Die unweibliche Wut – VON JULIA KRAFT

Im Sinne einer autobiografischen und literarischen Verarbeitung der eigenen Biografie zeigt JULA KRAFT, dass der aktuelle Feminismus und die progressive Frauenpolitik auch davon abhängig sind, geschlechterbezogene Barrieren zu analysieren, um dadurch zu erkennen, was es heißt, ein Frau zu sein.

Ein lautes, ungestümes, jähzorniges Kind – nicht gerade der elterliche Wunschtraum. Noch schlimmer ist es, wenn es sich bei dem Kind um ein Mädchen handelt. Das war vor rund 40 Jahren so, als ich ein Kind war, und ich fürchte, daran hat sich nicht viel geändert. Ich sehe es bei den Kindern meiner Freundinnen und am Umgang der Familien mit den Mädchen: Angebliche Mädcheneigenschaften wie Sanftmut und Fürsorge werden mit positiver Verstärkung belohnt, oftmals gerade von den weiblichen Verwandten.

Ich selbst verbrachte eine behütete Kindheit auf dem Land, die mir viel Bewegungsspielraum und Freiheit bescherte. Ich wuchs in den 1980er- und 1990er-Jahren auf, als es das moderne Schreckgespenst des Gender Marketing noch nicht gab. Ich spielte ganz selbstverständlich sowohl mit Mädchen als auch mit Jungen und konnte mir das Spielzeug aussuchen, das mir gerade gefiel. Genauso hatte ich die freie Wahl, ob ich draußen herumtoben und wild sein wollte oder ob ich mich mit einem Buch zurückziehen wollte.

Diese kindliche Bubble verließ ich mit dem Einsetzen der Pubertät, die mich in einen Schockzustand beförderte, den ich erst jetzt als Vierzigjährige beschreiben kann. Ich hatte damals kein analytisches oder sprachliches Werkzeug zur Verfügung, um mein Unbehagen in der Welt in Worte zu fassen. Ich, die sich davor nie großartige Gedanken über ihr Geschlecht gemacht hatte, weil dies in meiner Kindheit schlicht irrelevant war, wurde nun permanent an ihr Weiblichsein erinnert. Plötzlich hagelten Ge- und Verbote auf mich ein, die ich lächerlich fand, weil mir nicht einleuchtete, dass ich mich anders als die Burschen meines Alters verhalten sollte.

Wenn ich junge Mädchen beobachte, habe ich oft das Gefühl, dass es ihnen ähnlich ergeht. Dass sie dem Weiblichsein, das mit so vielen Auflagen und unerwünschten Nebenwirkungen wie mediale Sexualisierung, unerwünschte und teils aggressive männliche Aufmerksamkeit, Selbstoptimierungswahn etc. einhergeht. Mädchen, die den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen entkommen wollen oder nicht mit ihnen konform gehen, bezeichnen sich heute als nicht-binär oder transgender, was aber leider keinen dauerhaften Ausweg darstellt.

Vor 25 Jahren, als ich pubertierte, war die Idee der grenzüberschreitenden Geschlechtsidentität überhaupt noch nicht verbreitet. Wäre sie das gewesen, wäre ich sicher auch sozial transitioniert. Es hätte mich allerdings nicht davor bewahrt, dass man – die Familie, die Gemeinschaft, die Gesellschaft – an mir herumschraubt und -dreht, mich diszipliniert und solange „bearbeitet“, bis ich passend war – wie bei einem Rohstoff, den man zum Diamanten schleift. Aber mit dem Unterschied, dass meine Verwandlung nichts Glamouröses an sich hatte.

Meine Mutter – der ich keinen Vorwurf machen kann, da sie mich lediglich beschützen wollte – agierte als Vollstreckerin und Erhalterin eines Systems, das sie vermutlich selbst ungerecht fand, aber in seinen Grundzügen nicht hinterfragte. Also rebellierte ich gegen sie. Ich provozierte sie mit betont unweiblichem Verhalten, woraufhin sie natürlich umso vehementer Disziplin einforderte. Sie war besorgt um meinen Ruf im Dorf, wenn ich ausgiebig feierte, viel Alkohol trank und nicht davor zurückschrak, mich sexuell auszuprobieren. Und ich war erzürnt über ihre Befürchtungen über das, was „die Leute sagen“ könnten. Die dörfliche Engstirnigkeit war mir zuwider und somit auch meine Mutter, die diese verteidigte statt mich mutig zu finden.

