Die Löhne des „Weiß-Seins“. Über den Zusammenhang von Kapitalismus und Rassismus – VON INGAR SOLTY

Der Beitrag von INGAR SOLTY fasst den Stand der Forschung zum Begriff der „Rasse“ zusammen, gibt einen historischen Überblick zu seiner Diskursgeschichte bzw. Entwicklung und arbeitet den Zusammenhang von Kapitalismus und Rassismus deutlich heraus.

I. EINLEITUNG

Der Kapitalismus ist ein ökonomisches System, dem die Tendenz zur Globalisierung innewohnt. Zugleich entstand er historisch in einem System von Nationalstaaten. Aus dem Widerspruch zwischen der Weltvergesellschaftung einerseits und dem Mangel an einem Weltstaat andererseits folgt die Frage, wie sich die Internationalisierung des Kapitals über die Nationalstaaten hinaus und in andere hinein vollzieht. Ohne imperiale, ohne imperialistische Politik kann sie nicht vonstattengehen. Politik im Staatensystem dreht sich damit immer zugleich um die Frage von Krieg und Frieden, offene wie latente Gewaltpolitik.

II. RASSISMUS UND UNTERDRÜCKUNG

AGAINST RACE
VON PAUL GILROY
Harvard: Harvard University Press
406 Seiten | € 18,77 (Taschenbuch)
ISBN: 978-0674006690
Erscheinungstermin: 15. Januar 2002

Der Rassismus spielt hierfür eine zentrale Rolle. Enggefasst bedeutet er, die Existenz von verschiedenen biologischen Rassen anzunehmen, die Mitglieder einer „Rasse“ als höher-, die einer anderen als minderwertig einzustufen und daraus Privilegien bzw. Rechteeinschränkung abzuleiten. Paul Gilroy hat in Against Race argumentiert, dass der Rassismus sich stets auf die Differenzen der jeweils modernsten Ebene biologischer Forschung gestützt habe: Im 19. Jahrhundert auf Schädelformen und Hautfarbe, im frühen 20. Jahrhundert auf das Blut, heute nun, wie die Intelligenzforschung in der Differentiellen Psychologie, auf die sich Thilo Sarrazin stützte, um zu begründen, dass Türken und Vorpommerner ärmer, weil dümmer sind, eben auf die DNA. Aber auch in der liberalen Identitätspolitik gibt es diese essenzialisierende Auffassung von „Rassen“, bloß mit umgekehrten Vorzeichen. „Rassen“ sind jedoch Konstrukte; Rassismus entsteht im Kapitalismus aufgrund seiner Funktionalität für die kapitalistische Weltvergesellschaftung und den Imperialismus.

Die indisch-kanadische Soziologin Himani Bannerji hat auf die „absurde Vorstellung“ hingewiesen, „Identität und Differenz als historische Formen des Bewusstseins“ zu begreifen, „die unverbunden sind mit Klassenformierung, der Entwicklung des Kapitals und der Klassenpolitik“. „Volk“, „Rasse“ und „Nation“ werden genauso wie der Rassismus vorausgesetzt. Dies fußt auf der Annahme, dass Menschen sich stets als Teil einer Nation fühlten (was sie historisch nicht taten), dass sie sich im Gegensatz zu Andershäutigen verstanden und diese als der Eigengruppe nichtzugehörig definierten (was sie auch nicht taten), dass sie auf Andershäutige abwertend reagieren (was sie außerdem nicht taten).

Auch die (ohnehin erst durch Vereinheitlichung im modernen Nationalstaat entstandenen) Kultur- und Sprachgemeinschaften verhinderten beispielsweise nicht, dass die deutschsprachigen Städte Danzig und Elbing sich mit dem polnischen König verbanden und gegen Preußen kämpften. Die außerhalb von Paris lebenden „Franzosen“, die während der Großen Revolution von 1789 als „Franzosen“ angerufen wurden, konnten mit diesem Begriff nichts anfangen, weil sie sich als Bewohner ihres Dorfes oder ihrer Region – Normandie, Bretagne oder Provence – fühlten. Tatsächlich ist „Rasse“ nicht natürlich. Es ist auch nicht der Rassismus, der die Unterdrückung, sondern die Unterdrückung, die den Rassismus hervorbringt – und dies sehr spezifisch. Dies zu unterscheiden heißt philosophischen Materialismus und Idealismus unterscheiden.

