Ein Journalist ist genug - Medienkonzentration in Österreich

Die Fusion der regionalen Zeitungsgiganten Styria und Moser Holding kommt nun vor das Kartellgericht. Die Wettbewerbsbehörde befürchtet angesichts eines Zusammenschlusses dieser Größe weniger Vielfalt, weniger Journalisten - und das in einem Markt, der mit ORF und Mediaprint ohnedies von einer außergewöhnlich hohen Medienkonzentration gekennzeichnet ist. von Thomas Kvicala

Kleine Zeitung, Tiroler Tageszeitung, Bezirksrundschau und Bezirksblätter, Antenne Steiermark und Kärnten, Life-Radio Tirol, Die Woche in Steiermark und Kärnten, Lokal-TV-Stationen, Bezirkszeitung Wien: Einen derartigen Medienzusammenschluss habe es in der österreichischen Fusionskontrolle bislang noch nicht gegeben, gibt die Bundeswettbewerbsbehörde zu bedenken. Sie verweist auf die Umsatzhöhe, die Marktführerschaft in mehreren Bundesländern und die Vielschichtigkeit, da nicht nur diverse Printmedien, sondern auch Radio, Vertrieb und Druck betroffen sind. Nun hat das Kartellgericht fünf Monate Zeit, um den Deal zu prüfen.

Durch die im August angemeldete Fusion würde Styria definitiv Österreichs größter Verlagskonzern: Schon 2007 hat die Styria eine Million Euro mehr Umsatz angemeldet als die Mediaprint, Österreichs beherrschender Zeitungskonzern um Krone und Kurier. Addiert man die Umsätze von Moser und Styria, zu der auch die überregionalen Zeitungen Die Presse und Wirtschaftsblatt zählen, kommt man auf 707 Millionen Euro Umsatz im Vergleich zu 485 Millionen der Mediaprint. Styria gehört der „Katholischen Medien Verein Privatstiftung” mit Sitz in Graz.

Print = Mediaprint + News

In der Mediaprint haben Krone, mit rund 42 Prozent Reichweite Österreichs bei Weitem größte Tageszeitung, und Kurier 1988 Druck, Vertrieb, Anzeigenverkauf und Verwaltung zusammengelegt. Diese marktbeherrschende Stellung wurde 2001 noch verschärft: Damals brachte der Kurier seine Magazingruppe um trend und profil in die Verlagsgruppe News (mit dem zu profil konkurrierenden politischen Magazin Format) ein. Diese dominierte damals bereits den Magazinmarkt. Anders formuliert: Über die Konzernstruktur Mediaprint / Verlagsgruppe News werden
- 63 Prozent der Auflage aller Tageszeitungen
- 62 Prozent der Auflage aller Wochenpublikationen
- 100 Prozent der Auflage aller politischen Magazine in Österreich kontrolliert.

Ein funktionierendes Kartellrecht für Medien begann erst nach diesen Mega-Fusionen ein wenig zu greifen: 2002 - also ein Jahr nach der „Formil-Fusion” (FORMat/profIL) nahmen die Bundeswettbewerbsbehörde im Wirtschaftsministerium und der Kartellanwalt im Justizministerium ihren Dienst auf.

Eigentümer der Mediaprint sind formal zu je 50 Prozent Krone und Kurier. An der Krone wiederum sind Gründer Hans Dichand und der deutsche Verlag WAZ beteiligt; am Kurier die Raiffeisen Landesbank Niederösterreich und ebenfalls die WAZ. Die Beteiligung der WAZ an einem österreichischen Medium hat auch kartellrechtliche Hintergründe. Ende der 80er-Jahre setzte das deutsche Kartellrecht der weiteren Expansion der großen deutschen Verlage auf ihren Heimatmärkten ein Ende. Also wurde in Österreich, damals kartellrechtliches Entwicklungsland, investiert. Zuletzt haben Dichand und WAZ, zwischen denen es immer wieder Streit über die Führung der Krone gab, über einen Rückkauf der WAZ-Anteile durch Dichand verhandelt. Dieser wurde aber im August abgeblasen, man dürfte sich über den Rückkaufspreis nicht geeinigt haben.