Anfang zwanzig kehrte mehr Ruhe in mein Leben ein, als ich der dörflichen Enge durch einen Umzug in die Großstadt entfloh. Man könnte auch sagen, ich resignierte mit der Zeit einfach. Weibliche Vorbilder, an denen ich mich orientieren konnte, fand ich aber lange nicht. Ich suchte sie ja auch nicht, weil mir nicht klar war, was meinen pubertären Zorn ausgelöst hatte. Ich ging eher davon aus, dass ich wohl eine „schwierige“ Persönlichkeit hatte. Diese gewöhnte ich mir in der Folge Schritt für Schritt ab. Ich, die noch mit 16 vehement ausgeschlossen hatte, jemals Mutter zu werden, weil ich gesehen hatte, dass die Mutterschaft Frauen vielfach in die ökonomische Abhängigkeit und vor allem eine zermürbende soziale Isolation treibt, schloss nun nicht mehr aus, „irgendwann“ auch zu heiraten und Kinder zu haben. Ich nahm an, dass diese Lebensereignisse für eine Frau unausweichlich waren und unweigerlich kommen mussten.

Mit dem Einstieg ins Berufsleben wurde mein intellektueller Ehrgeiz wiederbelebt – ich war als Kind eine hervorragende Schülerin gewesen. Ich arbeitete hart und zielstrebig, nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben und perfektionierte mein Ich zunehmend. Ich machte Sport, hielt mich fit, wurde schlanker, begann mich besser anzuziehen, zu stylen, zu schminken und nach außen weiblich zu geben. Nach jahrelangen Bemühungen betrachtete ich mich eines Tages im Spiegel und dachte selbstzufrieden: Du hast es geschafft, du hast in jeder Hinsicht das Beste aus dir herausgeholt. Gleichzeitig überkam mich die bittere Erkenntnis, dass es irrelevant war, wie sehr ich mich auch bemühte, denn zufrieden machte es mich nicht.

Ich erlebte dadurch zwar berufliche Höhenflüge, aber im Privaten wurde ich im Grunde kontinuierlich enttäuscht. Die Männer, die ich kennenlernte, waren von meinem Äußeren fasziniert, und die dazugehörende Persönlichkeit nahmen sie eher in Kauf, als dass sie sie schätzten. Immer wieder wurde mir von Männern gesagt, dass sie toughe, selbstständige Frauen, wie ich eine war, attraktiv fanden, aber das war reine Heuchelei. Sobald die Jäger mich „erlegt“ hatten, erwarteten sie Geduld, Nachsicht, Verständnis. Ich versuchte mich, so gut es ging, in diesen Fähigkeiten zu üben, aber dadurch wurde ich noch unglücklicher und entfernte mich immer weiter von mir selbst.

Parallel dazu ging ich in großen Schritten auf die vierzig zu und hatte – außer meinem beruflichen Erfolg – noch immer nichts Nennenswertes vorzuweisen: keinen Mann, keine Kinder, über längere Phasen auch nicht einmal Verehrer. Ich hatte das Gefühl, gescheitert zu sein, obwohl ich gefühlt mein ganzes Leben lang an mir gearbeitet hatte. Der Satz „Wenn du so bist, mag dich keiner“, den ich aus meiner Kindheit kannte, wurde ersetzt durch „Wenn du so bist, findest du keinen Mann“. Gerne sagten das Männer zu mir, um mich klein und abhängig zu machen. Die Vorstellung, als alternde Frau allein zu sein, flößte mir Angst ein. Ich hinterfragte nicht, warum es denn so wichtig sein sollte, einem Mann oder möglichst der gesamten Männerwelt zu gefallen.

Mit Ende dreißig kam dann die große Krise. Ich war wie innerlich vergiftet und drohte an dem Gift des gesellschaftlichen Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern zugrunde zu gehen. Ich fühlte mich innerlich ausgelöscht und war nur mehr eine körperliche Hülle ohne Persönlichkeit. Es folgte ein Jahr, in dem ich von schweren Depressionen und Suizidgedanken heimgesucht wurde. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass es nicht meine Schuld war und dass es sich um eine Krankheit handelte. Die Erfahrungen, die ich während dieser Zeit machte, und die Gedanken und Gefühle, die sie begleiteten, beschreibe ich in meinem Buch (Un-)Ausgesprochen Ich, das im Mai 2023 erschienen ist.