III. SOZIALISMUS UND/ODER KAPITALISMUS IN EINEM LAND?

Die Geschichte hat gezeigt, „Sozialismus in einem Land“ ist, vor allem, wenn es sich dabei um ein auf dem Weltmarkt untergeordnetes, abhängiges, rückständiges (Agrar-)Land handelt, dauerhaft nicht möglich. Sie hat jedoch auch gezeigt: Kapitalismus in einem Land ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Kapitalismus entsteht im Nationalstaat, aber er kann dort nicht bleiben. Die klassischen Imperialismustheorien von John Hobson, Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg, W.I. Lenin, Nikolai Bucharin, Henryk Grossmann und Fritz Sternberg suchten zu erklären, warum der Kapitalismus in seinem Monopolzeitalter der großen Konzerne, Verbände und Kartelle die Welt formell kolonialisierte. Sie beschäftigte, warum es zum „Scramble for Africa“, der Berliner Kongo-Konferenz und der völkermörderischen Unterdrückungspolitik der Kolonialreiche vom zweiten Burenkrieg (1899-1902) in Südafrika über den „Boxeraufstand“ in China (1899-1901) bis zum deutschen Genozid an den Völkern der Nama und Hereros im heutigen Namibia kam (1904-1908).

Ausgehend von Marx’ Analyse der Tendenzgesetze von Konkurrenz und Akkumulation analysierte Luxemburg, dass der Kapitalismus zu dieser Form der Landnahme gezwungen sei. Der formelle Imperialismus bearbeitete die inneren Widersprüche. Heute wissen wir, dass die vom überschüssigen Kapital landgenommenen Räume auch innerhalb der staatlichen Grenzen liegen können: Privatisierung von öffentlichen Gütern – Telekommunikation, ÖPNV, Mautgebühren, Bildung, Gesundheit, Rente.

IV. REPRÄSENTATION UND KLASSENKÄMPFE

Historisch brachte die kapitalistische Grenzüberschreitung in neue Räume indes den Rassismus nicht nur hervor, sie machte ihn unerlässlich. Er war eine notwendige Bedingung des Kapitalexports. Warum? In seinem Kampf gegen den Feudalismus und die adelige Grundbesitzerklasse hatte die aufsteigende Bourgeoisie zur Untermauerung ihrer Interessen und Forderungen den Liberalismus entwickelt, verkörpert insbesondere durch John Locke, aber auch Montesquieu und Thomas Hobbes. Gegen das feudale Gottesgnadentum stellte das Bürgertum die individuellen Bürgerrechte. An die Stelle der transzendenten Herleitung einer uneingeschränkten dynastischen Herrschaft setzte es die Immanenz, also eine von den Untertanen selbst abgeleitete und durch ihren Willen eingeschränkte Herrschaft. Das Parlament war seine zentrale Waffe, seine zentrale Forderung: „no taxation without representation“.

Zugleich war der Liberalismus historisch das krasse Gegenteil der Demokratie: Repräsentative Elitenherrschaft statt direkter Selbstbestimmung (wie im alten Athen) einerseits, auf das männliche Besitzbürgertum eingeschränktes statt allgemeinem Wahlrecht andererseits. Wählen durften nach der englischen Revolution gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung. Als vernunftbegabte Individuen, als Bürger galten nur die Mitglieder der Eigentümerklasse. Das restliche Volk galt als „kindliche Masse“. Der klassische Liberalismus ist, in den Worten des kanadischen Ideengeschichtswissenschaftlers C. B. Macpherson, „Besitzindividualismus“. Unter Demokratie verstand das Bürgertum Pöbelherrschaft; nichts fürchtete, hasste und bekämpfte es so wie Thomas Münzer und die aufständischen Bauern, die Münsteraner Wiedertäufer, die Diggers in der Englischen Revolution und die Pariser Commune. An der Sozialdemokratie fürchtete die herrschende Klasse das Demokratische weit mehr als das Sozialistische; Katheder- und Staatssozialisten waren tolerabel, der „Social-Demokrat“ war zu vernichten. Der Liberalismus musste entsprechend durch Klassenkämpfe von unten Schritt für Schritt demokratisiert werden. Und er konnte es. Die immanente Herleitung von Herrschaft war für die Bourgeoisie eine Büchse der Pandora: Immer mehr Gruppen der Ausgebeuteten und Unterdrückten emanzipierten sich vom Status der „kindlichen Masse“ und verlangten ihre Rechte. Wer mochte jetzt verhindern, dass die Besitzlosen, dass die lohnarbeitende Mehrheit die Minderheit der Besitzenden enteigneten? Diese Frage drängte.

