Rezension: Die dunklen Seiten des Planeten

Eine Biographie über den Kämpfer Rudi Gelbard ist erschienen. Eine Buchbesprechung von Ludwig Dvořak.

Das Leben von Prof. Rudolf Gelbard zu erzählen - diese herausfordernde Aufgabe hat Walter Kohl mit dem Ende 2008 in einem kleinen Mühlviertler Verlag erschienenen Buch „Die dunklen Seiten des Planeten - Rudi Gelbard, der Kämpfer” übernommen. Er schloss damit eine wichtige Publikationslücke, die trotz des im Frühjahr erschienen Films über Prof. Gelbards Leben, „Der Mann auf dem Balkon”, bestand. Mit seiner Biographie gelingt es nun auch in Buchform, die Geschichte eines Überlebenden der Shoah zu erzählen, der sich - in den Worten Wiesenthals - „nicht nur den Toten, sondern auch den kommenden Generationen” verpflichtet fühlte und nach 1945 als aktiver Antifaschist alles getan hat und tut, um dem Wiedererstarken neonazistischer und rechtsextremer Tendenzen Paroli zu bieten.

Rudolf Gelbard wurde 1930 als Kind jüdischer Eltern geboren und wuchs in der Wiener Leopoldstadt auf. Die Machtübernahme der Nazis, den Einmarsch deutscher Truppen im März 1938 und die damit einsetzenden Verfolgungen und Demütigungen jüdischer MitbürgerInnen erlebt er bereits ebenso bewusst mit, wie die Pogrome am 9. November 1938, die unter dem von den Nazis geprägten Begriff „Reichskristallnacht”, in die Geschichte eingingen. Bis 1942 leben die Gelbards unter den immer schlimmer werdenden Drangsalierungen der Nazis in Wien, bevor sie 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden. Theresienstadt war Teil der vom Nationalsozialismus aufgebauten Ermordungsmaschinerie. Nur knapp mehr als 10% der 140.000 hauptsächlich jüdischen LagerinsassInnen überlebten bis 1945, der Rest kam unter den entsetzlichen Lebensbedingungen um oder wurde in die deutschen Vernichtungslager im Osten deportiert. Theresienstadt macht klarerweise einen großen Schwerpunkt des Buches aus und schildert - vom Autor um andere Augenzeugenberichte und wissenschaftliche Darstellungen ergänzt - aus der Perspektive eines Zwölfjährigen das Leben an dieser Stätte des Todes. Die tiefen Traumata, die das Konzentrationslager bei den Überlebenden hinterlassen hat, kann es mit dem Satz Rosa Jochmanns „Wir sind durch die Tore des Lagers nur scheinbar in die Freiheit gegangen” aber doch nur annähernd begreifbar machen. Beeindruckend erzählt und für Gelbard offenkundig prägend, ist die politische Schulung durch zionistische Jugendführer in den unter „Selbstverwaltung” stehenden Kinderheimen, in denen Gelbard getrennt von seinen Eltern untergebracht ist. Selten wird der Bedeutungswechsel des Zionismus für viele (west-)europäische Jüdinnen und Juden, die jahrelang auf die „Assimilation” gesetzt hatten, und die untrennbare Verknüpfung der Verbrechen der Shoah mit der nach dem industriellen Massenmord als Notwendigkeit erachteten Gründung des Staates Israel 1948 so gut nachvollziehbar.

Nach der Befreiung, die Gelbard und seine Eltern 1945 erlebten, kehrten sie nach Wien zurück, wo Gelbard als 15-Jähriger alles daran setzte, mit Privatunterricht und der Absolvierung der Handelsschule sowie durch regelmäßige Besuche von Kursen in Einrichtungen der Erwachsenenbildung so gut als möglich die versäumte (Formal-)Bildung aufzuholen. Politisch wandte er sich der österreichischen Sozialdemokratie zu und fühlte sich in der Sozialistischen Jugend, der er beigetreten war, der linken, aber „scharf antistalinistischen” Gruppe zugehörig. Als aktiver Antifaschist engagierte er sich auch von Beginn an, um der Neuformierung des Faschismus entgegenzutreten - denn dass die Ideologie von Nazismus und Antisemitismus nicht über Nacht verschwunden waren, spürte Gelbard auch im Nachkriegsösterreich. Ob als Zeitzeuge an Schulen, bei Protestaktionen gegen Veranstaltungen des „Schutzverbandes” der Ariseure 1948, den Demonstrationen zu den Schillerfeiern 1959, gegen Taras Borodajkewycz in den 1960er-Jahren oder Protestaktionen gegen rechtsextreme Veranstaltungen in der Gegenwart - Gelbard war und ist stets aktiv beteiligt und inspirierte viele Jüngere zu ihrem Engagement, was Kohl durch die Miteinbeziehung der Schilderung zahlreicher Freunde und Weggefährten, unter ihnen Ferdinand Lacina oder Karl Blecha, einfließen lässt. Durch die Erzählweise Kohls, der einerseits Gelbard selbst zu Wort kommen lässt und andererseits die chronologische Abfolge der Ereignisse immer wieder durch Zeitsprünge unterbricht, um Gelbards Wirken entsprechend zu würdigen, entsteht - trotz Gelbards Unbehagen, zu viel Persönliches in das Buch einfließen zu sehen - ein umfassendes Porträt des ab den 1990er-Jahren mit zahlreichen Ehrungen der Republik und des Landes Wien ausgezeichneten „Kämpfers”. In Summe ist „Die dunklen Seiten des Planeten” ein Buch, das einen wertvollen Beitrag zur zeitgeschichtlichen Dokumentation liefert, vor allem ist es aber auch ein Autor, der sich alle Mühe gibt, dem Mann, dessen Geschichte erzählt werden soll, gerecht zu werden.

Walter Kohl, Die dunkeln Seiten des Planeten - Rudi Gelbard, der Kämpfer. Erschienen in der „Edition Geschichte der Heimat”, 2008. ISBN-13:978-3-902427-56-4. € 24,50.

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