VON CHRISTIAN FILK
Eine verbreitete Art, auf den Rechtsruck zu reagieren, ist zum Scheitern verurteilt – nicht, weil ihre Argumente zu schwach wären, sondern weil die Bühne, auf der sie auftritt, gegen sie gebaut ist. CHRISTIAN FILK plädiert dafür, von der Kritik der Inhalte zur Kritik der Formen überzugehen.
I. Einleitung
Wer den Aufstieg der radikalen Rechten verstehen will, muss von den Plattformen reden, auf denen er sich vollzieht. Ich komme aus der Medienforschung, und von dort führt ein gerader Weg zu einer politischen Diagnose. Maik Fielitz und Holger Marcks (2020) haben dafür einen Begriff geprägt, der hier als Anker dient: den des digitalen Faschismus. Ihre These – verkürzt – lautet, dass soziale Medien bestehende rechtsextreme Bewegungen nicht bloß verstärken, sondern Formen autoritärer Mobilisierung hervorbringen, die ohne die spezifischen Eigenschaften digitaler Plattformen gar nicht denkbar wären. Plattformen sind nicht das Megafon. Sie sind die Bauanleitung. An dieser Pointe setze ich an.

II. Die Grammatik autoritärer Mobilisierung
Von einer anderen Seite kommend, lande ich am selben Ort (Filk 2026). Es gibt eine strukturelle Wahlverwandtschaft zwischen rechtspopulistischer wie rechtsextremer Kommunikation auf der einen und der Selektionslogik der algorithmischen Aufmerksamkeitsökonomie auf der anderen Seite. Was im Aufmerksamkeitsregime der Plattform belohnt wird – Empörung, Freund-Feind-Markierung, affektive Zuspitzung, Ressentiment gegen „die Eliten“ –, ist exakt die Grammatik autoritärer Mobilisierung. Beide sprechen dieselbe Sprache. Nicht weil die Rechte besonders erfindungsreich wäre, sondern weil die Plattformen so gebaut sind, dass diese Sprache am lautesten klingt. José van Dijck, Thomas Poell und Martijn de Waal haben dieses Konstrukt als Resultat von Datafizierung, Kommodifizierung und algorithmischer Selektion beschrieben; Shoshana Zuboff als ein Geschäftsmodell, das menschliches Verhalten nicht nur beobachtet, sondern es vorhersagt und beeinflusst. Das ist nicht bloß Theorie. Eine vielzitierte Studie aus dem MIT hat gezeigt, dass Falschnachrichten auf Twitter rund siebzig Prozent häufiger weitergegeben werden als zutreffende und die ersten anderthalbtausend Empfänger*innen sechsmal schneller erreichen (Vosoughi, Roy & Aral, 2018). Eine plattforminterne Untersuchung mit Zugriff auf die internen Verstärkungsdaten dokumentierte, dass in sechs von sieben untersuchten Ländern der politische Mainstream rechts algorithmisch stärker verstärkt wird als jener links (Huszár et al., 2022).
Und für YouTube ist der Pfad nachgezeichnet worden, auf dem Nutzer*innen schrittweise von moderaten zu extremen Inhalten wandern (Ribeiro et al., 2020). Das ist keine Polemik, sondern die empirische Lage. Sie ist nicht das ganze Bild – Filterblasen etwa wirken begrenzter, als die Rede von ihnen nahelegt (Kitchens et al., 2020) –, aber das strukturelle Muster ist robust.
III. Was ist heute noch Aufklärung
Was bedeutet das für die übliche Antwort? Sie lautet: bessere Aufklärung, mehr Faktencheck, mehr Medienkompetenz. Günther Anders hat das Problem schon gesehen, als es noch keine Algorithmen gab. Er nannte es das prometheische Gefälle (Anders, 1956): die Diskrepanz zwischen dem, was wir mit unseren Werkzeugen herstellen, und dem, was wir uns davon noch vorstellen, wofür wir noch fühlen, wofür wir noch Verantwortung übernehmen können. Im algorithmischen Zeitalter wiederholt sich dieses Gefälle dreifach. Wir verstehen die Systeme nicht, denen wir täglich begegnen – ihre Entwickler im Übrigen auch nicht; Jenna Burrell hat die Opazität moderner maschineller Lernverfahren als deren strukturelles Merkmal beschrieben. Wir fühlen ihre Wirkung nicht, weil sie sich als Personalisierung tarnt. Und wir können die Verantwortung für das, was sie anrichten, niemandem mehr zurechnen, weil jeder Klick, jedes Like, jedes Teilen zu einem unauflöslichen Geflecht beiträgt.
Daraus folgt ein unbequemer Satz: Die aufklärerische Antwort scheitert nicht, weil sie schlechte Arbeit leistete. Sie scheitert, weil sie eine Bühne betritt, deren Statik gegen sie errichtet ist. Selbst dort, wo Faktenchecks wirken – und die Meta-Analyse von Walter und Kollegen (2020) zeigt, dass sie das tun –, verpufft ihre Wirkung wieder, weil identitätsgebundene Überzeugungen und anhaltende Falschinformation aus Politik und Medien sie überlagern (Nyhan, 2021). Wir tragen Argumente in ein Gefüge, das Argumente strukturell entwertet. Faschismus war nie nur eine Ideologie; er war stets auch eine Inszenierungstechnik. Walter Benjamin hat das 1935 die „Ästhetisierung des politischen Lebens“ genannt, und Susan Sontag hat 1975 gezeigt, dass diese Form den historischen Faschismus überdauert. Die Plattformen haben diese Technik automatisiert.