V. LIBERALISMUS, DEMOKRATIE UND KOLONIALISMUS

Seinen elitären Charakter als parlamentarische Demokratie behielt der Liberalismus bei. Dafür sorgten eine ständige, konservative Bürokratie und das Repräsentationsprinzip mit Abgeordneten, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Außerdem konzedierte die Bourgeoisie im Ergebnis der Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg zwar das allgemeine Wahlrecht, fand aber nach den faschistischen Konterrevolutionen, die Theoretiker der Diktatur sans phrase (Carl Schmitt u. a.) hervorbrachte, schließlich mithilfe ihrer Vordenker des Neoliberalismus wie Friedrich August Hayek und James Buchanan andere, andauernde und noch weitaus effizientere Wege, das allgemeine Wahlrecht in einer Weise einzuschränken, die den Satz „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“ bis heute plausibel machen.

Ein „neuer Konstitutionalismus“, wie der britisch-kanadische Politikwissenschaftler Stephen Gill es nennt, entpolitisiert bis heute die entscheidenden wirtschaftspolitischen und Eigentumsfragen, entzieht sie dem Souverän ganz und gar und schafft eine Welt der Alternativlosigkeit nicht zuletzt durch globale Wirtschaftsverfassungen vom EU-Fiskalpakt über Handelsabkommen wie das TRIPS bis zu Investitionsschutzabkommen a la TTIP oder CETA. Wir wählen zwar, dürfen aber nichts entscheiden – jedenfalls nichts, das zählt. Das bedeutet „Postdemokratie“ (Colin Crouch).

Entscheidend für die Entstehung des Rassismus ist nun: Die immanente Herleitung von Herrschaft und die Etablierung allgemeiner Bürger- und Menschenrechte durch die bürgerlichen Revolutionen warfen die Frage auf, wie die Unterwerfung und blutige Unterdrückung der Kolonialbevölkerung gerechtfertigt werden mochte. Der vorkapitalistische Imperialismus der Spanier und Portugiesen kannte, weil im Innern noch feudal und nicht bürgerlich-liberal verfasst, keinen Rassismus. „Vor dem Kapitalismus“, schreiben Eleonora Mendivil und Bafta Sarbo in Die Diversität der Ausbeutung, habe „es keinen Versuch gegeben, Rassismus wissenschaftlich zu begründen“. Die Begründungsnotwendigkeit ergibt sich erst in der bürgerlichen Gesellschaft.

VI. VON DER SKLAVEREI UND DEM EIGENTUM

Sie bringt, wie Domenico Losurdo schreibt, den liberalen Rassismus einer „Herrenvolk-Demokratie“ hervor, weil sie es muss. Denn der Kolonialismus ruft die Eigentumssklaverei (chattel slavery) hervor, also „die in jeder Hinsicht uneingeschränkte Verfügungsgewalt über den Sklaven“. „Die Sklaverei“, so Losurdo, „dauerte nicht trotz des Erfolgs der drei liberalen Revolutionen fort; im Gegenteil, sie erfährt ihre größte Entfaltung im Gefolge dieses Erfolgs: Die Zahl der Sklaven auf dem amerikanischen Kontinent betrug etwa 330.000 im Jahr 1700, fast drei Millionen 1800, um schließlich ihren Höchststand von über sechs Millionen in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts zu erreichen“. Diese „überraschende Verflechtung von Freiheit und Unterdrückung“ im bürgerlichen Liberalismus sei in ihrer „ganzen Radikalität“ erklärungsbedürftig. Es sei, schreibt die kanadische Politikwissenschaftlerin und Marxistin Ellen Meiksins Wood in The Origin of Capitalism, der „Mangel an alten zuschreibenden Kategorien und Hierarchien, wie die rechtlichen Status-Differenzen, die die Feudalverhältnisse prägten“ gewesen, der bedeutet habe, „dass der Imperialismus und die Sklaverei mit anderen Mitteln begründet werden mussten. In vorkapitalistischen Gesellschaften hatte eine große Bandbreite an Abhängigkeitsverhältnissen bestanden: nicht nur (…) Sklaverei, sondern auch Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft usw. (…). Der Kapitalismus ersetzte dieses Spektrum an abhängiger Arbeit“, habe aber das Problem des Arbeitskräftemangels vorgefunden, da eine große Masse an ‚doppelt freien‘ Lohnarbeitern noch nicht existiert habe“. Dies sei der Grund für den Triumph der Eigentumssklaverei und den Sklavenhandel. Die Formel, die sich für die doppelten Standards fand, war: Die Kolonien sind völkerrechtlich Inland, staatspolitisch aber Ausland. Die Bürgerrechte im Innern galten für die Kolonien nicht.

