Eine Blume ohne Wurzeln. Nada Chekh im Interview – VON NADA CHEKH UND ROSWITHA TSCHENETT

NADA CHEKH, die in Wien lebende Journalistin und Autorin, hat in ihrem berührenden Erstlingswerk Eine Blume ohne Wurzeln ihre persönliche Geschichte niedergeschrieben – eine Geschichte der Emanzipation und der Suche nach der eigenen Identität. ROSWITHA TSCHENETT hat die Autorin für die ZUKUNFT interviewt.

I. Einleitendes

EINE BLUME OHNE WURZELN
VON NADA CHEKH
Innsbruck: Haymon
224 Seiten | € 17,90
ISBN: 978-3-7099-8145-0
Erscheinungstermin: 2023

Nada Chekh – aufgewachsen in einem Gemeindebau in Wien-Favoriten und Tochter einer Ägypterin und eines Palästinensers – beschreibt mit ihrem Ertlingsroman Eine Blume ohne Wurzeln ihren Kampf gegen den patriarchalen Erziehungskodex in ihrer Community, der für heranwachsende Töchter v. a. ab der Pubertät ständige soziale Kontrolle bedeutet. Nada Chekhs Buch kann als ein Plädoyer dafür gelesen werden, die Schwierigkeiten, mit denen Jugendliche aufgrund des machtvollen Prinzips der Familienehre zu kämpfen haben (neben Barrieren, die zusätzlich durch Rassismus oder sozioökonomische Benachteiligungen entstehen können) nicht zu ignorieren, sondern sie als eine spezielle Form von Sexismus inmitten unserer Gesellschaft anzusehen und sie als gesamtgesellschaftliche und politische Herausforderung zu begreifen.

II. Nada Chekh im Interview

Roswitha Tschenett: Nada – Du hast in Deinem 2019 prämierten Beitrag im Magazin Biber geschrieben: „Die Ehre der Familie ist eine nicht zu unterschätzende Kraft im sozialen Gefüge der muslimischen Community und lastet letztlich auf den Schultern der Töchter“. Was kann man sich darunter vorstellen, worum geht es da letztlich?

Nada Chekh: Beim Konzept der Familienehre geht es letztlich um den „Ruf“, den eine Familie innerhalb ihrer Community hat. Das Konzept existiert nicht nur im arabisch-muslimischen Kulturkreis, sondern auch in anderen patriarchal geprägten Gesellschaften – im asiatischen Raum z. B. wird die Schädigung der Familienehre etwa als „Gesichtsverlust“ beschrieben. Religion oder religiöse Gebote können dabei eine Rolle spielen, müssen aber nicht.

R. T.: Inwiefern sind nun Töchter und Söhne davon unterschiedlich betroffen?

N. C.: Spricht man von der Ehre der Familie im Kontext muslimischer Gesellschaften, schwingen häufig Themen wie Jungfräulichkeit bis zur Ehe und Tugendhaftigkeit von Frauen mit, die in der islamischen Religion – wie auch an sich im Christentum und Judentum – einen hohen moralischen Stellenwert haben. Der Umgang von unverheirateten jungen Frauen mit Männern wird als nicht tugendhaft angesehen, deswegen wird von klein auf „Geschlechterapartheid“ in der Erziehung implementiert. Eine unverheiratete Tochter darf nicht aus ihrem Elternhaus ausziehen, da letztlich ihre Sexualität nicht mehr kontrollierbar wäre. Freizügigkeit, Reisefreiheit und (sexuelle) Selbstbestimmung von Töchtern können den Ruf der Familie negativ beeinflussen und werden damit verbunden, dass die Tochter später keinen Ehemann findet und keine Familie gründen kann. Die „Ehre“ der Familie bestimmt also im Grunde auch ihr Weiterbestehen – deshalb darf nicht unterschätzt werden, wie wichtig die Wahrung derselben in den Augen der Familie ist! Im schlimmsten Fall kann die Verletzung der Familienehre in einen Ehrenmord münden – eine Frau wird von ihren eigenen, oft männlichen Familienmitgliedern ermordet, weil sie „Schande“ über die Familie gebracht hat.

R. T.: In einem Interview mit dem Standard hast Du von einem Versäumnis „der Linken“ gesprochen, eine Abwehrhaltung gegen Menschen zu haben, die Probleme in bestimmten muslimischen Communities ansprechen wollen. Was hast Du da erlebt oder beobachtet?

N. C: Durch einen identitätspolitischen Umschwung im Diskurs mancher linker Strömungen werden Muslime in erster Linie als Minderheit gesehen, die von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert wird. Das ist zwar wichtig für ihren Schutz, denn Muslime stellen in der Tat eine vulnerable Gruppe in unserer Gesellschaft dar, aber ein völlig unkritischer Umgang mit patriarchalen Gewaltformen innerhalb dieser Community wird langfristig die Situation der jungen Mädchen und Frauen nicht verbessern. Um beim Beispiel der Ehrenmorde zu bleiben: Es gibt in manchen linksliberalen Kreisen Rufe danach, den Begriff „Ehrenmord“ durch den allgemeineren Begriff „Femizid“ zu ersetzen. Das ist an sich nicht falsch, aber es maskiert den besonderen Umstand, dass diese Frauen von ihren eigenen Familienmitgliedern getötet werden. Warum will man dieser Benennung ausweichen? Weil offensichtlich die Angst besteht, dass der Begriff „Ehrenmord“ zu einer „Rassifizierung“ von Gewalt gegen Frauen verleitet. Ich finde das schwierig, weil es nochmals diesen blinden Fleck aufzeigt, der die besonderen Bedürfnisse eines feministischen Kampfes in einer islamisch geprägten Gesellschaft auslässt.