IV. Die Verantwortung der Öffentlichkeit
Damit bin ich beim zweiten Teil: bei der politischen Verantwortung. Wenn die Diagnose stimmt, dann reicht es nicht, besser aufzuklären, den Diskurs in den Feuilletons zu führen oder die Jüngeren im kritischen Umgang mit Medien zu schulen. All das ist richtig. All das ist nicht genug.
Ich sehe drei Verschiebungen, die wir uns als demokratische Öffentlichkeit schuldig sind:
- Erstens: von der Inhalts- zur Formkritik. Wir haben uns jahrelang mit den falschen Inhalten beschäftigt; wir müssen lernen, die Form selbst zum Gegenstand zu machen – die Feed-Logik, die Metrik des Likes, den wiederholten Aufbau des Vorschlagsalgorithmus. Diese Formen sind politisch, ehe sie irgendeinen Inhalt transportieren; Langdon Winner hat das vor mehr als vierzig Jahren auf den Begriff gebracht.
- Zweitens: von der individuellen Kompetenz zur Infrastrukturpolitik. Plattformregulierung ist eine demokratische Frage; sie nicht zu führen, ist ein politisches Versäumnis.
- Drittens: von der Folgen- zur Bedingungskritik. Wir melden uns, wenn der Schaden da ist. Wir müssten reden, bevor er angerichtet wird – über Algorithmen, die auf affektive Maximierung optimiert sind, über Geschäftsmodelle, die Empörung in Geld verwandeln, über den Umstand, dass wir die zentrale Infrastruktur unserer Öffentlichkeit einigen wenigen Konzernen überlassen haben. Eine Öffentlichkeit, die das ernst nimmt, fragt nicht nach einzelnen Inhalten, sondern nimmt die Aufmerksamkeitsökonomie selbst ins Visier.
Wir sind an einem Punkt, an dem Zurückhaltung selbst zu einer politischen Aussage wird. Wenn ein Faschismus, der die Architektur der Plattformen braucht, sich auf eben diesen Plattformen ausbreitet, und die Wissenschaft, die diese Mechanik als Erste analysieren könnte, dazu schweigt, dann ist das Schweigen ein Mitwirken. Ich sage das nicht, um zu mahnen, sondern weil ich es im eigenen Fach beobachte: Das Wissen über diese Maschinen liegt vor – aber es bleibt in Zeitschriften und auf Tagungen, die außerhalb der Fachwelt niemand liest. Es wird nicht gehört, weil es nicht dorthin geht, wo gehört wird: in die politische Öffentlichkeit.
V. Conclusio
Was also wäre zu tun? Es geht nicht um den einen großen Schritt, sondern um die hundert kleinen, die wir uns bislang erspart haben: die öffentliche Debatte über die Plattformökonomie, die wir auch dann führen, wenn sie unbequem ist; den politischen Druck für eine Regulierung, die diesen Namen verdient; das Gespräch, das erklärt, dass es nicht um einzelne Lügen geht, sondern um eine Maschine, die Empörung belohnt; die Weigerung, die Logik der Plattformen für selbstverständlich zu nehmen; die Entscheidung, vorhandenes Wissen dorthin zu tragen, wo es gebraucht wird, statt es als Content zu verfüttern. Das sind kleine Dinge. Aber wenn wir sie unterlassen, müssen wir uns über die Stunde, in der wir stehen, nicht wundern.
Die Aufklärung kommt zu spät, wenn sie nur ihre eigenen Routinen wiederholt. Sie kommt nicht zu spät, wenn sie sich endlich der Architektur zuwendet, in der sie zu wirken vorgibt.
Literatur
- Anders, G. (1956). Die Antiquiertheit des Menschen. Erster Band: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck.
- Benjamin, W. (1935). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In Benjamin, W. (1991). Gesammelte Schriften, Bd. I.2 (S. 431–469). Suhrkamp.
- Fielitz, M., & Marcks, H. (2020). Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus, Dudenverlag.
- Filk, C. (2026). The Obsolescence of Enlightenment? Günther Anders, Algorithmic Public Spheres, and the Limits of Media-Pedagogical Rationality. Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik, 64(1), 1–74. https://doi.org/10.21243/mi-01-26-13
- Huszár, F., Ktena, S. I., O’Brien, C., Belli, L., Schlaikjer, A., & Hardt, M. (2022). Algorithmic amplification of politics on Twitter. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(1), e2025334119.
- Kitchens, B., Johnson, S. L., & Gray, P. (2020). Understanding Echo Chambers and Filter Bubbles. The Impact of Social Media on Diversification and Partisan Shifts in News Consumption. MIS Quarterly, 44(4), 1619–1649.
- Nyhan, B. (2021). Why the Backfire Effect Does Not Explain the Durability of Political Misperceptions. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(15), e1912440117.
- Ribeiro, M. H., Ottoni, R., West, R., Almeida V. A. F., & Meira Jr., W. (2020). Auditing radicalization pathways on YouTube. Proceedings of the 2020 Conference on Fairness, Accountability, and Transparency (FAT* ’20). ACM, 131–141.
- Vosoughi, S., Roy, D., & Aral, S. (2018). The Spread of True and False News Online. Science, 359(6380), 1146–1151.
- Walter, N., Cohen, J., Holbert, R., & Morag, Y. (2020). Fact-Checking. A Meta-Analysis of What Works and for Whom. Political Communication, 37(3), 350–375.
Christian Filk
hat Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Siegen, Bielefeld und Kassel studiert. Er war u. a. Lehrbeauftragter an den Universitäten Konstanz, Krems, Karlsruhe und Erlangen-Nürnberg. Er war Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Seit 2013 lehrt er Medienpädagogik und interdisziplinäre Medienforschung an der Universität Flensburg.
