Der Sozialhistoriker Reinhard Sieder hat in einer im vergangenen Jahr erschienenen Studie die biopolitischen Experimentierfelder des Roten Wien kritisch ausgeleuchtet. CHRISTIAN ZOLLES geht den darin aufgeworfenen Gewaltfragen nach.
I. ZWISCHENKRIEGSGEWALT
Setzt man sich eingehender mit der Zeitungsberichterstattung in der Ersten Republik auseinander, wird ein Umstand immer bewusster: die mannigfaltigen Weisen, mit denen auf Gewalt Bezug genommen wird. Zum einen gibt es natürlich laufend Berichte von den Handgreiflichkeiten zwischen den politischen Lagern, die im Justizpalastbrand vom Juli 1927 mit 94 Toten kulminierten (und Elias Canetti zu Masse und Macht inspirierten). Schlägereien fanden, immer offener von antisemitischen Tönen begleitet, auch an den Universitäten statt – neben der Hauptuniversität vor allem am Anatomischen Institut von Julius Tandler, der als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen des Neuen Wien mit jüdischer Herkunft besonders üblen Projektionen ausgesetzt war und Aufzeichnungen über die „Chronologie des Terrors“ an seinem Institut führte.1
Zum anderen erhält man durch die Zeitungslektüre aber auch tiefe Einblicke in die Alltagsgewalt: Schwerverbrechen werden ausführlich beschrieben und Gerichtsprozesse theatralisch wiedergegeben. Familiendramen und Raufhandel sind an der Tagesordnung und werden besonders häufig im Zusammenhang mit Trunksucht thematisiert. Und unzählige Fälle von Suizid finden sich – lange bevor man den Werther-Effekt erkannt und weit sensiblere Wege der Berichterstattung gefunden hat – bis in die bedrückendsten Details hinein geschildert.
Es eröffnet sich ein breites Spektrum der Erscheinungsformen von Gewalt, was zwangsläufig zur Frage führt, wie sich diese denn im Verhältnis zu den beiden Weltkriegen begreifen lassen. Welchen Stellenwert nehmen sie vor dem Hintergrund der Annahme eines ‚Zweiten Dreißigjährigen Kriegs‘ (1914–1945) ein, wie sie in der Geschichtswissenschaft immer wieder aufgegriffen wurde, und zwar weniger auf globalpolitischer und ökonomischer Makro-, sondern vor allem auf sozialgeschichtlicher Mikroebene? Welche Kontinuitätslinien von Gewalterfahrungen sind in diesem Zeitraum festzustellen, wie finden sich diese selbst in offiziellen Friedenszeiten auf unterschiedliche Weise weitergegeben, aktiviert und ausgelebt – und was sorgte letztlich dafür, dass sie alle in einer unvorstellbaren Katastrophe mündeten?
Mit diesen Fragestellungen rückt in den Fokus, dass die Erste Republik und die verfolgten demokratischen Ambitionen von Anfang an vor einem riesigen Gewaltproblem standen und dass dessen Latenz auch stark auf die damaligen Diskurse abfärbte. Selbst wenn nicht direkt davon gesprochen wurde, so bedeutet das nicht, dass Gewalt nicht, und zwar milieuübergreifend, ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltagslebens war. Davon zeugen dann indirekt die Zeitungsberichte und deren Faszinationskraft, mit der sie die Leser⋅innen an sich banden.