Die Konzentration im Zeitungsvertrieb hat sich 2004 verschärft: Damals erlaubte das Kartellgericht, die Lieferdienste von Mediaprint und dem damaligen Konkurrenten Morawa, die Belieferung von Trafiken und Geschäften mit Zeitungen, zusammenzulegen. Und auch im Marketing ist die Größe der Mediaprint nützlich: So hat sie, um das von der Tiroler Tageszeitung dominierte Bundesland zu erobern, die Abopreise halbiert. Zur Kompensation wurden im Gegenzug laut Österreichs führendem Medienjournalisten Harald Fidler die Abopreise in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland erhöht. Erst eine Kartellklage der Moser Holding habe dies zu Fall gebracht.

Die Redaktionen von Krone und Kurier sind - ebenso wie die Redaktionen von Format und profil - streng getrennt. Allerdings warnte das Kartellgericht schon 2001, dass durch derartige Zusammenschlüsse in immer weniger Medien kritisch berichtet wird, wenn die wirtschaftlichen Interessen auch nur einer der Muttergesellschaften betroffen sind.

Zwar nicht zur Mediaprint, aber ebenfalls zum Familienverbund Dichand gehört die Gratis-Tageszeitung Heute. Diese verzeichnete in einem für Printmedien zunehmend schwierigen Umfeld deutliche Reichweitenzuwächse. In Wien hat Heute mittlerweile zur Krone aufgeschlossen, in der Zielgruppe bis 29 Jahren hat Heute die Krone in Wien sogar schon überholt. Für die für die Sozialdemokratie relevanten Zielgruppen hat sich Heute in Wien zum Print-Leitmedium entwickelt. Herausgeberin ist die Schwiegertochter Hans Dichands, Eva Dichand. Der Chefredakteur Richard Schmitt kommt ebenfalls von der Krone - mit Rückkehrrecht.

TV, Radio, Internet = ORF

Krone und Kurier gehört auch Österreichs bisher einziger landesweiter Privatradioverbund Kronehit. Weiterhin dominierendes Medienhaus für Rundfunk, TV und Internet bleibt aber mit Abstand der ORF. Dieser verliert zwar kontinuierlich Marktanteile. Aber alleine im Radio halten die ORF-Sender weiterhin rund drei Viertel der Marktanteile. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ist mit großem Abstand Österreichs umsatzstärkstes Medienunternehmen. Auch im Internet: Die Zugriffszahlen auf orf.at sind mehr als doppelt so hoch als die anderer gutbesuchter Medienseiten im Internet wie derstandard.at.

Seine Umsätze lukriert der ORF sowohl über Werbung (rückläufig) als auch über Gebühren (Anteil steigend). Mit 4.280 Beschäftigten erwirtschaftete der ORF 2008 886 Millionen Euro (2007: 918) und rote Zahlen: Das Ergebnis (EGT) belief sich auf minus 79 Millionen. Bei steigenden Gebühreneinnahmen sanken die Werbeerlöse um fast 17 Prozent. Die Rückgänge der Werbeeinnahmen betrafen das ORF-Fernsehen. Die ORF-Radios um die Cashcow Ö3 blieben bei den Werbeeinnahmen gegenüber dem Vorjahr stabil.

Zu schaffen machen dem ORF-TV die Werbefenster der deutschen Privatsender. Vereinfacht ausgedrückt finanzieren diese ihr in Deutschland produziertes Programm durch die Werbung in Deutschland. In Österreich senden sie ein im Wesentlichen identes Programm und können so durch Extra-Werbung, die nur für den österreichischen Markt ausgestrahlt wird, zusätzliches Geld verdienen. Und diese Form zu werben ist deutlich günstiger als im ORF: 1.000 SeherInnen im ORF zu erreichen kostet 50 Euro, in den Werbefenstern hingegen 16-22 Euro. Extrem niedrig ist dieser Tausend-Kontakt-Preis (TKP) übrigens in der Kronen Zeitung mit 10 Euro.