VII. DIE JAKOBINER UND HAITI

THE BLACK JACOBINS
VON C. L. R. JAMES
London: Penguin Classics
416 Seiten | € 13,19 (Taschenbuch)
ISBN: 978-0241562079
Erscheinungstermin: 06. Oktober 2022

Die Betonung der natürlichen Minderwertigkeit der Kolonialbevölkerungen war eine notwendige Voraussetzung, ihnen ihr Land zu rauben. Wenn die Kolonialherren das Land doch viel effizienter zu bewirtschaften in der Lage seien, dann wäre es ja ein Verstoß gegen Fortschritt und Zivilisation, es ihnen nicht zu nehmen und selbst zu bebauen. Es ist ein Argument, dass immer wieder aufgeworfen werden würde, bis hinein in den rechten Flügel der Arbeiterbewegung, wo in Deutschland Eduard Bernstein und in Österreich Karl Renner sich mit dem bestehenden Kolonialstaat auszusöhnen trachteten, indem sie die Möglichkeit eines humanen, sozialistischen Kolonialismus in Aussicht stellten. Die Rechtfertigungen beinhalteten damals, wie C. L. R. James in The Black Jacobins über die Haitianische Revolution (1791-1804) schreibt, die Behauptung, „dass, so grausam der Sklavenhandel auch sei, der afrikanische Sklave in Amerika viel glücklicher sei als in seiner eigenen afrikanischen Zivilisation“. Wehrte sich die Bevölkerung dann aber, wie in Haiti, doch gegen Unterdrückung und Ausbeutung, wurde dies als Beweis ihrer Unzivilisiertheit angesehen. So wurden und blieben auch die Kolonialbevölkerungen stets Teil der „irrationalen“, „barbarischen“ und darum rechtelosen „kindlichen Masse“. Mehr noch: Unter dem Druck der antikolonialen Revolutionserfahrung und ihrem Gegensatz zum Menschenrechtsuniversalismus entwickelt sich der Rassismus als Mittel der Polizeiaufsicht: „Nach jedem großen Aufstand“ in den Kolonialgebieten habe „die rassistische Doktrin einen weiteren Schritt in ihrer finsteren Entwicklung genommen“, schreibt Peter Linebaugh und Marcus Rediker in ihrer bahnbrechenden Studie The Many-Headed Hydra: The Hidden History of the Revolutionary Atlantic (2012).

VIII. „UNTERMENSCHEN“

Diese historische Spezifik des Rassismus als Ergebnis des konkreten Zusammenhangs zwischen – systemisch erzwungener – kapitalistischer Expansion und kolonialistischem Imperialismus unterstreicht seine verschiedene Ausprägung in den einzelnen europäischen Gesellschaften. Entscheidend ist sein Abhängigkeit von den Zielländern des Imperialismus: Der Rassismus der Briten, Belgier und Holländer richtet sich gegen die schwarzen und dunkelhäutigen Bevölkerungen ihrer Kolonien, der französische gegen Schwarze, aber besonders auch gegen Araber. Der Rassismus Deutschlands, das in der kolonialen Verteilung der Welt zu spät kommt, richtet sich vor allem gegen die Slawen. Sie sind schon im Rahmen der Grenzlandphilosophie Schlesiens, Pommerns, West- und Ostpreußens die „Untermenschen“.

Im Verein für Socialpolitik denken Max Weber und andere über Ostkolonisation und die Gefahr der „Polonisierung“ nach. Auch hier galt: Deutsche Wirtschaft statt „polnischer Wirtschaft“. Nach dem verlorenen Weltkrieg definiert dann Walter Harich in Das Ostproblem die Grenze von Zivilisation und Barbarei als die Grenze zwischen Deutschen und Ostvölkern. Im „Unternehmen Barbarossa“, also Deutschlands Vernichtungskrieg im Osten, mündet dies dann im „Generalplan Ost“, der die systematische Ermordung der Osteliten vorsah, um dann eine servile Land-Bevölkerung für die deutschen Städte zu schaffen, die, nach Hitler, nur insoweit gebildet sein sollte, dass sie die Verkehrsschilder lesen könne, um der deutschen Herrenrasse nicht in ihre Automobile zu rennen.