Es empfiehlt sich, Reinhard Sieders 2025 erschienener sozialgeschichtlichen Studie Biopolitik und Alltagsleben im Roten Wien mit einem Zugang wie diesem zu begegnen. Es lässt sich damit vielleicht eher erfassen, wie es nach wie vor gelingen kann, über einen der am meisten beforschten Zeiträume der österreichischen Geschichte neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und die Relevanz aufzuzeigen, die ihm zur Beleuchtung auch noch heutiger Debatten und Konfliktfelder zukommen kann: wie sehr „das Rote Wien eine verlorene Hoffnung und ein Menetekel [ist], das dazu mahnt, demokratische Werte viel entschlossener zu verteidigen als zuletzt.“ (S. 342)
II. DAS SCHREIBEN DER GESCHICHTE
An dem gewählten Zugang soll sich vor allem auch zeigen, wie sehr der jeweilige Standpunkt den Blick in die Geschichte beeinflusst. Bis 2015 hat Sieder als außerordentlicher Professor und Institutsvorstand für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Wien nicht nur intensiv zur österreichischen Zeitgeschichte und zu europäischen Familienkonstellationen geforscht, sondern sich mit dem Beruf des Historikers (Marc Bloch)2 selbst auseinandergesetzt. In der von ihm mitbegründeten Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (OeZG, 1990ff.) wurden die damals rezenten, u. a. stark und fruchtbar vom ‚Poststrukturalismus‘ beeinflussten Debatten um Theorien und Methoden der Geschichtsschreibung auf geistes- und sozialwissenschaftliche Themen angelegt.

Die OeZG ging mit keinem geringeren Anspruch ins Rennen, als „Geschichte neu [zu] schreiben“:
„[Wir sind] der Auffassung, daß dem mainstream der deutschsprachigen Historiographie ein nur schwer zu definierendes, doch eben deshalb umso wirkungsmächtigeres humanistisch-staatskonsensuales Geschichtsbild implizit ist, das die geistige Arbeit zunehmend hemmt. Es kann nur durch die Mobilisierung seiner eigenen Elemente von innen erodiert und in Bewegung gebracht werden, denn die Innovationspotentiale der Geschichtswissenschaften liegen heute nicht in einer ihrer Disziplinen oder in einer bestimmten Methode, sondern in deren wechselseitiger Anregung und Kritik.“3
Dieses Statement hat noch 35 Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt, zumal sich die geistige Arbeit heute nicht mehr nur von Staatsdoktrinen, sondern auch von neoliberaler Seite gehemmt zeigt: KI und Konsumlogik sind dabei, die Geschichte und das Schreiben von ihr allein von ökonomischen und algorithmischen Standards abhängig zu machen. Demgegenüber gilt es die Erinnerung aufrechtzuerhalten, dass die Quellen der Vergangenheit von einer Unruhe zeugen, die sich nicht einfach einordnen lässt, und auf Erfahrungen verweisen können, die noch gegenwärtig umtreiben.
So stellt sich auch nach wie vor die Frage nach der Subjektivität und den persönlichen Freiheiten innerhalb scheinbar alles dominierender Strukturen (S. 23; Sieder 2014).4 Man kommt dorthin zurück, wo sich Gewalten auch abseits von globalen Kriegskonstellationen manifestieren, auf ‚Mikrogewalten‘, die viel unterschwelliger bestimmen, in welcher Form sich Herrschafts- und Untertanenverhältnisse einrichten. Man kommt von den großen politischen – und eben auch biopolitischen – Diskursen auf Fragen, die das Alltagsleben betreffen.
Der Einbezug der Sozialgeschichte zählt zu den bedeutenden Errungenschaften der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund politischer und ökonomischer Verfassungen und Konjunkturen zählen seither auch die Stimmen der Einzelnen, und gerade auch der Schwächsten und von Gewalt Betroffenen. In diese Tradition ist Sieders Studie zu stellen (zur Methode S. 20–22), die neben genauen Textanalysen wesentlich von in den 1980er- und 1990er-Jahren geführten Interviews mit Zeitzeug·innen profitiert, die die Experimente des Neuen Wien noch ‚am eigenen Leib‘ erfahren hatten. Die autobiografische Erzählung erweist sich als „eine konkurrenzlose Quelle“ (S. 265).