R. T.: Wie kann man sich diese undifferenzierte Herangehensweise erklären? Welche Folgen hat das?

N. C: Es ist eine wirklich komplexe Sache: Ich verstehe, dass manche Gruppen, die sich dem progressiven Lager zurechnen, häufig deshalb der Diskussion um traditionsbedingte Gewalt aus dem Weg gehen, weil sie sich nicht von außen in Angelegenheiten vulnerabler Gruppen einmischen wollen. Aber gar nicht zu thematisieren, dass es diese Form von Gewalt gibt, überlässt diese Themen tatsächlich rechten Polemikern, die wiederum auch nicht den tatsächlichen Schutz von muslimischen Mädchen im Sinn haben. Als vor einigen Jahren über ein Kopftuchverbot für Volksschulmädchen diskutiert wurde, war die FPÖ stark dafür – von Links berief man sich auf Religionsfreiheit und Toleranz. Es wurde allerdings von keiner Seite thematisiert, dass in der gängigen Praxis das Kopftuch für kleine Mädchen, bei denen die Pubertät noch nicht eingesetzt hat, keine Pflicht ist, sondern erst nach der quasi „Geschlechtsreife“ (die häufig mit dem Beginn der Menstruation gleichgesetzt wird) ein religiöses Gebot wird – so wie auch andere religiöse Pflichten, etwa das Fasten im Ramadan. Heutzutage beginnen viele Frauen auch erst nach der Heirat ein Kopftuch zu tragen, als Zeichen dafür, dass sie vergeben sind, und nur noch der eigene Ehemann ihre Haare sehen darf. Indirekt haben linksliberale Stimmen damit auch in die Hände von ultrakonservativen Muslimen gespielt, indem sie das Kopftuch für Volksschulmädchen verteidigt haben.

R. T.: Ähnliche Entwicklungen innerhalb der „postmodernen Linken“ beschreibt ja auch Caroline Fourest, eine feministische Filmemacherin und Publizistin aus Frankreich, in ihrem Buch Generation beleidigt. Ein anderes Beispiel für eine verengte Identitätspolitik hast Du einmal in einem Interview angesprochen. Du hast eine Situation erwähnt, in der Du mit einer bestimmten Identitätszuschreibung konfrontiert warst, nur weil Du „ausländisch ausschaust“. Dabei ging es nicht um Rassismus, sondern darum, dass Du Dich nicht ohne Weiteres als POC (People of Colour) bezeichnen wolltest. Wo siehst Du hier die Probleme?

N. C: Man kann Leute nicht aufgrund ihres Aussehens in Schubladen stecken und ihre individuellen Erfahrungen auf diese Art kategorisieren. Fremdzuschreibungen durch „Progressive“ sind auch eine Form von Rassismus. Das sollte eigentlich völlig klar sein.

R. T.: Du warst auch unterwegs in Schulen, hast hier für viele Mädchen als positives Role-Model gewirkt und auch an einer Broschüre des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) unter dem Titel Nicht OK! (http://tinyurl.com/22fhapfk) mitgewirkt, welche v. a. ehrkulturelle Gewaltformen thematisiert und Mädchen in ihrer Selbstbestimmung stärken möchte. Was sind hier Deine Erfahrungen? Reichen derartige Impulse oder was bräuchte es zusätzlich?

N. C: Bei all meinen Schulbesuchen ist mir definitiv aufgefallen, dass es noch sehr viel Aufklärungsbedarf gibt, auch wenn es so scheint, als ob die Themen Feminismus und weibliche Selbstbestimmung heutzutage in aller Munde sind. Viele junge Mädchen sind gar nicht mit diesen Themen in Berührung gekommen und hinterfragen die Kontrolle, die sie in ihren Familien erfahren, überhaupt nicht. Ich denke, dass es vor allem Zeit und viele positive Vorbilder aus der Community braucht, um Tabus langfristig zu brechen. Man sollte jedoch mit Vorträgen und Workshops vorsichtig sein, die gezielt nur muslimische Communitys angreifen oder fokussieren – denn eine „Fingerzeig-Mentalität“ wird im Sinne einer Abwehrreaktion junge Menschen noch stärker an ihre Community binden.

R. T.: Dein Buch gibt auch Dein Bemühen wieder, Deine Eltern bzw. v. a. Deine Mutter zu verstehen, die diese patriarchalen Traditionen auch in Österreich weiterverfolgt hat. Wie könnte man Mütter und Väter in diesen Communitys erreichen, damit sie ihren Töchtern ein selbstbestimmteres Leben zugestehen? Kennst Du hier positive Beispiele?