Später erfindet der Rassismus der USA für ihren genozidalen Vietnamkrieg das Wort „slant-eyed“ („schlitzäugig“) und „löscht“, wie Benedict Anderson in Die Erfindung der Nation schreibt, „das ‚Nation-Sein‘ aus, weil der Feind auf seine Physiognomie reduziert wird (…). Es wirft den ‚Vietnamesen‘ in einen namenlosen Topf mit dem ‚Koreaner‘, ‚Chinesen‘, ‚Filipino‘ etc. Der Charakter dieses Vokabulars wird noch deutlicher, wenn man es anderen Wörtern aus der Epoche des Vietnamkriegs gegenüberstellt wie ‚Charlie‘ und ‚V.C.‘ oder, aus einer früheren Epoche, ‚Boches‘, ‚Huns‘, ‚Japs‘ und ‚Frogs‘.“ Besonders bemerkenswert ist, dass die Hunnen, als Erinnerung an Dschingis Khan und die Invasion der Hunnen unter Attila, als Charakterisierung der Barbarei aus dem Osten sowohl Ziel und Ausgangspunkt derselben Nation sein konnte. So warnte der antislawische Rassismus Deutschlands stets vor der mongolischen Barbarei (aus) der Sowjetunion, während die Briten die Deutschen selbst als „huns“ beschrieben, die es im Namen der Zivilisation niederzuringen galt.

Die Zielländer des Imperialismus erklären also die Spezifik des Rassismus. Ihn zu begreifen, so die These des trinidadischen Historikers Eric Williams in Capitalism and Slavery (1944), bedeute seine Funktion zu begreifen als die Legitimationsgrundlage für die ökonomische Ausbeutung und politische Unterdrückung.

IX. RASSISMUS ALS KONSTRUKTION

Das Konstruierte des Rassismus als Herrschaftstechnologie zeigt sich daran, dass die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei nie eine zwischen allen Weißen im kolonialistischen Mutterland und allen Autochthonen in den Kolonien war. Sie blieb stets fließend. Sowohl die auswärtigen als auch die einheimischen unteren Klassen blieben die classes dangereuse, die „gefährlichen Klassen“. Schon im Frühkapitalismus hatte man dieselben in die Kolonien exportiert – nach Nordamerika und nicht zuletzt in die Strafkolonie Australien. Kapitalistischer take-off produziert Überschussbevölkerungen, die potenziell revolutionär sein können. Zunächst hatte man die vielen Armen in die Arbeitshäuser geprügelt, aber das machte sie nicht minder gefährlich.

Der Siedlerkolonialismus in Übersee war auch ein Mittel die Revolution im Innern zu verhindern. So dachten ihn die Kolonialpolitiker wie Cecil Rhodes und Joseph Chamberlain. Oft führte gerade der Weg der bürgerlichen Sozialreformer, die gesamtgesellschaftlich dachten, in den Imperialismus. Äußere Kolonisation war auch ein Mittel landwirtschaftliche Betriebe konkurrenzfähig zu halten, indem man die Güterteilung unterband und den Zweit- und Drittgeborenen „herrenloses Land“ in den Kolonien versprach, vom Louisiana Purchase bis zu Südostpreußen, dem Generalgouvernement Polen und Reichskommissariat Ukraine.

X. VON „GEFÄHRLICHEN KLASSEN“

Die fließenden Grenzen der „gefährlichen Klassen“ erklären, dass dieser Rassismus zunächst gar nichts mit dem Phänotypischen der Hautfarbe zu tun hatte. Der US-Historiker Theodore W. Allen hat in seinem heutigen Standardwerk The Invention of the White Race (1975/2006) aufgezeigt, dass die ersten Siedler in Nordamerika im frühen 17. Jahrhundert das Konzept des „Weiß-Seins“ nicht kannten und es auch Jahrzehnte lang nicht existierte. Die US-Historiker Elizabeth Fox-Genovese und Eugene D. Genovese haben in ihrem Buch Slavery in Black and White (2008) gezeigt, dass die weißen unfreien „indentured servants“ (Schuldknechte) den schwarzen Sklaven aus den Kolonien grundsätzlich gleichgestellt waren: Sie waren beide gleichermaßen Privateigentum der Kapitalisten. Es gebe, argumentiert der kanadische Politikwissenschaftler und marxistische Historiker David McNally in seinem Buch Blood and Money (2020), in der Kolonialgeschichte zunächst keine „Farbe des Geldes“. Das Kapital war „farbenblind“. Dies zeigt auch die Ankunft der Iren in der Neuen Welt. Der US-Historiker Noel Ignatiev hat in seiner Studie How the Irish Became White (1995/2009) herausgearbeitet, dass die Iren, die im Ergebnis des „Potato Famine“ (1845-1852) massenhaft nach Amerika kamen, keineswegs als „Weiße“ dort anlangten. Aus der Sicht der englischen Imperialisten waren sie – auch aufgrund ihres Katholizismus – nicht minder tierisch, untermenschlich als die Schwarzen. Der Grund hierfür: Nur diese Entmenschlichung und Herabsetzung mochte die blutige koloniale Ausbeutung Irlands durch das englische Bürgertum rechtfertigen.

