
1177 B.C. – THE YEAR CIVILIZATION COLLAPSED
Princeton: Princeton University Press
277 Seiten | € 19,32 (Taschenbuch)
ISBN: 978-0691208015
Erscheinungstermin: 02. Februar 2021
Der Historiker Eric H. Cline zeichnet detektivisch das Bild einer hochvernetzten bronzezeitlichen Welt nach. Sein Panorama dieser „Proto-Globalisierung“ ist detailverliebt und umfangreich – bis plötzlich die Kulturen gleich Dominosteinen eine nach der anderen fallen. Die Aufarbeitung dieses mysteriösen zivilisatorischen Zusammenbruchs bildet den dramaturgischen Höhepunkt des Sachbuchs, das MARIE-THERES STAMPF für die Leser*innen der ZUKUNFT rezensiert hat.
I. Einleitung
Die Bewunderung für die längst vergangenen Kulturen des Mittelmeerraums, von den Ägypter*innen über die Hethiter*innen, Babylonier*innen bis hin zu gemeinhin weniger bekannten Reichen, dringt aus jeder Zeile von Eric H. Clines rund 200 Seiten umfassendem Werk. Und entsprechend minutiös arbeitet sich der Autor an Funden wie Inschriften und Tontafeln ab. Denn vor dem großen Untergang gilt es ihm aufzuzeigen, wie komplex und reich diese Welt war, und was mit ihr überhaupt verlorenging.
Architektonische Stilelemente, Königsfolgen, Briefe, Gedichte und archäologische „Schicht-Arbeit“ im wahrsten Sinne erweitern den Schatz an Detailwissen, der bisweilen auch lebens- und alltagsnahe Einblicke in die Kulturen bietet, die vor über 3.000 Jahren ihren Höhepunkt erreichten. Dann, ab 1200 v. u. Z., folgt Clines thematischer Schwerpunkt mit dem dramatischen Untergang dieser Welt. Er gipfelt in der Schlacht zwischen den Seevölkern und dem ägyptischen Pharao Ramses III. im titelgebenden Jahr 1177 v. u. Z. Clines Kernaussage: Die mysteriösen Seevölker können nicht der alleinige Grund für den Zusammenbruch dieser komplexen Zivilisationen sein. Lange wurde ihnen in der Forschung die Schuld für den Niedergang der Reiche zugeschoben. Dass diese, wie viele weitere monokausale Erklärungen, eine gar zu einfache wäre, arbeitet Cline nicht nur in den Hauptkapiteln 5 und 6 heraus (A “Perfect Storm“ of Calamities? und Sea Peoples, Systems Collapse, and Complexity Theory), er zeigt es auch in Form der vorangehenden Beschreibungen der blühenden Kulturen, die eine weite Distanzen überspannende Handels-, Heirats- und Kriegspolitik führten, und deren Untergang nicht als jener einzelner Reiche gelesen werden darf, sondern als Verschwinden einer ganzen kosmopolitischen Weltordnung.
II. Prolog: Einführung und Fragestellung
In einem Prolog zum Jahr 1177 v. u. Z. behandelt Cline den aktuellen Wissensstand zu den Seevölkern. Unter den „Seevölkern“ werden mehrere Gruppen zusammengefasst, über deren Ursprungsländer bis heute keine Klarheit herrscht. Auch ihre Motivation für die Angriffe, nicht nur der Ägypter*innen, ist unbekannt. Spekulationen reichen über religiös befeuerte Kreuzzüge, Plünderungen oder die eigene Vertreibung aus der Heimat. Alles, was über die Seevölker bekannt ist, wurde aus der Außenperspektive verfasst, sie selbst haben keine Aufzeichnungen hinterlassen. An diesem Rätsel arbeitet sich Cline aufgrund der mangelnden Beweislage nicht allzu ausschweifend ab. Er berichtet über die Schlacht gegen Ramses III. und konzentriert sich auf seine wesentliche Fragestellung zum zivilisatorischen Kollaps: Nicht das Wer, sondern das Warum.
Zudem geht Cline in dem Prolog und auch in späteren Kapiteln immer wieder auf die Methodik der Archäologie und ihre Wissenschaftsgeschichte ein. Diese Ergänzung zum besseren Verständnis des Faches wird parallel zur Erzählung geführt, wodurch Cline die Vielzahl an Fragestellungen und Schwierigkeiten vermittelt, die die Forschung mit sich bringt. Cline vermittelt gekonnt die Komplexität, anhand einer begrenzten Quellenlage Aussagen zu treffen, und zitiert an späterer Stelle Kunsthistorikerin Helene Kantor: „‘[…] Each imported vessel […] represents scores of others that have perished.’” (Cline, S. 39) Die Vergänglichkeit des Materiellen setzt definitiven Aussagen klare Grenzen, und Cline versucht nicht, diese zu verhüllen. Umso erstaunlicher ist die Detailfülle, die den Leser*innen geboten wird.