III. TAUGLICHKEIT ZUM KRIEG UND LEBEN
Natürlich führte das kommunalpolitische Reformprogramm Wiens ab 1920 – getragen von Ökonomen, Architekten, Medizinern, Psychologen und Pädagogen und verteidigt gegen die reaktionären und klerikalen Strömungen im Lande – zu überragenden und bis heute international höchst angesehenen Errungenschaften. Neben den Innovationen im Wohnungsbau und Gesundheitsbereich stechen die Ansätze in der Bildung hervor, die mit der Reform Otto Glöckels und den Erkenntnissen insbesondere aus der Individualpsychologie (Alfred Adler), Kinderpsychologie (Charlotte Bühler) und Psychoanalyse (Anna Freud) verbunden sind.5
Als einer der wenigen hatte Adler schon während des Ersten Weltkriegs die „von den Furien des Größenwahns“ besessenen Ärzte angeprangert, die das „Foltern und Martern vergangener Jahrhunderte“ widerentdeckt hätten, um „zusammenbrechende Mitmenschen aufzupeitschen und in den Tod zu jagen.“ (12f.) Wer damit aber gemeint war? Unter anderem die psychiatrischen Ärzte an der Klinik von Julius Wagner-Jauregg, Namensgeber eines Gemeindebaus im 9. Bezirk, dessen eugenische und rassenhygienische Ansichten sich später mit jenen der Nazis durchaus kompatibel erweisen sollten. Die Behandlung ging während des Ersten Weltkriegs so weit, traumatisierten Kriegsverweigerern, ‚Simulanten‘ und ‚Tachinierern‘, Stromstöße an Genitalien und Brustwarzen zuzufügen, um sie wieder fronttauglich zu machen.
Um die Dimension dieses Vorgehens aufzuzeigen: In Deutschland wurden 4.000 sogenannte ‚Kriegszitterer‘, also mit sichtbaren traumatischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg Zurückkehrende, im Euthanasie-Programm T4 ermordet.6 Ihnen wurde vermeintlich minderwertiges Erbgut nicht nur unterstellt, sondern medizinisch attestiert. Auf derart furchtbare Art schlossen sich biopolitische Gewaltkreisläufe zwischen 1914 und 1945, und auf ein derartiges Ineinandergreifen ist der historiografische Blick auszurichten.
Gedeckt wurde die Arbeit Wagner-Jaureggs von keinem anderen als dem wenig später an die Spitze der Gesundheits-, Familien- und Fürsorgepolitik tretenden Tandler, für den die Praktiken „ein legitimes Mittel [waren], die Ordnung der Habsburgischen Armeen aufrechtzuerhalten.“ (S. 12) Und dies sind wohlgemerkt die Armeen eines Landes, das „seinen eigenen Völkern gegenüber so unermeßlich viel Gewalt, so furchtbare Gewalt“ ausübte und „dessen wichtigstes, unentbehrlichstes Kriegsinstrument der Galgen war.“ (Otto Bauer, S. 31)
Jede Nostalgie, jene nach der Habsburger Monarchie wie nach dem Roten Wien, ist also immer mit großer Vorsicht zu genießen. Das Interessante oder vielmehr Erschreckende an biopolitischen Dikursen ist es, dass die Idee, der sie zuarbeiteten, oftmals austauschbar scheint: In den Methoden, Tauglichkeit für den Krieg oder für das Leben auszusprechen, scheint es größtenteils keine relevanten Unterschiede gegeben zu haben. Was sich wohlgemerkt nicht gegen die sozialdemokratischen Programme und die anderen dahinterstehenden Diskurse richtet, sondern als kritische Betrachtung der biopolitischen Ideologien zu verstehen ist, die stets den Bezug des Einzelnen zur Gesamtbevölkerung und also einer Norm im Auge haben, nach der Individuen fit zu machen sind.