N. C: Ich bin das einzige Beispiel aus meinem direkten Umfeld, um ehrlich zu sein. Aber ich habe erkannt, dass Emanzipation auch in die andere Richtung gehen kann: Durch selbstbestimmte Kinder können sich auch die Eltern etwas abschauen und lernen mit. So war es zumindest in meinem Fall – ein individueller Befreiungskampf kann aber durchaus auch mit einem Bruch mit der Familie enden, den nicht jede*r in Kauf nehmen kann oder will.

R. T.: In einem Interview mit Dir resümiert die Interviewerin: Chekhs Buch ist ein Plädoyer an bestimmte migrantische Communities, auch Selbstkritik zu üben. Erfolgt diese Selbstkritik ausreichend?

N. C: Es gibt viele Stimmen aus der Community, wenn man danach sucht. Vor allem über Social Media ist es heutzutage leicht, auf Gleichgesinnte zu stoßen, die eine ähnliche Situation mit ihrer Familie hatten. Eine Sache sollte man bei dieser Diskussion immer im Kopf behalten: Man kann nur jenen jungen Frauen helfen, die selbst Bedarf darin sehen, sich traditionellen Wertvorstellungen zu widersetzen. Jemand, der nicht das Gefühl hat, von seiner Community unterdrückt zu werden, kann auch nicht daraus „befreit“ werden. Deshalb muss man vor allem ein positives Selbstbild von Frauen stärken und fördern, damit sie ihre eigenen Grenzen erkennen und auch verteidigen wollen.

R. T.: Es gab und gibt ja immer wieder mutige Frauen und auch Männer, die öffentliche Kritik an patriarchalen Verhaltensvorschriften in streng muslimischen Communitys übten, die aber dann von anderen Frauen des „antimuslimischen Rassismus“ bezichtigt wurden, obwohl sie selbst aus diesen Strukturen kommen und genau wissen, wovon sie sprechen. Da scheint doch etwas sehr paradox zu sein?

N. C: Auch ich wurde in der Vergangenheit schon als „islamophob“ und „rassistisch“ diffamiert – zum Beispiel von sogenannten „Kopftuchfeministinnen“, die eine andere Position als ihre eigene schwer annehmen können. Häufig werden Kritiker*innen von konservativen Milieus, das können Medien oder Parteien sein, vereinnahmt, eben weil viele Linke sich nicht auf sie einlassen wollen, aus Angst vor einem Shitstorm. Ich bin aber auch der Meinung, dass man die wenigen Positivbeispiele, die es gibt, nicht überstrapazieren sollte. Ich habe meinen Kampf geführt und ein Buch darüber geschrieben – damit habe ich alles zu der Problematik schon gesagt und es liegt nun in der Hand der Leser*innen oder der Politik, daraus Schlüsse zu ziehen. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit meiner Familie möchte ich nun mein Leben führen und mich anderen Dingen zuwenden – das sei mir doch gegönnt.

R. T.: Ja – unbedingt! Abschließend nur noch eine Frage zum Thema Politik und möglichen Schlüssen daraus. Die SPÖ kündigte eine „Neue Frauenpolitik“ an. Was sollte dabei aus Deiner Sicht berücksichtigt werden?

N. C: Wenn ich das wüsste, wäre ich in die Politik gegangen! Ich kann so viel sagen: Ich denke, dass es in Wirklichkeit unmöglich ist, mit einer Politik alle Menschen abzuholen. Ich beobachte, dass Frauenthemen, die junge Frauen betreffen, häufig in einen Topf mit den Anliegen von queeren Menschen gesteckt werden, obwohl Mädchen und Frauen eine andere Aufmerksamkeit verdient hätten. Frauen stellen nun einmal die Hälfte der Gesellschaft, da gibt es andere Bedürfnisse und man muss die Verhältnismäßigkeit berücksichtigen – sonst verliert linke Politik auf Dauer wichtige Stimmen. Zum Thema meines Buches: Man könnte eine niederschwellige Anlaufstelle für Mädchen aus konservativen Familien einrichten, und vor allem über die vielen versteckten Grenzüberschreitungen aufklären, die in der Erziehung vorhanden sind, wie etwa Kleidervorschriften und die Kontrolle des Verhaltens im öffentlichen Raum.

R. T.: Liebe Nada, ich danke Dir herzlich für das Gespräch.

NADA CHEKH

geb. 1996, ist Autorin, Moderatorin und Journalistin. Sie war lange beim Ende 2023 eingestellten transkulturellen Magazin Biber und für Ö1 tätig. Derzeit ist sie freie Journalistin und studiert Slawistik und Interdisziplinäre Osteuropastudien in Wien.

ROSWITHA TSCHENETT

geb. 1963, war von 1996 bis 2023 im österreichischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium (Bereich Bildung und Gleichstellung) tätig und ist seit Sommer 2023 Mitglied im Fachbeirat des Projektes HEROES Steiermark / Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins Terre des Femmes Österreich.