Es gibt Bücher, die das richtige Thema zur rechten Zeit behandeln. Das trifft auf „HC Strache” von Falter-Redakteurin Nina Horaczek und ORF-Journalistin Claudia Reiterer auf jeden Fall zu. Die beiden Autorinnen haben fast alles richtig gemacht: Sie haben ein griffiges Portrait über die zur Zeit wohl kontroversiellste Person der österreichischen Innenpolitik geschrieben und in der Recherche dazu auch die richtigen InformantInnen interviewt. Dass die Autorinnen knapp vor seinem Unfalltod ein Interview mit Jörg Haider führten, hat dem Buch nur zu einem zusätzlichen Aufmerksamkeitsschub verholfen. von Klaus Kienesberger
Die Autorinnen haben eine traditionell journalistische Herangehenweise gewählt: Horaczek und Reiterer konzentrieren sich in darauf, einen Blick auf die politische Sozialisation der Person hinter dem Phänomen „HC” zu werfen und befragen dafür einstige und jetzige Wegbegleiter (die Verwendung der geschlechtsneutralen Formulierung kann in diesem Fall aus Gründen eines männerdominierten Umfelds entfallen) bzw. die verschiedensten Zeitungs- und Zeitschriftenarchive.
Es sei verraten: Neue Enthüllungen bringt das Buch nicht, stattdessen möchten die Autorinnen unter anderem anhand der Entstehungsgeschichte bereits bekannter Skandale um HCs wehrsportliche Vergangenheit untersuchen, wie Strache tickt und sein Umfeld funktioniert. Das ist durchwegs interessant mitunter erleuchtend und entbehrt auch nicht einer amüsanten Note. Der Text verbleibt überwiegend auf einer anekdotischen Ebene, was aber eine Stärke des Buches ausmacht: Es sind die Bonmots, die am meisten zur Relevanz beitragen - weil sie tief in die Verfasstheit des dritten Lagers blicken lassen. Alleine die Wirrungen zu Zeiten der Parteispaltung, die von Horaczek und Reiterer ausführlich behandelt werden, bieten Erkenntnisgewinn: Rasend schnell wurden Freunde zu Feinden und Feinde zu Freunden - aus der Distanz von vier Jahren ist es oft schwierig nachzuvollziehen, wer zu welchem Zeitpunkt auf wessen Seite stand. Am Namen Ewald Stadler und seinen Metamorphosen lässt sich diese Schizophrenie des dritten Lagers wohl am besten festmachen. Damit gelingt Horaczek und Reiterer ein Blick in das Innenleben des dritten Lagers und seiner Krisenhaftigkeit und inneren Zerrissenheit. Das Buch ist somit weniger ein Portrait Straches denn eine Aufarbeitung der Geschichte der FPÖ und ihres Ablegers BZÖ zu Beginn des neuen Jahrtausends. Es ist wohl ebenso gut ein Buch über Haider, Stadler und Mölzer wie über den aktuellen FP-Chef.
Allerdings hätte der Publikation etwas mehr analytische Tiefe nicht geschadet. Wie ist die Politik der FP in den 2000er-Jahren einzuschätzen? Welche politikwissenschaftliche Verortung ergibt sich aus den Volten der FPÖ, aus Zerfalls-, Reorganisations- und Aufbruchstendenzen? Wo lässt sich dieses seltsame Gemisch aus „sozial” und „Heimat” im Spektrum politischen Handelns verorten? Antworten darauf fehlen und wären wohl ergiebiger gewesen als z.B. eine ellenlange Auflistung der Eckpfeiler des FP-Programms, die sich doch jederzeit auf der FP-Website nachschlagen lassen…
Nichtsdestotrotz eine Kaufempfehlung. Eine ausgezeichnete politische Sommerlektüre.
Nina Horaczek/Claudia Reiterer: HC Strache. Sein Aufstieg - Seine Hintermänner - Seine Feinde. Ueberreuter Verlag Wien, 2009
Klaus Kienesberger hat Publizistik strudiert und ist ehrenamtlich im Verein Gedenkdienst aktiv.