Als die Iren nach Amerika kamen, „fanden sie sich“, schreibt Ignatiev, „üblicherweise mit den freien Negern zusammengewürfelt wieder. Sie bekämpften einander und mit der Polizei, bildeten eine Gemeinschaft, heirateten untereinander und entwickelten eine gemeinsame Unterklassenkultur. Die Verachtung der Bessergestellten traf sie gleichermaßen (…). Im Vorbürgerkriegsamerika erwartete man, dass die beiden Gruppen sich ethnisch vermischen würden“.

XI. IRLAND UND DIE SOCIALIST PARTY

Freilich stellt sich die Frage: Warum gab es in Irland keine „chattel slavery“? Warum versklavte der britische Imperialismus die Schwarzen im U.S. South, aber nicht die Iren in Irland. Allens Antwort: Die Sklaverei in Nordamerika war in der kapitalistischen Logik sinnvoll, in Irland nicht. Hier war es vor allem angesichts des Überangebots auch an Arbeitskräften schlicht billiger, während Aussaat und Hochernte auf das Heer an Saisonarbeitern und Tagelöhnern zurückzugreifen, als sich die ganzjährige Verantwortung für Sklaven aufzubürden. Der Lohnsklave: billiger als der echte Sklave. In den USA hingegen führte die permanente Arbeitskräfteknappheit zum Sklavenarbeitssystem, so wie es später auch zum hohen Lohnniveau führen würde, das sowohl die Entstehung einer sozialistischen Klassenpartei hemmte (die Socialist Party erreichte ihren Höhepunkt 1912) als auch die großen Automationssprünge wie das Fordsche Fließband hervorbrachte. Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war, wie der marxistische US-Historiker Charles Post gezeigt hat, eben keine moralische Veranstaltung, sondern eine Auseinandersetzung über die Frage, welches Wirtschaftsmodell auf das riesige Gebiet im Westen ausgedehnt werden sollte: Die sklavenbasierte agrarische Plantagenwirtschaft der Südstaaten oder die auf „doppelt freier Lohnarbeit“ beruhende kapitalistische Wirtschaft des Nordens.

XII. DIE LÖHNE DES „WEISS-SEINS“

DAS SCHWEIN UND DER WOLKENKRATZER
VON MARCO D’ERAMO
München: Kunstmann
461 Seiten | € 30,00 (antiquarisch)
ISBN: 978-3888971723
Erscheinungstermin: 1996

Aber wie war es möglich, dass die Iren im Zuge ihrer Emigration sich, wie Ignatiev schreibt, „von Opfern und Gegnern der rassischen Unterdrückung in Stützen der Sklaverei und weißen Herrschaft verwandelten?“ Warum entstand keine größere Solidarität zwischen den „weißen“ und „nichtweißen“ Teilen der „gefährlichen Klassen“? Warum übernahmen Iren die „Rassen“-Hierarchie? Wie entstand der Gegensatz von freien „Weißen“ und unfreien „Schwarzen“, obwohl, wie Nancy Isenberg es in White Trash: The 400-Year Untold History of Class in America es gezeigt hat, ein kontinuierliches Bindeglied der Klassenerfahrungen die weiße und schwarze Arbeiterklasse verbindet?

Der panafrikanische US-Soziologe W. E. B. Dubois ging davon aus, dass es einen „öffentlichen und einen psychologischen Lohn“ gebe. An diese Idee knüpft David Roediger in The Wages of Whiteness an: „Die Freuden des Weiß-Seins konnten wie eine Form des Lohnes funktionieren“. Dies sei der Grund, warum in den USA „viele Arbeiter sich als weiß definierten“. Das „Weiß-Sein“ oder „Weiß-Werden“ seien „in Teilen Produkte der weißen Arbeiterklasse selbst“. Die „Weiß-Werdung“ der Iren durch ihre Abgrenzung von den Schwarzen sei, so Ignatiev, eine Strategie, von diesen „Löhnen des Weiß-Seins“ zu profitieren.