Und es bleibt natürlich ein weiteres großes Unbehagen: dass „fast die gesamte erste Generation der ‚Rassenpfleger‘“ der Sozialdemokratie nahestand, während sich „eine nächste Generation von humanbiologischen Wissenschaftlern […] etwa ab 1930 in den Dienst des Nationalsozialismus, seiner Rassentheorie und Rassenpolitik stellen“ wird. (S. 15) In jenen Bereichen, in denen sich die „soziale Eugenik“ (Karl Kautsky) doch grundlegend positiv an humanistischen Werten und der Entfaltung individuellen Lebens orientiert hatte, fand innerhalb von wenigen Jahren unter Ägide von Rassenhygienikern, die der NSDAP nahestanden, eine faschistische Umpolung statt. Es wurde nach allen gängigen wissenschaftlichen Standards eine negative Eugenik sanktioniert, bei der die Beurteilung von minderwertigem und wertlosem Leben zur Norm wurde. Auch wenn die Graubereiche sehr gut ausgeleuchtet worden sind,7 sind offene Fragen – oder offene Wunden – geblieben:
„Bis heute ist nicht belegt, dass in Wien von Ende 1920 bis Februar 1934 ein als ‚lebensunwert‘ eingestuftes, krankes oder behindertes Kind oder ein alter oder kranker Mensch in einer städtischen Fürsorge- oder Krankenanstalt mit Tandlers Wissen und Billigung getötet worden wäre. Die Frage, ob er mit seiner Politik dennoch den Boden für die NS-Medizin und für die Kindereuthanasie in Wien aufbereitet, ist gleichwohl zu stellen. Die personalen, ideologischen und institutionellen Kontinuitäten im Bereich des Wiener Gesundheits- und Fürsorgewesens über die Regimegrenzen von 1918, 1934, 1938 und 1945 hinaus sind verblüffend.“ (S. 64)
IV. DISZIPLINIERUNG EINER NEUEN GENERATION
Während das sozialdemokratische ‚Erziehungsprogramm‘ zweifellos einzigartige zukunftsweisende Impulse setze, soll nicht darüber hinweggesehen werden, dass sich auch im Neuen Wien durchgehend paternalistische und patriarchale Dispositionen behaupteten (S. 34f. u. 321–329). So wurde unter der ‚weichen‘, fürsorglichen Vaterfigur Victor Adlers den Frauen, die in Kriegszeiten bereits erwerbstätig und gesellschaftlich produktiv gewesen waren, erneut eine stereotype Familienrolle zugeschrieben. Begründet wurde das durch eine vermeintliche Abnahme der biologischen Qualität der Mutterschaft und des Säuglings durch weibliche Erwerbsarbeit.
Die am Abend heimkommenden Männer und Väter sollten dabei von der Haushaltsbelastung möglichst wenig mitbekommen. Stattdessen wurden von Gattinnen wie Kindern laufend patriarchale Anerkennungsgesten eingefordert (S. 288–292). Bei Frauen dominierten Sorgen um die ökonomische Unabhängigkeit, die von Partnern und Schwangerschaften häufig verunmöglicht wurde („Und dann wars aus“, S. 221), den Horizont erweiternde sexuelle Erfahrungen blieben weitgehend Männern vorbehalten. Auch darf das Leben in den Gemeindebauten, trotz aller Ansätze von guter Nachbarschaft und Solidarität, nicht romantisiert werden: So kam es zu fast selbstverständlichen Arrangements mit den Formen häuslicher Gewalt oder wurde pflege- und heilkundigen Frauen offiziell das Wissen abgesprochen (S. 237–239). Und auch die Ideale rund um die neue Haushaltsführung erwiesen sich in der Praxis dann doch als brüchig: So war etwa den Kindern der in öffentlichen Ansprachen so gerne propagierte Aufenthalt in den Innenhöfen von strengen Hausmeister·innen häufig untersagt (S. 279f.).