(UN-)AUSGESPROCHEN ICH
VON JULIA KRAFT
Neckenmarkt: novum pro
78 Seiten | € 15,90 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3991460251
Erscheinungstermin: 2023

Jetzt, ein Jahr nach meiner Genesung, beginne ich langsam, mich gezielt mit den Hintergründen meiner Erkrankung auseinanderzusetzen. Ich habe tiefere Einblicke gewonnen und erkenne die systemischen Ursachen, die zum Totalversagen meiner Psyche geführt haben. Und ich sehe erst jetzt, wie weit ich mich im Lauf der Jahre von dem hitzköpfigen Kind entfernt habe, das ich einst war. Dabei mag ich dieses Kind ungemein. Seine Unerschrockenheit und seine kämpferische Art faszinieren mich. Quasi wie von selbst wurde diese kindliche Ader in mir wieder freigelegt.

Ich erinnere mich an meine kindlichen Wutausbrüche, die meistens sanktioniert wurden, weil sich das für ein Mädchen nicht gehört. Mein ganzes Erwachsenenleben lang habe ich versucht, jeden Anflug von Zorn zu unterdrücken oder zu bändigen. Heute habe ich einen anderen Zugang zu meiner Wut: Ich sehe sie als eine schöpferische Kraft, die mir die Stärke verleiht, gegen Missstände anzugehen. Dies ist auch bei einer erwachsenen Frau nicht unbedingt gesellschaftlich erwünscht. So ein Verhalten irritiert. Von Frauen wird ein sanftmütiges Auftreten erwartet, während sich Männer in ihren Gruppen schon mal verbal die Schädel einschlagen dürfen, ohne dass dies jemand befremdlich finden würde.

Und sehr oft wird mir nahegelegt, ich solle mich doch nicht über gewisse Reizthemen wie die Diskriminierung von Frauen auf dem gesamten Globus aufregen. Als würde ich dadurch einen Schaden nehmen. Das Gegenteil: Wut ist befreiend und sie kann Veränderung bewirken. Gerne würde ich auch entgegnen, dass ich es für notwendig halte, mich doppelt und dreifach so viel aufzuregen, wie für mein Gegenüber erträglich ist, um auszugleichen, dass so viele unterdrückte und benachteiligte Frauen sich nicht oder kaum aufregen oder aufgeregt haben. Die stattdessen die Wut und Enttäuschung jahrelang oder gar ein Leben lang in sich hineinfressen, die bittere Pille schlucken, bis sie daran zugrunde gehen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Frauen uns alle viel mehr und vor allem kollektiv erzürnen sollten – nicht nur um uns psychisch von der uns aufgebürdeten Last zu befreien, sondern auch um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Es macht mir Hoffnung, dass immer mehr Frauen das patriarchale Syndrom in ihren Texten zum Thema machen, z. B. Mareike Fallwickl (Die Wut, die bleibt) oder Antonia Baum (Siegfried). Zusätzlich analysieren kluge Frauen wie Beatrice Frasl (Patriarchale Belastungsstörung) oder Franziska Schutzbach (Die Erschöpfung der Frauen) scharfsichtig die gesellschaftlichen Bedingungen, die Frauen krank machen. Jetzt gilt es, diese Erkenntnisse in Handlungsmacht umzuwandeln und zu „wüten“. Kein Stein darf, so wie er jetzt ist, auf dem anderen bleiben.

*

JULIA KRAFT

ist 40 Jahre alt und bezeichnet sich selbst als rasend feministisch. Sie ist der festen Überzeugung, dass der Feminismus das Potenzial hat, Frauen in großem Stil zu politisieren und zu mobilisieren, eben weil er das Private zum Politikum macht und es einzelnen Frauen ermöglicht, ihr dumpf gefühltes Unbehagen über unsere Gesellschaftsordnung zu analysieren und in Worte zu fassen. Dies kann aber nur gelingen, wenn feministische Anliegen nicht losgelöst von der sozialen Realität propagiert werden.