Dies allerdings vermischte sich unter den Bedingungen der wellenförmigen Einwanderung auch wieder stark mit der farbenblinden Klassenfrage. Der Rassismus war zugleich ein Mittel, mit dem frühere Einwanderergenerationen, die sich durch bereits ein höheres Lohn- und damit Kulturniveau erarbeitet hatten, auf die neuen Generationen der zugewanderten Arbeiterklasse herabblickten, sich mit Rassismus gegen diese Lohndrücker und potenziellen Streikbrecher zur Wehr setzten: Die Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA gekommen waren, suchten – wie der Bourdieu-Schüler Marco D’Eramo in Das Schwein und der Wolkenkratzer zeigt – ihre Position zu sichern, indem sie die ostelbischen Deutschen der nachkommenden Einwandererwelle, die infolge der Globalisierung der Agrarmärkte und „Großen Deflation“ (1873-1895) auswanderten, als faule, liederliche Trinker stilisierten – gar nicht so produktiv, wie sie selbst. Es blieb in der Arbeiterbewegung stets die Frage, ob man auf die „Schmutzkonkurrenz“ am Arbeitsmarkt – als solche wirkten zunächst sowohl die Zugewanderten als auch die proletarischen Frauen – mit Ausgrenzung reagieren sollte (wie im „Chinese Exclusion Act“ in den USA) oder sie durch Aufnahme dieser Gruppen in die Organisationen der Arbeiterbewegung als Kraft der Lohndrückung neutralisierte. Es war der austromarxistische Parteiführer Otto Bauer, der auf der Notwendigkeit der Integration der Tschechen in die österreichischen Gewerkschaften und sozialistische Partei beharrte und dies später als Erfolg feiern konnte.

XIII. „RASSE“ UND ARBEITERKLASSE

Ausgrenzung oder Integration hatten zwangsläufig Folgewirkungen. „Rasse“ sei, schreibt Ignatiev, „zentral für die Formierung (oder Nichtformierung) […] der Arbeiterklasse“. Der Rassismus sei letztlich Ausdruck eines „Bündnisses einiger Arbeiter mit dem Kapital und […] das größte Hindernis für die Verwirklichung eines antikapitalistischen Weges“. Er verhindere, dass die multiethnische Arbeiterklasse sich gemeinsam gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker stellen: „White Supremacy entstand aus der Notwendigkeit der Selbstrechtfertigung einer Klasse, die durch den Sklavenhandel, die Sklaverei und die Ausbeutung von Land nichtweißer Bevölkerungen reich geworden war“. Dies sei nicht schwer zu erklären. Schwerer zu erklären sei, „warum die nichtsklavenhaltenden Weißen die Herrschaft der Besitzenden und ihre Rechtfertigungen tolerierten“.

Der liberale Antirassismus messe erklärungsbedürftigen historischen Erscheinungen „überhistorische Bedeutung“ im Sinne von „‚natürlichen‘ Affinitäten und Aversionen“ bei. Aber das Konzept „Rasse“, so Ignatiev, „erklärt gar nichts; es ist selbst zu erklären“. Oder wie Karen E. Fields und Barbara J. Fields in Racecraft (2012) argumentieren: Die Sklavenbefreiung entließ „die meisten der ehemaligen Sklaven in einen neuen Status, den der Arbeiterklasse“. Das linksliberale Rassismuskonzept aber „verdecke“ genau diesen elementaren Zusammenhang zwischen „Rassismus“ und „Ungleichheit“ in der Klassengesellschaft.

XIV. CONCLUSIO

DIE ENTSTEHUNG DER
ENGLISCHEN ARBEITERKLASSE
VON EDWARD P. THOMPSON
Frankfurt am Main: Suhrkamp
1065 Seiten | € 37,10 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3518111703
Erscheinungstermin: 29. April 198

Die „Löhne des Weiß-Seins“ bestehen bis heute als „Etablierten-Vorrechte“ (Wilhelm Heitmeyer) fort. Teile der ausgebeuteten Klassen suchen ihre erkämpften Positionen durch eine „Produzenten-Ideologie“ (Chip Berlet) zu sichern. Dazu dienen „Grenzziehungen“ (Beverly J. Silver) nach außen (etwa gegen Griechen, Syrer, Ukrainer usw.) und unten (Bürgergeldempfänger). Das Bündnis mit der herrschenden Klasse, das nicht auf eigener Kraft beruht, bleibt jedoch auf Sand gebaut. Die Arbeiterklasse ist ein strukturelle Objektivität; zugleich ist, wie der Marburger Politikwissenschaftler Frank Deppe argumentierte, ihr natürlicher Zustand einer der Spaltung und nicht der Einheit. Ihre Entwicklung zum klassenbewussten Proletariat, wie E. P. Thompson es in The Making of the English Working Class beschrieben hat, ist ein politischer Prozess. Ihn gilt es zu organisieren. Die Zunahme von Rassismus in einer Gesellschaft, schlussfolgerten 1990 Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein in Rasse, Klasse, Nation, sei „das Symptom eines Mangels im Bereich des Klassenkampfes“.