VON REINHARD SIEDER
Bielefeld: transcript | Histoire
400 Seiten | € 45 (Gebundenes Buch)
Erscheinungsdatum: 16. Juni 2025
Der Gewaltaspekt, der in Biopolitik und Alltagsleben im Roten Wien – also von 1919 bis 1934, oder eben erweitert gedacht: von 1914 bis 1945 – besonders hervorsticht, ist der disziplinierende Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Er findet seine Rechtfertigung in den dysfunktionalen Familien: abwesenden, untauglichen, gewalttätigen oder alkoholsüchtigen Vätern würden ledige, alleinstehende oder verlassene Mütter gegenüberstehen (S. 94f.). Die ‚Mutter Gemeinde‘ Wien sah sich demgegenüber als Vormundschaft und Fürsorgerin, wobei in der Praxis die Fürsorgerinnen eben selbst keinerlei mütterlichen Gefühle entwickeln sollten. Für die betroffenen Säuglinge und Kinder bedeutete dies nicht selten: plötzliche Kontaktlosigkeit zur Familie und Entzug sämtlicher emotionaler Bindungen, Beladungen mit Schuld, Verwahrlosung bis hin zu offenen körperlichen Züchtigungen. Kinderheime als ‚Erholungsheime‘ wurden zu einem „Archipel der Gewalt“ (S. 100–102). Sieder konstatiert: „Viele entlassene Zöglinge sind unfähig, soziale, private und berufliche Bindungen einzugehen und zu halten. Viele bleiben ein Leben lang hilfs- und unterstützungsbedürftig. Nicht wenige begehen Suizid.“ (S. 115)
Im Hinblick auf die Medikalisierung der Familienfürsorge unter Tandler muss das Experiment, das zum ‚Neuen Menschen‘ führen sollte, als gescheitert betrachtet werden. Der Zentralismus der Partei brachte es mit sich, dass alternative Modelle unter den Tisch fielen – wie jene, die August Aichhorn (S. 102–111) oder das Settlement in Ottakring (S. 137f.) verfolgten. Die Passagen über die Jugendverwahrlosung und das Leben auf der Gasse als „ein Spiegel und eine Schule der patriarchalen Klassen- und Rassengesellschaft“ (S. 138) sind in der Schilderung besonders eindrücklich.
V. FORDISMUS UND TAYLORISMUS ALS LEITPRINZIPIEN
Wenn von der Tauglichkeit nicht mehr im Krieg, sondern im Leben die Rede war, so stellt sich die Frage, nach welchem Prinzip biopolitisch diszipliniert wurde. Welche Funktion musste man zumindest ansatzweise erfüllen können, um einen sozialen Wert zu haben? Was musste man sein und machen, um nicht wie z. B. Kriegsinvalide (sofern sie keine Stelle in einer der Tabaktrafiken ergattern konnten) wertlos auf der Straße zu landen?
Die fordistische Modernisierung des Kapitalismus setzte in Wien verspätet ab 1910 ein. Es veränderten sich die Arbeitsabläufe in den Großbetrieben, Werkstätten, Großkaufhäusern und Bürokratien, es kam zu Einübungen in komplexes Arbeits- und Sozialverhalten. Begleitet wurde der Aufschwung der hochmodernen Leistungsgesellschaft mit neuen Konsumformen, modischen und romantischen Vorstellungen und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Prinzipiell wäre damit ein kulturelles und ökonomisches Gleichheitsversprechen verbunden, doch wurde dies interessanterweise gar nicht primär angestrebt:
„Auf dem Weg in die mehr denn je wunsch- und konsumgetriebene Zivilisation gelingen der Kommunalpolitik des Roten Wien herausragende Leistungen, doch nicht ohne Widersprüche und Paradoxien. Während politische Gleichheit in der Kelsen-Verfassung von 1920 und in Dokumenten der Sozialdemokratie zur Norm erhoben ist, wird soziale, kulturelle und ökonomische Gleichheit der Bürger*innen nicht angestrebt. Im Gegenteil wachsen Heterogenität und Diversität durch die Maßnahmen der Rassenhygiene […].“ (S. 341)
Allen sozialdemokratischen Bekenntnissen zum Trotz werden durch die Etablierung fordistischer Produktion und tayloristischer Arbeitsorganisation die kapitalistischen Leitprinzipien zur Norm. Auch sie sind in der Regel autoritär und disziplinierend organisiert: „Im Alltagsleben herrscht kaum jemals Frieden und alles ist Arbeit“ (S. 342). Der Kampf ums Leben wird im Großen wie im Kleinen geführt.