Neben der Konkurrenz leidet der ORF aber wie die gesamte Branche unter den drastisch rückläufigen Werbebuchungen. Dieser Trend wurde durch die Auswirkungen der Finanzkrise besonders verstärkt. Sparmaßnahmen treffen fast die gesamte Branche. Auf Kritik stößt vor allem, wie gespart werden soll. Eine ORF-Starmoderatorin im Gespräch mit der ZUKUNFT: „Wenn die Vorgabe wie nahezu überall üblich lautet, zehn Prozent im jedem Bereich einzusparen, dann wird dies in jenen Bereichen, die ohnedies schon schlank sind, spürbare Qualitätseinbußen beim Programm nach sich ziehen. Die Leute am Küniglberg haben immer gemurrt. Der Unterschied zu früher ist: Nun murren sie zu Recht.”

Vorarlberg = Russ

Ein sogar für österreichische Verhältnisse extremer Fall von Medienkonzentration ist in Vorarlberg zu finden. Hier hat der Mehrheitseigentümer des Vorarlberger Medienhauses, Eugen Russ, das Bundesland medial weitgehend abgeschottet. Russ macht sich mit seinen beiden Tageszeitungen selbst Konkurrenz und lässt so keinen Platz für weitere Player: Seine Vorarlberger Nachrichten und die Neue Vorarlberger Zeitung kommen gemeinsam auf über 70 Prozent Reichweite im Bundesland und deklassieren hier sogar die Krone zum Reichweitenzwerg mit 5,5 Prozent. Zum Imperium von Russ gehören unter anderem noch der größte Onlinedienst und das größte Privatradio. Alles natürlich sehr schlank produziert: An den Vorarlberger Nachrichten arbeiten derzeit weniger als 30 Redakteure. Sehr bald schon könnten es deutlich weniger werden: Russ denke darüber nach, den Großteil der RedakteurInnen in eine Agentur auszulagern, natürlich nicht mehr nach dem Journalisten-Kollektivvertrag. Nur noch sechs JournalistInnen sollen nach dem Journalisten-KV angestellt bleiben - die Untergrenze, um Presseförderung zu erhalten, hört man in Voralberger Medienkreisen. Im Interview mit dem Standard dementierte Russ. Allerdings nur die Zahl sechs, die Agentur wurde bereits gegründet.

Ähnliche Gedanken hegt man auch bei Presse, Wirtschaftsblatt und Tiroler Tageszeitung, also Medien der fusionswilligen Verlage Styria und Moser. Der Betriebsrat der Presse hat gegen eine Auslagerung geklagt. Dass die Styria-Moser-Fusion auch in der Redaktion Einsparungen bringen wird, steht außer Zweifel, gab doch Pirker selbst im Interview mit der hauseigenen Kleinen Zeitung zu, „dass der Stellenabbau nahezu alle Bereiche, die Produktion ebenso wie die Anzeigen und die Redaktion betreffen wird.” Gleichzeitig bestätigt Pirker die Bedenken der Wettbewerbsbehörde, wonach durch die Fusion weniger Vielfalt und weniger Journalisten zu erwarten sind. Er nennt als Beispiel, wo Jobs abgebaut werden können, das Ressort Auto und Motor: Man werde sinnvollerweise nicht mehrere Geschichten über den gleichen VW-Polo schreiben, so Pirker. Ein Gedanke, den man natürlich fortspinnen könnte. Reicht ein einheitlicher, konzernübergreifender Artikel auch im Wirtschaftsressort? Wie viele RedakteurInnen sollen noch über Innenpolitik berichten dürfen? Sechs? Einer?

Wie und ob sich die Bedenken der Wettbewerbsbehörde auf die Styria-Moser-Fusion auswirken werden, bleibt abzuwarten: Schon vor einem Jahr beschlossen die zwei Verlage, ihre Gratis-Wochenzeitungen als österreichweites Gegengewicht zur Krone in einer Holding zusammenzulegen. Die Wettbewerbsbehörde hatte Bedenken. Kartellgericht und Kartellobergericht stimmten zu.

Thomas Kvicala ist Mediencoach und Leiter des Journalismuslehrganges am Friedrich-Austerlitz-Institut in Wien.

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