Bogengespräche: „Nur Utopien sind realistisch“ Die Zukunft moderner Gesellschaften Verein Demokratie – Kultur – Dialog – VON ALEXANDRA WEISS

Seit geraumer Zeit sprechen die Sozialwissenschaften von einer multiplen oder Vielfachkrise. Grundpfeiler der bisherigen Entwicklung unserer Gesellschaften stehen zur Disposition oder sind gar zu einer existenziellen Bedrohung für die Gesellschaft und den Planeten geworden. Wirtschaftliche Entwicklung steht dabei nicht nur für Naturzerstörung und die ökologische Krise, sie ist inzwischen auch vom Wohlstandsversprechen an die breite Bevölkerung abgekoppelt worden. Ein Befund dazu ist jener einer „Refeudalisierung der Ökonomie“ oder der „Postdemokratie“, die, wie schon die Begriffe andeuten, in massivem Widerspruch zu den Grundprinzipien einer demokratischen Gesellschaft stehen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und den USA etabliert wurden.

Es war eine Demokratie, die (ein Mindestmaß an) Gleichheit als Bedingung für Demokratie und Freiheit setzte, eine Demokratie, die sich in den Lebensbedingungen der Menschen materialisieren sollte. Die Garantie sozialer Sicherheit (durch Pensions- oder Arbeitslosenversicherung, deren geschlechtsspezifische Schlagseiten, wenn schon nicht beseitigt so doch abgemildert wurden, einem umfassenden Gesundheitssystem uvm.) ermöglichte einem Großteil der Menschen ihr Leben zu gestalten – jenseits der nackten Existenzsicherung.

Die neoliberale Transformation seit den 1980er/-90er Jahren hat all das – mehr oder weniger radikal – zur Disposition gestellt. Die damit einsetzende ökonomische und gesellschaftlich-politische Transformation führte zu deutlichen sozialen und ökologischen Verwerfungen, die die Stabilität und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften gefährden.

Wir stehen ohne Frage vor einem großen gesellschaftlichen Umwälzungsprozess. Die Frage ist, wie wir ihn gestalten. Aber: Reichen unsere Modelle von Demokratie dafür aus? Welche demokratischen Instrumente brauchen wir? Brauchen wir mehr Wirtschafts-Demokratie – und wie wäre diese lebbar? Wie sieht eine Postwachstumsgesellschaft aus und was bedeutet sie – in Hinblick auf Freiheit und Verzicht – für jede/n Einzelne/n von uns? Und: Wie kann ein Übergang in eine andere, ökologische und gerechtere Gesellschaft bewerkstelligt werden?

Die beiden Soziologen Hartmut Rosa und Klaus Dörre wiesen darauf hin, dass wir die Wahl haben zwischen einer sozial verträglichen und demokratisch kontrollierten Transformation „by design“ und einem als unkontrollierte Katastrophe hereinbrechenden Wandel „by desaster“.

In den Bogengesprächen möchten wir zur Diskussion und Auseinandersetzung zu diesen großen Fragen einladen und „Felder der Transformation“ konkret zum Thema machen: von Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, der Entwicklung globaler Ungleichheit, über Care-Arbeit und Gesundheitssysteme, Globalisierung und Digitalisierung, Geschlechterverhältnisse, Migration und Flucht bis hin zu Wissenschaft und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung uvm. Denn Auseinandersetzung und Diskussion sind eine der wesentlichen Grundpfeiler der Demokratie. Dabei geht es uns nicht nur um Analysen der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern auch die Formulierung von Modellen einer Transformation „by design“. Vieles von dem was unter den Stichworten „Postwachstum“, „Care-Revolution“, neue Arbeits- und Arbeitszeitmodelle diskutiert wird, gilt in der öffentlichen Auseinandersetzung oft als „utopisch“, was im Allgemeinen mit unrealistisch gleichgesetzt wird. Utopien sind aber nicht unrealistisch, sie sprengen die engen Grenzen unseres oft neoliberal beschränkten Denkens auf, sie knüpfen selbstverständlich an die Strukturen und Bedingungen unserer Gesellschaft an und wollen sie weiterentwickeln. Utopien sind aber auch Kraftquellen von Emanzipationsbewegungen, wie der Soziologe Oskar Negt einmal festhielt.

Das Formt der Bogengespräche zeichnet sich dadurch aus, dass Wissenschafter*innen mit Expert*innen aus der Praxis (Politiker*innen, Sozialarbeiter*innen, politischen Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen, Journalist*innen etc.) in Dialog treten.

Im Frühling 2025 haben wir – der Verein „Demokratie – Kultur – Dialog“ die Vortragsreihe „Nur Utopien sind realistisch“ mit den Themen „Lebenswerte Städte für alle. Nachhaltige Lösungen für Wohnen, Bildung & Gesundheit“ und „Das Ende des Unsozialen: Eine Sozial-Utopie!? Wie der Sozialstaat hilft, die Rezession zu überwinden“ begonnen und setzten im Herbst mit Fragen zur Mobilitätswende und welche Rolle die österreichische Bahnindustrie spielen kann, Betriebsdemokratie und Strategien zur Zähmung eines finanzmarktgetriebenen Kapitalismus fort.