Der Autor ist bemüht, seinem Werk einen dramaturgischen Aufbau zugrunde zu legen und nennt seine ersten vier Kapitel „Acts“. Anhand dieser schreibt er in Jahrhundertschritten dem Kulminationspunkt des Buchs entgegen. Für die einzelnen Jahrhunderte, beginnend mit dem 15. Jahrhundert v. u. Z., verwebt er eine Vielzahl an interdisziplinären Belegen für die kosmopolitische Vernetzung: Aufzeichnungen über Handel, Diplomatie, Eheschließungen oder kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Akteur*innen des Mittelmeerraumes, Ausgrabungen, Spuren in der Architektur, Theorien aus der Linguistik.
III. Acts I bis IV: Schilderung einer kosmopolitischen Ära
Cline präsentiert in den Kapiteln I bis IV ausgewählte archäologische Funde und verdeutlicht mit ihrer Hilfe die mannigfaltigen Beziehungen zwischen den Reichen der späten Bronzezeit: etwa den Handel mit Rohstoffen wie Hölzern und Metallen, überlieferte Tontafeln, den Transfer von handwerklichem Know-how oder den Fund von Waffen an spezifischen Orten. Begleitet wird dies von Einblicken in die akademischen Auslegungen und ungeklärten Fragen, denn Cline lässt konkurrierenden Interpretationen bewusst Raum.
Im 15. Jahrhundert v. u. Z. mehren sich die Hinweise auf internationalen Handel und Austausch zwischen den Kulturen der späten Bronzezeit. Minoische Malereien in Ägypten, ein mykenisches Schwert in Hattusa, Briefverkehr und Handel zeigen, wie sich ein Netz von Verbindungen von der Ägäis bis nach Mesopotamien bildet. Auch gewaltvolle Auseinandersetzungen werden, wie etwa mit einem mutmaßlichen frühen Trojanischen Krieg im Act I: Of Arms and the Man, immer wieder behandelt.
Dem folgen in den weiteren Acts II bis IV die „archäologischen Highlights“ der jeweiligen Jahrhunderte: Etwa die Liste ägäischer Ortsnamen vom Totentempel Amenophis III., die vom Kontakt mit den weit westlich liegenden Ländern zeugen. Umgekehrt wurden etwa auf Kreta oder Rhodos ägyptische Artefakte gefunden. Oder die kostbaren Amarna-Briefe aus dem Archiv Echnatons, die von Geschenkaustausch, Machtkämpfen, Intrigen und Diplomatie zeugen. Cline gibt hier einzelne Abschnitte im übersetzten Wortlaut wieder. So werden nicht nur Inhalte, sondern auch sprachliche Konventionen lebendig gemacht:
„[…] Moreover, you, my brother […] as to the gold I wrote you about, send me whatever is on hand, as much as possible […]“ (Cline, S. 54).
Durch die Amarna-Briefe konnte ein komplexes Netz an Beziehungen zwischen Regent*innen in der späten Bronzezeit nachgezeichnet werden. Neben dem Tausch von Waren sticht das Anbieten von Schwestern und Töchtern zur Stärkung der Beziehungen durch Heiratspolitik heraus.
In Act III: Fighting for Gods and Country ist der Fund des Uluburun-Schiffes aus dem 13. Jahrhundert v. u. Z., beladen mit Kupfer, Zinn, Gewürzen, Gerste, der Hauptdarsteller des Kapitels. Es belegt den regen Überseehandel zu jener Zeit, parallel erläutert Cline die Entwicklung des zum Fundzeitpunkt jungen Zweigs der Unterwasser-Archäologie. Das prominente Schiff lieferte einen beeindruckenden Beleg für die komplexen Handelsverbindungen zwischen weit entfernten Akteur*innen.
Mit Clines Kapitel Act IV: The End of an Era wird das 12. Jahrhundert v. u. Z. und damit der Untergang der bronzezeitlichen Kulturen eingeläutet. Über 300 Jahre der globalisierten Wirtschaft in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum steuern ab hier rapide ihrem Ende entgegen. Die meisten Belege für diese Zeitspanne schöpft Cline aus den Funden der Hafenstadt Ugarit. Die Texte aus Ugarit enthalten nicht nur königliche und händlerische Korrespondenz, sondern auch Gedichte, Mythologie, Religion und Geschichte. Und einen definitiven Verweis auf sich nähernde feindliche Truppen – und flehentliche Bitten um Unterstützung:
„Now may my lord send me forces and chariots to save me and may my lord save me from the forces of this enemy!“ (Cline, S. 108).
Auch auf Datierungen von Sedimentschichten bekannter Stätten wie Hattusa, Mykene oder Megiddo sowie die mögliche Abfolge von Ereignissen geht Cline in gewohnter Manier detailliert ein. Da in später erneut besiedelten Städten immer wieder Einflüsse aus der Ägäis auftauchen, geht Cline hier nachdrücklicher auf die Frage ein, ob diese von den Seevölkern stammen, die selbst vor Zerstörungen aus der Ägäis geflohen sein könnten.
