningh.
  • Schäfer, J.-P. (2025). Bildung als Entformung. Eine bildungstheoretische Studie im Anschluss an Günther Anders. Beltz Juventa.
  • Srnicek, N. (2016). Platform Capitalism. Polity Press.

CHRISTIAN FILK

hat Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Siegen, Bielefeld und Kassel studiert. Er war u. a. Lehrbeauftragter an den Universitäten Konstanz, Krems, Karlsruhe und Erlangen-Nürnberg. Er war Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Seit 2013 lehrt er Medienpädagogik und interdisziplinäre Medienforschung an der Universität Flensburg.