VI. RESÜMEE
Sieders Buch zeigt die Notwendigkeit auf, die historiografischen Methoden laufend neu zu evaluieren und an die menschlichen Alltagserfahrungen anzugleichen. Damit verbunden ist die Wichtigkeit, genaue Blicke in die Schattenbereiche auch vermeintlicher Erfolgsgeschichten zuzulassen. Man kann angesichts des weiten thematischen Spektrums, das berührt wird, natürlich auch das eine oder andere vermissen: dass diejenigen, die ganz aus dem System gefallen sind – die Arbeitslosen, Kriegsversehrten, Alten und Kranken – in der Studie dann doch weitgehend stumm bleiben (sie standen ja auch kaum mehr als Zeitzeug·innen zur Verfügung). Auch hätten einzelne wiederkehrende Themen ineinander verschränkter behandelt werden können – was jedoch daran liegen mag, dass jedes Kapitel auf spezifische Vorstudien aufbaut und auch für sich gelesen werden kann (S. 22).
Das schmälert nicht den Wert der Studie und des Fingerzeigs, den sie gibt. Das Forschen an den dunklen Zusammenhängen von Lebens- und Haushalts- sowie Kampf- und Kriegsführungen scheint aktueller denn je, wie auch das Bestreben, möglichst lebensnah davon zu erzählen. Sieders Buch bietet ein weites Panorama an Einstiegsmöglichkeiten, um sich mit historischen und gegenwärtigen Vorstellungen von der Regulierung des ‚Lebens‘ weiterhin kritisch und differenziert auseinanderzusetzen. Mit diesem bedeutenden Impuls geht auch die Frage einher, wie sozial und wie demokratisch die in Verfassungen und Parteiprogrammen festgelegten Normen tatsächlich in der Praxis umgesetzt werden können und wie die von der ‚Schwerkraft der Verhältnisse‘ geprägten Körper, Haltungen und Handlungen doch wieder einmal positiv zu stimmen sind.
Anmerkungen
- Klaus Taschwer: Terror gegen das Anatomische Institut von Julius Tandler, unter: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/terror-gegen-das-anatomische-institut-von-julius-tandler (Zugriff am 1.9.2026).
- Marc Bloch: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers, übers. v. Wolfram Bayer. Stuttgart: Klett-Cotta 2002.
- Editorial: Zur Gründung der ÖZG, in ÖZG 1 (1990), 5–8 (https://journals.univie.ac.at/index.php/oezg/article/view/5433, Zugriff am 1.9.2026). Das Feld des damals historiografisch Schreibbaren wurde dann ausgelotet von Alessandro Barberi: Clio verwunde(r)t. Hayden White, Carlo Ginzburg und das Sprachproblem in der Geschichte. Wien: turia+kant 2000.
- Reinhard Sieder: Die Rückkehr des Subjekts in den Kulturwissenschaften. Wien: turia+kant 2014.
- Siehe hierzu die jüngsten Blog-Einträge von Michael Fembke in DerStandard online (Zugriff am 1.9.2026): derstandard.at/story/3000000318826/die-1920er-jahrzehnt-der-bildungsreformer; www.derstandard.at/story/3000000320999/der-aufstieg-des-jungen-bildungsrebellen-otto-gloeckel; www.derstandard.at/story/3000000322061/otto-gloeckel-die-freie-schule-und-der-bildungskollaps; www.derstandard.at/story/3000000326977/otto-gloeckel-und-der-kampf-um-die-schule; www.derstandard.at/story/3000000333897/die-groesste-schulreform-aller-zeiten.
- www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/gesellschaft-religion-vom-entsetzen-gepackt-traumatisierte-soldaten-im-1-weltkrieg.
- Doris Byer: Rassenhygiene und Wohlfahrtspflege. Zur Entstehung eines sozialdemokratischen Machtdispositivs in Österreich bis 1934. Frankfurt/M. [u.a.]: Campus 1988; Peter Schwarz: Julius Tandler. Zwischen Humanismus und Eugenik. Wien: Edition Steinbauer 2017.
CHRISTIAN ZOLLES
ist Kulturhistoriker und Hochschul-/Lehrer. Seine Forschungsschwerpunkte liegen an den Schnittstellen von historischer Grundlagenforschung, Geschichts- und Kulturtheorie und Literaturwissenschaft. Er lebt und arbeitet in Wien. Weitere Infos online unter: https://www.univie.ac.at/germanistik/christian-zolles/.