IV. Der Untergang und seine Ursachen
Im vorletzten Kapitel, A „Perfect Storm“ of Calamities?, arbeitet Cline Punkt für Punkt die möglichen ursächlichen Katastrophen für den Zusammenbruch der globalisierten Ära der späten Bronzezeit ab. Waren es Erdbeben, Pandemien, Rebellionen, die hohen Machtkonzentrationen, klimatische Veränderungen und in Folge Dürre und Hunger, die den einzelnen Reichen zu schaffen machten? Er geht auf das jeweilige Für und Wider ein und zeichnet eine den Mittelmeerraum umspannende Chronologie von Ereignissen. Vor allem Unstimmigkeiten in Bezug auf die Seevölker sind in dem Zusammenhang als Bruch mit dem weitverbreiteten Paradigma interessant. Am Ende schließt Cline auf eine Vielzahl an Faktoren, die zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Regionen betrafen und somit der simplen Invasionstheorie entgegenstehen.
Im letzten Kapitel, Sea Peoples, Systems Collapse, and Complexity Theory, behandelt er diese Ursachen als Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und nicht jeweils monokausal für den Untergang der Zivilisationen verantwortlich sein können. Komplexe soziopolitische Systeme, wie sie die einzelnen Reiche waren, seien anfälliger für Zusammenbrüche – und diese Reiche waren wiederum Bestandteil eines komplexen kosmopolitischen Netzes. Diese Erkenntnisse sollten uns, laut Cline, dazu anregen über die Resilienz unserer heutigen globalisierten Systeme nachzudenken und Schlüsse daraus zu ziehen – wenn nicht gar eine Warnung. Trotz Kontinuitäten in der Besiedelung, Anzeichen für die Rückkehr und eine Durchmischung von Kulturen mancherorts, hinterlässt Cline im letzten Kapitel The Aftermath ein düsteres Bild: Das Verschwinden von Schrift und weiträumigem Handel, die Depopulation ganzer Regionen, verlassene Städte und Paläste lassen keinen Zweifel an dem großen zivilisatorischen Bruch am Ende der Bronzezeit. Er stellt dem unser heutiges umfangreicheres Wissen über Szenarien wie den Klimawandel gegenüber. Doch kann unser Wissen ohne entsprechendes Handeln wirksam werden?
V. Fazit: Umfangreich und mit Liebe zum Detail
Clines Werk ist nicht nur – wie das düstere Cover vermuten lassen könnte – die reißerische Aufarbeitung einer Katastrophe, sondern ein gelungenes Überblickswerk über eine im Allgemeinwissen weniger stark verankerte Epoche der Menschheitsgeschichte. Wer einen Geschichtenerzähler im Stile von Yuval Noah Harari erwartet, wird jedoch enttäuscht. Cline bemüht sich, die wichtigsten Details ohne Auslassungen zu vermitteln, was in eine für das allgemeine Publikum etwas zu minutiöse, fragmentarische Aufarbeitung ausartet – und bisweilen auf Kosten der ungebrochenen Aufmerksamkeit der Leser*innenschaft gehen kann. Darunter leidet der narrative rote Faden, was das ansonsten großartige Buch für Laien nicht uneingeschränkt empfehlenswert macht. Von den Leser*innen wird neben einem guten Gedächtnis für Namen und Thronfolgen auch ein hohes Interesse an archäologischen Daten verlangt. Der Zauber der Geschichtsforschung liegt oft im konkreten Detail, in der plötzlichen Greifbarkeit des längst Vergangenen – das vermittelt Cline auch. Doch er nimmt viele erzählerische Umwege in Richtung des großen zivilisatorischen Zusammenbruchs, dem man, sofern wenig mit der akademischen Forschung zu diesem Zeitabschnitt bewandert, irgendwann fast sehnsüchtig entgegenblickt. Diese Empfindungen sind subjektiv: Personen, denen die Vielzahl an präsentierten Stätten, Herrscher*innen und Kulturen gängig oder willkommen ist und die auch nach einer Unterbrechung von dutzenden Seiten noch wissen, ob Suppiluliuma oder Tudhaliya zeitlich zuerst kam, werden das Sachbuch uneingeschränkt lieben. Wer sich einen raffinierten Spannungsbogen erwartet, wird eher enttäuscht.
VI. Conclusio
Die Parallelen zur Gegenwart, die Cline im letzten Kapitel, Sea Peoples, Systems Collapse, and Complexity Theory, zieht, sind besonders erhellend. Beim Blick auf die Vielzahl an Deutungsansätzen für das aktuelle Weltgeschehen, die globalen wirtschaftlichen Verstrickungen, den Kampf um Ressourcen, geopolitische Spannungen, ausbrechende Kriege, Ängste in Zusammenhang mit Migrationsbewegungen und den Klimawandel, wird einmal mehr deutlich, dass die Menschheit trotz fortschreitender Technologisierung und einer immer größer werdenden Menge an Daten und Informationen bei Weitem nicht vor existenzbedrohenden Krisen gefeit ist. Dementsprechend schließt er das Kapitel mit einem Zitat Mark Twains:
„[H]istory might not repeat itself, but it does rhyme.“ (Cline, S. 180)