INGAR SOLTY

ist ein deutscher Sachbuchautor und Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Medien, in denen er regelmäßig Stellung bezieht, sind Jacobin, die junge Welt und die taz sowie der Freitag. Solty ist Autor der 36-bändigen „Edition Marxismen“. Zuletzt erschien „Innere Zeitenwende: Die Militarisierung von Deutschlands Gesellschaft und Alltagskultur“ (2026).

Literatur

Allen, T. W. (2012). The Invention of the White Race. Verso.

Anderson, B. (2005). Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Campus.
Balibar, E., & Wallerstein, I. (2026). Rasse, Klasse, Nation. Argument.
Bannerji, H. (2000). Dark Side of the Nation: Essays on Multiculturalism, Nationalism, and Gender. Canadian Scholars
Berlet, C., & Nemiroff Lyons, M. (2000). Right-wing Populism in America. The Guilford Press.
Crouch, C. (2008): Postdemokratie. Suhrkamp.
D’Eramo, M. (1996). Das Schwein und der Wolkenkratzer – Chicago. Eine Geschichte unserer Zukunft. Kunstmann.
Deppe, F. (2021). Sozialismus. Geburt und Aufschwung – Widersprüche und Niedergang – Perspektiven. VSA.
Du Bois, W. E. B. (1998). Black Reconstruction in America, 1860-1880. Free Press.
Fields, K. E., & Fields, B. J. (2022). Racecraft: The Soul of Inequality in American Life. Verso.
Fox-Genovese, E., & Genovese E. D. (2008). Slavery in White and Black: Class and Race in the Southern Slaveholders’ New World Order. Cambridge University Press.
Gill, S. (2014). New Constitutionalism and World Order, Cambridge University Press.
Gilroy, P. (2002). Against Race: Imagining Political Culture Beyond the Color Line, Harvard University Press.
Harich, W. (1922). Das Ostproblem. Beck.
Heitmeyer, W. (2018). Autoritäre Versuchungen. Suhrkamp.
Ignatiev, N. (2012). How the Irish Became White. Routledge.
Isenberg, N. (2016). White Trash: The 400-Year Untold History of Class in America. Viking.
James, C. L. R. (2022). The Black Jacobins: Toussaint L’Ouverture and the San Domingo Revolution. Penguin Classics.
Linebaugh, P, & Rediker, M. (2002). The Many-Headed Hydra: The Hidden History of the Revolutionary Atlantic. Verso Books.
Losurdo, D. (2011). Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus. PapyRossa.
McNally, C. (2020). Blood and Money: War, Slavery, Finance, and Empire. Haymarket Books.
Meiksins Wood, E. (2017). The Origin of Capitalism: A Longer View. Verso Books.
Post, C. (2011). The American Road to Capitalism. Studies in Calls-Structure, Economic Development and Political Conflict, 1620–1877. Brill.
Roediger, D. R. (2022). The Wages of Whiteness: Race and the Making of the American Working Class. Verso Books.
Roldán M., & Sarbo, B. (Hrsg.). (2025). Die Diversität der Ausbeutung: Zur Kritik des herrschenden Antirassismus. Dietz.
Silver, B. J. (2005): Forces of Labor: Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870: Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870. ‎Assoziation A.
Solty, I. (2025): Eduard Bernstein zur Einführung: Marxismus und Revisionismus (Edition Marxismen, Bd. 5). Brumaire.
Solty, I. (2025): Otto Bauer zur Einführung: Austromarxismus (Edition Marxismen, Bd. 11). Brumaire:
Thompson, E. P. (1987). Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse (2 Bände). Suhrkamp.
Williams, E. (2022). Capitalism and Slavery. Penguin Classics.


* Dieser Beitrag erschien erstmalig in gekürzter Form in konkret 12/25, S. 12–15. Die Redaktion der ZUKUNFT dankt dem Autor Ingar Solty und der Redaktion von konkret für die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck.